Tag 38 (27.02.) – nach der Ruhe kommt der Sturm

Noch 10; 9; 8; 7; 6; 5; 4,9; 4,8; 4,7 km uuuuuund ich sehe Santiago. Ich habe den Monte do Gozo erreicht. Bald bin ich da, ich habe es fast geschafft, gleich, gleich… Vorfreude macht sich breit. Vorfreude – die schönste Freude, ist es nicht so? Dieses sehnsüchtige Gefühl da sein zu wollen, dieses erhabene Gefühl es fast geschafft zu haben, dieses Gefühl, dass etwas passiert, dass etwas kommt, etwas eintritt, diese fröhliche Stimmung wenn man daran denkt, das Lächeln auf dem Gesicht wenn man es sich vorstellt – einfach nur die Freude davor. Diese erwartete mich heute nach über 30 km – nach 30 km Anstrengung, nach 30 km auf und ab, nach 30 km Schweiß und Schmerzen, nach 20 km strömendem Regen, 5 km Gegenwind. Tja was soll ich sagen die Vorfreude vor der Ankunft war so toll so mitreißend – ca. 1000 km liegen nun hinter mir, ich habe einmal Spanien von Süd nach Nord nach Westen durchquert und jetzt bin ich kurz vor dem Ort auf den ich die ganze Zeit zugelaufen bin, die Stadt, die ich erreichen will – ein Gefühl einfach zu schön, da bleibe ich doch glatt die letzte Nacht hier oben und genieße das erhabene Gefühl auf das Ziel hinabzublicken. Morgen früh werde ich dann vermutlich im Regen, aber stolz einlaufen. Einen ganzen Tag triumphieren, feiern…  – naja mal sehn, so selbstverliebt bin ich nicht geworden, ich tue mich gerade jetzt schwer zu sehen und anzuerkennen was ich geschafft habe, bin auf die Eindrücke morgen gespannt. Das war er also der vorletzte Tag vor Santiago de Compostela:

Arzua – Monte do Gozo (34,4 km) 

Bis gestern Abend füllte sich die Herberge noch, am Ende waren wir 11 Pilger – was für eine Unruhe zu gestern in der Herberge :p Aber es war schön zu reden und sich austauschen zu können. Es waren Spanier, 2 Koreaner und ich. Noch 39 km bis Santiago… ging gestern in meinem Kopf herum, auch bei den anderen herrschte Vorfreude, Begeisterung – das Ziel war so nahe. Wieso nicht die letzten 40 km mit einmal gehen? Ja wieso nicht? Ja vielleicht… Viele ließen ein vielleicht stehen – auch ich. Wie wäre es schön morgen schon anzukommen, aber 40 km und das bei Regen? Kurz vor dem Einschlafen blieb ich bei meinem Plan 20/20. So schlief ich bis kurz nach 7, packte meine Sachen und machte los (ich konnte nicht mehr warten) Auch einige Andere standen schon in den Startlöchern. Schon beim Sachen packen kam der Gedanke wieder, wieso nicht die 40 gehen? Nass werde ich heute und morgen auch… Ja vielleicht, erstmal 20 km laufen. So regendicht wie möglich eingepackt stellte ich mich der niederkommenden Nässe. Am Anfang war es bloß Regen. „Nicht so schlimm, davon lasse ich mir doch meine gute Laune nicht verderben.“ Über Asphalt und Waldboden ging es, der Regen wurde schlimmer, mal von vorne, mal von links. 5 km und meine Hose war nass, das Wasser lief innen das Bein hinunter. 7 km und ich schwitzte hatte ich doch wetterbedingt einen schnellen Schritt angeschlagen (als ob ich dem davon laufen könnte…). Ich ließ die Kapuzen ab. Regen und Schweiß strömten nun gemeinsam in kleinen Rinnsalen das Gesicht hinunter. Die Haare waren nass. „Ach was solls, ist ja erfrischend.“ 10 km und in meinen Schuhen stand nun das Wasser. Die Schuhe waren mindestens doppelt so schwer, demnach waren auch die kranftaufwändiger. „Niemals gehe ich heute mehr als 20 km.“ Da konnte ich beten und mir noch so oft versuchen einzureden, wie schön doch die Welt und der Wald bei Regen aussah und das die Vögel trotzdem singen. Ich hatte keine Lust mehr, sollte Santiago doch bleiben wo es war (was es auch tat)! Nach etwa 16 km, als das Wasser schmatzend zu den Schuhen rausquoll und ich immer überlegte, wohin ich laufen sollte (nass war ich ja eh einmal, da könnte ich gleich durchlaufen) wurde der Regen weniger. „Aber um 6 erst in Santiago ankommen und das total fertig und durchnässt?“ Ich hatte mir meine Ankunft anders vorgestellt… Aber die 20 km waren gleich (halb 12) erreicht und die Herberge würde erst um 1 aufmachen. Doch 5 km vor Santiago gab es noch eine Herberge… Diese war nun mein neues Ziel, doch dafür gönnte ich mir eine Pause bei 18 km – ein Pizzaschild lockte mich. Mein Frühstück hatte in einer Banane bestanden und ich hatte Hunger. Pizza, Salat, Bier und ein Kaffee, ich startete wieder aufgetankt. Wie sagten meine Eltern und Großeltern immer? Wenn du aufisst wird schönes Wetter. Früher hatte ich es für Irrglauben gehalten, heute konnte ich mich selber davon überzeugen. So hörte der Regen auf und ab und zu blitzte sogar ein bisschen blauer Himmel durch. Ob es die aufgegessene Pizza war, der Alkohol, der Koffein oder meine Gebete – beschwingt und fröhlich flogen die nächsten Kilometer nur so vorbei. Ich sang und pfiff das Rennsteiglied und Lobpreislieder und erfreute mich an der Natur. Die nasse Hose und durchweichten Schuhe rückten in den Hintergrund. Die letzten 5 km setzte mit dem Regen ein Sturm ein. Meist kam er von vorne. Der meist aufsteigende Weg würde durch den Gegenwind umso wird, aber meine Laune könnte es nicht schlimm trüben, die Kilometer schmolzen. Das Cape flatterte, die Füße patschten, die Haare stellten sich auf und ich fühlte Vorfreude. Was für ein verregneter stürmischer Tag… Nach den Tagen der Ruhe und Friedlichkeit scheint das Ziel jetzt auf einmal zu sagen: Hier bin ich! Ich antworte da nur: Morgen komme ich 🙂 Bis dahin leistet mir ein spanisches Ehepaar Gesellschaft. Heute noch nach Santiago zu laufen hat sich nicht richtig angefühlt. Das Bereit-Sein dazu hat gefehlt. Ich glaube der Tag heute war sehr anstrengend, umso schöner, dass morgen ein freudiger Tag wird, ein Tag des Ankommens und auch etwas Abschließens und darauf freue ich mich, wie auch immer es aussehen wird. 

Etwa 38 km waren es noch am Ortsausgang

Vorne schon nass, hinten noch trocken
Schön trotz Regen

und am Ende des dunklen Waldes erwartet mich ein strahlendgelbes Rapsfeld

Das Pilgerdenkmal auf dem Monte do Gozo
Immer schön motiviert bleiben 😉
vom Winde verweht 
Am Horizont ist Santiago zu erkennen

6 Gedanken zu “Tag 38 (27.02.) – nach der Ruhe kommt der Sturm

    1. Also ich finde die Herberge echt toll! Alles was man braucht und mordern, es ist warm, tolle sanitäre Anlagen, und voll ausgestattete Küche, und relativ kleine Zimmer… Was will das Pilgerherz mehr 🙂 ist halt ne Bungalowsiedlung und nichts individuelles oder besonderes
      Große Pilgerfiguren? Ne hab nur das Denkmal angeschaut und dann schnell in die Herberge. Wo stehen die denn?
      Danke, die werde ich nochmal richtig genießen :p

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      1. Klar, Bungalowsiedlung, aber innen genau, wie Du sagst. An den Zimmern fand ich den recht großen Eingangsbereich toll 🙂
        Tja, schwer zu beschreiben mit den Figuren. Es sollte ein recht neuer Pfad hinführen. Da waren sie im Sommer am bauen. Von den beiden aus kann man auf Santiago schauen. Du kannst ja spanisch – vielleicht kann es Dir jemand vor Ort erklären.
        Da ist doch so eine kleine Kapelle mit einem Kiosk (jedenfalls im Sommer). Von dort aus führte dieser neue Pfad zu den Figuren.

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  1. Sicher gut,dass du auf dem Berg der Vorfreude geblieben bist. Ich war ganz allein vor 14 Tagen dort oben. Mir kommt es auch so vor, als wenn wir uns gerade erst verabschiedet hätten, jetzt liegen schon wieder 600 km zwischen uns.
    Genieße morgen dein erstes Ankommen in Santiago, dass erste mal ist es immer am schönsten. Liebe Grüße von Ralph

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    1. Ja, es ist ganz gemütlich hier, bevor der Trubel morgen zurück kehrt.
      Das stimmt und du scheinst heute bei Sonne gelaufen zu sein 😉 hier regnet es noch immer
      Das werde ich Danke 🙂 und liebe Grüße zurück und einen schönen Lauftag morgen 😉

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