Mein Kugelfisch

„Andere haben ein Haustier, ich habe eine Essstörung.“ Diesen Satz sagte ich an einem Sonntagabend beim Abendessen in der Klinik. Unbewusst herausgerutscht, veränderte er doch den Kampf mit meiner Essstörung.  Wie schafft man es die Essstörung anzunehmen, sie zu trennen, den „anderen“, kranken Teil zu erkennen? Dies ist die Voraussetzung, um etwas zu ändern im Umgang mit der Essstörung. Sie sehen und akzeptieren, dass sie da ist, dass sie ein Teil von mir ist. Ich finde, dass Bild mit dem Haustier verdeutlicht die Situation mit der Essstörung ganz gut. Sie ist da und möchte umsorgt werden. Und auch wenn sie nervig ist, gehört sie doch schon zum Leben zum Alltag dazu. Ein Haustier hat Bedürfnisse, braucht Aufmerksamkeit und möchte umsorgt werden. Beachtet man es nicht, wird es böse, es bellt oder miaut und springt ganz aufdringlich vor den Beinen herum. Um das „abzustellen“ muss man es beachten, sich kümmern.

Wie stelle ich mir meine Essstörung vor? In der Klinik sollte man sich ein Hindernisbild vorstellen, dass die Essstörung symbolisiert. Ein Hindernis, welches man überqueren möchte. Meins war ein Meer, ein großes Meer, mit Wellen, Strudel und manchmal mit Gewitter. Die Wellen stellten für mich Gefühle dar, mit denen ich nicht klar komme, die mich runterdrücken. Die Strudel sind das Verlangen, Ereignisse oder Bedürfnisse, die mich überfordern. Doch dieses HIndernis ist nicht die Essstörung, das wurde mir im Laufe bewusst, das ist das Leben. In dem scheint nicht immer nur die Sonne und das Meer ist auch nicht immer ruhig und in ein klares Türkis getaucht, sondern es gewittert auch mal und das Wasser tobt. Die Essstörung ist ein Teil davon, ein Teil in meinem Ozean des Lebens. Sie ist mein Kugelfisch, der mit mir im Meer schwimmt. Mein Kugelfisch ist eine aufdringliche und sehr sturköpfige Kugelfischdame und heißt Doris. Die Essstörung zu benennen… Was soll das denn? Fragen sich vielleicht jetzt einige. Ich finde dies macht es einfacher mit ihr umzugehen, es hilft mir dabei sie zu akzeptieren und zu sehen. Es ist nur ein Teil von mir der krank ist, es gibt immer noch das Ich-Selbst, das auch ziemlich sturköpfig ist und ein großes Durchhaltevermögen besitzt. Auch wenn man sich rund um die Uhr um sein Haustier kümmert, hat man immer noch ein eigenes Leben und darf eigene Entscheidungen treffen, das gilt es zu verstehen. Das Haustier mag einem das Leben schöner machen. Das tut eine Essstörung scheinbar auch, aber sie kann auch in den Tod führen. Der Unterschied zum Haustier ist, dass man sich eine Essstörung leider nicht frei aussucht. Meist findet sie einen. Man geht nicht mal eben in den Baumarkt und bestellt: „Einmal Anorexie im Mix mit Bulimie zum Mitnehmen bitte“. Sie ist gekommen, weil man nicht mehr klar gekommen ist, weil man etwas gebraucht hat, was einen im Alltag des Lebens unterstützt und beisteht. Ich bin immer wieder untergetaucht, in einen Strudel nach dem anderen geschwommen und ständig ist ein neues Gewitter aufgezogen. Doch all das habe ich ganz nicht so wahrgenommen. Denn ich habe nicht auf meine Bedürfnisse und Gefühle gehört, ich habe es verlernt sie wahrzunehmen und zu befriedigen. Ich habe mich so nie selbst anerkannt, es verlernt mich selber zu sehen, habe nur das gezeigt, von dem ich dachte, dass es die anderen sehen wollen, habe auf hundert Hochzeiten getanzt, aber nicht auf meiner, ich habe Verantwortung übernommen, die wahrscheinlich gar nicht immer meine war, habe Ziele verfolgt, die vermutlich unerreichbar waren… Somit bin ich ohne es zu merken immer mehr in einen großen Strudel geraten, ich habe den Halt verloren. Wie schön war es da als Doris auf einmal vorbei geschwommen kam und ich mich bei ihr festhalten konnte. Wellen, Strudel, Sturm, alles schien nicht mehr so kraftaufwendig und überfordernd, das Leben war scheinbar einfacher geworden. Kamen Wellen, Strudel oder Nebel manövrierte Doris mich einfach hindurch. Sie blies sich auf und ich war hinter ihr in Sicherheit und beschützt.

Mit der Benennung oder der etwas humorvollen Darstellung möchte ich mich keineswegs über Essstörungen lustig machen. Da ich selber betroffen bin, ist mir der Ernst der Lage nur zu bewusst. Eine Essstörung ist gefährlich, lebensbedrohlich und beeinflussend. Es ist eine Krankheit, die man nicht unterschätzen sollte. Dabei ist es egal, wie lange man diese schon hat oder wie stark die körperlichen Schäden sind, denn zu Spaßen ist damit keineswegs. Jedoch kann man sein Leben trotz Essstörung mit Humor nehmen, man sollte meiner Ansicht nach sogar immer eine Portion einstecken haben. Ich habe bemerkt, dass es mir ganz gut hilft die Schwere und Wichtigkeit der Thematik etwas aufzulockern. Meiner Essstörung einen Namen zu geben und sie mir bildlich vorzustellen, hilft mir die Sache greifbarer und verständlicher zu machen, es ist so einfacher zu realisieren. Die Essstörung ist da, aber muss es nicht bleiben. Es gibt einen Gegner, aber das bin nicht ich selbst, sondern Doris.

Doris, mein Kugelfisch, ist nun ca. 4 Jahre alt. Sie hat die Fähigkeit sich aufzublaßen, Feinde zu verscheuchen, durch Wellen und Strudel zu schwimmen und mich einfach zu beschützen. Mal bläst sie sich mehr auf, mal weniger, mal sehe ich wohin der Weg geht, mal sehe ich nur Doris. Doris hat Gedanken – Gedanken, die ich in meinem Kopf höre. Ich musste lernen und bin noch dabei, dass es nicht meine Gedanken sind. Es ist schwer meine und Doris Gedanken zu trennen, doch es gelingt immer besser. Besonders groß bläst sich Doris bei Angst auf. Angst vor dem Versagen, Angst vor Unsicherheit, Angst nicht gut genug zu sein, Angst schwach zu sein, Angst nicht zu wissen, wer ich bin… Doris wird zum Schutzschild, wenn eine Welle kommt. Ich spürte die Gefühlswelle nicht mehr, merkte nicht mehr bewusst wenn ich Angst hatte oder ich mit etwas nicht klar kam, etwas zu viel war. Der Kugelfisch erledigte das, so schaffte ich alles, es ging weiter und weiter. Mit Doris schwamm ich durch Wellen und trotze dem Gewitter. Doch je größer Doris wurde, desto mehr Hunger bekam sie, desto mehr Aufmerksamkeit wollte sie. Die Häufigkeit des Kotzens stieg und die Fressanfälle wurden schlimmer. Es fühlte sich gut an kotzen zu gehen, es stellte sich danach immer eine wunderbare Erleichterung ein, aber nur bis das schlechte Gewissen kam. Das Gefühl der Leere in mir gab Kraft und Halt. Magenknurren, Kotzen und Abnehmen, dies waren die Speisen von Doris. Nichts kam mehr an mich ran, keine eigenen Gefühle oder Bedürfnisse, wenn Doris groß war. Doris räumt den Weg frei, lässt mich nach außen stark und selbstbewusst wirken. Doris war meine Stütze und Stärke mit der ich alles schaffen konnte. Dann kommst du in die Klinik und die wollen, dass du Doris fortschickst. Dann wäre ich ja ganz alleine im Meer, alles was mir Halt gab, meine Begleiterin, meine Freundin wäre fort. Verständlich,  dass es schwer war nicht mehr kotzen zu gehen und nicht mehr abzunehmen. Denn das hatte mir bis jetzt immer Bestätigung und Selbstanerkennung eingebracht, das waren irgendwie Ziele geworden, die ich verfolgt habe. Wieso ich dann überhaupt in die Klinik bin? Tja, Kugelfische gehören zu den giftigsten Fischen. Doris viertrien zwar alle Feinde mit ihrem Gift, was toll war, aber da ich an ihr hing, bekam auch ich Gift ab. Ich wurde schwächer, aber ich klammerte mich deswegen nur noch mehr an meine Doris, denn sie hielt mich ja fest. Durch das häufige Kotzen, sanken die Elektrolyte, vorallem das Kalium. Ich bekam Herzrhythmusstörungen, mein Magen war entzündet und auch so war meine körperliche Verfassung wirklich nicht die Beste. Zumal ich die ganze Kraft, die ich noch finden konnte in Sport investierte. Und das alles nur um eine Zahl auf der Waage zu erreichen. Mein Hausarzt überwies mich in Krankenhaus und dort fasste ich, mit einem Tropf im Arm, den Entschluss mir meinen Willen nicht wegnehmen zu lassen und in die Klinik zu gehen. Doris war damit nicht einverstanden und redete mir ein, dass es doch super lief, das alles prima war. In der Klinik löste ich mich dann immer mehr von Doris. Ich musste alleine durch die Wellen schwimmen, die jetzt natürlich größer waren oder sich zumindest so anfühlten, da ich sie schon ewig nicht mehr gesehen hatte, auch sich durch Strudel und Gewitter zu kämpfe war schwer und immer wieder brauchte ich Kraft, um Doris wegzuschicken. Die immer wieder verlockend nah kam und mir so verführerische Gedanken vorschlug, einfach mich wieder an ihr festhalten und mich ausruhen. Es war (und ist es immer noch) sozusagen ein Kampf an zwei Fronten. Doris Einhalt gebieten, den Gedanken an das Kotzen widerstehen, mich mit den Kilos auf der Waage und meiner neuen Figur anfreunden und dann lernen mit meinen Gefühlen umzugehen, die nun auf einmal wieder spürbar wurden. Wut, Traurigkeit, Angst, Zweifel, Hass – alles Gefühle, die ich mir nie eingestanden hatte. Sie wahrzunehmen, zu erkennen und zu akzeptieren und auszuhalten, ja auch das musste ich neu lernen. „Und hören sie auf ihre eigenen Bedürfnisse, belohnen sie sich auch mal…“ Auch das noch… Auf mich hören, wenn ich doch gerade nur aus Zweifel und Selbstvorwürfen bestand, da noch genauer hinzuschauen um rauszufinden, was das Ich-Selbst will. Die Maske mal fallen lassen, die ich jahrelang trainiert habe. Unter ihr habe ich vor allen anderen und auch mir selbst alles versteckt. Es gab Tage da war die Anspannung, der Kampf so schwer, das ich überhaupt nicht mehr wusste, wohin mit mir. Aber es gab auch Tage an denen die Sonne schien und das Meer ruhig war und Doris irgendwo im nirgendwo war. Tage an denen ich Freude wieder richtig spürte, Freude und Zufriedenheit fühlte, die vom Herzen ausgingen, mich von innen ausfüllten. Die mich wärmten und Zuversicht schenkten, im rauen kaltem Meer. Es gab Stunden, wo ich meinen Glauben wiederfand, spürte, dass ich nicht alleine bin, dass es Hoffnung gibt.  

Heute schwimmt Doris immer noch mit mir im Meer und sie wird es wohl noch eine Weile versuchen, mir ihre Gedanken aufzudrängen. Ja und sie bläst sich auch immer wieder mal auf. Doch sie ist schon ziemlich geschrumpft. Und der große Unterschied ist, dass sie neben mir schwimmt und nicht mehr vor mir, dass ich sie sehen kann. Außerdem vermeide ich es sie zu berühren, um ja nichts von ihrem Gift abzubekommen. Ab und zu schubbe ich sie immer mal etwas weg, sodass der Abstand manchmal größer wird, aber so ganz alleine im Meer ist es schon komisch und ungewohnt, nach Jahren in denen es normal war immer Gesellschaft von Doris zu haben. Aber zum Glück gibt es da noch Delfine, die mir ab und an Gesellschaft leisten. Es ist zwar traurig, schwer zu akzeptieren und verletzt Doris bestimmt sehr, aber ich habe beschlossen, dass wir keine besten Freundinnen mehr sind und ich sie nicht mehr leiden kann, denn sie ist mit der Zeit einfach zu nervenaufreibend, zu kostspielig, zu aufdringlich und zu giftig geworden. Der Weg durch das Meer ist noch weit und Doris wird mich noch etwas begleiten, aber ich habe den Vorteil, dass ich weiß, dass sie da ist und dass sie immer wieder versucht wird vor mir zu schwimmen. Doch ich versuche immer eine Armlänge von ihr zu sein und mir meinen Weg selber zu suchen. Und ich weiß und hoffe darauf, dass nach jedem Gewitter auch die Sonne wieder scheinen wird, außerdem kommt irgendwann eine Insel, auf der ich mich mal ausruhen kann. Das beste daran: Doris kann nicht laufen!

PS: Ich möchte mich bei jeder Doris, die das hier lesen sollte, entschuldigen. Es soll keinerlei Abneigung gegen den Namen zum Ausdruck gebracht werden. Ganz im Gegenteil. Doris bedeutet „Gottes Gabe“. Nicht, dass ich die Essstörung als Geschenk ansehe, nein Gott hat mir Gaben gegeben sie zu besiegen. So zum Beispiel, dass ich sie mir bildlich vorstellen kann, um sie besser bekämpfen zu können. Ich kann lernen was Gott mir für Gaben gegeben hat und diese kann ich auch lernen anzuerkennen.

wp-1482761537847.jpeg

Untertitel zum Bild: „Wie ich war, bin und sein werde.“ – Eine kraftvolle und sture schwarze Pantherdame, die Doris bekämpft – ja ja die Malgruppe in der Klinik ;P

Advertisements

Ein Gedanke zu “Mein Kugelfisch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s