Alleine schwimmen

Irgendwie komme ich immer seltener zum Schreiben und das obwohl ich derzeit eigentlich Semesterferien habe. Aber es liegt wohl daran, dass kein Tag mehr eine feste Struktur hat, sondern sich meist erst im Laufe des Tages um Termine, die mal anstehen, herumbaut. Auf der einen Seite finde ich es schade, weil das Schreiben hier mir sehr hilft mich glaube ich auf eine gute Art und Weise zu reflektieren, meinen Stand im Kampf mit der Essstörung zu protokollieren und mir es natürlich auch Spaß macht. Hier sehe ich, dass aneinandergereihte Buchstaben, die in meinem Kopf oft ein Chaos verursachen zu Gedanken und Sätzen sortiert werden können und auch wenn sie mir oft unnatürlich und falsch erscheinen, doch ihre Berechtigung haben. Denn sie gehören nun einmal zu mir! An dieser Stelle mal ein Großes Dankeschön an alle die mein Geschreibsel, lesen, liken oder sogar kommentieren und mir Rückmeldungen geben, mit lieben Wünschen, Zusprüchen oder den grandiosen Worten: Ich verstehe. Danke! Ohne den Blog wäre ich heute glaube ich nicht an meinem kotzfreien 57. Tag. Mein Blog mit euch hat mich oft angefangen, hier habe ich über Gefühle schreiben gelernt und dazu zu stehen, ich habe gelernt, dass ich das darf. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll, aber dieses teilen meiner Gedanken durch das öffentlich machen hier hilft. Ich schreibe es nicht nur in mein Tagebuch, auf eine weiße Seite, sondern mit dem öffentlich machen, stehe ich dahinter, stehe ich dafür ein und bin ich ich. So ehrlich und offen wie hier bin ich wenn dann nur zu meinem Therapeuten. Ich habe mir hier ein Raum geschaffen, in dem ich ich sein kann. Ich muss nicht darauf achten, wie ich mich benehme oder wie ich wirke – wer es liest der tut das, wem es nicht gefällt, der muss ja nicht. Und selbst Kritik fände ich hier nicht schlecht, es hat ja jeder seine eigenen Gedanken. Hier teilen hat etwas von: ich werde meine Gedanken los, ich werfe sie in einen Raum, in dem sie vielleicht aufgenommen werden. Es ist ein Raum in jeder meiner Gedanken und jedes Gefühl seine Berechtigung hat. Und vielleicht lesen andere den ein oder anderen Satz, der ihnen hilft oder sie zum Nachdenken bringt. Ich lasse meine Gedanken los, wodurch sie manchmal ungefährlicher wirken oder sich sortieren, wodurch sie einen Freiraum in meinem Gehirn schaffen, wodurch sich mein Kopf nicht mehr so schwer anfühlt. In meinem Leben mache ich Erlebnisse und Erfahrungen und ich denke auch, wenn ich sie hier teile gibt es den ein oder anderen der davon profitieren kann. Den ein oder anderen, der dann sieht, dass seine/ihre Gedanken nicht völlig unsinnig sind. Mir geht es oft so wenn ich andere Einträge lese. Ich finde mich wieder, bekomme Denkanstöße, sage: das ist aber interessant, bemerke das Gefühle wach gerufen werden oder finde mich dadurch, dass ich mich gar nicht darin sehe. So jetzt aber Schluss mit der Gefühlsduselei – bei den Worten schwarz auf weiß geht die Sentimentalität etwas verloren, doch mein inneres Gefühlsleben trieft nur so davon. 😀  Doch ich freue ich so etwas zu bemerken, gab es doch eine Zeit in der ich kaum was gefühlt habe oder nicht darauf geachtet habe.

Zu meinen letzten beiden Tagen: Am Freitag war ich ganz die pflegende Enkelin und bin darin auch aufgegangen. Dem Auge meiner Oma geht es soweit gut, es brennt und drückt, aber das ist glaube ich normal nach einer OP und sonst bräuchte sie ja auch keine Tropfen und Salben 5-mal am Tag. Gestern arbeitete ich von 9 bis 15 Uhr bevor ich wieder in die Pflegerolle schlüpfte. Die Arbeit machte Spaß, viele Menschen lächelten einfach zurück, wenn sie an der Kasse standen oder waren auch für einen kleinen Smalltalk zu haben. Am Abend bemerkte ich keinerlei Spannung oder Druck zu essen, wie die Tage davor. Ja der Kontakt mit anderen Menschen, das zu gehen und für sie da sein, dass liegt mir, das wurde mich gestern mal wieder bewusst. Den Nebenjob zu beginnen war glaube ich trotz Bedenken eine gute Idee. Immerhin war der Tag des Probearbeitens mein erster kotzfreier Tag dieses Laufes, er symbolisiert den Ausstieg aus dem Teufelskreis. Der Job bringt neben Erfahrungen auch viele Herausforderungen, mit denen ich lerne umzugehen ohne mich an Doris festzuhalten. Manchmal ist es schwer: ständig auf dem Präsentierteller, wenn das Körpergefühl mies ist; die Kontrolle bei Überforderung zu behalten; lernen, was ich beachten muss; berichtigt zu werden; alles richtig zu machen. Ich muss funktionieren, wenn ich in die Rolle der Verkäuferin schlüpfe. Doch ich merke wie ich lerne, trotz Rolle ich zu sein, zu kompensieren, wenn ich mal nicht einwandfrei funktioniere. Es ist nicht wie die Rolle „perfekte Elli“, die ich einnahm mit Doris an der Hand, in der ich von mir erwartete jede Minute einwandfrei zu funktionieren, in der ich meine wahren Gefühle nicht mehr berücksichtigte und nur gelebt wurde. Ich denke ich befinde gerade in dem Prozess herauszufinden, wie es ist verschiedene Rollen, die ja jeder irgendwo in seinem Leben einnimmt, zu akzeptieren, aber trotzdem die wahre Elli zu bleiben. Die Elli, die gerade lernt auf ihre Gefühle zu hören und sich ohne Doris ein Leben aufzubauen. (in einem früheren Beitrag habe ich meine Essstörung mal versucht zu erklären: Mein Kugelfisch) Ich versuche gerade schwimmen zu lernen ohne mich an Doris zu klammern. Ich gehe das Risiko ein auch mal unterzutauchen, statt mich an Doris zu klammern. Ich möchte im Ozean des Lebens freihändig schwimmen, weil ich so aus eigener Kraft vorankomme. Das ich das kann, wenn ich will sehe ich gerade. Ich lasse das nervige, giftige Haustier links liegen. Auch wenn es schwerer ist, benutze ich meine eigenen Muskeln, um durch die Wellen zu schwimmen und vertraue auf die luftgefüllte Lunge, die mich nach dem überrollen wieder auftauchen lässt. Das Schwimmen (/Leben) mir Spaß macht habe ich schon fast vergessen gehabt. Mein Ass im Ärmel ist, dass ich mich ab und an auch am sicheren Strand ausruhen kann. Ja, Doris ist laut in manchen Momenten, aber das Leben ruft lauter. Ich bin nicht geheilt oder so etwas in der Art – ich lebe einfach, statt mich leben zu lassen.

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3 Gedanken zu “Alleine schwimmen

  1. Hallo liebe Elli, du hast wieder einmal so recht. Auch ich verfolge deine Zeilen und warte jeden Tag voller Spannung darauf. Oft erkenne ich mich darin wieder. Auch wenn ich nicht an Essstörung leide,wie du weißt. Ich bzw. mein Körper reagiert hier etwas anders . Aber die Gedanken und Gefühle habe ich auch. Oft denke ich daran, wenn es mir schlecht geht. Heute hast du mir wieder einmal die Augen geöffnet. Auf Arbeit im Verkauf habe ich diese Probleme nicht. Vielleicht ist das die Ursache für meine vielen Überstunden, ohne auf meine Bedürfnisse zu achten.
    Pass bitte gut auf dich auf. Du bist eine sehr tolle Frau. Ich denke oft an dich und hoffe das du den Kampf gewinnst. Du bist es wert
    Ganz liebe Grüße Ute

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    1. Liebe Ute, ich freue mich von dir zu hören! Ich hoffe dir geht es gut?
      Dein Kommentar berührt mich. Ich finde es toll, dass du meinen Blog verfolgst.
      Das klingt plausibel.. Ich denke manchmal ist es so, dass uns die Rollen, oder wir uns in den Rollen besser gefallen und wohler fühlen. Doch wie du schon geschrieben hast, oft ist es schwer dabei seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
      Vielen Dank! Ich wünsche dir auch alles Gute, Kraft und ein offenes Ohr für deine Bedürfnisse.
      Ganz Liebe Grüße Elli ❤

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  2. Ist schön, das zu lesen und ich finde es gut, dass die Krankheit weniger Platz in Deinem Alltag hat. Und dazu gehört auch das Bloggen hier 😉
    Ich gratuliere Dir von Herzen, dass Du schon solange kotzfrei bist. Bisher ist mir das noch nicht vergönnt, aber irgendwann komm ich da auch hin.
    Und ich gratuliere Dir vor allem, dass Du mit Druck schon so souverän umgehst. Ganz PRIMA!!! 🙂 Eine schöne Woche 🙂

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