Stark sein

Die letzten beiden Tage waren anstrengend und sind es immer noch. Doch ich kann sagen ich starte morgen in den 55. kotzfreien Tag! Meine Oma hatte heute eine Augen-Op wegen ihrem grauen Star. Ein Routine-Eingriff sagen alle… Aber wenn du dann da im Krankenhaus bei den Voruntersuchungen mit sitzt die tausend Zettel mit Nebenwirkungen und Risiken durchließt und der Arzt meiner Oma sagt, das es schwerer wird aufgrund ihres Alters, ihres grünen Stars und auch noch andersweitig angeschlagenem Auge…. ja dann kann man verstehen, das eine fast 75 Jährige, die sonst topfit und auf der Höhe geblieben ist, aufgeregt und unsicher wird, wie ein Kindergartenkind, dass das erste Mal ohne Mama den Tag verbringen soll. Schon die letzte Woche erinnerte sie mich mehrmals täglich daran, dass wir ja am Mittwochfrüh in die Klinik fahren und ob ich das noch im Kopf habe und auch mache… und ja ich tat es. Am Mittwoch standen wir halb 9 an der Anmeldung und wurden von dort zur nächsten geschickt und von dort zum Wartezimmer für die Voruntersuchungen. Also das nicht unbedingte die angenehmste Situation ist wenn Wartezeiten und eine vor Anspannung fast aufgelöste Oma und Erinnerungen an den eigenen Krankenhausaufenthalt vor ziemlich genau einem Jahr zusammenkommen. Was sage ich damit es ihr besser geht? Wie lenke ich sie ab? Ja ich war da, während den Untersuchungen, in den Wartezeiten dazwischen und danach. Sie wurde erst heute stationär nach der OP für eine Nacht zur Beobachtung aufgenommen, deswegen übernachtete sie gestern mit in meiner Wohnung. Gegen 1 waren wir fertig und durften gehen. Oma hatte für die Untersuchungen Tropfen in die Augen bekommen, doch über die Nachwirkungen hatte natürlich keiner dort ein Wort verloren… „Ich fühle mich wie besoffen, irgendwie ist alles verschwommen.“ – und das war es auch noch bis 16 Uhr. Trotzdem ließen wir uns nicht vom Pizzaessen abbringen, was wir zur Nervenberuhigung beschlossen hatten. Beim Bestellen war Doris kurz da, aber ich sagte ihr, dass ich die Pizza gerne alleine genießen möchte und da verschwand sie wieder. Trotz Anspannung war die Atmosphäre angenehmer als am Morgen und das Essen war fast schon unbeschwert (trotz Pizza!). Den Rest des Tages verbrachten wir größtenteils auf der Couch. Das Abendessen war schwer für mich, da Oma erst nach einiger Zeit akzeptierte, dass ich nur Salat und kein Brötchen esse. Ihre Aufregung stieg gegen Abend auch wieder und ich saugte mir ein Thema nach dem Anderen aus den Fingern… Ich muss machen, dass sie sich besser fühlt. Nach einer unruhigen Nacht, weil sie ihre Gedanken um die OP drehten und meine um Oma und ihre Aufregung und die OP und das ich vor fast einem Jahr 800 kcal in die Venen gepumpt bekam, mussten wir die Zeit bis 11 Uhr irgendwie rum bekommen. Also nahm ich sie und wir gingen spazieren. Kennt ihr das, wenn ihr vor Aufregung und Ungewissheit was passieren wird, nicht wisst wohin mit euch? Wenn die Hände zittern und das Herz pocht, wenn man nicht daran denken will es aber gerade deswegen tut und einfach nicht an etwas Anderes denken kann? So würde ich die Gefühlslage meiner Oma beschreiben. Das Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, die Blumen am Wegrand… nichts konnte sie ablenken. Und ich? Ich war komischerweise ruhig, versuchte ihre Anspannung aufzunehmen, meine Ruhe auf sie zu übertragen. Gelassenheit ausstrahlen, ihre Angst nicht wiederspiegeln und eine Stütze bieten – ja das tat ich. Dann wieder Wartezeit bis ich sie gegen 12 Uhr den Schwestern überließ. Frauen und Männer in blauer Kleidung laufen hin und her, schieben Menschen in Kitteln und beklebten Augen in Rollstühlen. Ein Hauch von Desinfektionmittel und Krankenhausatmosphäre liegt in der Luft. Frauen in weißer Kleidung gehen von Zimmer zu Zimmer mit dem Putzwagen. Menschen warten in Sesseln im vollen Wartebereich. Vor mir sitzt meine Oma. Ihre Hände fummeln nervös an ihrer Tasche, ihr Atem geht schnell. Ab und zu atmet sie tief ein, als versucht sie sich zu beruhigen. Ich stehe hinter ihr und lege den Arm um ihre Schulter, bete das meine Ruhe auf sie übergeht. Ja ich bin da und halte sie. „Was denkst du?“ „Ich denke darüber nach ob ich auch so einen Kittel anziehen muss und meine Unterwäsche anbehalten kann.“, sagt sie voller Ernst. „Garantiert! Du darfst bestimmt auch deine Socken anlassen.“ „Ich hab ja gar keine an.“ „Ach hätten wir mal so nen paar Probesöckchen gestern im Schuhladen mitgenommen….“ Sie lacht etwas und wir rätseln über die Wandfarbe bis sie aufgerufen wird. Draußen vor der Tür warteten meine verdrängten Gefühle und Gedanken auf mich, plus einem mega Hungergefühl und dem Verlangen zu essen. Rein in den nächsten Supermarkt, nur um alles einzusammeln und dann doch wieder zurückzulegen und mit einer Wasserflasche raus zu gehen. Später ging ich dann etwas gefasster nochmal rein. Ja es war eine Probe, es blieb eine Probe bis zum Abend. Essen oder nicht essen, kotzen oder nicht kotzen… Ich aß viel, ich aß auch Schokolade, aber ich wahrte die Waage – viel, aber nicht viel zu viel – ich wusste heute würde ich ein mega Völlegefühl plus schlechtem Gewissen nicht aushalten. Gegen halb 3 hatte meine Oma die OP hinter sich. Sie merkt zwar ein Brennen und schaut nur mit einem Auge, aber so geht es ihr gut. Gegen Abend ging ich joggen und schrieb ein paar Zeilen an einer Hausarbeit. „Wiedermal ein unproduktiver Tag“ … schwirrt in meinem Kopf rum. Ich bin unzufrieden mit mir. Obwohl ich rational weiß, dass es unbegründet ist. Ich bin unzufrieden mit meinem Körper und meiner Leistung, die Anspannung wirkt nach – der Druck alles richtig machen zu müssen, da zu sein, die Verantwortung zu haben, an alles zu denken, stark sein zu müssen – funktionieren zu müssen. Morgen hole ich sie aus dem Krankenhaus ab, dann fahren wir in die Heimat. Sie soll sich schonen, muss ihre Tropfen bekommen und wird schlecht sehen die nächsten Tage. Am Samstag früh gehe ich dann arbeiten, dann schafft es meine eine Schwester bei ihr zu sein, meine andere wird auch im Laufe des Samstag von ihrem Motoradtrip wieder kommen. Ich hoffe, dass meine Eltern am Sonntag wieder kommen, bei ihren Wohnwagenurlauben, weiß man nie ein genaues Datum…. Und gerade frage ich mich wieder einmal: Wieso bin ich immer die, die da ist und alles regelt? Es ist nicht so das ich es schlimm finde, ich habe es hinbekommen und werde es morgen hinbekommen und ich bin gerne für Oma da. Ja und irgendwie ist das Gefühl gebraucht zu werden und alles im Griff zu haben ja auch selbswertförderlich, aber dennoch gibt es so Momente in denen ich mich einfach nach einer Hand sehne, die mich mal hält… was ich dann vermutlich nicht ganz zulassen würde oder die Notwendigkeit zugeben könnte, aber so ganz im Innersten ist der Wunsch schon da. Deswegen schreibe ich, weil schreiben die Gedanken einfach fließen lässt, weil es leichter ist all das aufzuschreiben als zu erzählen und alle Puzzleteile in meinem Kopf nicht mehr ganz so unpassend erscheinen lässt.

 

3 Gedanken zu “Stark sein

  1. Liebe Elli, erst einmal Hut ab – du hast es gemeistert. Das ist eine starke Leistung und zeigt immer mehr wie gefestigt du bist. Leider sind diese Routineeingriffe mit so vielen Zetteln was passieren könnte ausgestattet, das einem einfach mulmig werden muss. Ich hab es meist nur noch überflogen, was kommt das kommt. Ich finde es Wahnsinn wie du das alles managed und für deine Oma da bist, das ist wirklich schön. Aber ja, wo ist die Hand die dich hält? Ich versteh dich, aber denke dran, du wächst an jeder „Herausforderung“. Alles Liebe ❤

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    1. Danke für deine Worte ❤
      Frei nach dem Motto was mich nicht umbringt macht mich stärker , obwohl ich merke, das sich durch den Kampf gegen die Essstörung viel geändert hat. Ich höre immer mal in mich hinein und schaue ob es zu viel ist was ich mir da aufbürde, ich versuche mich etwas abzugrenzen, denn im Endeffekt konnte ich ja nicht neben den Ärzten in der OP stehen, ich habe ganz bewusst für mich die Verantwortung an die abgegeben.
      Liebe Grüße und einen sonnigen Tag 🙂

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      1. Ja, der Kampf verändert einen. Im übrigen passiert es mir auch, dass ich beim einkaufen erstmal alles einpacke und dann alles wieder zurück bringe. Irgendwie lustig – sehen darf mich da keiner. Wünsch ich dir auch 🙂

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