Einfach schwer

Bin schon weit gekommen, habe einiges geschafft: schwimmen gelernt, den Strand erreicht, Orientierung gefunden, Vertrauen geschöpft und mich an Hoffnung gebunden. Den Halt des giftigen Kugelfischs aufgegeben, lerne ich nun losgelöst zu leben. Ungebunden von der Qual einer Zahl, die Gefühle vorschreibt, unbeeinflusst von einem schlechtem Gewissen, das eine Berechtigung für Nahrung verlangt, unbeschwert von dem Hass auf mich und meinen Körper – versuche ich mein Leben zu meistern. Überlebt habe ich lange genug, nun will ich erleben. Mein Leben leben und nicht gelebt werden von einer Essstörung die mich im Zaum hält und mir Lebensqualität stiehlt – getrennt von dem giftigen Begleiter wähle ich mich als Gefährtin und Freund.

Unabhängig und frei, wie der Wind will ich nun durch mein Leben stürmen, aber auch ruhig und bedächtig genießen, wie ein laues Lüftchen, mein Leben umspielen. Hach wäre es schön, leicht wie eine Feder durch die Welt zu schweben, von oben unbesorgt alles zu erleben. Doch es ist schwer. Was genau kann ich nicht beschreiben, doch die Schwere wird bleiben. Die Schwere des Lebens, die zu ihm dazugehört. Fesselnde Gedanken und Gefühle, die mich niederdrücken, Wellen und Berge, Gewitter und Regen, Seufzer und Zweifel, Fragen und Plagen. Man kann es nicht ändern, nicht umgehen oder wegsehen, wenn man lebt – Leben ist einfach schwer neben leicht, traurig neben fröhlich, wütend neben verständnisvoll, neidisch neben liebevoll, ungerecht neben gerecht.

Ich stehe jetzt hier, spüre nun mehr, aber die Welt verschwimmt bei meiner Betrachtung. Wie durch Regen geblickt wirkt meine Wahrnehmung verzerrt und unscharf, das Schöne verliert an Beachtung. Ich stehe hier, sehe mein Leben verschwommen und fühle die Schwere der Gefühle, die auf meiner Seele lasten, sie sorgen dafür das Leichtigkeit und Unbeschwertheit außerhalb meiner Reichweite rasten. Warum komme ich nur so schwer vor? Nicht mein Körper zieht mich nach unten, sondern der Druck im Innern lässt die Schritte so mühsam sein. Seite 1: Immer mehr ungekannte, überfordernde Gefühle kommen zum Vorschein – werden sichtbar, greifbar, spürbar. Seite 2: Ich komme mit mir ins Reine, versuche mich anzunehmen, mit neuen Augen zu sehen, Frieden mit mir zu schließen.

Beide Fronten prallen aufeinander, mitten im Kampf den ich führe gegen meinen Feind, der mich ruft und einen Pakt versucht zu schließen, verlockende Angebote unterbreitet und zum Aufgeben und ihm Hingeben verleitet. Seite 1 will damit ausgeschaltet werden, dadurch an Gefährlichkeit verlieren. Seite 2 schreit: Es wäre der falsche Weg, du hast doch dich und dein Leben. Ja ich weiß sie hat Recht – deswegen kämpfe ich weiter, halte aus und durch. Das Vertrauen auf eine Zukunft und Hoffnung, auf die leichten Phasen, stärken mich. Doch gerade ist es schwer: nicht unmöglich oder zum selbstbemitleiden – es ist ein stark sein, obwohl ich nicht will und doch bin, es ist keine Entschuldigung oder Berechtigung – es ist eine Feststellung ohne große Wertung auf die Frage: Wie ist dein Leben gerade? – Einfach schwer. Hoffnung und Vertrauen wird durch das Einfach in die Schwere eingeschlossen, doch raubt es der Schwere nicht die Macht, sondern sorgt mit mehr oder weniger Pracht für eine Entschärfung im Blick auf die Zukunft: das schwer auch mal leicht wird für einen Moment, bevor das Spiel mit neuen Karten von vorne beginnt.

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