Ich habe mich beschenkt

Mein Blick schweift aus dem Fenster. Da steht diese Weide mit langen hängenden Ästen. Wie grüngelbe Haare fliegen sie im Wind. Hin und her, der Wind ist nicht nur ein Lüftchen, sondern wirbelt die willenlosen Strähnen unaufhörlich gen Himmel. Was haben die Äste für eine Wahl? Sie müssen erst mit der Windrichtung gehen, nur um dann wieder zurück zu fallen. Der Himmel wird dunkel. Der Abend raubt die Farben des Baumes und lässt schwarze Linien zurück. Wenn ein Windstoß kommt müssen sie noch immer gehorchen. Es ist ihr Schicksal bis der Wind aufhören wird zu wehen. Die dünnen hängenden Äste – gebunden an den Stamm beugen sie sich den Naturgewalten.

Schaue ich zurück und erinnere ich mich daran wer ich vor einem halben Jahr war, kommt es mir vor als wäre ich genau wie so ein Ast gewesen – ein Zweig, der dem Wind der Essstörung gehorchte. Wohin, wie schnell – alles drehte sich um die Essstörung – hungern, essen, kotzen – ferngesteuert und willenlos – das war ich; mehr nicht. Doris gab mir Gedanken ein oder Gerüche, Ereignisse oder Gedanken aktivierten Doris – war Doris da musste ich ihren Anweisungen folgen. Nicht zufällig steckt in Magersucht und Ess-Brech-Sucht das Wort Sucht. In einer Sucht ist man abhängig und in bestimmten Maße willenlos. Abhängig bedeutet man benötigt etwas. Meine Droge ist das Essen. Was wäre der Mensch ohne Nahrung? Die Nahrung hat die meiste Auswirkung auf unser Leben. Sie sorgt für einen funktionierenden Körper, Konzentration und Energie… In einer Essstörung fesselt man sich an die Nahrungsaufnahme oder -verweigerung. So hat die Essstörung aus mir einen hängenden Ast gemacht, gebunden an den Stamm. Ich hatte mein Leben, meine Farbe und war auch bestimmt kein Ästchen dem man angesehen hat, das er innerlich stirbt. Doch wenn Doris rief gehorchte ich. Und je mehr ich auf sie hörte desto weniger Farbe hatte ich. Sie brachte die Nacht mit. Sie verdunkelte die Aussicht auf das Leben und es blieb immer mehr der Wind alleine zurück, der die Bewegung in Synchronisation seiner Richtung hinterließ. Lebendig war ich vielleicht, aber nicht frei und ungebunden. Ich habe diese Abhängigkeit und diese Fernsteuerung gespürt und verstanden – dieses Jahr im Rückfall, davor habe ich mich nie von der Essstörung gefangen gefühlt. Ich habe begriffen, dass ich keinen Willen mehr hatte und das ich ganz dem Sturm von Doris ausgesetzt war. Denke ich zurück spüre ich noch deutlich mein Stöhnen, wenn das Verlangen zu einem Fressanfall kam, ich keine Lust darauf hatte oder es gerade auch unpassend war, aber der Druck zu groß war um nicht zu gehorchen. Es musste sein und es musste immer Zeit dafür geschafft werden oder jede Gelegenheit genutzt werden. Das Verlangen war wie ein Windstoß der mich ergriff und in eine Richtung drängte in die ich nicht gehen wollte, doch ich musste. Ich musste spüren wie ich fast gegen meinen Willen alles in mich hineinschaufelte was aufzutreiben war, um es dann unter Anstrengungen wieder im Klo hinunterzuspülen, weil das schlechte Gewissen dazu zwang. Das alles war notwendig, um immer wieder am Kampf dagegen festzuhalten… Doch genug von dem Thema heute, denn heute ist ein freudiger Tag. Menschen sind keine Äste an Bäumen. Menschen haben einen freien Willen bekommen. Menschen haben die Fähigkeit eigene Entscheidungen zu treffen und sich vom Stamm zu trennen. Heute ist ein Tag an dem ich feiern möchte, dass ich mich davon entfernt habe. Heute ist mein 23. Geburtstag. Eine unbedeutende und keine runde Zahl, aber doch schaue ich auf das wohl lehrreichste Jahr bisher zurück. Ich habe meinen ersten stationären Klinikaufenthalt hinter mir, meinen Blog hier begonnen, ich bin 1006 km quer durch Spanien gepilgert, ich habe einen neuen Nebenjob begonnen und das sind nur die größten Erfahrungen. Ich habe mich im letzten Jahr 5 Monate lang nochmal von der Essstörung zugrunde richten lassen und habe mich gegen sie entschieden. Das wohl bedeutendste dieses Jahr ist die Loslösung von der Essstörung, die ich vollzogen habe. Ich bin heute unglaubliche 195 Tage kotzfrei. Vor einem halben Jahr habe ich das nie für möglich gehalten – es war ein utopisches Ziel und jetzt wahr. Ich habe nach den ersten kotzfreien Wochen zu einer Freundin gesagt, wenn ich es bis zu meinem Geburtstag schaffe kaufe ich mir ein neues Handy, weil ich mein Geld nicht mehr in Fressanfälle verschwenden würde. Damals habe ich darüber scherzhaft gelacht und nun liegt das Paket schon 2 Wochen auf meinem Schreibtisch und wartet. Im letzten Lebensjahr habe ich mich gesucht, verloren und gefunden. Ich habe, und führe eigentlich noch, einen monatelangen Kampf gegen die Essstörung, doch die Entscheidung dazu war die Beste, die ich je hätte treffen können. Wie ihr verfolgen konntet war das letzte halbe Jahr alles andere als leicht und doch war es wichtig und richtig. Heute kann ich sagen es wurde mal schwerer aber insgesamt leichter ohne Doris zu leben. Das wohl schwerste war mich selbst anzunehmen, insbesondere meinen Körper bzw. meine Unzufriedenheit mit mir nicht auf meinen Körper zu projizieren. Die Essstörung zurücklassen – es klingt oft so einfach, solange man den Willen hat ist es möglich… doch auch die Therapeuten verschweigen, dass die körperlichen Veränderungen dazu gehören und ungewohnt sein dürfen, das sie zu Beginn als falsch angesehen werden dürfen. Als Ast im Wind zählt es möglichst dünn zu sein, um mit dem Wind zu fliegen, weil das ja verlangt wird. Losgelöst gibt es auf einmal kein richtig und kein falsch mehr, keine Vorgaben an die man sich halten kann und doch sind die alten Vorgaben noch einprogrammiert. Möglichst dünn – um (eigene) Anerkennung zu bekommen. Dann verändert sich der Körper – in die andere Richtung, klar ist das falsch. Ich habe verstanden, dass es falsch ist so zu denken und versucht aufzuhören mich selbst zu entwerten. Was nicht einfach ist wenn der Körper sich an viele Stellen immer wieder verändert, die Körperwahrnehmung sich verändert – sich einfach alles in der Veränderung befindet, Klamotten nicht mehr passen und man seinen Körper so wie er war nicht mehr erkennt, wenn er sich anders anfühlt beim liegen, sitzen oder laufen und scheinbar kein Stillstand abzusehen ist. Die Augen etwas anderes sehen als das Gefühl eingibt und die Waage sowieso immer nicht ins Bild passt. Ich habe mich manchmal wie eine Gefangene in meinem (fremden) Körper gefühlt, zu nicht mehr fähig als auszuhalten. Wie soll man etwas annehmen und akzeptieren, was sich die ganze Zeit verändert und scheinbar nicht gleich bleibt (auch jetzt noch)? Ja, das wohl schwerste im Kampf ist die Veränderung auszuhalten, das Ungewohnte statt dem Gewohnten zu wählen, das Angstmachende statt dem Verdrängendem, das Ungewisse statt dem Sicherem. Ich bin immer wieder auf mich zugegangen und habe mich erneut gesucht, mich neu definiert und auch ein Stück gefunden. Dieses Jahr habe ich mir selbst das größte Geschenk gemacht: Freiheit und meinen eigenen Willen. Und ich spüre heute nur Freude darüber dies erreicht zu haben. Ich könnte die Welt umarmen, weil es mir in den letzten Tagen bewusst geworden ist, wie schön das eigentlich ist. Ich habe keinen Zwang mehr und ich fühle keinen Hass mehr, wenn ich in den Spiegel schaue – ganz im Gegenteil: Ich mag mich. Am Mittwoch habe ich mich im Spiegel angelächelt – mit freudestrahlenden Augen – einfach so ohne Grund, einfach weil mir gefallen hat was ich gesehen habe. Heute bin ich stolz auf mich, es soweit geschafft zu haben und bisher nicht nachgegeben zu haben. Ich habe mir etwas Selbstakzeptanz und Liebe geschenkt – ich habe mir mich geschenkt. Gibt es ein wertvolleres Geschenk?

Glückliche und ganz Liebe Grüße an euch da draußen!

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Danke für all die Unterstützung, die ich hier erfahren darf – hier zu schreiben hat mir oft geholfen und ich denke, dass ich ohne den Blog und euch Leser nicht an dem jetzigen Punkt angekommen wäre.

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12 Gedanken zu “Ich habe mich beschenkt

  1. Herzlichen Glückwunsch Liebe Elli. Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg Kraft, eine Portion Glück, ganz viele Sonnenstrahlen und Gelassenheit. Der Text ist wunderschön geschrieben, du hast so ein Talent (nicht nur auf diesen Text bezogen). Ich bin froh dich hier getroffen zu haben. Alles Liebe und fühl dich gedrückt ♡

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  2. Erst einmal alles Gute, alles Liebe zu Deinem Geburtstag, liebe Elli. Ich wünsche Dir fürs neue Lebensjahr und überhaupt Gesundheit, Glkück, Lebensfreude, Erfolg, Sonnenschein für Deine Seele, tragfähige, schöne Freundschaften und Gottes Segen.

    Ich habe hier auf Deinem Blog, rückblickend betrachtet, Deine schönste und erfoklgreichste Zeit miterleben dürfen, Deine darin ausgefochteten Kämpfe und niedergerungenen Zweifel eingeschlossen. Das war für mich stets sehr bewegend, denn zum einen bedeutete es für mich, mich mit einer Krankheit beschäftigen und vertraut machjen zu müssen, die ich so nicht kannte, zum anderen, geschah das so ganz unmittelbar in Verbindung mit einem Menschen, den ich immer mehr schätzen und mögen lernte, der mir selbst so oft und so viel Unterstützung gegeben und Sympathie signalisiert hat. –

    Dies alles und die Tatsache dass DU es geschafft hast, heute so hier schreiben und Dich freuen zu können, freut mich meinerseits ganz ungemein.

    Es gibt so Weihnachtsgeschenke, die ganz wirkliche sind, die keine Schleife targen und auich keine brauchen. Dass hier heute von Dir Geschriebene lesen zu dürfen, Dich auf dem Weg hierher ein bisschen begleitet haben zu können, das ist so ein Geschenk!

    Ich danke Dir von Herzen dafür! Und ich gratulkiere Dir.

    Und etwas „traue“ ich mich obendrein hier zu schreiben: Du bist eine wunderhübsche junge Frau! Das Gesicht, das mich oben von dem Bild her anschaut, ist freilich nicht bloß hübsch, es strahlt ganz viel von der innerern Schönheit, die in Dir wohnt aus. Und es vermag das wohl, weil Du Dich ganz zu recht so froh, so befreit, so stolz fühlen kannst. – Diese Schönheit besteht zu großen Teilen darin, dass und wie Du für andere Menschen da bist. Und das ist was ganz Großartiges.

    Du bist und bleibst in meiner „Abendrunde“ (Du weißt …), liebe Elli!

    Hab‘ einen wunderbaren Geburtstag und nimm meinen Strauß liebster Grüße für Dich bitte mit auf Deinen Tisch! ❤

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  3. Hallo Elli, ich finde es wirklich schön, dass Du Dich magst. Ich glaube mittlerweile, dass man nur weiter kommen kann, wenn man dies über sich sagen kann, obwohl ich für mich erkenne, dass ich da Meilen weit davon entfernt bin. LG

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