Die kleine Elli

Ich kam mir gestern vor wie ein trotziges Kind, als ich abends in meinem Zimmer saß und ich versuchte das schlechte Gewissen aufgrund der paar gegessenen Chips zu vertreiben. Es ist Quatsch wegen einer Hand voll gleich die ganze nächste Woche hungern zu wollen – zumal jetzt erst durch baldigen Beginn der Adventszeit die vielen tollen Sachen auf den Tisch kommen. Ich will keine Adventszeit in der ich zuviel verzichte oder mir verbiete. Ich will Schokolade, gebrannte Mandeln, Plätzchen, schokolierte Früchte… essen, aber nicht in Form eines Fressanfalls sondern im Genuss. Ich will auch Glühwein trinken. Ich will Schokolade geschenkt bekommen, zum Nikolaus und zu meinem Geburtstag. Ich will mich über die Schokolade freuen und nicht Angst davor habe, weil sie einen Fressanfall auslösen könnte. Ich möchte mich jeden Tag auf die Süßigkeit aus dem Adventskalender freuen ohne es als Kalorien, die wieder woanders eingespart werden müssen, anzusehen. Ich will mich nicht eine Woche im Vorraus auf einen Weihnachstmarktbesuch vorbereiten müssen, sondern mir auch einen Besuch mit Freunden spontan erlauben müssen. Ich will nicht, dass Gerüche mit antriggern und so einen Fressanfall fordern. Ich will, ich will, ich will … eine schöne unbeschwerte Adventszeit! Und wer kann dieser trotzigen kleinen Elli diesen Wunsch erfüllen? Nur die Elli selbst und deswegen hat eben diese beschlossen, alles dafür zu tun. Sie hat der kleinen Elli gleich gesagt, das alles möglich ist, bis auf das Wort unbeschwert, denn dafür spielt das Essen einfach noch eine zu große Rolle. Doch die Elli hat eine Menge gelernt im ganzen letzten Jahr, sie hat viel geschafft und erreicht und ist standfester geworden. Letztes Jahr hat sie die Adventszeit in der Klinik verbracht und wurde erst kurz vor  Weihnachten entlassen. Letztes Jahr war der Anreiz einfach nicht so groß und über Weihnachten und Silvester hat dann die mitgebrachte Motivation und Sturheit gereicht. Fakt ist: Ich habe die Adventszeit letztes Jahr nicht kotzfrei überstanden, aber Weihnachten. Und wo ein Wille ist, ist ein Weg. Die Zeit wird nicht leicht oder unbeschwert, aber kann trotz Anstrengung schön werden. Ich versuche mir nicht schon vorher zu viele Bedenken zu machen. Ich versuche zu genießen. Versuchen ist was ich kann und auch der kleinen Elli verspreche. Heute ist der 187 kotzfreie Tag. Es ist zwar nur eine Zahl, aber zeigt, dass aus einem geschafften Tag, Wochen und Monate werden können. Sie gibt mir auch Halt und Bestätigung das ich was geschafft habe. Ich habe mir zwar gesagt, dass ich mir nicht mehr durch Zahlen Halt und Bestätigung geben will, aber ich denke bei der ist das in Ordnung. Ich freue mich auf den 1. Advent, den 190. Tag. Da wo ich die erste Kerze an meinem (dieses Jahr eigenen) Kranz anzünden kann. Dann kann ich davor sitzen und das beruhigende Flackern betrachten und die Wärme aufnehmen, die das Licht ausstrahlt. Davor werden die Tage jedoch nochmal etwas unruhig – doch es ist ein freudiges Unruhig. Meine Eltern feiern morgen beide ihren 50. Geburtstag. Viel Vorbereitung, Hektik, Stress, Essen, aber auch nette Verwandtschaft, Spaß, Musik stehen an und meine Schwestern und ich können endlich die Programmplanung hinter uns lassen. Der erste Dezember ist für mich so ein Tag auf den ich schon lange fixiert bin, ein besonderer Tag auf den man sich freut, aber sich auch damit beschäftigt und Gedanken macht. Danach wird es ruhiger, das ist meine Überzeugung. Ab dem ersten kann ich mich entspannen, weil ich die Verpflichtung ablegen kann. Die äußere Verpflichtung mitzuhelfen (was ich auch gerne tue) und die innere Verpflichtung zu funktionieren, nichts falsch zu machen, nichts zu vergessen, gut auszusehen (weil so viele kommen) und das mit dem Essen ohne Doris über die Bühne zu bekommen (dabei freue ich mich auf das Buffet, das wir bestellt haben). Die Verpflichtung, dass niemand bemerkt, wie es in mir aussieht, niemand den Kampf sieht, dass jeder nur die wahrnimmt, die ich sein will. Der 1.12. soll ein Ende sein und ein Anfang, ab dem ich wieder meine Balance mit dem Essen in der Adventszeit suche und umsetzte. Das regelmäßige Essen, welches ich mir vorgenommen habe, hat die letzten Tage gut geklappt – keine Mahlzeit ausgelassen, ausreichend, aber kein überessen. Heute ging es das letzte Mal auf die Waage bis Januar (genaues Datum lege ich nicht fest). Über Weihnachten wird wieder eine Angst vor der Waage kommen, diese Ungewissheit was sie für eine Zahl anzeigen würde. Doch es ist nur der Wunsch von Doris eine Bestätigung zu haben aktiv zu werden – ganz egal welche Zahl da steht. Die Waage sagt: Verzichte auf Genuss und das passt ja nunmal überhaupt nicht mit dem Wunsch der kleinen Elli zusammen – also Augen zu und durch, hab es schonmal geschafft. Und ich muss sagen, zur Zeit mag ich mich eigentlich auch körperlich so wie ich bin – es ist ok so wie es ist und das sagt mir keine Zahl. Gestern hatte ich einen Termin bei meinem Therapeuten. Ich habe ihn auf die unpassende Bemerkung von letzter Woche angesprochen und wir haben es gut besprochen, sodass ich mit einem Gefühl der Erleichterung den Raum verließ. Mir ist dadurch bewusst geworden, dass er mich enttäuscht hat. Da ich ihm vertraue, war es schwer nicht verstanden zu werden, nicht die Hilfe zu bekommen, die ich wollte. Doch man kann in keinen Kopf hineinschauen, deswegen muss es wohl manchmal aus diesem heraus…

 

Ich sende euch ganz liebe, schon fast adventlich angehauchte Grüße!

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7 Gedanken zu “Die kleine Elli

  1. »Jehova ist gut,+ eine Feste+ am Tag der Bedrängnis.+
    Und er weiß um die, die Zuflucht bei ihm suchen.+«
    »»Heute ist der 187 kotzfreie Tag. «« Herzlichen Glückwunsch.
    Jakob, Rahel und Joseph hörten nicht auf gemäß ihren aufrichtigen Gebeten zu handeln.
    Die Beharrlichkeit von Jakob und Rahel wirkte sich zweifelsohne nachhaltig auf ihren Sohn Joseph aus. Ihr Beispiel hatte Einfluss darauf, wie er mit eigenen Glaubensprüfungen umging. Mit nur 17 Jahren wurde Josephs Leben völlig auf den Kopf gestellt: Aus Eifersucht verkauften ihn seine Brüder in die Sklaverei und später erduldete er in Ägypten ungerechterweise eine jahrelange Gefängnisstrafe (1. Mo. 37:23-28; 39:7-9, 20, 21).
    Solltest du merken, dass du irgendwie zum Negativen beeinflusst wurdest, bete auf jeden Fall um heiligen Geist! Handle entsprechend deinen Gebeten. Bemühe dich, jeden Tag in der Bibel zu lesen.
    Wir können den Kampf gegen unsere Schwächen gewinnen, wenn wir an das Lösegeld glauben und völlig auf Jehova vertrauen statt auf unsere eigene Kraft.
    Vielen Dank, dass Du bis hier her gelesen hast. Habe gute Zeiten.

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  2. Genieße Die Zeit des Lichts, die Zeit des Advent, liebe Elli. – Die kleine Elli ist gar nicht trotzig, sie meint es nur gut mit der großen. Deine Zeilen erzählen das. Und weißt Du was: Die kleine Elli ist im letzten halben Jahr in Dir gewachsen und nun so groß geworden, dass sie sich Dir etwas zu sagen traut. Ich finde es total schön, dass Du sie hast.

    Ich weiß, liebe Elli, dass ich am 1 Advent, wenn auch hier bei mir ein Lichtlein brennen wird, ganz sehr an Dich denken werde. Advent und Weihnachten werden für mich in diesem Jahr gerade durch die Bekanntschaft mit Dir, einen zusätzlichen Sinn haben. Du hast mein Verständnis von Glauben, meine Suche, so unglaublich vorurteilsfrei und anerkennen könnend, aufgenommen und mir manches kleine mutmachende Wort dazu geschrieben. Vor allem für dieses und für das Mutmachen, das Du mir durch Dein Kämpfen immer wieder schenkst, mir dadurch Motivation gibst, bist Du mir ganz wertvoll geworden.

    Gesegnete Zeit und liebe Herzensgrüße an Dich ❤ !

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    1. Ja die kleine Elli ist durchsetzungsfähiger geworden und die große Elli hat gelernt ihr zuzuhören.
      Das sind so schöne Worte ❤ Ich empfinde es auch mehr als eine Bereicherung deine Beiträge zu lesen und deine Kommentare sind mir immer eine Unterstützung. Meiner Ansicht nach muss man nicht im Glauben fest verwurzelt sein oder ohne Zweifel glauben um sich über den Glauben auszutauschen oder davon zu erzählen. Ich finde es toll das du da so offen und interessiert bist. Wir werden unsere Verbindung denke ich über die Weihnachtszeit spüren, über Lichter und Sterne 😉
      Für mich ist gerade Weihnachten eine Zeit in der der Glaube immer wieder erneuert wird.
      Ich wünsche auch dir eine gesegnete Zeit – ich denke an dich!

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Elli, ich bin auch niemand der die Tage zählt, aber diesmal mach ich es bewusst. Jeder Tag ist ein Schritt weg von Herrn B., jeder Tag ist weniger den Gedanken an die Essstörung gerichtet und jeder Tag ist ein Tag mehr an dem ich wirklich lebe. Und kleine Elli, wir werden die Gerüche ganz tief einatmen und sie mit etwas ganz wunderbaren assoziieren. Es ist die Weihnachtszeit die uns begleitet mit Keksen und Glühwein (oder doch Punsch?) Es ist eine herrliche Zeit und kein Monster der Welt schafft es uns das den Genuss zu verbieten. Wir müssen nicht, wir dürfen. Wir dürfen Kekse essen. Wie dürfen Glühwein trinken. Wir dürfen naschen. Und wir dürfen – wie jeder andere auch- Leben ohne Druck. Und wer darf, der darf das ohne Druck. Lass es dir gut gehen ♡

    Gefällt 2 Personen

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