Veränderung

Ich stehe in der leer geräumten Wohnung. Nichts zeugt mehr von etwas, das die Bewohnerin beschreibt, nichts ist mehr hier das von ihr erzählt. Es kommt mir vor als verliere ich wieder ein Stück gewonnenes Ich. Hier habe ich jetzt ein halbes Jahr gelebt. Hier habe ich mich eingelebt. Hier habe ich die Wäschespinne vor den Kühlschrank gestellt, überall Merkzettel verteilt… hier bin ich kotzfrei geworden. Hier habe ich einen Rückzugsort gefunden. Hier bin ich total erschöpft von ersten Arbeitstagen ins Bett gefallen. Hier habe ich meine erste Marmelade gekocht. Hier habe ich ich sein dürfen… Es fühlt sich an, als würde ich mit einmal alle „zu Hause“ zu verlieren die ich besitze. Das eine hat sich aufgelöst und das andere wird beengend.

Zur Zeit verändert sich so viel – irgendwie alles und doch bleibt vieles gleich. Ich fühle mich überrumpelt, hilflos und doch ist alles so monoton.

Mein Studium: – besteht eigentlich nur noch aus meiner Bachelorarbeit, die ich erst im nächsten Semester abgeben muss, einem Praktikumsbericht und einem Expose. Alle Kurse mit Vorlesungen sind schon abgeschlossen. Ab nächstem Jahr werde ich wohl nur die Bibliothek als Vertretung der Unigebäude ab und an besuchen. Ich habe keine Pflicht mehr zu einer geregelten Zeit dort zu erscheinen.

Meine Wohnsituation: „Back to the roots“ trifft es wohl ziemlich genau. Meine Wohnung in der Unistadt ist gekündigt. Ich habe am Mittwoch den Schlüssel abgegeben und bin nun wieder offiziell bei meinen Eltern eingezogen. Der Grund: kein Bafög mehr und ja auch keine Pflicht mehr zur Uni zu müssen. Um zur Unistadt zu gelangen heißt es jetzt: 15 min Mama oder Papa Shuttle + 30 min Zugfahrt.

Meine Arbeitssituation: Wie sich die im nächsten Jahr entwickelt ist noch offen. Gedanken zu Veränderungen sind jedoch aufgrund der neuen Wohnsituation da. Mein derzeitiger Nebenjob ist die einzige Verpflichtung wöchentlich zur Unistadt zu fahren und ich werde abwarten ob es im nächsten Jahr eher Richtung Belastung oder Erholung schwenkt.

Ansonsten ist alles beim Alten, ich nenne mich noch immer Studentin und führe weiterhin erfolgreich den Kampf gegen Doris. Die Situation mit dem „wieder zu Hause einziehen“ ist nicht einfach. Das was ich mir in dem halben Jahr erarbeitet habe, die Freiheit und das Auskommen mit mir – nur mit mir klarkommen und mich mit mir anfreunden…. ich habe Angst das das wieder verschwindet, weil der Raum dafür verschwindet. Ich habe Angst zur Last zu fallen, Mama und Papa zu belasten. Ich will das nicht, aber sehe gerade keine andere Möglichkeit. Ich traue mich nicht Forderungen zu stellen, weil ich dankbar sein muss, dass sie mir all das ermöglichen. Ich traue mich nicht – ich zu sein, ganz „unkontrolliert“ aus Angst etwas falsch zu machen. Es ist eine Überwindung zu sagen: „Mach ich nicht oder ich brauche Zeit für mich“, weil ich keine Forderungen stellen darf. Und ich traue mich nicht darüber zu reden, über all die Ängste und Sorgen, weil die nicht sein dürfen und unberechtigt sind – sagt mein Kopf. … ich darf nicht versagen oder fordern, weil es falsch ist und ich es nie gemacht habe … nur im Bezug auf die Essstörung ist es anders. Sie berechtigt vor mir mein Versagen und fordert für mich.

Es gibt die Situationen zu Hause, wenn wir gemeinsam abends einen Film schauen, ein Adventssingen mit Nachbarn veranstaltet wird oder wir gemeinsam Spiele spielen, in denen alles gut ist und ich mich wohl fühle. Aber es gibt auch immer wieder die Phasen in denen ich irgendwer bin, nur nicht ich, weil mein Ich hier keinen Raum habe. Weil es den anderen egal ist wie ich klar komme, was ich mir wünsche. Ich bin super im Anpassen und Einstecken, auch im Austeilen, aber dann bestrafen mich eigene Vorwürfe umso mehr. Ich bin super darin dafür zu sorgen, dass alle berücksichtigt werden, nur ich bleibe dabei auf der Strecke, weil es für diese Position niemanden gibt. Alles ist so eingespielt und verfahren… und ich möchte jetzt nicht gemein oder so klingen, aber hier denken alle nur an sich und ich denke an alle nur nicht an mich. Ich habe jetzt lange mit der inneren Hoffnung gelebt, dass jemand sich einmal vor mich stellt und für mich kämpft, so wie ich es aus meiner Sicht für die Anderen tue (jemand, der auch an meinem Geburtstag mal sagt: Setz dich, ich mach das!)… doch es wird nicht passieren, weil es nicht zur Routine gehört… Das ist mir nach meiner letzten Therapiesitzung klar geworden. Ich fange an die Illusion zu begraben und beginne gleichzeitig zu der Front „für andere da sein“, auch an der Front „für mich da sein“ zu kämpfen. Ich habe es gelernt und schon gemacht im Raum meiner Wohnung, nun beginne ich hier zu Hause. Die Anderen werden sich nicht verändern, aber ich kann etwas für mich verändern. Mein Therapeut sagte: „Das ist ein festgefahrenes Familiensystem und sie sind die Einzige, die eine Therapie machen.“ Ja und ich bin die Einzige die sieht, dass ich was für mich verändern muss, wenn ich nicht Weihnachten, zwischen Kühlschrank und Toilette verbringen möchte. Oberflächlich ist alles gut, aber ich lebe auch im Untergrund. Ich schreie, aber werde nicht gehört. Ich bin nicht leise und doch werde ich ignoriert. Ich bin bei allem vorne dabei und bin doch unwichtig. Ein Beispiel: Planung des Essens für Heiligabend. Ich habe mir Lachs gewünscht – Braten gibt es jeden Tag danach und ess ich nicht wirklich und Lachs sehe ich als was Besonderes an, was mein Studentengeldbeutel nicht hergibt und auch Doris nicht einfach mal so bejaht, aber zu Weihnachten – wieso nicht? Oma und Mama fanden die Idee gut. Gestern komme ich heim und jetzt soll es Schnitzel geben. – Doris sieht Panade und Butter in der Pfanne… Gerade hatte ich sie soweit, das wir keine Panik mehr vor dem Kartoffelsalat schieben und dann das… „Was wir hatten Fisch gesagt?“ „Ich dachte du isst kein Fisch.“ „Na nun haben wir die Schnitzel. Wir machen am Samstag Fisch. Es gab Wels im Angebot.“ Was sollte ich da antworten als: „Ich erzähle seit Tagen, das ich am Samstag arbeite bis 15 Uhr und Wels ist kein Lachs.“ Verdammt, ich erwarte keine Rücksicht nur weil ich eine Essstörung habe oder gar das die Anderen sich umstellen wegen mir, ich komme schon klar… Ich bin ja diejenige, die sich Doris aufgehalst hat und es nicht die Schuld der Anderen, dass ich sie habe… Ich habe es aufgegeben zu hoffen, das sich das Blatt einmal wendet und ich die bin für die sie sich mal verbiegen (ich warte gerne 1h irgendwo bei einem Zahnarzt im Wartezimmer nur um dann mit nach Hause genommen zu werden, wenn meine Schwester mit ihrer Behandlung fertig ist und es ist immer ein Abenteuer am Bahnhof vergessen zu werden…) — Alles was ich erwarte ist gehört und verstanden werden und das Versprechen gehalten werden. Doch schon das scheint ein unmöglicher Wunsch zu sein.

Nicht das ihr das jetzt falsch versteht – ich liebe meine Familie, jedes Mitglied auf seine Weise und ich bin gern mit ihnen zusammen, ich verstehe jedes Einzelne und mir ist bewusst, wieso jeder so ist wie er ist. Mit meinen Schwestern kann ich super Geburtstagsprogramme auf die Beine stellen und mit allen eigentlich tolle Ausflüge machen. Vermutlich habe ich nur noch nicht meinen Weg gefunden.

Seit Wochen fühle ich mich wie ein Spielball zwischen zwei Welten: der Welt zu Hause, in die ich immer mehr wieder einen Fuß setzte, die mich zu erdrücken scheint und der Welt in meiner Unistadt mit meinem Nebenjob, die immer ungreifbarer und belastender wird, weil ich mich entferne. Die letzten Wochen war es ein reges hin und her. Ich fühle mich wie ein Flummi dem verboten zur Ruhe zu kommen. Denkt er jetzt kann er etwas langsamer machen oder an einem festen Platz bleiben, wird er wieder geworfen. Alles verändert sich und alles was ich will ist Ruhe und Routine. Ich will raus aus diesem Hin und Her und abschalten. Jeder möchte etwas von mir und ich habe das Gefühl für jeden da sein zu müssen – es zerreißt mich, ich bleibe auf der Strecke. Ich weiß nicht wann ich die letzten Tage einmal nicht den nächsten Termin schon im Kopf hatte oder gar eine Weile am Stück gesessen und geruht habe. Arbeiten, Krippenspielproben im eigenen Ort und Aufführungen, bei denen ich meine Mutter unterstützte, mein Auszug und den ganzen damit verbundenen Schriftkram – generell Weihnachten halt… wieso ist diese Zeit bloß so stressig? Ich schalte innerlich ab, derzeit geht es mir äußerlich gut – das fühle ich auch oft so. Doch ich denke, dass ich vieles unterdrücke und nicht spürbar zulasse, denn der Druck mich zu schneiden kehrt immer wieder und auch das Hungern ist verlockend, bis nach einem ersten Biss dann das Verlangen kommt. Die letzten Abende saß ich oft 2 h da und kämpfte bis der Druck endlich etwas nachließ. Gitarre spielen, schreiben, singen, tanzen, boxen hilft – doch all das kann ich nur wenn ich das Gefühl habe auch Raum dafür zu haben. Bei meinen Eltern fehlt mir dieses Gefühl leider oft – da bin ich eine Erwachsene, die funktioniert und doch ein Kind, das beobachtet und analysiert wird. Sie sehen in mir die Erwachsene, die ich für sie schon sehr früh war – eine solche sollte wissen was zu tun und wie zu tun. Doch das harmoniert nicht mit dem Kind sein, das ich war und das verdrängt wurde, denn als solches habe ich keine Ahnung was zu tun und wie zu tun. Doch da es erwartet wird und ja auch schön ist als Erwachsene gesehen zu werden weiß ich was zu tun und wie zu tun – ich lerne durch zusehen und hineindenken. Ich tue also bin ich, doch ich möchte lernen zu sein und deswegen zu tun. Leider hat das bisher noch nicht wirklich geklappt. Morgen noch einmal arbeiten und dann kommt Weihnachten. Und trotz allem freue ich mich darauf. Weihnachten ist ein schönes Familienfest und das Miteinander ist da. Weihnachten ist das Fest der Hoffnung.

Die derzeitige Veränderung und Situation wird enden, damit sich etwas Neues verändern kann. – irgendwann, oder?

Das was mir derzeit am meisten hilft und Zuversicht schenkt ist die Behindertenfreizeit auf die ich als Betreuerin über Silvester fahre. Es war bisher immer ein Ort an dem ich ich war. Auch wenn er nicht für immer war, gibt er Halt und Beständigkeit. Dieses Jahr wird es ein Ort, der mir hilft aus diesem Hin und Her zu kommen und mich zu erden. Eine Zeit in der ich die Probleme hier ein Stück zurücklasse und von oben betrachte. Eine Zeit in der ich mit einer Gruppe verreise, auf die ich mich freue und die sich auf mich freut, da ich schon viele kenne, kann ich das mit 100% Wahrscheinlichkeit sagen.

Denke ich an nächstes Jahr, freue ich mich auf das was kommt, ich bin gespannt und motiviert und möchte herausfinden was mein Lebensweg bereit hält. Ich werde einen Job suchen und finden und mir irgendwann eine neue Wohnung nehmen. Und bis aus der 7 eine 8 wird, habe ich mir vorgenommen kotzfrei zu bleiben. Was sind schon 8 Tage im Verhältnis zu den geschafften 210 Tagen?

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2 Gedanken zu “Veränderung

  1. Was für ein Einblick in Dein derzeitiges Leben, Deine derzeitige Befindlichkeit!

    Das ist alles wahrlich nicht leicht, und Du machst es Dir zudem nicht leicht mit Dir selbst. Du hinterfragst Dich soviel, immer wieder mit dem Blick auf Deine Familie, die Dir lieb ist, auf die Du angewiesen bist, von der Du Dir aber auch den mindestnötigen Raum für Dich selbst wünschst. Du äußerst keine Schuldzuweisungen, Du suchst, Dich einzubringen und Deiner familie nicht Last zu sein.

    Was wissen, was verstehen sie in Deiner Familie von Deinem Leben, von Deiner speziellen Situation, von Deiner Essstörung? Diese Frage hat sich mir immer intensiver gestellt, während ich Deine Zeilen hier las. – Ich denke nicht, das Du viel oder gar zuviel verlangst. Du wünschst Dir , wenn schon kein VERSTEHEN möglich ist, so doch wenigstens VERSTÄNDNIS. Und das ist nicht zu viel. Jeder, dem Du lieb bist, müsste das eigentlich auch so sehen.

    Allerdings ist das für die Betreffenden nicht leicht. Ich weiß das (meine Frau hat ja auch so ihre Not mit mir), ich weiß, dass auch das Zeit braucht. Da helfen nach meiner Erfahrung nur sensible Gesprächsversuche und Gespräche. Ich habe selber lange gebraucht, um mich zu „trauen“, es damit zu probieren.

    Vielleicht (wenn Du es nicht schon probiert hast) könntest Du das auch versuchen. Langsam, schrittweise, Du würdest es sensibel genug tun, davon bin ich felsenfest überzeugt.

    Ansonsten, liebe Elli, möchte ich Dir gern noch sagen: Ich würde Dir nicht nur schreibend oder lesend zuhören, sondern auch im buchstäblichen Sinne. Vor allem dann, wenn es für Dich nach Deinem Empfinden wichtig wäre, dass da mal jemand zuhört. Ich bin dazu bereit. Gern für Dich! Gib‘ mir nur ein kleines Signal. – Du musst nicht alles mit Dir allein herumschleppen, wovor Du Dich am Ende fürchtest oder schon regelrecht spürst, dass es Dir zu schwer zu werden droht. – Manches kann man durch Schreiben (ver-)teilen. Aber auch durch Reden, miteinder Sprechen ist das möglich. Auch mal schnell.

    Nochmals liebe und nun auch besonders mit Dir fühlende und für Dich bittende Grüße und Wünsche für Deine Weihnacht, liebe Elli. ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Sternflüsterer danke dafür das du da bist! Danke das du mir Worte schreibst und danke für deine Wünsche.
      Das Reden mit meiner Familie ist nicht einfach, aber ich habe es schon probiert und werde es auch immer wieder. Sie wissen das ich in der Klinik war und jetzt wieder draußen und in ihren Augen so etwas wie geheilt. Doch es ist schwer für sie zu verstehen und meines Erachtens ist das die Vorraussetzung. Es hat sich etwas getan im letzten Jahr, wenn auch klein ist es nicht unbedeutend. Aber das soll nicht die Tage jetzt Thema sein.
      Ich wünsche dir und deiner Familie schöne, besinnliche Feiertage! ❤

      Gefällt 1 Person

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