sinnlose Erwartungen

Ich liebe mein Leben und nur weil ich eine Essstörung habe, hasse ich nicht gleich mein ganzes Leben, zweifle an allem oder habe gar keinen Spaß, im Gegenteil ich lache sehr gerne, habe Humor und bin durchaus in der Lage auch über mich zu lachen, dazu gibt es genug Gelegenheiten, besonders wenn ich mal wieder als Hobbyanimateurin unterwegs bin, ich stehe zu meiner oft kindlichen Verrücktheit. Mein Problem liegt glaube ich (bin zur Zeit noch auf Forschungsreise) darin mich und meine Leistungen anzuerkennen und mir und meinen Gefühlen zu vertrauen. Also zu sagen: „Das habe ich jetzt aber super hinbekommen und toll gemacht“ oder  „Ist zwar nicht ganz so erfolgreich und wie geplant gelaufen, aber ich habe mir Mühe gegeben… „. Trifft jetzt nicht auf alles zu, und besonders in letzter Zeit habe ich gelernt mich auch mal Selbst zu loben, jetzt nicht um anzugeben, sondern um mein Selbstwertgefühl zu speisen, denn das braucht und muss jeder Mensch. Selbstwertgefühl und Selbstachtung, ja die sind bei mir, wie ich in der Therapie herausgefunden habe nicht Hoch im Kurs, ganz im Gegenteil zum Selbstbewusstsein, dass habe ich mir, wie eine perfekte Maske, über Jahre hin zugelegt. Sich selbst achten und wertschätzen, kann man nur indem man seine Gefühle und Bedürfnisse wahrnimmt und auf diese hört. Das scheine ich mit der Zeit verlernt oder nie wirklich ausgereift zu haben. Ich habe Spaß und mache vieles, weil es mir einfach Freude bereitet, ich spiele Gitarre, gehe tanzen, studiere Erziehungswissenschaften oder fahre als Betreuerin auf Behindertenfreizeiten, weil ich es will, kann und möchte. Doch wenn aus diesem ich will und kann ein ich muss wird, dann wird aus einem Bedürfnis und einer Herzensangelegenheit ein Zwang und eine Anforderung. Ich habe bei vielen Dingen angefangen zu sagen „Ich muss“ und erwartet, dass es mir Spaß macht und das es funktioniert einfach, weil das mal so war. Noch zudem stelle ich Anforderungen auch gut genug zu sein, etwas zufriedenstellend und perfekt zu machen. Handlungen müssen mich und damit auch andere zufrieden machen, nicht verletzen oder enttäuschen und natürlich muss alles einen Sinn haben. (Nicht über jede Handlung, die ich ausführe zerbreche ich mir den Kopf, aber die bei denen ich das tue reichen schon, um mich unzufrieden zu fühlen und zu versagen und meist geht es ganz unbewusst) Wenn man nach Fehlern sucht, findet man welche, wenn man nicht zufrieden sein will, gibt es immer etwas was man hätte besser machen können. Ich bin nicht perfekt und kann das auch nie erreichen und es ist auch nicht mein Ziel. Alles was ich erreichen möchte ist das anzuerkennen was ich schaffe und einfach bin, und wenn das schief singen ist oder Haare, die vom Kopf abstehen, dann will ich das so annehmen und zufrieden damit sein, ich will es achten, denn es gehört nunmal zu mir. Und wenn ich mal zu schwach, miesgelaunt oder überfordert bin, dann darf das halt gerade mal so sein. Nur es scheint ein langer Lernprozess zu sein, zudem auch Enttäuschungen und Rückschritte dazugehören. (Aber da habe ich ja gleich was zum üben)

Während der Therapie hatte ich oft mit meiner Anspannung zu kämpfen. Zur Ablenkung beschloss ich bzw. wurde mir vorgeschlagen doch mal zu versuchen Striche auf ein Blatt zu malen. „Striche auf ein Blatt malen, wie blöd und sinnlos ist das denn bitte?“ Und obwohl für mich im Vorhinein schon feststand, das das doch nie was bewirken würde, versuchte ich es. Und was soll ich sagen, es funktionierte nicht… ich hatte ja schon festgelegt, dass es total anspruchslos wäre und so sinnlos, dass es nicht funktionieren könnte. Klar das meine Erwartungen, das meine Anspannung weggehen würde, enttäuscht wurden. Ich versagte obwohl ich es versucht hatte. „Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Ich habe doch Striche auf ein Blatt gemalt. Wieso funktioniert es denn nicht? Ich bin einfach zu blöd und zu unfähig, habe versagt…“(Willkommen Selbsthass!). Als ich ein paar Tage später (wiedermal angespannt) am Tisch saß und klassische Musik (Musik bringt mich meist einfach etwas runter) hörte. Da überkam es mich, und ich nahm Buntstifte und malte einfach zu der Musik drauf los, zig bunte Striche total durcheinander und chaotisch auf ein Blatt. Am Ende schaute ich es an und war erstaunt… die Anspannung war gesunken und das Blatt spiegelte meine bunte Gefühlswelt wieder. img_20170116_183417.jpgZusammen mit eine paar Mitpatientinnen fing ich an das Blatt zu analysieren, viel Rot und dunkle Farben waren dabei, Wut und Kampf waren deutlich zu erkennen. Was einmal funktioniert hat muss doch wieder funktionieren oder nicht? Meine neue (kurzzeitige) Beschäftigung war geboren: zu klassischer Musik malen… Mit der Zeit fing ich jedoch an nachzudenken bevor ich losmalte, während ich am Anfang einfach irgendeine Farbe gewählt hatte, weil mir gerade danach war oder diese einfach dalag, überlegte ich nun „Welche Farbe passt denn nun zur Musik und zu meinem Gefühl, ist es eine gerade oder geschwungene Linie, die ich jetzt malen muss?“ Statt einfach zu malen, überlegte ich die ganze Zeit welche Farbe ich als nächstes nehmen würde. Statt abzuschalten und mich anzulenken, erzeugt ich einen neuen Druck. Ich erwartete ein Bild zu erschaffen, dass die Musik oder meine Gefühle genau wiederspiegelte. Doch ich legte durch das bewusste auswählen meine Gefühle schon vorher fest, bevor ich sie überhaupt wirklich definieren konnte. Und was soll ich sagen? Kein Bild machte mich mehr zufrieden oder wurde so echt, wie das erste, das hatte den Ausgang, dass ich viele einfach zerriss und das ganze völlig entwertete und damit mich. Verdammter Perfektionismus und doofe Erwartungen… Als ich das Dilemma erkannte versuchte ich einfach so zu malen, aber eine zeitlang wollte es gar nicht mehr funktionieren (es war der Druck ohne Druck zu malen…kann ja nicht funktionieren). Das Ganze frustrierte mich, tja meine Anspannung tat dann alles andere als zu sinken. Genau das selbe war es mit der Entspannungsübung. Das erste Mal wusste ich nicht was mich erwartet, ich lies mich fast gänzlich ohne Erwartungen drauf ein und entspannte mich zwar nicht total, aber so nahe bin ich dem Entspannungsgefühl danach in keiner Sitzung gekommen, denn in den Folgenden hatte ich immer den Anspruch zu entspannen. Dann lag ich da auf der Matte, eine beruhigende Musik, die Stimme der Schwester, welche die Übung durchführte und dachte die ganze Zeit: „Du musst dich jetzt entspannen, du willst dich jetzt entspannen, bin ich jetzt entspannt? Nein, wieso denn bloß nicht, was mache ich denn falsch? Ich muss jetzt entspannen!“ Ist klar das so Entspannung nicht funktioniert oder? Besonders wenn dann noch Gedanken ans Abendessen kamen… Tja so ticke ich, es muss immer alles funktionieren und einen Sinn machen und wenn ich einen hineininterpretieren muss (darin bin ich echt gut, zeige mir eine Wolke und ich erzähle dir was von Gefühlen und das Gefühle wie Wolken sind… aber dazu mal in einem anderem Beitrag). Ich will lernen etwas zu machen ohne schon vorher festzulegen was rauskommen soll, ohne vorher zu sagen es muss die und die Anforderung erfüllt werden, denn darin bin ich super, nur blöd wenn es nicht klappt. Dafür war ja dann die Essstörung da, die mir half meine Anforderungen meinen Körper betreffend durchzuführen und mir zudem half meinen Druck loszuwerden, indem ich ihn aushungerte oder zusammen mit Essen erst runterschluckte und dann anschließend, wieder auskotzte und im Klo runterspülte. Dabei kann man doch noch viel mehr Freude im Leben haben, wenn man nicht ständig Anforderungen erfüllen und die Kontrolle haben muss, unter Druck steht, die richtigen Gefühle zu zeigen, sondern einfach die, die man hat zulässt, man kann viel bewusster und genussvoller leben, wenn man nicht ständig erwartet zufrieden zu werden, sondern es einfach ist.

Sinnlos, es ist doch total sinnlos jahrelang hinter irgendetwas herzujagen, was man eh nicht erreichen kann. Als ob der Körper, den ich erreichen will, so perfekt er auch erscheint, zufrieden macht. Als ob ich, wenn ich immer alles richtig mache zufrieden bin. Es ist eine vergebene Jagd zufrieden mit sich zu werden. Man sollte einfach zufrieden mit dem sein, was man hat und wie man ist. Schafft man das, dann sieht man seinen Körper einfach so an, wie er ist, vielleicht nicht perfekt, aber es ist gut, dass er so ist wie er ist, denn das ist man nunmal selbst. Und es wäre doch langweilig, wenn alle eine Traumfigur hätten, wem sollten dann nur die armen Diätmittelhersteller versuchen ihre Produkte anzudrehen? 😛 Die Besonderheiten an einem machen einen doch aus. Es ist einfach nur schwachsinnig zu denken, dass man seine Zufriedenheit und sein Selbstwertgefühl von irgendeiner bestimmten Zahl auf der Waage abhängig machen kann oder dadurch finden kann, wenn man immer das richtige tut oder sich richtig fühlt. Es gibt auch beschissene Tage. Sonnenschein gehört genauso zum Leben wie der Regen! Würde immer nur die Sonne scheinen, würden wir nicht wissen, dass die Sonne scheint. Gott hat den Schatten erschaffen, um das Licht hervorzuheben!

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