Schlaflos

Ich schreibe, weil es gerade so ist wie es ist. Es ist nach halb 12 und die Müdigkeit will mich einfach nicht übermannen. Schon seit ca. einer Woche fällt es mir immer schwerer einzuschlafen. Wo kommt dieses unbestimmte Gefühl her, das mir alles zu viel ist und mein Leben zu schwer? Ich will mich spüren, will mich schneiden und kämpfe dagegen an, das letzte Mal ist doch schon einige Zeit her, die Narben gut verblasst. Ich habe zur Zeit kein Stress, es ist zwar nicht ruhig, aber langweilig wäre auch blöd. Zweimal die Woche gehe ich arbeiten, zweimal die Woche zur Uni und daneben plane ich den 50. Geburtstag meiner Eltern (am 1.12.) und einige kleinere Sachen. Das Einzige was mich tagtäglich vordergründig frustriert, belastet und ein schlechtes Gewissen macht ist meine Hausarbeit mit der ich irgendwie in eine Sackgasse gefahren bin – ich komme einfach nicht weiter. Ich habe auch nicht wirklich Elan, es ist schon fast ein Zwang mich daran zu setzen und 2 Sätze zu schreiben, dabei finde ich das Thema super interessant. Mein Ziel: Noch dieses Jahr fertig werden und es fehlen mir eigentlich auch nur noch das letzte Kapitel und das Resümee, doch mein Kopf scheint das einfach nicht kapieren zu wollen. Obwohl kaum was aufregendes los ist verrennen die Tage, sie verschwinden in vergangenen Wochen. Es ist eine graue Monotonie die meinen Alltag frisst, es ist nichts los und trotzdem bin ich gefühlt unter Dauerstress oder bereit auf den nächsten Termin zuzurennen. Ich wünsche mir Ruhe, dabei habe ich sie immer mal im Überfluss, aber bin unfähig sie zu nutzen. Über das Thema Essen rede ich zur Zeit nicht gerne, es ist nicht krankhaft, aber läuft auch nicht klasse, das merke ich. Die Wochenenden habe ich die vergangenen Wochen bei meinen Eltern in der Heimat residiert, da gab es meist etwas mehr, dafür fiel mein Essen unter der Woche ziemlich rar aus. Wenig essen, um die „ungesunden“ Lebensmittel in der Heimat zu rechtfertigen, um mir sie zu erlauben und auch mal etwas mehr als „erlaubt“ zu essen … es ist blöd. Danach kommt dann gar nicht essen oder Fressanfall, was? Das ist doch nicht die Richtung, die ich eingeschlagen habe, es ist die Richtung zurück in die Klauen der Essstörung. Die Gedanken um das Essen – Wann, Ob überhaupt, Wie viel, Was etc…. haben in den letzten zwei Wochen wieder vermehrt Einzug in meinen Kopf gehalten. Ich habe es kaum bewusst wahrgenommen, einfach befolgt was sie sagten – ich bin ja zur Zeit stabil, habe es im Griff und so fühle ich mich auch immer noch, da kann man mal eine oder mehrere Mahlzeit auslassen oder auch mal über die Maße essen. Doch ein unbeschwerte Essen ist das nicht mehr, ich hatte schon ein besseres, angenehmeres Essverhalten erreicht. Es ist unter anderem das Essensgedankenkarussell, das abends der Müdigkeit eine Mauer baut. Mein Problem ist, dass ich oft erst gegen 21 Uhr nach Hause komme und da ein Abendbrot einfach zu spät ist. Heute habe ich mich durchgerungen doch noch einen Dönersalat zu holen, um den Teufelskreis des knurrenden Magens schon ziemlich am Anfang der Woche zur durchbrechen. Fazit: die Gedanken ans Kotzen kamen mal wieder stärker und ich bin noch wacher als sonst, weil mein Körper vermutlich gerade verdaut. – So jetzt habe ich doch ziemlich viel über das Thema geschrieben, welches ich zurzeit eigentlich lieber totschweige, weil es ja kein Problem mehr sein soll. Derzeit fühle ich mich stark genug und so Schwankungen gehören halt dazu zum Überwinden der Essstörung. Ich habe derzeit keine Lust mich wieder in ihre Fänge zu geben, mich wieder kontrollieren zu lassen oder abhängig zu werden von nervigen Gedanken, halte mir immer wieder die Nachteile vor Augen, wenn die Vorteile verlockend erscheinen. Dennoch habe ich eine leise Furcht: Weihnachten kommt, das ganze ungesunde Zeug, der Duft der Zeit, der jede Ecke erfüllt… Gerüche waren für mich vor der derzeitigen Erholungsphase immer sehr triggernd. Verdammt ich will keinen Rückfall. Der würde mich nur wieder zurückwerfen in allen Fortschritten die mir der Kampf gegen die Essstörung bisher gebracht hat. Vermutlich auch in der Körperwahrnehmung und die war schon lange nicht mehr, vielleicht sogar noch nie, so gut wie zurzeit. Ich komme damit klar wie ich aussehe, wie mein Körper derzeit ist – ok da spielen die 500 Gramm weniger durch die letzten 2 reduzierten Wochen eventuell eine kleine Rolle, aber trotzdem auch davor: So angefreundet wie bisher mit meinem Körper habe ich mich noch nie. Freundschaft heißt ja nicht alles super gut an dem Anderen zu finden oder keinen Kritikpunkt zu haben, sondern das Gegenüber oder sich selbst so anzunehmen wie es/man ist, weil es/man auch unperfekt gut ist und einfach so ist. Um die 60 kg… und es gibt Tage an denen ich mich echt gut damit fühle, an denen ich sage: so soll es sein – das hätte ich vor einigen Monaten nie für möglich gehalten – 60 kg die Angstzahl für mich und jetzt denke ich, das ein Leben mit der Zahl viel besser ist, als das unfreie Leben mit der Essstörung. Es gibt immer noch Tage an denen ich mich zu „dick“ fühle, aber die Tage, an denen ich nicht mehr bewerte oder mich runtermache deswegen haben klar die Überhand. Und mit dieser Akzeptanzarbeit und dem Überwinden von Zweifeln, ob ich richtig bin, möchte ich nicht nochmal von vorne anfangen, nur weil meine Essstörung gerade nach mir zurufen scheint oder diese Schlaflosigkeit mich fertig macht. Ich hoffe es möge nur eine Phase sein, die vorbei geht – schlechte Phasen gehören zum Leben dazu oder? Also mein Wort für die Nacht: Es ist wie es ist und wenn es jetzt nicht schwer wäre, wüsste ich nicht, dass es mal besser war.

Eure Elli 😉

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9 Gedanken zu “Schlaflos

  1. Liebe Elli,
    Ich erkenne mich in bestimmten Zeilen wieder. Weißt du was mir beim Lesen aufgefallen ist? Du benennst die Essstörung nicht (mehr) namentlich. Vergiss nicht: Es ist Doris und Doris versucht dich zu manipulieren. Die Gedanken das ich „zuschlagen“ kann beim Essen, nur wenn ich eben unter Tag weniger gegessen habe kenn ich, aber sie vergehen. Es ist eine Phase, ein Test wie gut die neu gelegten Nervenbahnen im Kopf schon funktionieren oder ob man doch wieder auf die alte Nervenbahn „Doris“ ausweichen soll. Ich habe mich regelrecht gezwungen zu essen, Hungergefühl muss erkannt werden. Vielleicht hilft es dir, etwa alle 5 Stunden zu essen – falls das Hungergefühl nicht kommt. Ich arbeite derzeit mit dem Gefühl, wenn ich einfach so essen will, Frage ich mich „habe ich eigentlich Hunger?“ – das hätte vor paar Wochen nicht funktioniert. Der Körper muss dir wieder Vertrauen und das geht nur wenn du regelmäßig isst. Wegen deiner Hausarbeit, vielleicht hilft es dir bewusst 2 Tage einzuplanen in der Woche in der du nichts machst. Es könnte den Druck etwas senken – wenn du die freie Zeit akzeptierst. Liebe Elli, du bist so tapfer und so weit gekommen, Doris ist doof – ohne Doris geht es besser. Alles Liebe ♡

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    1. Danke danke danke für deinen Kommentar. Der hilft mir gerade mehr als nur ein bisschen.Du hast so recht mit deinen Worten – Doris ist giftig, hinterlistig und falsch. Ich denke ich finde es gerade schwer zuzugeben, das sie zurückkommen will, es soll nicht fassbar werden, nicht wahr. Doch ich glaube gerades dieses Erkennen der alten Bahnen, wie du es schön beschrieben hast, ist der Weg.
      Das mit dem Essen und auch der Hausarbeit sind Ideen, die ich mal versuche.
      Dir auch alles Liebe und viel Kraft weiterhin ❤

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  2. Hallo liebe Elli.
    Ich komme selten dazu in anderen Blogs zu lesen. Aber deine Überschrift sprang mir heute morgen, nach einer durchwachten Nacht in´s Auge. Auch ich habe meine Probleme, wie jeder irgendwie… denke ich. Und jeder hat sein Recht auf Schicksal.
    Was und wie du es schreibst rührt mich an meinem Herz. Ich habe keinen Rat für dich. Nur ein Gedicht, das mir in meinen schlechten Phasen immer sehr hilft. Ich bin in keiner Kirche, oder sonst in irgendeiner, wie auch immer gearteten Glaubensgemeinschaft.
    Nur ich.
    Alles, wirklich alles Gute. Alles was du brauchst ist schon da! In dir!
    Luke

    An alles was ich erbitte in meinem Gebet,
    glaube ich, dass ich es empfange,
    so ist es mein!

    Denn Glaube ist der Stoff der Dinge,
    die ich erhoffe,
    und der Beweis für Dinge die ich nicht sehe.

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  3. Hallo Elli, was Schlafprobleme angeht, könnte ich ein Buch darüber schreiben, was alles nicht hilft. Das Du gerade eine schwierige Zeit hast, macht mich traurig. Wenn ich aber an all die schönen Blogposts von Dir denke, würde ich Dir raten, selbst mal wieder darin zu lesen. Du wirst sicher merken, wieviel Gutes Dir darin bekannt vorkommt. 😉 Daran solltest du wieder anknüpfen. LG

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  4. Ich habe gelesen, liebe Elli, und wieder dazu gelernjt, wie schwer es ist mit einer Essstörung zu leben, sie zu überwinden, wieviel ungewollte Ambivalenz und vor allem wieviel Kampf dazu gehört. Ich kann Dir nicht raten, weil ich mit dieser Art Erkrankung keine eigenen Erfahrungen gemacht habe.

    Aber mir ist es nicht egal, einen Eintrag wie diesen hier von Dir zu lesen, dazu habe ich durch die Art unseres Kennenlernens hier, des Austauschs miteinander einen viel zu schätzenswerten, inetressanten sympathischen und mich bereichernden Menschen in Dir gefunden.

    Viel mehr als Dich meiner aufrichtigen, Dich freundschaftlich begleitenden Gedanken zu versichern und ebenso Deines Einbezogenseins in mein abendliche Ritual Bitten in den Himmel zu senden, vermag ich Dir nicht zu geben.

    Aber das tue ich aus tiefstem Herzen. Ich wünsche Dir Kraft, ich wünsche Dir Gottes Beistand und seinen Segen!

    Liebste Grüße an Dich! ❤

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    1. Lieber sternfluesterer, dein beten hilft mir sehr, es bestärkt zu wissen, dass da über die Verbindung über den Himmel jemand da ist – das Gleiche gilt auf umgekehrte Weise. Meine Gebete schicke ich zur Zeit am Morgen als Bitte um Beistand für Andere aber auch mich (auch wenn es egoistisch scheinen mag, es hilft) an Gott.
      Ich denke jede psychische Krankheit prägt sich auf andere Weise auf die betroffene Person aus, dennoch verstehen wir das es schwer ist und auch oft ungreifbar…
      Ich schicke dir auch viel Kraft und wünsche dir eine gesegnete Nacht!
      Alles Liebe ❤

      PS: hab gesehen, das ich deinen letzten Beitrag übersehen habe, iwie wurde der bei mir im Reader nicht angezeigt…

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