Das perfekte Lernwetter

Gerade stelle ich mir die Frage, wo ich im Kampf mit Doris stehe. Ich stelle mir das immer bildlich vor, so ist es einfacher zu greifen. Doris, der Kugelfisch, der die Essstörung symbolisiert, war sonst immer greifbar und berührbar in dem Bild, nur eine Umarmung entfernt. Ein überwindbarer Abstand um mich an ihr festzuklammern, falls ich ihren Halt (angeblich) brauche. Doch horche ich gerade in mich hinein, ist da nur eine Aura von ihr. Wie ein Windhauch, der ab und an ihre Gedanken vom Meer zu mir an den Strand trägt. An dem ich stehe und versuche so viele Bäume wie möglich zu umarmen. Ich schaue nach vorne, widme mich Aufgaben und Tätigkeiten, die mich abhalten die ganze Zeit zurück auf das Meer zu starren. Es scheint beim Blick zurück so unrealistisch jemals in dem Meer geschwommen zu sein, es scheint so fremd zu sein, so ungemütlich. Es ist kein tolles, blaues, klares Urlaubsmeer, sondern ein wilder, wellenschlagender, dunkler Ozean. So erscheint die Phase, welche ich nun schon über einen Monat hinter mir gelassen habe, vor meinem inneren Auge bei der Erinnerung daran. Eine Zeit in der ich die Bulimie in vollen Zügen umarmt und mich ihr hingegeben habe. Mit Doris durch mein Leben geschwommen bin. Doch nun stehe ich im Geiste am Strand. Beide Beine standfest auf dem Sand – ok so stabil ist der Boden jetzt auch wieder nicht, aber ich stehe und rudere nicht mehr mit den Armen, um über Wasser zu bleiben. Ja mein Leben hat sich verändert. Ich habe mein Semester fast geschafft, einen neuen Nebenjob und freue mich schon auf die nächste Behindertenfreizeit, die ich im August begleiten werde. Auch wenn ich es mit Doris unterm Arm vermutlich genauso geschafft hätte, ich wäre nicht so zufrieden (?). Ja ich bin zufrieden mit meinem Leben zur Zeit, ich lebe gerne. Ich glaube das Wort, welches es ganz gut beschreibt ist befreit. Ich fühle mich befreiter in meinem Leben. Doris hatte mich oft auf den Meeresgrund gezogen, was ich gar nicht bemerkte, weil ich ja sooo stark mit ihr zusammen war und toootal glücklich und hübsch, wenn ich ihre Stacheln gespürt habe. Ist der Bann der mich an sie gekettet hat gelöst? Zumindest ist die Freundschaft gekündigt und zu einer Feindschaft auf Lebenszeit geworden! Heute ist so ein Tag, da sehe ich wie falsch und schädlich es war mich immer wieder in das Meer hineinzubegeben. Heute bin froh den Kampf angefangen zu haben, um Doris hinter mir zu lassen und das Ufer zu erreichen. Und dieses Mal fühlt es sich an, als wäre ich weiter vom Meer entfernt auf dem Strand gelandet. Ja ich kämpfe immer noch gegen den Sog der vom Meer ausgeht, es ist noch immer anstrengend den „bösen“ Gedanken die der Wind zu mir trägt zu widerstehen, doch ich spüre auch die Anziehungskraft des Strandes, einfach der gesamten Insel. Ich bin neugierig und gespannt was sie, das „neue“ Leben für mich bereithält. Doch zur Zeit bleibe ich erst mal bei meinen Palmen, bei der Palme Arbeit, Studium, Familie, Freunde, Ferien.Gerade die ersten beiden sind ziemlich mächtig und geben viel Halt, aber verlangen auch viel Kraft. Wenn die Kraftreserven mal leer sind, tönen die Rufe von Doris natürlich doppelt so laut. Einfach ins Meer mich an ihr festklammern und mir von ihr Kraft und Sicherheit geben lassen, weil auf der Insel ja so viele Gefahren lauern. Aber gerade bin ich zuversichtlich, dass ich irgendetwas auf er Insel finde was mir Halt und Kraft gibt. Auf jeden Fall zählt die Sonne dazu, die am Strand viel intensiver ist. Ja mein Glaube ist da und der ist stark. Über dem Meer hängen Regenwolken, genauso wie vor meinem Fenster seit gestern…. Gestern brachte ich den Tag, der wie die Tage davor von einem miesem Körpergefühl geprägt war, mit Vorlesungen besuchen und arbeiten rum. Heute morgen stand ich dann überraschender Weise mit einem besseren Körpergefühl vorm Spiegel. Auch wenn es mir immer noch so vorkommt, als ob ich viel zu viel esse, halte ich meine Mahlzeiten ein, und das auch obwohl der Sport zur Zeit total ausfällt. Aber ich habe einfach keine Zeit und das Wetter ist ja auch nicht so toll… Es ist also das perfekte Lernwetter. Drinne sitzen über Büchern und Vorlesungsfolien brüten und versuchen sich das alles in den Kopf zu hämmern. Kein Wunder, das Doris da kann noch Platz hat sich festzusetzen, den der Platz der übrig bleibt wird mir Input von der Arbeit gefüllt. Vor einem Jahr in der Prüfungsphase hatte Doris mich begleitet, sie hat mich da durch getragen, der Anspannung den ich durch das Lernen habe ist groß. Bis nächste Woche Dienstag muss alles für die Prüfung in meinem Kopf sein und im Hinterkopf blinken die Erinnerungsleuchten an die Hausarbeiten. Es sind meine Ansprüche und Ziele an mich selbst auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite meine „Ach ich habe keine Lust, es ist so viel“- Stimmung, die wohl jeder kennt (wer lernt schon gerne?), die sonst nur durch Doris zusammen zu fügen waren. Schon zum Abi war sie meine treue Begleiterin… Doch diese Prüfungsphase will ich nicht mit ihr im Meer verbringen, ich will danach ans Meer fahren und dort Urlaub machen ohne Doris im Koffer. Ich nutze das Wetter als Antrieb, was soll man bei Regen auch sonst machen als zu lernen oder drinne zu putzen?

Und allen die nicht lernen müssen, wünsche ich ein schönes Chillwetter 😉

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5 Gedanken zu “Das perfekte Lernwetter

  1. Mich freut der Optimismus, der in jeder Zeile mitschwingt! Und ich glaube, die Insel ist vielleicht gar keine Insel, sondern sogar Festland 😄
    Und wenn Arbeit und Studium mal nicht greifbar sind, wenn du abrutscht und dich an ihnen mal nicht halten kannst, kannst du sicher sein, dass du beim Sog ins Meer noch an Freundes- und Familien-Palmen vorbeikommst. Eine von denen wird dich sicher gerne abfangen 😉

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  2. Ich finde Deine Gedanken sehr schön formuliert und ich glaube fest, dass Du die Prüfungsphase / Lernphase ohne Doris packen wirst 😉 Vielleicht stellst Du Dir immer eine kleine Obstschale hin, wenn du lernst. Das hab ich früher oft gemacht. Sieht schön aus, schmeck gut und man ist nicht so voll, dass das ganze Blut aus dem Kopf in den Magen wandert ❤ Ich glaub an Dich, du hast schon so viel geschafft, da kannst du diesen Schritt auch ohne Doris gehen 🙂 Alles Gute 🙂

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