Der Rekord ist gebrochen

Ich habe die Marke „70 Tage kotzfrei“ am Samstag passiert. Ich weiß es ist eine tollte Leistung, ein mega Fortschritt, ein Schritt der noch nie war – ein neuer Rekord halt und das Beste ist: ich kann es mir gerade gar nicht mehr anders vorstellen. Zurück zur Bulimie klingt so utopisch und die Vorstellung so unreal. Nur essen um kotzen zu gehen, das Verlangen essen zu müssen, die Gedanken das Essen zu viel im Körper ist und nicht sein darf, ständig überlegen was und wann man als nächstes frisst und wo man die Möglichkeit zum kotzen hat – all das möchte ich nicht mehr spüren. Gedanken ans kotzen sind ab und an noch da, auch das zu viel Essen, weil das Aufhören schwer ist, doch es ist keine Abhängigkeit mehr da. Das vollgefressen Fühlen und übermäßiges Völlegefühl sucht mich immer weniger heim. Das Pappsatt-Sein stufe ich ab und an als normal ein, geht doch allen mal so… Ich habe natürlich auch zugenommen in den 70 Tagen, laut dem letzten Wiegen am vor 4 Tagen bin ich im Normalbereich. Wo vor einem Jahr noch Knochen mit Haut bedeckt waren ist nun eine Fettschicht dazwischen. Nicht übermäßig viel, dass weiß ich, aber so viel, dass es gewöhungsbedürftig ist. Fett das schwabbelt und eigentlich zu viel ist in meinem essgestörten Hirnareal. Doch auch in der Hinsicht Körperbild und Selbstakzeptanz bin ich entscheidende Schritte nach vorne gegangen. Das Wort Selbsthass habe ich schon lange nicht mehr in den Mund genommen, ich liebe mich nicht mit Haut und Haar, aber hassen tue ich mich nicht mehr. Ich finde nicht alles an meinem Körper toll, aber ich versuche es zu akzeptieren. Ich bin dabei zu lernen und habe es schon ansatzweise, das es nichts falsches an meinem Körper gibt, nur weil es mir nicht gefällt. Ich habe Achtung vor meinem Körper gewonnen und nehme ihn so wie er ist, ist ja immerhin meiner! Ich brauche kein durchtrainiertes Sixpack, wenn ein bisschen Fett statt Muskeln dort und an den Hüften Platz gefunden hat dann ist es so. Es ist eine Frage der Bewertung. Ist es schlecht einen Bauch mit etwas Masse zu haben? Ich kann doch auch einfach damit zufrieden sein und versuchen es als dazugehörig zu verstehen. Genauso der Po und die Oberschenkel – ich passe nicht mehr in eine XS oder S na und? Heißt ja nicht das ich hässlich bin. Es sind weibliche Kurven und ich habe verstanden, dass der Körper eines Mädchens das falsche Wunschbild für eine 22 Jährige ist. Ich habe verstanden und die Überzeugung abgelegt, dass die Waage mir sagt ob ich mich gut fühlen darf oder nicht. Ich wiege mich alle 2 – 3 Wochen. Die Zahl ist noch wichtig und kann auch für einen Schockmoment sorgen, aber ich verspüre keine Abhängigkeit mehr, ich habe verstanden, dass das Leben nicht von einer Gewichtszahl abhängig ist. Ich kann in den Spiegel schauen ohne mich automatisch zu entwerten. Meine Körperwahrnehmung hat sich verändert. Ich sehe mich glaube, wirklicher als ich bin. So sehe ich meine Beine mit 55 kg nicht immer als mega dick, sondern in einer passenden Hose als trotzdem noch schlank. Alles in allem kann ich sagen auch wenn ich mich mal unwohl fühle, weil das schlechte Gewissen plagt: Ich mag mich! Und mir wird es immer mehr egal, ob ich in eine XS oder M passe, denn ich find mich gut so wie ich bin. Es ist doch viel einfach man selbst zu sein, so wie man ist, als ein Traumbild erreichen zu wollen, wie man gerne sein will. Wieso verrenken, wenn man sich auch so akzeptieren kann. Und mit einfach akzeptieren meine ich nicht sich hängen lassen und selbstverliebt Schokolade futtern, sondern eine Balance haben zwischen etwas für sich und seinen Körper zu tun und auch wenn man es mal nicht schafft trotzdem zufrieden zu sein. Je nachdem was ich gerade schaffe, achte ich auf meine Ernährung oder treibe auch etwas Sport, das hat nichts damit zu tun das ich mich dadurch verbessern will um zufrieden zu sein, sondern ich habe mich schon akzeptiert und mache es für mein Wohlbefinden, weil ich mich dadurch achte. Ja achten finde ich ein gutes Wort, um meinen Zustand zu beschreiben. Achtung = ich tue mir gutes und darf so sein wie ich bin – ich wertschätze mich; Achtung = ich muss trotzdem aufpassen, weil ich noch immer im Lernprozess bin. Ja ich lerne noch und bin noch lange nicht stabil, das habe ich am Wochenende bemerkt, aber ich weiß wie ich mir Halt gebe und worauf ich achten kann. Am Wochenende war der Geburtstag meiner Schwester angesagt. Am Samstag erst mit Freunden, am Sonntag dann mit Verwandten. Viel Mahlzeiten und viel zu viel Essen, von dem ich viel zu viel gegessen habe, denn wenn es schon mal so was Tolles wie Kuchen und Grillkäse gibt… Schon wieder Ausnahmen, doch es waren viele und eigentlich gab es die ja schon letzes Wochenende – es kann doch nicht nur Ausnahmen geben. Die ganzen Tage fährt mein schlechtes Gewissen schon jubelnd Riesenrad, immer eine Runde nach der anderen. Es ruft: Du hast zu viel gegessen, zu viele Kalorien, zu wenig bewegt, zu viel Alkohol getrunken, du hast nicht gehungert, du hat es dir nicht verdient… jeder schlechte Gedanke spendiert ihm eine neue Runde und von oben spuckt es einmal auf meinen Wohlfühl- und Selbstakzeptanzbereich im Gehirn. Ab und an schaffe ich es z.B. durch die Arbeit den Strom anzuschalten, aber irgendwie scheint das Riesenrad sich jedesmal wieder von alleine zu drehen. Ich hatte Spaß und hab mein Leben genossen, ich habe Freude geteilt und Genuss verspürt.

Neulich habe ich mit dem Gleichnis bei Mt 13, 45-46 beschäftigt. Es handelt davon, dass ein Kaufmann eine Perle entdeckt. Diese Perle findet er einfach nur toll und sie symbolisiert für ihn das wertvollste was er je gesehen hat. Um diese Perle erwerben zu können verkauft er alles was er besitzt, sein Haus, seine Tiere, sein Land… Er gibt sozusagen sein bisheriges Leben für die Perle auf. Die Perle kann man meiner Ansicht nach auf verschiedene Weise deuten. Sie kann den Glauben zu Gott symbolisieren, durch den man ein neues Leben erhält, denn in der Ewigkeit bringen Reichtümer und Besitz nichts. Ich sehe die Perle generell als einen neuen Weg an. Sie zu entdecken war ein Wunder und eine Chance zur Veränderung. Die Perle zu erwerben eröffnet einen neuen und besseren Weg, einen Weg den man schätzt und liebt, weil er so wertvoll ist, dass man alles dafür aufgibt. Ich habe Doris aufgegeben und Wertschätzung und Achtung von mir durch mich erworben. Die Perle symbolisiert für mich ein neues Leben ohne Essstörung. Diese gänzlich aufzugeben kann man mit einem Hausverkauf vergleichen, es fehlt Halt und Sicherheit, weil man es ja gewohnt ist. Ich habe mich aber entschlossen, lieber den freien Himmel über mit zu wählen und mich selbst als Verbündete zu nehmen. Das Erwerben der Perle schließt ein Gestalten, Entwickeln, frei Sein mit ein. Im Leben kommt es manchmal darauf an solch eine Perle zu suchen, durch sie eine eine Alternative oder andere Richtung zu haben, wenn es nicht weiter geht und sich wagen, etwas aufzugeben und den anderen Weg zu probieren. Denn Selbst wenn man wie der Mann alles aufgibt und opfert, sich selbst nimmt man doch mit. Jeder Mensch kann sich selbst als Schatz erwerben. Oft ist es ein Wagnis alles einzusetzen was nötig ist, um das Geschenk des Lebens zu genießen, manchmal ist es vielleicht auch die falsche Perle oder sie wird unpassend mit der Zeit und man stößt auf eine Glänzendere. Das was bleibt ist im richtigen Moment zu vertrauen und hoffen, das die Entscheidung richtig ist, die man trifft. Mich bestätigen über 70 kotzfreie Tage und verbesserte Lebensqualität, dass ich vorerst die richtige Perle erworben habe.

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Ich sende euch ganz liebe Grüße und wünsche euch einen schönen Abend!

Eure Elli 😉

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7 Gedanken zu “Der Rekord ist gebrochen

  1. Du hast vor allem eins getan und gewagt, dein Vertrauen auf Gott gesetzt. Das hat dir die Tür geöffnet durch die du gerade gehst. Das wird es dir weiter ermöglichen zu sehen, dass deine einzigste Sicherheit und dein Halt in ihm allein liegt. Ich freue mich total für dich dass dieser Prozess in dir stetig voran geht! Es zählt nicht wie lange du kotzfrei bleibst oder vllt einen Rückschlag haben könntest sondern allein die Veränderung. Dafür bist du offen und nimmst es an. Du wirst sehen, irgendwann kommt der Zeitpunkt an dem sich deine Gedanken auch um diese Dinge nicht mehr drehen werden weil es seine Gewichtung verloren hat und du nur noch auf Gott schaust. Völlig egal welche Umstände um dich herum sein werden. Bleib dran, dein Weg trägt Frucht!

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