Weil es so besser ist.

Ich weiß, dass die Krankheit nicht eingebildet war, auch wenn es mir jetzt manchmal so vorkommt. Es scheint oft so unwirklich einem Fressanfall nachzugeben oder nach dem Essen kotzen zu gehen. In meinem Kopf steht zur Zeit: ich darf essen und das Essen darf auch verdaut werden. Ich spüre die Krankheit wenn ich alte Tagebucheinträge lese, wenn bei bestimmten Situationen und Orten Bilder in den Kopf schießen, die so greifbar und nachahmbar erscheinen. Manchmal scheinen die Bilder so nachfühlbar, als hätte ich gerade eben über der Rasthoftoilette gehangen. Es sind schlimme Bilder in denen ich mich meist von außen betrachte und mich frage: Wie könntest du nur? Bilder die mich triggern und belasten, die mich schlecht schlafen lassen. Eine Vergangenheit die mich in mitreißenden Bildern überrollt. Eine Vergangenheit die ich am liebsten aus meinem Kopf streichen will. Eine Vergangenheit bei der ich mir zu Familienfeiern im schicken Kleid die Fingernägel in den Bauch gerammt habe, weil es sein musste, weil es Routine war. Die Abhängigkeit und das Rauben der eigenen Entscheidungen. Die Aufgabe des eigenen Willens und der Selbsthass den die Krankheit impliziert. Der Gedanke und das Gefühl das nur eins zählt: mich durch Essen, Kotzen, Hungern selbst erniedrigen – ja das war Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit von der ich mich zur Zeit gelöst sehe. Was nicht bedeutet das ich nun zufrieden mit mir bin, ganz im Gegenteil, ich fühle mich unwohl und ja auch ich esse manchmal zu viel oder schränke mich ein, verzichte hier und da, aus Angst vor der Gewichtszunahme. Ich wäge ab was ich essen kann und die Angst vor einem Fressanfall ist manchmal präsent, die Gedanken ans kotzen sind noch da, aber ich habe mir meinen Willen zurückerobert. Ich kann entscheiden was ich ausführe, wie ich handle und worauf ich höre. Die Fähigkeit trotz dem Quälgeist in mir trotzdem meinen Weg zu gehen, dass macht die Essstörung so ungreifbar zur Zeit. Ja es ist gut, ich mag diese Entwicklung, ich bin froh es zu sehen, auch wenn der „Ist das jetzt richtig?“- Gedanke über mir schwebt. Das was richtig ist, ist zu leben. Ich fühle mich unwohl und bin unzufrieden doch nicht in meinem Körper, sondern mit meinem Körper. Das ist der Unterschied. Ich lebe mit mir und sollte versuchen nicht gegen mit zu leben, denn so wie ich es gerade erlebe, macht das viel mehr Spaß. Ich kämpfe nicht gegen die Essstörung, weil es ohne sie perfekt ist oder super oder wunderbar oder heile Welt oder wie man auch immer das Ultimatum des zufriedenen Lebens bezeichnen will.  Ich kämpfe weil viel einfach nur besser ohne sie ist, weil das Leben ohne sie lebenswerter ist. Weil die Bilder in der kürzeren Vergangenheit der letzten 48 Tage besser aussehen und ohne Scham und Schuld betrachtet werden können. Ja natürlich ist manches auch schlechter ohne sie: Ich kann keine Unmengen an Süßkram und Fast food mehr in mich stopfen ohne zuzunehmen. Die Waage zeigt mehr an und statt Knochen sehe ich Fett. Ich habe keine Berechtigung mehr vor mir mehr schwach zu sein, denn ich bin ja jetzt normalgewichtig und da muss man ja optimal leistungsfähig sein. Kein Grund der es mir irgendwie annehmbarer macht, wenn ich mal Versage. Durch die Essstörung habe ich versucht das auszugleichen was mich unperfekt macht, um perfekt zu werden. Auch wenn ich weiß, dass es perfekt nicht gibt und ich die erste bin die zu anderen sagt: Es ist sogar wunderbar und einzigartig wenn du nicht perfekt bist! – Vor mir selbst muss ich es sein. Heruntergebrochen wollen wir doch alle nur gesehen und wahrgenommen werde. Entweder weil wir uns super fühlen und das bemerkt werden soll oder weil es uns mies geht und wir Hilfe erhoffen, es aber nicht zugeben wollen. Ja, ich denke ich habe mich durch meine Essstörung auch in einem Aspekt außergewöhnlich machen wollen. Wollte den Hebel betätigen in der Umwelt gesehen zu werden oder auch zu verschwinden. Dabei kann ich nur außergewöhnlich sein wenn ich lebe und da meine ich nicht das dahinplätschernde Hand in Hand mit Doris. Schon alleine das Leben an sich macht mich einzigartig. Ich werde versuchen mich so zu zeigen, wie ich bin, auch wenn ich nun normalgewichtig bin. Ich bin wer ich bin. So und jetzt habe ich das Gefühl genau das geschrieben zu haben, was ich in den letzten Artikeln auch schon geschrieben habe. Aber so richtig habe ich es noch nicht verstanden, deswegen kann ich es mir gar nicht oft genug vor Augen halten.

Gestern hatte ich wieder einen Therapietermin und danach fand ich es alles andere als schlimm die nächsten Wochen keinen zu haben. Wir hatten beide keinen super Tag. Er wirkte auf mich gestresst, genervt und uneinfühlsam – auch Therapeuten sind nur Menschen und ich denke dadurch das ich mich als Ursache mit meinem Gelaber wirkte es auch noch intensiver auf mich. Ich sprach nicht an was ich sagen wollte – behielt meine Bilder im Kopf. Ab 15 Uhr arbeitete ich und wechselte das erste Mal erfolgreich die Papierrolle in der Kasse! Ganz ohne Hilfe, da ich wieder alleine arbeitete und so auch abends zuschloss.

Heute ist der Tag gerade Mal 4 h alt und trotzdem war er schon aufwühlend und gerade sitze ich gefühlt erschlagen am Boden. Mein Körpergefühl ist heute besser als die anderen Tage. Aber das ist bisher das einzig Positive neben dem Sonnenschein, der sich gerade durch die Wolken kämpft. Heute sagte ich bei der Blutabnahme nicht Nein zur Waage, ich fühlte mich gefestigt. Die Zahl: unverändert – ich machte keine Luftsprünge, aber etwas Erleichterung, dass es nicht nach oben gegangen ist legte sich auf mich. Ich glaube nach unten hätte es mich auch beunruhigt. Mein Körpergefühl ist noch gut und irgendwie scheint mich die Zahl zu stören, aber nicht zu berühren. Und so lasse ich das jetzt stehen. Das was mich gerade runterzieht ist mein Ergebnis der einen Klausur. Da steht eine 3 eine verdammte 3! Ich hatte ehrlich gesagt wirklich ein besseres Gefühl. Das noch etliche andere 3er und auch 4er bis nicht bestanden in der Ergebnisliste stehen ist mir egal, da stehen auch 1er und 2er. Und schon merke ich wie ich mich rechtfertigen will eine 3 geschrieben zu haben. Es ist einfach zu schlecht. Ich habe mich beim Lernen nicht konzentrieren können, weil ich ja gehungert habe, ich habe zu wenig gelernt – zählt nicht, bin ja kotzfrei und normalgewichtig. Ich kann einfach nicht vor mir sagen: Ok, dann hab ich halt daneben gelegen. Wie gehe ich denn mit diesen Versagensgefühlen um? Sie schweben greifbar um mich. Sie sitzen wie schwere Steine auf der Brust und machen das Atmen schwer. Ich fühle mich schlecht, ich fühle mich erschlagen, traurig?, wütend, schwach – aber all das darf ich nicht sein, weil ich ja kotzfrei und normal bin. Rational weiß ich, dass es falsche Schlüsse sind, aber ich spüre, das was ich fühle. Ich habe keine Berechtigung dafür mich schlecht zu fühlen, ich habe es verbockt. Ich habe ja noch nicht mal eine Berechtigung gehabt überhaupt eine 3 zu schreiben, wird mir gerade bewusst. Was bringt es mir diese verdammten Gefühle zu fühlen? Was mache ich damit? Darauf sagt der Therapeut nur: Machen sie was damit es ihnen gut geht. Mir geht es aber nicht gut!!! Ich mache mit Vorwürfe, ich habe Schuldgefühle – ich habe es nicht verdient das es mir gut geht – nicht jetzt.

„Egal was kommt,
es wird gut, sowieso,
Immer geht ne neue
Tür auf, irgendwo.
Auch wenn’s grad nicht
so läuft, wie gewohnt.
Egal, es wird gut, sowieso.“ – singt Mark Foster gerade im Radio… Fühle mich gerade etwas verarscht und aufgefordert aufzuwachen. In meinen Augen war es ganz klar Gottes Hand die da jetzt am Musikpult für den Zufall gesorgt hat. Ok – ich bin wachgerüttelt, lese gerade das was ich über dem Lied geschrieben habe. Und sage jetzt: Doch ich habe es verdient. Gar nicht: weil … irgendwas, sondern einfach so. Ich muss auch nicht begründen, wieso ich eine 3 geschrieben habe und schon gar nicht vor mir selbst rechtfertigen. Heute liegt noch so viel Tag vor mir. Ich werde mich mit der schon oft erwähnten Freundin dem Bau des Hasenstalls widmen, morgen gehen wir dann gemeinsam auf eine Geburtstagsparty und für den Sonntag werde wir garantiert auch eine Beschäftigung finden. Ich freue mich schon tagelang darauf und bin mir sicher, dass es eine tolle Zeit werden wird und die lasse ich mir von keiner Zahl (egal welcher) rauben! Beides ist kein Weltuntergang und wenn dann wären Zahlen eh unnötig. IMG_20170714_104640

Der Druck auf der Brust ist während der letzten Sätze etwas verschwunden, dafür applaudiert Gott jetzt in meinem Kopf und ich lächle mich selbst zustimmend und aufmunternd an. Ja das Leben ist besser ohne Essstörung und ein Fressanfall würde rein gar nichts an der Situation jetzt ändern. Das Leben ist besser mit Glauben (woran auch immer), Freunden, Freuden und vor allem mit mir.

So war jetzt ein etwas längerer Eintrag, aber mir hat der geholfen und vielleicht kann der Ein oder Andere auch etwas aus meinem Geschreibsel mitnehmen 😉 Die nächsten Tage werde ich eine kleine Pause einlegen und die Zeit und das Leben genießen, während ich meine Handwerkerkünste ausbaue. Ich wünsche euch da draußen schonmal ein schönes Wochenende!

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4 Gedanken zu “Weil es so besser ist.

  1. Wow! Was für ein toller, beeindruckender Eintrag. Ich könnte Romane dazu denken und schreiben. –

    Deine Krankheit, liebe Elli, ist anders, hat auch ganz andere Symptome als meine, aber ich habe mich an ganz vielen Stellen Deines Eintrags wiedergefunden. – Und, wie soll ich es ausdrücken, es klingt sicher ein bisschen blöd, ein bisschen palkativ, aber irgednwie fühle ich mich von einem sehr intensiven Empfinden, das in mir beim Lesen Deiner Zeilen entstanden ist, getragen, solidarisch mit Dir.

    Wier Du Dich selbst reflektierst, wie Du Dich hier mit Vergangenem und Gegenwärtigem, das Dir auf die Seele geht, Dich verunsichert, auseinandersetzt, ist in meinen Augen beeindruckend. Und es zeigt, dass Du auf einem Weg bist, von dem ich mir für Dich wünsche, dass Du ihn weiter zu gehen vermagst.

    Es sind viele Momente, die Du beschrieben hast, die ich sehr mit Dir teile:

    Das Wissen und doch immer wieder Zurückgeworfenwerden auf und in eine schlimme, dramatische Vergangenheit. – Das (Wieder)aufkommen von Versagensängsten, von Schuldempfindungen. – Die Verunsicherung darüber, wie weit und gut es um die eigene als so relativ und bisweilen geradezu unglaublich empfundene Stabilitätsphase steht. – Der Druck auf der Brust …

    Tja, und wir reflektieren, denken und „zer“denken viel.

    Es ist nicht wahr, dass vor allem rationale Menschen denken. Sie denken wohl zielgerichteter, stringenter, effektiver. Emotionale, sensible, empfindsame, denken allerdings viel mehr, allseitiger, umfassender, feingliedriger. Schon wieder von dem (unterbewussten) Anspruch getragen, bloß keinen Aspekt, kein Moment, zu vernachlässigen oder zu übersehen.

    Ich sehe und verstehe, dass Du eine Menge Erfolge erzielt hast in den letzten Wochen.

    Nach all dem, was ich hier gelesen habe und was ich glaube darin erkannt zu haben (ich habe es hier in meinem Kommentar wirklich nur skizzieren können) – habe ich wirkliche Herzenswünsche für Dich. – Weil das so ist, gehörst Du ab heute Abend zu jenen Menschen, für die ich JEDEN Abend ganz bewusst ein paar Gedanken und manche Bitte in den Himmel schicke.

    Alles nur Gute, Dir, liebe Elli, zuerstmal ein schönes, entspannendes, genussreiches Wochenende.

    Ganz viele liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Sternfluesterer, deinen Kommentar zu lesen rührt mich gerade total. deswegen von Herzen einfach: Danke!
      Das Wochenende war sehr erfolgreich 😉
      Ich sende dir Liebe Grüße und wünsche dir einen guten Start in die neue Woche!

      Gefällt mir

  2. Liebe Elli, deine Zeilen – Nein du, du sprichst mir aus der Seele. Es ist der Perfektionismus der uns quält, aber es wird immer leichter..und das ist so schön. Auf einmal lebt man ..man lebt wirklich und ich schüttel den Kopf wenn ich an „früher“ denke. Dieses Gefühl ist einfach der Wahnsinn. Ich danke dir für deine Zeilen & hab ein schönes Wochenende. Alles Liebe ❤

    Gefällt 2 Personen

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