Tage voller Action

Es ist Abend am Donnerstag, dem 03.08.2017.

Ich sitze alleine in meiner Wohnung – ich sitze, in Ruhe und frage mich wo die Zeit hin ist. Ich lasse meine Gedanken jetzt einfach mal fließen, es wird vermutlich immer mal wieder gedankliche Sprünge vor und wieder zurück geben – ich hoffe es stört nicht beim lesen, aber ich brauche dieses niederschreiben von dem was gerade in meinem Kopf los ist, einfach so wie es kommt.

Tolle, ereignisreiche, aber auch volle Tage liegen hinter mir. Gefüllt mit Herausforderungen, ungesundem Essen, Freude und Liebe. Montag: Zoo und Kino, Dienstag: etwas Shopping, chillen im Park, Boccia spielen und Maislabyrinth. Mittwoch: Kletterwald. Immer wieder staunte ich beim Klettern wie leistungsfähig ich geworden bin. Im Gurt zu hängen und mich mit meinen Armen zu halten, war ein tolles aufbauendes Gefühl. Adrenalin pur überkam mich beim Fall in die Tiefe bzw. eher eigentlich bei der Überwindung davor. Kilos geben Lebensqualität und mache neben schwerer auch stärker und energiegeladener und ausdauernder, das habe ich verstanden. Jedoch ist es anstrengend die neuen Kilos zu tragen, noch immer fühlt es sich falsch an – einfach zu viel. Doch ich finde es nicht negativ, sperre mich dagegen es als verkehrt abzustempeln. Wenn es eine Last ist, dann doch eine nützliche und brauchbare oder? Das Essen reizt noch immer mein schlechtes Gewissen – zu viel, zu ungesund, zu viele Kalorien, keine Berechtigung blablabla… Gestern Abend habe ich mich machtlos gefühlt, ich stufte mich mit fett und als Versagerin ein. Der Körper schien mich gefangen zu halten, ich fühlte sich an als wäre ich ohnmächtig irgendetwas gegen das schlechte Gefühl zu machen, das mich befiel. Der Spiegel zeigte eine andere Wahrheit, als die schönen Erinnerungen in meinem Kopf. Der Drang mich selbst zu verletzen war stark, genauso wie das Verlangen kotzen zu gehen – ich fand keinen Halt, stürzte wie in ein Loch aus Unwohlsein in meinem Körper. Heute war ein freier Tag geplant, doch ich musste kurzfristig auf Arbeit einspringen. Ich krabbelte also aus dem Loch und schleppte mich in den Laden, so müde hab ich mich beim arbeiten noch nie gefühlt. Irgendwie ging die Zeit rum und jetzt ist es vorbei. Ich verstehe nicht wieso ich so fertig bin, versuche es hinzunehmen, aber will es nicht akzeptieren, ich sehe keinen Grund. Ja, sie letzten Tage waren vielleicht anstrengend, aber nicht zu anstrengend und vor allem doch schön. So viel Freiheit und Unbeschwertheit habe ich gespürt, so sorgenfrei und losgelöst von irgendwelchen Bedenken habe ich selten gegessen, es zählte mein Bruder und die Zeit zusammen. Ich blicke zurück auf schöne Tage und möchte sie so behalten. Tage die mal eine Ausnahme waren, ich habe Burger und Pizza, Nachos und Cornflakes gegessen, einfach weil es in dem Moment dazugehörte. Das was gerade Unsicherheit bringt ist, dass alle Tage die nun kommen eine Ausnahme bilden, Routine oder so etwas wie Alltag ist weit entfernt. Morgen steht Therapie und arbeiten an, am Wochenende Geburtstag von meiner Schwester, nächste Woche bis Mittwoch arbeiten und am Donnerstag diamantene Hochzeit meiner Großeltern und am Freitag startet dann schon die Behindertenfreizeit nach Barcelona. Routiniert essen ist nicht und doch suche ich gerade diesen Halt. Ständig fechte ich mit meinem schlechten Gewissen um mir die Abweichungen von meiner Norm zu erlauben und gut zu reden, ich versuche beruhigend auf mich einzureden mit: Es ist ok, du darfst das. Aber darf ich denn wirklich? Darf ich denn wirklich jeden Tag ein belegtes Brötchen essen ohne schlechtes Gewissen oder Kuchen oder Eis oder oder oder? Frage ich mich was ich zur Zeit wirklich essen darf, lautet die innere Antwort: Nichts und höchstens Salat, aber ohne irgendwelchen Zusatz. Frage ich mich, was ich essen möchte, lautet die Antwort: Alles. Ich begehe den Weg dazwischen, es ist ein Balanceakt. Kann ich denn meinen Kopf nicht mal abschalten? Es fühlt sich so viel an – heute, jetzt gerade. War ich mit meinem Bruder zusammen, habe ich es geschafft die Gedanken oft einfach wegzuschieben, vermutlich wurden sie von tollen Eindrücken überlagert. Gerade bin ich wieder ich, nur ich ohne lächelnde Maske – und eich fühle mich schwer und möchte doch leicht sein – ich kann mich nicht damit abfinden. Gestern Abend probierte ich Klamotten aus meinem Kleiderschrank an. Der Koffer für Barcelona will langsam gepackt werden, die kommenden Tage werde ich kaum dazu kommen. Mein Motto: Wenn dich schon ein mieses Körpergefühl plagt, dann kann es ja nur besser werden. Hosen gingen nicht mehr zu und Tops waren zu eng. Ich war zwischenzeitlich echt frustriert. Wieso musste ich auch so viel essen? Volle Dröhnung gab ich mir heute morgen, als ich auf die Waage stieg – ich wollte es wissen. 54,8 kg Was bedeutet unverändert, trotz Kuchen und co. – ja ich habe auch manche Tage zu den Mahlzeiten reduziert oder das Mittag ausgelassen, wenn es Kuchen gab, aber das haben Familienmitglieder genauso gemacht und es hat sich nicht falsch angefühlt. Kein Grund zur Panik rational betrachtet, emotional sieht es wie erwähnt anders aus.

1h Telefonat ( – von wegen, heute gehe ich früher ins Bett…)

Was bilde ich mir eigentlich ein – eine zu Essstörung haben, Probleme mit dem Essen zu haben… immer noch kämpfen – was habe ich denn bitteschön für einen Grund und Berechtigung dafür? Meine Tante verurteilt es nicht, das ich eine ES habe, das weiß ich. Sie glaubt an mich und betet für mich – sie war letztes Jahr da, als mich scheinbar niemand verstehen wollte und hörte zu, versuchte nachzuvollziehen. „Wieso kämpfst du immernoch?“ – Eine Frage die mich unsicher macht, darf ich noch kämpfen, sollte ich es nicht schon geschafft haben? In der Frage schwingen versteckt die Fragen „Wieso hast du überhaupt eine Essstörung?“ und „Du hast es doch gar nicht schwer, dir sollte es gut gehen“ mit. Ja verdammt wieso fahren meine Gedanken zweigleisig wenn ich Pizza esse? Wieso muss ich überlegen ob ich mich genug bewegt habe, statt einfach nur in Gedanken die Schmackhaftigkeit zu genießen. Wieso muss ich gegen das schlechte Gewissen ankämpfen, statt mich einfach nur über die Gesellschaft zu freuen. Es ist schwer zur Zeit, ich kämpfe zur Zeit – das ist Fakt. Aber ich habe keine Berechtigung dazu, ich habe gar keinen Grund dazu. Wieder einmal hänge ich an der Feststellung: Ich habe keinen Ursache für die Auswirkung Essstörung – ich sollte kein Problem Essstörung haben und somit auch keinen Kampf… Ich brauche Kontrolle, Halt in meinem Leben – braucht das nicht jeder? Es ist doch kein Motiv. Wie sind diese kranken Verbindungen in meinem Gehirn entstanden, wie das falsche Bild und Sichtweise auf mich? Ich sperre mich gerade dagegen mich wie sonst zu verurteilen, weil ich krank bin – ich will es nicht, ich will mich nicht als Feind ansehen oder eine Lügnerin oder gleich als Versagerin auf ganzer Lebenslinie. Ich fühle mich nicht verurteilt. Ich weiß, dass ich mit ihr über alles reden kann. Doch ich fühle mich unverstanden. Ohne Essstörung oder ähnliches nachzuvollziehen, warum es schwer ist das Gewicht zu akzeptieren und wieso man nicht einfach eine Pizza essen kann, ist fast unmöglich das verstehe ich. Ich nehme solche Bemerkungen auch nicht übel, aber ich merke meine eigenen Zweifel, wenn ich nicht erklären kann wieso. Wenn ich mir selbst nicht sicher bin und ich merke, dass ich eigentlich keine Erlaubnis dafür habe in der Lage zu sein in der ich mich gerade befinde. Um das Ganze jetzt irgendwie abzuschließen, die Standardantwort: Ich bin ich und ich lebe, wie ich lebe und handle wie ich handle. Es ist so wie es ist, und jetzt gerade bin ich müde. Und wenn ich gerade kämpfe, dann ist es so – für mich gehört es gerade dazu und ich gewinne dadurch an Lebensqualität. Tag 68 kotzfrei ist heute!

Liebe Grüße und eine gute Nacht!

Eure Elli 😉

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11 Gedanken zu “Tage voller Action

  1. Dieser ganze lange Eintrag hat mich Deine Selbstbefragungs- und Gefühlsachterbahn wahrhaft miterleben und nachvollziehen lassen. Ich habe gehörigen „Respekt“ davor. Zu allem vermag ich nichts zu sagen, weil ich kein „Experte“ bin, aber einfach so aus dem Bauch möchte ich Dir doch ein paar Sätze hier lassen.

    Es ist völlig in Ordnung, liebe Elli, wenn Du Dir Halt wünschst, Halt haben möchtest. Jeder Mensch braucht ein paar Anker, sonst wird es zu schaukelig auf der eigenen Brücke.

    Wenn Du nun schon auf die Waage gestiegen bist, dann nimm vielleicht das Ergebnis als ersten kleinen Halt, als Orientierungspunkt. – Du hast nicht zugenommen, während Du versucht hast, Deinem Körper zu vertrauen. Du hast im Unterbewusstsein kontrolliert (denn Du hast Mahlzeiten reduziert und ausgelassen). Du hast das richtig gut hinbekommen. Vetrau‘ Dir, dass Du es genauso auch weiterhin hinbekommst. Denke dabei an das „Mehr“ an Lebensqualität“, was Du so schön beschrieben und empfunden hast. Und daran, dass auch Lebensqualität wiederum Halt zu geben vermag.

    Sehr beeindruckt bin ich, dass Du es geschafft hast, dem Drang nach Selbstverlettzung oder Übergeben nicht nachzugeben.

    Alles zusammen genommen, hast Du „Deinem“ Dämonen ganz schön den Daumen gezeigt, und Du bist Du geblieben und um ein ganzes Stück mehr geworden.

    Ich wünsche Dir eine gute und traumschöne Nacht und bitte, von Herzen, um Gottes Segen für Dich!

    Sehr liebe Grüße!

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    1. Lieber sternfluesterer, aufzuwachen und so einen wunderbaren Kommentar zu lesen baut auf – vielen Dank! Du hast recht, ich sollte weiterhin vertrauen und jetzt wo ich mich Frage wie ich das machen soll merke ich das da schon eine Grundlage des Vertrauens ist.
      Danke für dein Gebet, auch ich werde dich weiterhin in meine einschließen.
      Ganz liebe Grüße und einen schönen Tag ❤

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  2. Liebe Elli, ich freue mich, dass du schöne Tage mit deinem Bruder verbringen konntest. So wie du schreibst, erkenne ich mich wieder. Dieser Balanceakt ist in den schlechten Tag so stark und doch lernt man Stunde für Stunde nicht nachzugeben. Ja es ist ein Kampf und durch das kämpfen wird man müde, der Körper kann sich nur im Schlaf regenieren. Ich denke viele Menschen verstehen nicht, dass die Essstörung eine Sucht ist. Wir sind die Alkoliker, die trotzdem jeden Tag ihren Schnaps trinken müssen und deswegen kämpfen wir. Der selbstverletzungsdrang war bei mir auch immer wieder da, komisch oder? Wir suchen einen Weg die Gefühl anders zu kompensieren, aber es gibt ja zum Glück, nicht nur die schlechten Gefühle die stark auf einen einprasseln. Es gibt auch noch diese Gefühle, die eine Wärme ausstrahlen und das Herz berühren, dass hab es während der Kotzerei auch nicht wirklich oder? Ich wünsche dir, dass dein Balanceakt bald wieder verschwindet und du wieder mehr Mut und Hoffnung schöpfen kannst. Meist dauert der Balanceakt ein paar Tage, danach wird es besser. Und bis dahin streu ich dir imaginär ein wenig Glitzer auf dein Haupt ..glitzer hilft immer ❤😘

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    1. Liebe kamikazeente, vielen vielen dank für die tollen Worte!
      Du hast recht, auch die warmen Gefühle sind jetzt viel häufiger und jede Phase geht mal vorbei.
      Das stimmt – ein bisschen Glitzer und schon sieht es nicht mehr so trostlos aus 😉
      Liebe Grüße und einen sonnigen Tag wünsche ich dir ❤

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  3. Liebe Elli, zunächst einmal: sei einfach mal stolz auf dich, dass Du das Kotzen aus Deinem Alltag verbannt hast 🙂 ❤ Du hast Dir da eine große Portion Eigenlob verdient.
    Deine Gedanken zu der fehlenden Routine beim Essen kann ich so was von 100% nachvollziehen. Aber wie Du selbst schreibst: es ist alles ein riesiger Balanceakt – und zu straucheln ist völlig ok.
    Diese Unruhe beginnt im Kopf – wenn man weiß, dass diverse Feiern und eine Reise anstehen, kommt einem zunächst automatisch der Gedanke ans Essen in den Sinn. Routine gibt uns eben Sicherheit, aber Du siehst auch, dass sich trotz "ungesunder" Sachen oder Dinge, die man nie hätte essen können, ohne in einen FA zu rutschen, dein Gewicht nicht verändert hat. Vielleicht ist Dein Körper gerade dabei, seine Balance zu finden ❤
    Übrigens: eine sehr coole Tante hast Du 😉 Aber versuche dich nicht mit den Ursachen der Essstörung zu belasten. Sie ist da und JA DU DARFST KÄMPFEN. Und du machst das super! Alles Liebe ❤

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    1. Deine Worte tun wahnsinnig gut – Danke! ❤
      Unsicherheit und Unruhe gehört irgendwie zum Kampf dazu und ich merke das ich immer besser damit umgehen kann und wie du geschrieben hast, das straucheln ist völlig ok.
      Liebe Grüße und einen schönen Tag mit nicht allzu viel Kampf wünsche ich dir!

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  4. Liebe Elli. Ich wollte Dir an dieser Stelle nur sagen, dass auch „gesunde“ Menschen ohne Ess Störung – vor allem Frauen 🙂 – mal über Kalorien nachdenken und ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie Pizza oder Ähnliches essen. Psychische Krankheiten sind meist normale menschliche Befindlichkeiten einfach extrem ausgeprägt. Es geht denke ich eher darum, dass schlechte Gewissen einfach hinzunehmen und es nicht als schlecht oder krankhaft zu bewerten. Ich würde behaupten ast jede Frau rechnet Kalorien nach. Mal mehr mal weniger. Immer ganz und völlig unbeschwert kalorienreiches zu essen halte ich deshalb fast für eine Seltenheit – auch bei „gesunden“. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende ☺️

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  5. Hallo Elli, ich mag deine langen und ausführlichen Posts sehr, auch wenn ich mich beim lesen immer sehr anstrengen und konzentrieren muss, was aber einzig an mir liegt, denn anders als bei Dir, geht mir oft ähnlich viel durch den Kopf, aber ich schaffe es kaum, es so detailliert nieder zu schreiben.
    Ein wenig fühlte ich mich heute beim lesen deines Textes an mein letztes Einzel erinnert. Da sprach ich über meine Ängste, meine Verhaltensweisen und begann irgendwann Szenarien zu beschreiben. Nach jedem Satz, fragte meine Therapeutin „und dann?“ und ich sagt wiederum etwas, das ans vorangegangene anknüpfte. Nach einem guten duzend „und dann?“ fiel mir nur ein „dann is es so“ ein. Darauf meine Therapeutin „eben, dann is es so“.
    Manchmal is es im Leben eben einfach so, dass es so ist. Liebe Grüße

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    1. Es freut mich zu lesen, dass dir mein Blogeintrag gefallen hat 🙂 Ja ich denke, dass ist ein wichtiger Punkt – dann is es so – das zu wissen ist einfach, aber das zu spüren und zu verstehen in den Momenten das andere. Doch wenn man das kann, dann hat man so viel geschafft.
      Liebe Grüße und einen schönen Tag!

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  6. Ich finde es schön, wie du so unverblümt all deine Gedanken runter schreibst und dir erlaubst, „es gerade schwer haben zu dürfen“. Wenn wir uns jetzt auch noch dafür verurteilen würden, dass wir mit einem Problem zu kämpfen haben… Ich habe gerade ähnlich wie du zu kämpfen und finde deine Einstellung, Kopf hoch und durch, sehr tapfer! Mach weiter so 🙂

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    1. Wow, was für ein lieber Kommentar – danke! Ja es ist schwer,aber das darf es auch. Was wäre denn ein leichtes Leben? Leicht ohne schwer kann es nicht geben.
      Ich wünsche dir bei deinem Kampf Kraft und Akzeptanz, Liebe Grüße ❤

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