Morgen geht es (schon) los ! Ich wage es!

Kennt ihr das? Die ganze Zeit fiebert man auf ein bevorstehendes Ereignis hin, man zerspringt manchmal beinahe vor Vorfreude, Aufregung und Euphorie, kann es kaum erwarten, dass es losgeht, möchte am liebsten sofort starten, beim Gedanken daran bekommt man sofort gute Laune und ein Lächeln zaubert sich wie von selbst ins Gesicht und dann steht es kurz bevor … das Warten hat ein Ende und auf einmal scheint es so unreal, so unwirklich. So geht es mir gerade. Ich sitze hier und schreibe, dass ich morgen fliegen werde, nach Sevilla, den Anfangspunkt meines Jakobsweges und kann es irgendwie gar nicht fassen. Waaaas morgen geht es schon los? Die ganze Wartezeit und Vorbereitungszeit ist schon um? 6 Tage habe ich nun schon kotzfrei seit dem letzten Rückfall gemeistert… geht es mir durch den Kopf. In aller Ruhe sitze ich hier und bin baff, irgendwie habe ich den Absprung, den Weg aus dem Teufelskreis geschafft und fühle mich gerade gut und stark dabei. Denke ich an das bevorstehende Abenteuer fühle ich mich nicht überfordert oder gar ängstlich, nein solche Gefühle hege ich gar nicht, ich habe auch keine Zweifel oder sonstiges, ich bin einfach ruhig und gespannt was kommen wird. Seit gestern sitze ich schon auf meinem gepacktem Rucksack und warte und überlege. Habe ich alles? Irgendwas fehlt garantiert noch… Was brauche ich noch? Aber selbst diese Gedanken halten sich in Grenzen. Ich bin auf mich alleine gestellt, habe so nur für mich die Verantwortung und ich komme schon klar. Davon bin ich überzeugt. – Vertrauen, ja ich denke ich vertraue darauf, dass es schon werden wird. Und da fällt mir doch auf: in solchen Dingen scheine ich echt sowas wie Selbstvertrauen zu besitzen. Einfach alleine los und mich trauen, ja das kann ich. Mit dem Losgehen und einfach mal was Wagen hatte ich eigentlich noch nie Probleme. Mehr als scheitern, Fehler machen und mich enttäuschen kann ich ja theoretisch nicht – aber ich will jetzt nicht schwarzmalen, dafür bin ich eher im Nachhinein der Typ (irgendetwas hätte ich immer besser machen können) … – Ganz nach dem Motto: Begehe keinen Fehler zweimal, es gibt so viel Auswahl! Ich bin zuversichtlich, dass ich (scheinbare) Fehler machen werde, wie klein sie auch immer sein werden, aber ich bin auch voller Zuversicht, dass ich meinen Weg finden werde. Von leicht und ohne Herausforderung bin ich nie ausgegangen, wäre ja auch langweilig 😉

Ja, ich sage es noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und habe keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.   Josua 1,9

Morgen werde ich also in den Flieger steigen, ich mache mich auf den Weg, ich traue mich einfach. Wo entlang mich mein Weg führt weiß ich noch nicht wirklich. Die Via de la Plata entlang zum Ziel Santiago de Compostela, aber nur auf der Route, denn es kommt mir nicht vordergründig darauf an, dieses Ziel zu erreichen. Ja, ich will den Weg schaffen und die 1000 km hinter mich bringen, aber mein Ziel ist es mehr einfach zu laufen. Ich finde den Spruch: „Nicht das Ziel ist der Weg, sondern der Weg ist das Ziel“ sehr passend. Man sollte sich auf den Weg machen, um ein Ziel zu erreichen, dieses braucht man als Antrieb und um eine Richtung zu haben; man sollte loslaufen, sonst kommt man nicht weiter. Müssen tut man das nicht, sondern wollen. Und ich will mich trauen. Ich habe vor die 1000 km mit mir zu laufen (natürlich hoffe ich auf Begegnungen), mich dabei vielleicht kennenzulernen, mir zu vertrauen. Es wird eine Herausforderung mich mit mir zu konfrontieren, denn es fällt mir schwer mich mit mir auseinanderzusetzen und mich dabei nicht in Selbstzweifeln und -vorwürfe zu verstricken, das kannte und konnte ich vor der Therapie nicht wirklich. Ich möchte ein Stück herausfinden was ich bin, kann und will, ohne mir gleich den Stempel „nicht gut genug“ aufzudrücken. Anforderungen und Erwartungen an mich habe ich und werde ich auch immer an mich stellen. Ziele sind wichtig um zu wissen in welche Richtung es gehen soll, aber wie das Ziel erreicht wird ist doch eigentlich egal, da kann auch schon mal in Umweg oder Verlaufen dabei sein, das als nicht schlimm anzusehen muss ich lernen. Das worauf ich vertraue ist, dass Gott bei mir ist, er begleitet mich. Ich hoffe meinen Glauben auf dem Weg stärken zu können. Ich erwarte jetzt keine handfeste Hilfe oder Wunder, mir reicht es einfach zu wissen und zu realisieren, dass Gott da ist, auch wenn er nicht offensichtlich präsent ist. Ich werde versuchen ihm ein Stück näher zu kommen, ihn suchen, Kraft durch meinen Glauben bekommen. „Wir können Gott mit dem Verstand suchen, aber finden können wir ihn nur mit dem Herzen.“ Ja ich will versuchen auf mein Herz zu hören, meine Gefühle zu erforschen. Mich mit mir auseinanderzusetzen wird eine Herausforderung, die ich wagen will. Wieso sollte ich mich nicht mit mir beschäftigen, wenn ich mich schon die ganze Zeit begleite? Doch ich setze mich da nicht unter Druck, denn ich denke es wird von ganz alleine kommen. Ich werde auch versuchen einfach mal abzuschalten und einfach nur die Natur zu bewundern. Die Natur die Gott so einzigartig geschaffen hat und jedes Stück Natur, jedes Samenkorn, jede Wetterlage entwickelt sich auf eine besondere Art und Weise, ist das nicht faszinierend? Ich freue mich darauf die Natur und auch die „alten Zeiten“ zu erkunden, mir Städte und Ausgrabungen anzuschauen und etwas dazuzulernen. Mein Hauptziel: Genießen! Ich werde Achtsamkeit üben, im Hier und Jetzt den Weg aufnehmen. Was sehe, spüre erlebe ich? Es einfach stehen zu lassen so wie es ist, es nicht entwerten oder mich von „schlechten“ Gedanken beeinflussen lassen. Mein Motto: Müssen tue ich gar nichts! Ich muss nichts erreichen, ich muss mich mit nichts auseinandersetzen oder tun, aber wenn ich will kann ich. (Natürlich spielt das Wort dürfen auch eine Rolle :P)  Ich will lernen auf meine Bedürfnisse zu hören, denn die machen mich aus: Was will ich? oder manchmal vielleicht einfacher: Was will ich nicht? Auf dem Jakobsweg werde ich auf mich alleine gestellt sein, nur mit meinem Rucksack in einer fremden Umgebung und unter fremden Menschen, auf einem fremden Weg. Das was gleich bleiben wird bin ich, mit vielen einzigartigen Facetten.

„Zuversicht heißt im Vertrauen auf Gott die Zukunft wagen!“ 

Ich gehe auf den Jakobsweg um mich selbst zu finden…. Ein Satz der leicht gesagt ist. Doch wie geht das, diese Selbstfindung? Es stellen sich die Fragen: Wer bin ich und was will ich? Ja wer bin ich eigentlich, diese Frage habe ich mir während der Therapie oft gestellt und war schockiert keine Antwort darauf zu haben. Ein Name, eine Essgestörte, eine Studentin, eine Tochter, eine Schwester, eine Enkelin, eine ehrentamtlich Engagierte, eine Zuhörerin, ein Selbstbewusstsein… Doch was liegt dem zugrunde? Ein Körper, der perfekt ist und funktioniert, so wie meine aufgesetzte Maske? Doch was steht dahinter? All das bin ich nach außen, doch was bin ich innen, wer bin ich selbst? Das Ich-Selbst habe ich aus den Augen verloren durch eine Maske und eine Essstörung ersetzt. Total blöd eigentlich, denn ist es denn nicht das, was mich ausmacht?  Wer ist mir näher als ich selbst? Niemand! Ich begleite mich von meiner Geburt bis zum Tod. Das Ich-Selbst ist immer da, begleitet mich auf Schritt und Tritt, weiß immer was ich mache und wieso (meistens zumindest), mir muss ich nichts erklären, mich nicht rechtfertigen oder recht machen, denn ich bin nunmal so wie ich bin. Das was Nahe liegt ist doch dann Freundschaft mit mir selbst zu schließen. Das hört sich vielleicht auf der einen Seite verrückt und auf der anderen Seite total leicht an, ist es aber nicht, zumindest nicht für mich. Ich bin mir zwar am nächsten und kenne mich am Besten, kenne alle meine Gedanken, Träume, Gefühle und Sehnsüchte, aber auch meine Fehler und Macken ganz genau. Doch je öfter ich darüber nachgedacht habe, beschlich mich das Gefühl mich gar nicht wirklich zu kennen. Was macht mich aus, was kann ich und was will? Eine Menge, so viel steht fest. Im Ziele setzen bin ich gut, ich will das und das erreichen… mein Studium abschließen, irgendwann eine Familie gründen, den Jakobsweg laufen, eine Zahl auf der Waage erreichen, meinen Glauben weitergeben, anderen Menschen helfen, auf Behindertenfreizeiten fahren… und und und … und all das will ich wirklich, von ganzem Herzen. Und können tue ich eine ganze Menge… Doch ich zweifle immer wieder daran, gut genug zu sein, genug zu leisten, ich stelle mir Anforderungen an mich selbst, die ich erreichen will. Es ist ein unzufrieden sein nicht unbedingt mit dem Leben oder der Welt, sondern vordergründig mit mir, mit dem was ich bin und mache. Es geht mir im Leben gar nicht darum es allen anderen Recht zu machen, Erwartungen zu erfüllen, sondern darum mich selbst zufrieden zu machen, indem ich immer alles richtig mache und perfekt. Klappt das nicht, versage ich in meinen Augen oder mache Fehler komme ich damit meist nicht klar. Ich weiß meist was ich will, verfolge das mit einer Menge Durchhaltevermögen und meinem sturen Kopf, den ich manchmal an den Tag lege, es muss immer alles klappen und perfekt laufen. Und wenn ich ein unaufgeräumtes Zimmer haben will, dann bin ich in meinem Chaos völlig zufrieden, egal was die anderen sagen. Diese Einstellung ist ziemlich ungesund, das habe ich eingesehen und will etwas ändern und da ist sie schon, die nächste Anforderung: Freunde dich mit dir an und akzeptiere deine Fehler! Nur kann das nicht erzwungen werden, denn Anerkennung und Vertrauen kann man sich nunmal nicht basteln oder auf Amazon bestellen, man muss es spüren im Herzen, im Innern, dann kann man daran glauben. Durch Selbstanerkennung und Selbstvertrauen kann man trotzdem mit sich zufrieden sein, auch wenn man Fehler gemacht hat, da man sie anerkennt und nach dem Akzeptieren, verändern oder daraus lernen kann. Und da Irren ja bekanntermaßen menschlich ist, gehört es einfach zum Leben dazu nicht fehlerfrei zu sein. Es darf bescheiden laufen, aber davon muss ich mich ja nicht runterziehen lassen. Ich werde schlechter Laune, Druck, Anspannung, Ärger, Zweifeln … auf dem vor mir liegendem Weg begegnen, auch die Essstörung wird präsent sein, aber trotz alledem war die Entscheidung, den Weg zu gehen dadurch nicht falsch und versagen oder scheitern tue ich dadurch schon gar nicht, die ganze Situation wird dadurch nicht schlecht, es zeigt höchstens nur das ich was verändern kann. (So und das lese ich mir jetzt hundertmal durch bis ich es realisiere und spüre :P). Ja ich bin mutig und entschlossen mich zu trauen, es mit mir und dem Weg aufzunehmen, die Zukunft und Veränderung zu wagen! (Im Motivieren war ich auch schon immer gut ;))

Es wird ein Abenteuer, eine Herausforderung und ich habe nicht nur einen Platz in der ersten Reihe, sondern darf auf der Bühne des Lebens das Geschehen erleben und beeinflussen.

 

 

8 Gedanken zu “Morgen geht es (schon) los ! Ich wage es!

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