Plätzchen backen und beten

Hey Doris, weißt du was? Ja vielleicht fühle ich mich seit einigen Tagen wieder verrückter, weil ich mit mir selbst rede und aber auch irgendwie nicht. Und ja du versuchst daraus Profit zu schlagen, dass es gerade so schwer für mich ist zu sehen, dass ich doch nicht so einfach „nicht mehr auf dich hören kann“. Doch bisher habe ich dir widerstanden und werde auch weiter dafür alles tun!

Plätzchen backen mit Oma, Bruder und Doris: „Ui cool, Zimtsterne ohne Mehl – Kohlenhydrate gespart. Waaas? gemahlene Mandeln haben doch so viel mehr Kalorien als Mehl? Vielleicht doch etwas Mehl statt Nüsse?“ Nein ich backe nach Omas Rezept, die schmecken – ist doch egal was drin ist… „300g Puderzucker – ach in der Packung sind nur 250 drin, na dann spar ich mir die 50g, bevor ich jetzt eine Neue aufmachen – jeah, 200 Kalorien gespart!“ „Boar, so viel gemahlene Mandeln … sicher das du nicht doch stundenlang googeln willst um ein Rezept mit weniger Kalorien zu suchen?“ Es kommt auf den Geschmack und nicht die Kalorien an und ich kann mich hier vor Oma nicht als noch „Superessgestörte“ outen, ich mach das jetzt nach Rezept weiter. Der Teig ist so verdammt klebrig… Oma:“Mach noch etwas Mehl ran“ – Meinste nicht das das auch ohne geht? „Die Kohlenhydrate!!!“ Oma und mein Bruder machen noch Spritzgebäck nebenbei. „Da kommt der einfach und steckt mir Teig in den Mund – hat der denn keine Ahnung, wie viel Zucker da dran ist?“ Nein, hat er nicht, er ist 11 Jahre und hat einfach Spaß beim backen und beim spielen mit dem Teig. „Der Teig ist aber lecker, wie wäre es denn mit noch was und dann kotzen? Dann wärst du alle Sorgen los. Bist du bescheuert, du kannst doch nicht den ganzen an deinen Händen klebenden Teig essen…“ – Doch kann ich und nein, ich wäre nicht alle Sorgen los, ich hätte viel mehr und so ein bisschen Teig macht schon nicht gleich 10 kg mehr auf der Waage. Mein Bruder und ich formen aus dem übrigen Teig noch Schneemänner. „Wenn du dir jetzt so viel Mühe gibst, willst du die doch dann nicht etwa essen? Wie willst du das eigentlich machen, einfach Plätzchen essen wenn die fertig sind – die ganze Weihnachtszeit über? Willst du dick werden oder was? Denk mal drüber nach wie schön sorglos das ganze wäre, wenn du wieder kotzen gehen würdest. Du müsstest nicht die ganze Zeit auf der Hut sein aus Versehen zu viel zu essen…“ Jetzt sei aber mal still! Siehst du nicht, das ich hier gerade Spaß mit meinem Bruder habe, das ich gerade gerne Plätzchen backen. Die Kalorien sollen mit egal sein und mein Gewicht auch, das geht aber nicht wenn du mich die ganze Zeit nervst! Du weißt genau, das ich mir geschworen habe bis zu meinem Geburtstag am 08.12. nicht zu kotzen, das ich das durchhalten werde und Weihnachten habe ich letztes Jahr auch schon überstanden und bin nicht geplatzt. Ich habe keine Lust ständig auf Toilette zu rennen, mich davon zu stehlen, die ganze Zeit zu planen, wann und wie ich das nächste Mal kotze. Ich habe kein Bock darauf, eine ausgelebte Essstörung in meinen Tagesablauf zu lassen, weil du mir so viel Zeit damit stehlen würdest. Zeit in der ich jetzt hier mit meinem Bruder und Oma lachen kann. SO und jetzt rolle ich meine leckeren Zimtsterne aus. Oma: Du musst noch Mehl drunter machen, komm ich kipp was hin. „Alarm, Alarm, Alarm, so viel Mehl, was denkt die sich? Das geht nicht. Und was, so dick sollen die werden? Da kannst du ja maximal Einen pro Tag essen“ Und wie ich das machen kann und auch zwei oder drei – so wie ich gerade Bock habe, du hast mir gar nichts vorzuschreiben und schon gar nicht jetzt. Jetzt wo es doch darauf gar nicht ankommt, erstmal muss die Adventszeit beginnen. Es ist doch total sinnlos mir jetzt schon Angst zu machen. „Jetzt streicht sie auch noch Glasur drauf! Die wolltest du doch weglassen!“ Falsch, du wolltest die weglassen, ich finde die gehört dazu. 

Nachdem ich dann gestern zum verkosten einige Plätzchen einfach so! gegessen hab, hat sich Doris für den restlichen Tag vermutlich zur Erholung ihres Herzinfarktes zurückgezogen. Das war nur ein kleiner Einblick, wie es ist mit dem Gedankenkarusell der Essstörung Plätzchen zu backen… Trotz allem hatte ich gestern viel Spaß dabei und habe heute morgen gleich noch andere gebacken. Das regelmäßig Essen habe ich trotz der unplanmäßigen Verkostungen und einer nervenden Doris durchgezogen. Außerdem habe ich mir heute eine Stunde gegönnt, in der ich nur auf meinem Bett gelegen und ein Hörspiel gehört habe und gerade dieses schreiben hier empfinde ich auch als erleichternd. Ich denke das ich Doris gerade etwas hier lasse, ich sperre sie ein in Zeilen Reden geht nicht, aber schreiben ist ein erster Schritt gegen sie. Gestern Abend habe ich gemeinsam mit einer Schwester einen Taize-Andacht besucht. Es war ein tolles Erlebnis, die beruhigenden Lieder und sie Atmosphäre haben einen Glauben getragen, der nicht nur in mein Herz einen direkten Weg gefunden hat. Es wurde unter anderem berichtet von der schlimmen Situation der Christen im Irak, einer Lage die kaum Hoffnung lässt. Menschen habe ihren freien Willen, können den leider aber auch „missbrauchen“. Eine Situation in der man nur betend hinschauen kann. Der Abend brachte mich nah zu Gott, und gab mir wieder neues Vertrauen, das mir in den letzten Wochen etwas abhanden gekommen ist. Was ist denn an meiner Situation schlimm? Gar nichts im Vergleich… Ich kann es schaffen zu widerstehen, das weiß ich und gerade spüre ich meinen Willen nur allzu deutlich. Eine Zukunft in der ich mich wieder in der Essstörung auflöse? Diese Vorstellung scheint gerade nur zu utopisch. Ich bin meiner Schwester sehr dankbar, dass sie mich gefragt hat ob ich Interesse habe. Doris ist super darin meine Aufmerksamkeit auf so eigentlich unbedeutsame Sachen wie 50g Puderzucker zu lenken, daraus ein großes Drama zu machen und mich damit dazu zubringen, dass ich mein Leben gegen die Wand fahre. Dabei ist es auf das Leben bezogen völlig egal, ob in den Plätzchen 50g Zucker mehr oder weniger sind. Das was an der ganzen Sache so wahnsinnig machend ist, dass ich mir nicht aussuchen kann ob Doris redet oder nicht, aber ich kann mir aussuchen inwiefern ich ihr gehorche. Eine Essstörung verbietet und kontrolliert, auch wenn man weiß was los ist – ohnmächtig ist man ihr ausgeliefert, wenn man ihr zu nah kommt. Doch es gibt einen Weg weg von ihr, den habe ich geschafft und nun kämpfe ich darum den Abstand zu behalten.

Euch da draußen sende ich ganz liebe Grüße und Kraft bei euren Kämpfen! Eure Elli

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8 Gedanken zu “Plätzchen backen und beten

  1. Halber Genuss bei vollen Kalorien? Ist doch verschwendet. Lieber vollen Genuss bei ein paar mehr Kalorien. Lass es Dir schmecken und GENIEßE es!!!
    Ich habe mal noch eine Frage ganz außerhalb des Themas: Weißt Du, wie der Titel des Liedes ist, das sie in Santiago beim Pilgergottesdienst singen?

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      1. Lieben Dank.
        Beide sind eigentlich schön. Ich schaue mal, ob ich den Text und die Noten finde.
        Die Schwester singt voll toll, oder? 2016 im Sommer war sie leider nicht da. Ich hatte schon Sorge… Aber wenn Du sie gehört/gesehen hast, dann hatte sie vielleicht einfach mal Urlaub.
        Sei gut zu Dir und sei herzlich gegrüßt.

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  2. Doris, sich vom Herzinfarkt erholend zwischen Deine Zeilen gesperrt!!! – Was für eine grandiose Poesie! Und der teigbenetzte Trekkiegruß von einer herzig krümelkeksmonstermäßig dreiblickenden „Miss Elli“.

    Wenn das Dein Weg ist, ist mir viel weniger bang als manchmal sonst. –

    Ich freue mich für Dich!

    Aber ganz egal, wie es Dir geht und wie Du Bewältigung, Verarbeitung und Kämpfen immer wieder meisterst: Ich bin stets bei Dir!

    Liebste Grüße! ❤

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  3. Lieber sternfluesterer – einfach Danke für deine Worte!
    “Ich bin stets bei dir“, ich kann gar nicht beschreiben wie berührend dieser Satz ist. Ich habe mir etwas Sorgen gemacht die letzten Tage, weil von dir länger kein neuer Eintrag kam… aber manchmal braucht es Zeit für sich oder die Zeit fehlt. Ich bete in Gedanken für dich und sende dir hier ganz liebe Grüße zurück ❤

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    1. Ich habe vorhin einen neuen Eintrag geschrieben. Es ist wirklich garde gar nicht leicht.

      Du bist eine sehr Liebe, ein nicht nur mitfühlender, sondern ein wirklich begleitender Mensch und deshalb einer der nicht so zahlreichen, an die ich manchmal, während der schwersten Momente, zu denken versuche.

      Du tust viel für mich. Mehr als Du wahrscheinlich vermuten kannst.

      Noch einmal ganz liebe Grüße. Ich bete auch für Dich, jeden Abend, während meines kleinen Rituals!

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  4. Ich finde, bei Weihnachtskeksen das Ritual wichtiger als das Essen. Und wenn ich sie esse, dann mit allen enthaltenen Kalorien. 🙂 Ich finde, dass der Geschmack der Familien-Rezepte an sich den Weihnachtszauber ausmacht und ich kann dich verstehen, dass du nicht mühevoll nach „kalorienärmeren“ Alternativen suchst. Mach ich auch nicht 😉 Ansonsten find ich es cool, wie du die Situation mal wieder meisterst. Einfach genießen…was für viele so einfach und unkompliziert scheint, ist in unserem Fall gar nicht so einfach. Aber du arbeitest tapfer daran und bist schon so weit in Deinem Kampf gegen Doris gekommen. Lass sie reden. Und merke: „A Weihnachtsplätzchen a day keeps the Weihnachtsstress away“ 😉 Alles Liebe und eine schöne Adventszeit ❤

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