Mein erstes Jahr/ Fliegen lernen

Heute habe ich eine Benachrichtigung von WordPress zum ersten Jahrestag bekommen. Ein Jahr schreibe ich nun schon hier – mein erstes Jahr als Bloggerin ist um. Ich bin ein wenig stolz darauf es durchgehalten zu haben, immer wieder hier zu schreiben und noch mehr darauf, es als Weg gefunden zu haben mich zu erleichtern. Ich bin froh darüber letztes Jahr angefangen zu haben. Es ist eine Art Halt geworden, der immer da ist und zu dem ich immer greifen kann. So oft habe ich durch das Schreiben eine Sicht von oben auf die Dinge bekommen und damit wurden sie nur noch halb so schlimm. Ich habe Worte für mich gefunden und inzwischen ist es mir auch oft egal, was andere denken oder ob Beiträge schön gefunden werden – ich schreibe so wie es gerade geht. Umso schöner ist es dann unverhofft einen Kommentar oder ein Sternchen zubekommen oder gar einen neuen Follower. Es ist eine Bestätigung, die ich als ehrlich einstufe und annehme, nicht weil ich sie brauche, sondern weil ich sie bekomme.

Letztes Jahr kurz vor Weihnachten habe ich begonnen. Weihnachten im letztes Jahr habe ich dank dem Blog besser gemeistert als vorher gedacht. Letztes Jahr war die Freude und auch die weihnachtliche Stimmung zwar da, aber mit vielen Bedenken und viel Zerdenken. Dieses Jahr freue ich mich schon seit längerer Zeit auf Weihnachten. Das kann ich wirklich so schreiben. Ja ich freue mich über und mit dieser Stimmung, die schon einige Wochen immer mal wieder in mir und meiner Luft liegt. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich das so begründet schreiben kann. Davor war immer die Angst größer. Die Angst vor dem Essen und die Angst vor den Erinnerungen an meinen zu Weihnachten verstorbenen Kater. Doch dieses Jahr ist da etwas Anderes größer als die Bedenken und Erinnerungen – Hoffnung, Vertrauen und ich denke so etwas wie Frieden. Ich habe im letzten Jahr psychisch viel gearbeitet, aber auch verarbeitet. Ich habe mir vergeben und mich mit mir angefreundet. Den Adventskalender den ich hier täglich veröffentliche, habe ich nicht ohne Grund geschrieben. Ich habe ihn verfasst im Gedenken an meinen Kater, um zu verarbeiten… und es hat mir geholfen. Es ist nicht meine Familie und meine Umgebung beschrieben, aber mein Kater. Obwohl es außen doch ziemlich hektisch zugeht besitze ich dieses Jahr eine weihnachtliche Ruhe in mir. Eine Ruhe die ich letztes Jahr nicht wirklich gespürt habe. Was auch schwer war angesichts des Umstandes, dass ich bis zum 21.12 stationär in der Klinik weilte und die zweite Adventswoche von einer Rückfallphase gekrönt wurde. In meinem „Außen“ ist es zur Zeit zwar auch nicht einfach, doch im „Innen“ habe ich Vertrauen darauf, dass diese Phase vergehen wird und ich hoffe, dass ich es überstehe ohne zu fallen. Im letzten Jahr habe ich gelernt zu verstehen, dass ich mich selber halten kann und ich in mir ruhen kann, auch wenn das außen mich bedrängt. Ich habe gelernt auszuhalten ohne zu flüchten, indem ich mich halte dadurch, dass ich mich nicht als von Grund auf falsch hinstelle, sondern als richtig und nur meine Handlungen ab und an nicht so toll waren. Das umzusetzen ist zwar oft noch schwer, aber das Vertrauen ist da, dass es möglich ist. Letztes Jahr habe ich meinen Text über den Eisvogel schon veröffentlicht, möchte ihn aber heute noch einmal teilen. Derzeit weiß ich das ich fliegen (Freude am Leben) kann und erinnere mich daran, an Tagen an denen es nicht geht. Ich bin dabei kleine Strecken zu fliegen und dann zu ruhen und hoffe auf die Freude.

Der kleine Eisvogel
Es war einmal ein kleiner Eisvogel, der das Fliegen über alles in der Welt liebte. Das Gefühl, wie der Wind dabei sein Gefieder streifte, stimmte ihn glücklich. Seine in einem hellen Türkis schimmernden Federn und seine eher dunkelrote Bauchfarbe erschufen einen ganz einzigartigen Eisvogel. Von klein auf flog er mit seinen Geschwistern und Freunden über Seen und Bäume des Waldes und hatte einfach Spaß dabei. Mit der Zeit wurde das „einfach“ Fliegen weniger. Ein anderer Wunsch erfasste ihn – der Traum zu den Wolken zu fliegen. Er wollte hoch hinaus, die Wolken erreichen, sie berühren, die Freiheit spüren und wie so viele andere Vögel die Welt von weit oben betrachten.
Der Weg führte für ihn senkrecht und geradlinig nach oben, wie sollte er sonst die Wolken über sich erreichen. So startete er und kämpfte sich Flügelschlag um Flügelschlag höher. Es war anstrengend. Am Anfang schaffte er es gerade so die Baumkronen zu erreichen, bevor er völlig entkräftet nach unten trudelte und auf dem Boden aufschlug. Doch er ließ sich von seinen Träumen nicht abbringen, verfolgte jeden Tag aufs Neue mit starkem Willen und Durchhaltevermögen sein Ziel. Alle Tiere des Waldes bewunderten ihn für sein Ziel, welches er nach außen hin zielsicher verfolgte. Mit den Tagen wurden seine Flügel stärker und er schaffte es immer höher zu kommen, was ihm die Anerkennung der Anderen einbrachte. Jedoch stürzte er wieder und wieder in die Tiefe. So trug er mit der Zeit Verletzungen davon, die nicht nur körperlich schmerzten. Oft kam er an das Ende seiner Kräfte, doch das konnte und wollte er nicht zeigen, denn es passte einfach nicht in das Bild, welches die Anderen von ihm hatten. Er verbarg seine Versagensängste, Schmerz und Schwachheit, wollte und konnte seinen Traum nicht aufgeben, es war sein Lebensziel. So versuchte er es immer wieder, auch
mit verletztem Flügel, bei jedem Wind und Wetter, um alles in er Welt wollte er die Wolken erreichen, stark und frei sein, nur dann wäre er glücklich und zufrieden. Doch alle seine Versuche blieben ohne Erfolg.
Eines Tages war der Sturz aus der Höhe so hart und zerstörend, dass es dem Eisvogel beide Flügel brach. Hilflos lag er am Boden, mit letzter Kraft schleppte er sich in eine Höhle an einem nahegelegenen See. Nur verschwommen nahm er seine Umgebung wahr. Es schien alles im Nebel, das Wasser des Sees hob sich mit seiner dunkelblau-schwarzen Farbe kaum vom Himmel ab, an dem dunkelgraue Sturmwolken standen. Die Höhle war circa 3 Meter vom Ufer entfernt, an das das stürmische Wasser wild und unregelmäßig schwappte. Zwischen zwei Bäumen, die sehr mächtig aussahen, erspähte er die Öffnung, welche für einen Dachs gerade passend war. Obwohl er nichts sah außer schwarze Dunkelheit, kroch der Eisvogel hinein. Er ließ sich, an die Wand gekauert, erschöpft nieder. Dort lag er nun, ganz allein und ihm wurde bewusst, wie einsam er eigentlich geworden war. Er hatte nur nach außen hin gelebt, ganz und gar auf sein Ziel konzentriert, sich nur durch die Erfüllung seines Traumes definiert. Nun bemerkte er, dass er eigentlich etwas anderes wollte – einfach fliegen. Sein Wunsch war unmöglich zu realisieren gewesen und so konnte er immer wieder nur versagen. Durch die Aufgabe, die Wolken zu erreichen, im Kopf, verlernte er auf sein Herz zu hören.
Wie er so dalag, zog sein Leben vor seinem inneren Auge vorbei und ihm wurde bewusst, dass er sich für sein Ziel geopfert hatte und dabei sogar der Spaß am Fliegen verloren gegangen war. Am Ende seiner Kräfte kauerte der Eisvogel tagelang in der Höhle. Er sehnte sich nach Hilfe wollte wieder gesund werden und die Freude am Fliegen wiederfinden. Als hätte sie die Verzweiflung des Eisvogels gespürt, kam eine Eule vorbei. Sie setzte sich zu ihm und beschloss ihm zu helfen. Der Eisvogel erzählte seine ganze Geschichte, was ihm zu Beginn sehr schwer fiel, da er sich schwach vorkam und sich schämte nicht mehr fliegen zu können und sein Ziel nie erreicht zu haben. Beim Schildern wurde ihm immer mehr bewusst, dass er nun gar nicht mehr wusste wer er wirklich war. Die Eule animierte noch einige andere Tiere zum Helfen. Sie unterstützten den Eisvogel durch Zuhören oder Essen besorgen. So konnte er wieder Kraft tanken. Sie fanden es auch gar nicht schlimm, dass er nicht mehr fliegen konnte und schon gar nicht, dass er sein Ziel nicht erreicht hatte, sie sahen mehr in ihm als sein Ziel. Sie sahen ihn so, wie er gerade war. Sie bewunderten ihn für seine Fähigkeit zum Fliegen und
seinen Willen ein Ziel zu haben. Der Eisvogel wurde gepflegt und durch neu aufgebautes
Vertrauen in sich und zugesprochenem Mut versuchte er wieder zu fliegen. So erlernte er das Fliegen neu und entdeckte seine verlorene Freude daran wieder. Am Anfang flog er kleine Strecken, er hob dabei kaum vom Boden ab. Auch wenn er ab und zu wieder stürzte, machte es ihn glücklich den Flugwind wieder in seinem Gefieder zu spüren.
Eines Tages ergriff den Eisvogel die totale Freude am Fliegen – am Leben. So flog er eine
lange Strecke geradeaus, er flog über den ruhigen, klaren See, in welchem sich die Sonne
spiegelte. Die Sonnenstrahlen verströmten eine Wärme die Geborgenheit und Frieden
versprachen, am hellblauen Himmel standen vereinzelt schneeweiße Wolken. Der Eisvogel stieg immer höher und höher, dabei fühlte er sich so frei und stark, wie schon lange nicht mehr. Je näher er der Sonne kam, desto mehr glänzten seine türkisfarbenen Federn in der Sonne. Und ohne es wirklich zu bemerken schwebte er plötzlich zwischen den Wolken. Der kleine Eisvogel hatte seinen Traum erfüllt, aber das war auf einmal nicht mehr so wichtig, wie seine wiedergefundene Freude und Lebendigkeit am Fliegen. Der Eisvogel hat sein Ziel erreicht ohne zu beweisen, dass er stark ist, sondern einfach, weil er stark ist. Wenn er mal durch ein Gewitter fliegen musste, vertraute er darauf, dass danach die Sonne sein Gefieder wieder trocknen würde.

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4 Gedanken zu “Mein erstes Jahr/ Fliegen lernen

  1. Das ist ein so schöner Eintrag und eine so schön erzählte Geschichte. (Ich kannte sie bis eben nicht.) – Ich nehme beides mit in meine Nacht, nicht, ohne vorher ein paar besondere Worte für Dich in den Himmel zu sprechen, liebe Elli. – Schreib bitte weiter, immer weiter …

    Meine liebsten Grüße an Dich! ❤

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  2. schön zu lesen, dass das Schreiben dir einen gewissen Halt gibt. Ich merke es an deinem Schreibstil. Du schreibst toll und immer so ausführlich. Man merkt, dass du richtig Lust hast. Und ich mag den kleinen Eisvogel 😉 Sei ganz lieb gegrüßt. E.

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