Seiltanz

Er fragt, was wäre wenn. Er sagt, es wäre nicht schlimm wenn. Er sagt, ich bin stark genug wenn es so wäre. Doch er versteht nicht, er kennt diese Abhängigkeit nicht, diesen Strudel, der mich mit sich ziehen würde. Er versteht nicht, dass sie Angst begründet ist. Er versteht nicht, dass es nicht sein darf, dass es ein Fehler wäre – ein Rückfall – ein Fall in den großen Teufelskreis der Essstörung.

Ich hatte heute mal wieder eine Sitzung bei meinem Therapeuten, das Thema: Mein Essverhalten. Es interessierte ihn mehr als mich. Hungern oder essen – Doris ruft danach kotzen zu gehen – sie lockt mit Erleichterung und der Berechtigung schwach sein zu dürfen – ich kämpfe dagegen an – will es nicht und bin innerlich die ganze Zeit auf Alarmbereitschaft, dann lieber gar nicht essen. Mein Therapeut hat nicht explizit gesagt, dass ich kotzen gehen soll, aber er hätte es genauso gut tun können. Davor hatte ich die Furcht geschildert, dass Doris mich wieder kontrollieren könnte, die Bedenken, die mit der Weihnachtszeit kommen… Ich möchte mich nicht über ihn beschweren oder ihn gar schlecht machen – schon oft hat er mich unterstützt und mich verstanden. Aber heute… heute hat er gesagt, dass es gar nicht so schlimm wäre wieder zu kotzen – ich könnte ja das alles nochmal machen – diesen ganzen beschissenen Kampf weg von der Essstörung (also das war jetzt in meinen Worten wiedergegeben).

Ein Seil ist gespannt – über dem Meer von Felsvorsprung zu Felsvorsprung. Ich stehe auf dem dünnen Seil und bewege mich vorwärts, nicht gerade und sicher, sondern schwankend und unsicher. Kippen zur einen Seite bedeutet hungern, kippen zur Anderen fressen. Ich stehe dazwischen und bin unfähig ein Gleichgewicht herzustellen. So würde ich mein Essverhalten und mein Leben gerade beschreiben. Unter mir ist das aufgewühlte Meer, in welchen Doris rufend und springend schwimmt, sie lockt und will mir die Last abnehmen, die Unsicherheit auf dem Seil beenden, die Schwierigkeit auslöschen. Doch mein Kopf sagt mir es ist falsch was sie sagt. Sie bietet Hilfe und ist doch giftig. Sie verspricht zu halten und will doch das ich mich fallen lasse. Sie bezirzt mit innere Ruhe und schwimmt zwischen schlagenden Wellen. Sie beschreibt Zufriedenheit und zwingt mich doch zum aufgeben des Widerstandes. Ich bin nicht bereit zum aufgeben, habe so hart gekämpft. Ich will keine 180 kotzfreien Tage wegwerfen und bei null anfange zu zählen. Ich will nicht wieder von dem Selbsthass überrollt werden, mir pausenlos Vorwürfe machen, mich anzweifeln und mich als falsch werten – ich will, dass es gut bleibt. Ich will meinen Willen behalten. Noch halte ich mich auf dem Seil, finde noch ab und zu die Balance auf den gedrehten dünnen Fäden, doch das Gleichgewicht im Essen verschwindet langsam durch den taumelnden Körper. Ich zittere – Unsicherheit und Angst vor der Tiefe lassen mich schwanken. Grund: Angst vor dem Kugelfisch. Auswirkung: Verlieren des Gleichgewichtes. Grund: Verlieren des Gleichgewichtes. Auswirkung: Angst vor dem Kugelfisch. Es ist ein Teufelskreis entstanden der mich gefangen hält. Er bannt die Freiheit und Unbeschwertheit. Die Grundursache des Kreises ist mir noch verborgen. Er war da plötzlich und nahm mich gefangen. Das wackeln belegt meine Gedanken, es entstehen Sorge und Furcht – ich will doch nicht – mein Ich will nicht, es ist Doris, die ruft. Ein Fallen bedeutet das aufgeben im Kampf. Ein ins Meer springen bedeutet gerade eine Rechtfertigung zu haben, nicht mehr auf dem Seil weiterzukommen. Doch wieso weitergehen – nur bis zum Nächsten wackeln, bis zum nächsten Zweifeln? Es erscheint gerade so sinnlos, dabei sehe ich die Felsen klar vor Augen, ich habe ein Ziel. Und doch scheint es gerade so einfach und verlockend dieser Anspannung des Seiltanzes zu entfliehen, abzutauchen. Der Therapeut hat genau die Erfüllung dieses Wunsches in Betracht gezogen. Er scheint nicht verstanden zu haben, das ich mich gerade danach sehne, mich an den Kugelfisch zu klammern, seine Geborgenheit im Sturm zu spüren, nur ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken. Doris würde sagen: Alles ist gut, ich beschütze dich, wenn du bei mir bleibst. Das Verlangen danach ist gerade unterbewusst sehr stark, doch mein Bewusstsein schreit noch nein. Ja vielleicht wäre ich stark genug mich wieder aus den Wellen zu kämpfen, aber ich will es nicht versuchen, es erscheint zu riskant und würde verlorene Zeit bedeuten. Zeit in der ich mir die Welt von oben anschauen kann und sie genießen. Doris würde mich nicht beschützen sie würde mich einengen, abhängig machen und mit ihrem zwingenden Bann mich meiner erlangten Freiheit berauben. Sie würde meine Gedanken beherrschen, sie würde mir vorschreiben wann, wie und was ich zu essen habe, sie würde mir zeigen wo meine Schwächen liegen, sie würde mein gutes Körperbild verhöhnen, sie würde mich abdrängen von allem was mir gerade lieb ist, sie würde Lebensqualität rauben. Ich will sie nicht mehr! Ich möchte, dass sie gänzlich verschwindet und doch sehne ich mich nach ihr. Was wäre wenn? Ich würde die Hoffnung aufgeben auf ein Leben in dem ich es schaffe ohne Rückfall zu leben. Ja vielleicht mache ich mir viel Druck, aber ist es nicht gerade eventuell eine Probe, die nach dem überstehen vorbeigeht? Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, auch wenn ich immer mehr schwanke und kippe und der Halt geringer wird. Noch spüre ich die Sonne. Ich weiß das Gott bei mir ist, ich muss nur mein Vertrauen in ihn wiederfinden. Ich werde versuchen auf dem Seil zu balancieren. Schritt 1: Ich werde essen – so regelmäßig wie möglich, aber bedacht. Immer nach der Regel lieber kleine als keine oder zu große Mahlzeiten. Ich versuche mir keine Freifahrtsscheine mehr durch hungern zu erteilen. Ich darf alles essen, halt in Maßen. Schritt 2: Die Waage wird ab dem 1.12 bis zum 06.01 nicht betreten. Schritt 3: Mindestens eine halbe Stunde am Tag mache ich etwas für mich – Musik hören, schreiben, Meditation, Bibel lesen, mit meinem Bruder Zeit verbringen.  … ich versuche es, das verspreche ich mir, mehr geht nicht und Ergänzungen sind vorbehalten. Das was mir der Weg weg von Doris gebracht hat ist neben Selbstwertschätzung und Akzeptanz noch viel mehr und so toll, ich habe spüren gelernt was innere Zufriedenheit ist, das werfe ich nicht weg. Ich taumel vielleicht, aber noch berühre ich das Seil, was mich zum sicheren Fels bringt.

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2 Gedanken zu “Seiltanz

  1. Deine drei Schritte klingen für mich ebenso schlüssig wie mutig und meine Emotion, als ich sie eben las, war eine gute, ich traue mich danach , Dich in Deinem Vorhaben zu bestärken, liebe Elli, freilich ohne „Spezialist“ zu sein. – Meine Seele, mein Herz sagen mir, dass es gut und richtig ist, Dich darin zu bestärken.

    Das wollte ich Dir unbedingt schreiben und, nicht weniger wichtig und aus dem Herzen sagen wie groß mein Respekt ist für die Art, wie Du Dich auseinandersetzt mit den Ambivalenzen, die Dir so sehr zu schaffen machen gerade.

    Ich bin und bleibe an Deiner Seite, liebe Elli, mit dem was ich zu geben habe, was ich tun kann für Dich. Das verspreche ich Dir, und, dass ich darin nicht nachlassen werde.

    Ganz liebe Grüße und immer wieder der Wunsch für Gottes Beistand und Hilfe für Dich!

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    1. Danke für deine Worte, ich spüre das sie aus deinem Herzen kommen. Ich kann gar nicht beschreiben wie sehr mich das bewegt und bestärkt! Ich danke dir für deine Unterstützung, denn ich weiß das auch du zur Zeit nicht viel Kraft besitzt. Ich werde dich ebenfalls weiter in meinen Gebeten mit tragen.
      Liebe und bestärkende Grüße ❤

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