Zwickmühle und Handelsabkommen

Heute ist so ein „Klatsch mich an die Wand, und lass mich liegen – Tag“. Ich habe das Verlangen meinen Kopf auf den Tisch zu hämmern, doch nicht die Kraft dazu. Seit gestern bin ich zu Hause – in meiner Heimat – bei meiner Familie. Ich liebe sie und freue mich jedesmal nach Hause zu fahren, doch gleichzeitig fahre ich in ein Gefängnis. Ich nehme eine Rolle in einem Film an – Älteste von vier Geschwistern, für alle da, der Puffer zwischen Streit. Ich bin die, die denkt, sie kann das alles abfangen, nur damit sich die Eltern nicht zu sehr anschreien, damit Oma nicht zu sehr getroffen wird, damit mein kleiner Bruder nicht allzu sehr darunter leidet, bin die große coole Schwester (und das total gerne), die mit ihm Spaß hat, eine Schulter zum anlehnen ist, eine Ersatzmutter. Die eine, die die Schuld auf sich nimmt, weil sie ja stark genug ist, die die putzt und sich um den Haushalt kümmert, weil Besuch am Abend kommt, weil Mama, wie immer einem Termin hinter dem anderen herjagt – ok sie hat einfach Termine, kann ja auch nichts dafür und meine Schwestern es geschafft haben sich abzunabeln und immer aus dem Staub machen. Ich bin die, die alles im Griff hat und von ihrem perfekten Studentenleben erzählt, von Vorlesungen, die Spaß machen, von den guten Noten, die sie bekommt, von den Treffen mit Freunden. Ich bin die, die alle begeistert wenn sie erzählt, alle unterhält und sich Gedanken macht und immer den Überblick hat. Doch auch die, die verschweigt, dass sie das Gefühl hat das ihr das Leben aus der Hand gerissen wird, die die sich selbst verletzt, die die sich unwohl fühlt in ihrem Körper, die die eigentlich gar nicht überzeugt von sich ist, die die einfach nur in Schamgefühlen und Selbstvorwürfen ertrinkt, die erstickt, wenn sie etwas sagen will, was aus ihren inneren Gefühlen gespeist wird, der es nicht möglich ist zuzugeben: die Essstörung ist zurück, hat mich im Griff. Ich auch die, die sich einfach unverstanden fühlt, nicht anerkannt und es selbst nicht schafft sich anzunehmen. Ich kann hier nicht frei atmen, bin gefangen und doch glücklich hier zu sein – spüre ehrliche Freude im Herzen, wenn ich mit meinem Bruder zusammen bin, habe auch ab und an ein Lächeln auf den Lippen, dass die Augen erreicht. Es ist doch meine Heimat – eine Heimat, die neben zuhause-Gefühlen, aber auch festhält und einengt. Lebensmittel erschlagen mich, bilden einen Weg aus der Zwickmühle die sich auftut. So viel Wut in mir. Ich bin auch die, die mal laut wird, rausschreit was alles schief läuft, die ihre Mutter kritisiert und doch gleichzeitig unterstützt und ihr hinterherräumt, ich bin die, die ihren Vater mit guten Noten begeistert und doch die Einzige ist, die sich traut zu sagen, er soll seine schlechte Laune nicht an Familienmitgliedern auslassen und auch mal etwas helfen. Ich bin die, die ihre Schwestern unterstützt, von Erfahrungen erzählt, ein Vorbild ist, aber auch die, die vollkommen mit ihnen in Zickenkrieg aufgeht. Ich bin die, die ihrer Oma Gesellschaft leistet und ihr zuhört, weil anscheinend sonst niemand Zeit hat. Ich bin die, die für ihren Bruder alles bedeutet, die seine heile Welt versucht zu erhalten, die versucht ihn zu verstehen, ihn zu unterstützen, für ihn da zu sein. Ich bin die, die alle ermutigt ihre Leben zu leben, Hobbies wahrzunehmen, sich Zeit für eigene Belange zu nehmen, die, die alle versucht zu verstehen – die, die alles ist außer sie selbst. Diese kommt nur wenn sie über der Toilette hängt und noch nicht mal die bin ich, diese Seite hasse ich, diese will ich loswerden. Es ist eine Zwickmühle, eine Zwickmühle, die ich erkenne. Ich weiß ich sollte mich abgrenzen an mich denken, nicht in der Zwickmühle bleiben, doch es geht nicht. Doch statt mich völlig vereinnahmen zu lassen, versuche ich jetzt einen Zwischenweg zu gehen. Doris gänzlich zu widerstehen schaffe ich gerade nicht, um Doris ganz zu zulassen habe ich aber zu viel Kampfgeist und Sturheit in mir – ich gebe mich ihr nicht gänzlich hin. Ich vereinbare mit ihr ein Handelsabkommen und das hat gestern schon ganz gut funktioniert. Keine Fressanfälle zwischendurch – es wird nicht ununterbrochen gegessen und gekotzt – keine 15 mal und mehr am Tag. Mahlzeiten ok, kotzen danach auch ok, sind einfach zu viele Kalorien für das Gewissen… Da darf sich Doris ausleben, ich koche kalorienreich und gehe kotzen – doch nicht mehr als 5 Mal am Tag. Die Fressanfälle dazwischen versuche ich zu bekämpfen – das Verlangen nicht zuzulassen – den Druck anders rauszulassen, das Versteckspielen und schlecht fühlen nicht herauszufordern. Es wird schwer die nächsten Tage dieses Handelsabkommen einzuhalten, es wird schwer Doris klein zuhalten und doch zuzulassen, doch ich werde es versuchen. Es gibt einige Termine, eine Geburtstagsfeier, Treffen mit Freunden … an denen ich mich festhalte, weshalb ich ja eigentlich hier bin. Gestern war ich nur 3 mal erbrechen. Nach einem erfolgreichen Frühstück in meiner Wohnung fuhr ich nach Hause und schaffte es einem Fressanfall am Bahnhof zu widerstehen, indem ich die Schokolade nach einem ewigen hin und her einfach wieder hinlegte. Ich fühlte mich stark danach, vielleicht würde es ja zu Hause auch irgendwie gehen, ja vielleicht … Doch schon zum Mittag die Nudeln ließen den Schalter kippen. Doch ich schloss das Handelsabkommen mit Doris – erst zum Abendbrot wieder. Komischerweise scheint Doris bis jetzt dem Abkommen zuzustimmen, sie darf da sein, wird ab und zu gestreichelt und hört dafür auf ununterbrochen zu brüllen. Heute Abend steht noch grillen auf dem Plan, es macht mir Angst, aber ich lasse es nicht zu Panik kommen, ich nehme die Angst als Zeichen der Achtung war – ich werde achtsam sein, dass Doris nicht zu groß wird. Doris darf da sein, aber nur mit Einschränkungen. Ich fühle mich vielleicht innerlich komplett zerrissen, schwach und durcheinander, aber ich habe die Willenskraft Doris einzuschränken. Vielleicht ist es eine Sackgasse in die ich renne, aber für mich scheint es gerade ein akzeptierbarer Mittelweg.

Allen anderen wünsche ich auch viel Kraft beim Kampf mit großen und kleinen Monstern im Alltag 😉

 

12 Gedanken zu “Zwickmühle und Handelsabkommen

  1. Weshalb gehst du das nicht mit Jesus an und lässt dich von ihm leiten? Ich glaube auch dass es gefährlich ist mit Doris zu verhandeln.

    Verzeih mir meine Direktheit…

    Ich wünsche dir einen gesegneten Tag mit Schritten nach vorne

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    1. Ja vielleicht ist es das, aber es ist gerade die einzige Möglichkeit um über Wasser zu bleiben und auch so Gott zu sehen. Manchmal muss man sich mit dem Feind verbünden um Frieden für den Glauben zu schaffen. Leider ist Doris gerade zu stark und mein Vertrauen in den Glauben zu schwach. Ich halte fest, aber kann mich nicht tragen lassen.
      Es ist ok – ich finde es gut, das du direkt und ehrlich schreibst was du denkst.
      Danke, wünsche ich dir auch 🙂

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  2. Du liebe tapfere Elli, ich versteh dich zu gut. Ich kenne das Gefühl und der Versuch es allen Recht zu machen, sich aufzuopfern und auch Widerstand zu geben – aber trotzdem nicht selbst zu sein. Aber wann ist man das? Wann kannst du, du selbst sein? Wenn du dich Doris hin gibst – alleine? Bei Freunden? Es ist ein Rollenkonflikt – du bist Schwester, Tochter, Studentin, Freundin und vieles mehr. Deine Rollen in die du täglich schlüpfen musst. Das Gleichgewicht zu finden ist das wichtige. Was will ich? Was brauche ich? Was tut mir gut? Die soziale Welt wird immer komplexer und du wirst deine Strategie finden, den Rollenkonflikt adäquat zu lösen. Da bin ich mir sicher, denn du erkennst ja, dass es widersprüchlich ist. Dein Handelsabkommen ist gut, vielleicht kannst du ja irgendwann einen Schritt weiter gehen mit z.B. das Frühstück bleibt drin. Ich wünsche dir für das Wochenende Kraft. Du bist nicht allein ♡

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    1. Ja, das stimmt du hast vollkommen recht – wir leben in Rollen und Aufgaben, aber müssen ein Gleichgewicht finden, wer ich wirklich bin oder wirklich ich da bin ich gerade noch auf der Suche – ich beschreibe die Momente mit zufrieden. Wenn ich zufrieden bin, möchte ich nirgends anders sein als gerade da wo ich gerade bin – das kann als Schwester, Studentin etc. sein.

      Danke für deinen Zuspruch, das ist eine gute Idee, mal sehen, vll sollte ich auch von Mahlzeit zu Mahlzeit entscheiden und nicht schon vorher abstempeln..

      Danke, dir auch ❤

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  3. Ich verstehe das so gut, dieses.. ich weiß auch nicht. Finde gerade nicht die Worte.. einfach wie das ist, wenn man nach Hause fährt, für mich fühlt es sich dann immer so an als würde ich Paralellleben leben, obwohl doch gleichzeitig alles ich bin, aber.. ja, ich finde gerade wirklich nicht die passenden Worte. Wollte dir aber wenigstens kurz was dalassen.
    Hab ein so gutes Wochenende wie es eben geht!

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    1. Danke das ist toll, schon alleine das „ich verstehe das“ ist wie Balsam auf der Seele… Ich denke immer – das kann doch nicht sein, das es einfach nicht klappt… Aber ist halt einfach so.
      Du auch 🙂

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      1. Gerne und danke dir für das Aufschreiben deiner Gedanken dazu hier. 🙂
        Ich wünsche uns beiden, dass wir den Mut finden werden auch in der Heimat die Seiten von uns zu zeigen, von denen wir denken, sie dürften nicht gezeigt werden. Aber es ist auch schwer, wenn der Rest der Familie auch in diesen Rollen drin ist und das Ganze dann zu durchbrechen. Ich habe für ich gemerkt, dass ich das noch nicht schaffe, wenn alle zusammen sind, aber in ganz kleinen Schritten bei einzelnen Menschen dann, und merke, dass sich dadurch schon etwas verändert. Sehr langsam, aber es tut sich was und zwar dadurch, dass ich mich anders verhalte, das macht dann auch etwas mit den Rollen der anderen und das zu merken, dass wirklich ich das verändern kann, das tut gut. Und wenn sich dadurch nichts verändert weiß ich wenigstens, dass ich mich so verhalten habe wie ich das möchte und nicht so, dass ich mich verstecken muss. Das klingt jetzt viel einfacher als es ist und so als würde es immer klappen.. Manchmal traue ich mich, das wünsche ich dir auch, falls es bei dir ähnlich ist. Dass du dein Inneres nicht verstecken musst.
        Manchmal weiß ich auch nicht, ob wirklich die anderen das so erwarten oder man selbst von einem. Wahrscheinlich ein Mix.

        Ich fahre morgen auch zur Familie und werde an dich denken. 🙂

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      2. Danke, das sind tolle Worte und ich freue mich für dich, das du es in kleinen Schritten schon schaffst ❤ vielleicht schaffe ich es auch, auch wenn ich mich nicht wirklich verstecke, sondern auch vor mir eher so tue als ob…

        Viel Kraft und trotz allem eine schöne Zeit – ich denke auch an dich 😉

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      3. Hmm. Ich gehe dann irgendwie in so einen automatischen Funktionsmodus, als würde man sich von sich selbst entfernen oder weglaufen, muss ich dann in dem Moment auch nichts für tun, aber trotzdem fühle ich dann, dass ich immer angespannter werde oder andere Symptome kommen. Aber ich glaube, dass Veränderung möglich ist, sehr sogar.
        Dann wünsche ich dir, dass du irgendwann auch Zuhause bei dir selbst sein kannst. Ich glaube man braucht einfach viel Geduld und Nachsicht mit sich selbst.

        Dir auch ganz viel Kraft!

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  4. Meine Liebe, Kompromisse sind in JEDER Beziehung ein MUSS! Du hast für den Moment einen für Dich gefunden. Er funktioniert zur Zeit für Dich, also kümmere Dich nicht um die Meinung anderer. Zieh Dein Ding durch! Ich verstehe das so gut man klammert sich irgendwie an jeden Strohhalm, um durch den Tag zu kommen.
    Ich würde Dir allerdings gerne noch einen kleinen Tipp / Rat geben, was Deine Rolle innerhalb der Familie angeht: sei auch mal ein kleines Bisschen „egoistisch“ und mach inmitten dieser Zusammenkünfte mal was, was Dir guttut. Vielleicht einfach mal eine Viertel- oder halbe Stunde an die Luft gehen, nur um durchzuatmen. Sowas kann einen erdrücken. Ich kann das nachvollziehen – ich bin in meinem engsten Freundeskreis auch immer die, die alles organisiert, die sich von sich aus bei allen meldet…
    Nimm Dir auch Zeit für Dich ❤ Aber hier sieht man wieder, dass Du eine sehr starke Persönlichkeit bist. Ich wäre wahrscheinlich schon im Irrenhaus 😉
    Also arrangiere Dich mit Doris, halte sie klein, mach Deine Kompromisse und genieße die Momente, in denen Doris nicht da ist. Alles Gute 🙂

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    1. Danke für die lieben Worte, die unterstützten gerade – ja ich werde einfach mein Ding machen!
      Durchatmen klingt gut – das sollte ich vielleicht wirklich mal bewusst machen.
      Danke, dir auch ❤

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