Ehrlichkeit

Niemand zündet ein Licht an und deckt es mit einem Gefäß zu oder stellt es unter das Bett, sondern man stellt das Licht auf den Leuchter, damit alle, die eintreten es leuchten sehen. Lk 8,16

Licht sehen ist doch toll oder? Ist es nicht tröstlich, wenn man in der Dunkelheit einen Lichtschein sieht. Doch was, wenn man das was in der Dunkelheit ist nicht sehen möchte?

Die Sonne scheint heute und sie schien auch schon die letzten Tage. Es waren Sonnentage in der Welt um mich herum. Die Sonne hat das Vermögen die Umwelt freundlicher und heller zu machen. Genauso wenig wie man ein Licht in der Dunkelheit ignorieren kann, ist es schwer die Sonne und ihre Wärme nicht wahrzunehmen, wenn sie am blauen Himmel steht. Es sei denn man entscheidet sich dazu ihr den Rücken zuzukehren oder das Licht zu verdecken – doch selbst da steht als erster Schritt das wahrnehmen der Helligkeit fest. Wenn ich in den letzten Tagen unterwegs war nahm ich die Sonne oft bewusst war, ich drehte mein Gesicht dem Licht zu. Die warmen Strahlen liebkosten mein Gesicht und vermittelten Geborgenheit und Aufmunterung. Ist es nicht schön die Wärme auf den geschlossenen Augen zu spüren? Mir bahnt sich da meist ein automatisches Lächeln den Weg zu meinem Mund. Die sonnigen Tage symbolisierten für mich einen Ausbrauch aus den grauen Tagen der Woche davor.

Ich denke ich man sollte ab und an ein Licht nehmen und in das Dunkel leuchten, um zu sehen was verborgen ist. Der Lichtschein ist da zum erkennen, auch wenn das Erkennen vielleicht schmerzhaft ist. Manchmal ist doch die Angst davor oder das Verbergen viel schlimmer als das Hinschauen.

„Ja es ist richtig, was ich mache, es geht mir gut, auch wenn es oft immer noch schwer ist“ – Den Kampf den ich gegen die Essstörung kämpfe hält noch an und wird es vermutlich auch noch einige Zeit, doch es ist kein verbissener Kampf mehr. Die Überwindung überhaupt zu kämpfen ist verschwunden, es ist alleine die Anstrengung, weiter zu trainieren. Ohne die Loslösung hätte ich nie ruhig da stehen können und die Sonne bewusst genießen. Ich habe in den letzten Tagen gespürt es war verdammt richtig, dass ich Doris, meiner Essstörung, den Rücken gekehrt habe und mich der Sonne und der wagen Hoffnung zugewandt habe. In der letzten Woche war diese Zuversicht oft schwer zu spüren, doch in den letzten beiden Tagen kam sie schleichend zurück.

Was gibt es sonst zu berichten? Das Semester hat begonnen, mein 7. jetzt. Es ist komisch im 7. zu sein, alle die ich kannte sind fertig und ich komme mir etwas fehl am Platz vor. Aber ich denke, dass ich in den Vorlesungen neue Personen und sei es nur für ein wenig Kontakt im Semester kennen lernen werde. Kontakte und Freundschaften um das Studium sind abgebrochen, weil die meisten gegangen sind – aus der Uni, aus der Stadt – trotz der vielen Studenten auf dem Campus fühle ich mich alleine. Ich will aber nicht alleine sein und das verdammt nochmal nicht spüren, denn es schließt so ein verloren sein ein… Naja ich werde einfach mal abwarten, was sich so entwickelt. Ich möchte gerne die Erkenntnis einer Vorlesung mit euch teilen: Der Prinz in dem Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ war vermutlich depressiv. Wer hätte das gedacht? Ein Prinz – ein Strahlemann, werden die in Märchen nicht meist so dargestellt? Geld, Anerkennung und die Prinzessin bekommen sie meist auch. Doch der Prinz in dem Märchen von H. C. Andersen wird als traurig und hoffnungslos beschrieben: Er möchte eine wirkliche, echte Prinzessin heiraten und reist um eine zu finden durch die ganze Welt, doch bei jeder gibt es etwas was nicht richtig ist. So sitzt er dann niedergeschlagen zu Hause als jene „Erbsenprinzessin“ regenüberströmt vor dem Schlosstor steht. Da ihr niemand glauben will, dass sie eine Prinzessin ist, wird sie der heimlichen Prüfung unterzogen, bei der ihr eine Erbse unter zig Matratzen gelegt wird. Denn die Königin weiß: Eine echte Prinzessin spürt diese. So kommt es auch und auf die Frage nach der Nacht antwortet die Prinzessin, dass sie extrem schlecht geschlafen hat, weil irgendetwas gedrückt habe. Es kommt zum Happy End für Prinz und Prinzessin. Meine Erkenntnis beruht nicht auf der Beschreibung des Prinzen, sondern auf der der Prinzessin. Ich habe mir die Frage gestellt, was diese Prinzessin nun zu einer wirklichen macht – allein das feine Gespür? Ist denn aber nicht jede Tochter eines Königs eine echte Prinzessin? Das was mir sofort beim Lesen des Märchens aufgefallen ist, war die Ehrlichkeit der Prinzessin. Antwortet man als Gast in einem fremden Haus nicht oft voreilig, dass alles Prima ist, weil man denkt es wird erwartet, dass man das sagt? Manchmal stimmt es, aber es gibt auch immer wieder solche Begebenheiten, wo man vorgibt auf der Matratze gut geschlafen zu haben, weil man dem Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen will damit, was für einen harten Boden er doch hat. Würde dieses Verhalten nicht auch eher zu einer freundlichen Prinzessin passen? Aber sie sagt ganz ehrlich, dass sie sich blaue Flecken gelegen hat. Ehrlichkeit – macht uns doch zu der Person, die wir sind. Die letzten Tage habe ich mir eingestanden, dass die letzte Woche nicht so super gelaufen ist, wie ich es gerne in meinem Kopf abspeichern würde. Es läuft doch gut und ich habe keinerlei Grund mich mies zu fühle, habe ich mit immer wieder eingeredet. Ich durfte mir nicht eingestehen, dass es gerade schwer ist, weil ich ja weiterkämpfen muss. Ich erlaubte mir nicht mich in der spürbaren Kraftlosigkeit fallen zu lassen, zu ihr zu stehen. Ich schob sie von mir und zwang mich lächelnd weiter zu machen. Verbarg es vor mir selbst. Es gab so viel um mich herum, so viel, was mir zu viel war, aber erledigt werden musste – ich gestand mir nicht ein, dass auch meine Kraft begrenzt ist. Ich hatte Fressanfälle, die vermutlich einen Versuch darstellten den Spalt zwischen müssen und nicht mehr können zu füllen. Ich wusste, dass es eine schwere Zeit war, doch ich wollte nicht hinschauen aus Angst die Gefühle könnten mich übermannen. Und was soll ich sagen – es ging vorbei. Die letzten Tage war ich wieder in mein Wohnung und die einzigen Verpflichtungen, die ich hatte, war meine Therapiestunde und die Vorlesung über Märchen und ihre Wirkungen zu besuchen. Ich besann mich und ja ich gestand mir ein, dass ich auch mal stehen bleiben darf und das das Gefühl der Kraftlosigkeit und Traurigkeit sein darf und sich einige Tage durch meinen Alltag ziehen darf, auch wenn ich trotzdem weiter mache. Trotz der Schmerzen schlief die Prinzessin die ganze Nacht auf der Erbse, aber sie tat es am nächsten Tag nicht einfach ab, sondern beklagte sich ehrlich. Ist es also erlaubt auch mal laut zu klagen? Gestern verließ ich meine Wohnung nicht, ich betrachtete die Sonne vom Fenster aus und lag im Bett, immer wieder übermannten mich Gefühle wie Traurigkeit, Einsamkeit, Versagen, Machtlosigkeit, Unproduktivität etc… etwas was sich nicht so schön angefühlt hat – ein schwarzes Loch in das ich mich aber bewusst fallen ließ. Ich vertraute auf die Sonne, die mich wieder raus holen würde. Heute fühle ich mich irgendwie besser, die Nacht habe ich zwar sehr schlecht geschlafen, aber meine Tagesverfassung würde ich (auch wenn es jetzt blöd klingt) als gereinigt bezeichnen. Mal schauen was die nächsten Tage so bringen, heute geht es am Abend wieder in die Heimat. Eins habe ich mir vorgenommen: Ehrlichkeit vor mir selbst.

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Ich wünsche euch einen sonnigen Tag!

 

4 Gedanken zu “Ehrlichkeit

  1. Ich bin immer wieder beeindruckt über die Art und Weise, wie Du Dich und Dein Erleben, darin auch und vor allem die nicht einfachen Momente, zu reflektieren vermagst.

    Du teilst hier Dinge, die mir ziemlich nahegehen. Zum einen, weil Du so ehrlich, aufrichtig und authentisch schreibst, zum anderen weil sie mich, was vieles vom Inhaltlichen betrifft, sehr zum Nachdenken anregen, inspirierend sind, und zwar auf eine für mich tiefgehende Weise. Es klingt hoffentlich nicht zu plakativ, wenn ich schreibe, dass vieles meine Seele anruft.

    Weißt Du, dass ich empfinde, daraus Kraft ziehen zu können, wenigstens aber (wieder) ein bisschen mehr Zuversicht?

    Meine schwere dunkle Zeit hält immer noch an, ich arbeite mich in Wellen durch sie hindurch, es gibt etwas bessere Tage, aber auch sehr schwierige. – Seit ich hier bei Dir lese, ein bisschen von Dir weiß, mit erleben darf, wie Du mit Deinem Glauben umgehst, wie Du ihn lebst, wie auch Du mal zweifelst, wie Du Dich obendrein für meine Denken und Empfinden dazu interessierst (ich habe „bemerkt“ dass Du heute meine Tagebuchseite 610 gelesen hast, und ich gestehe, dass ich sehr, sehr gern wissen würde, wie und was Du über meine Gedanken, die ich dort niedergeschrieben habe, denkst), gelingt es mir immerhin manches Mal, mich an Dein Reflektieren, an die Erkenntnisse hinsichtlich Deines Umgangs mit schwierigen Situationen, mit Traurigkeit, Erinsamkeitsempfinden etc. zu erinnern.

    Erinnerung (!) – weißt Du noch, liebe Elli …?

    Wenn ich Dir also jetzt schreibe, wie sehr dasnkbar ich Dir bin, dann verstehst Du es sicher genauso, wie ich es empfinde und meine.

    Eine etwas persönlichere Bemertkung „traue“ ich mich auch noch:

    Auf dem Bild oben siehst Du großartig aus. Ich meine das nicht bloß Deiner strahlenden (Lich!!!) Augen wegen, sondern ich meine das ganz generell. All die Kämpfe, die Du all die Wochen und Monate durchfochten hast, haben Dir nichts anhaben können, liebe Elli. Du hast ALLES richtig gemacht. – Ich freue mich sehr für Dich. Ich schreibe es bewusst genau so: Du bist ein SCHÖNER Mensch!

    Sehr liebe und von ❤ kommende Grüße an Dich!

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    1. Lieber Sternfluesterer, ich bin gerade etwas erschlagen von deinem Kommentar – aber total im positiven Sinne – Danke voraus schonmal für deine offenen und tollen Worte! Es freut mich zu lesen, das du sogar Kraft ziehen kannst aus meinen Beiträgen. Ich gebe zu, dass es mir bei deinen oft genauso geht, das ich ins Nachdenken komme und auch von deiner Zuversicht, die trotz deiner schweren Zeit oft zwischen deinen Zeilen hängt, inspiriert (mir fällt gerade kein anderes Wort ein) zum weiterkämpfen werde.
      Ich wünsche dir alles Gute und bin bei meinen Gebeten oft in Gedanken auch bei dir, um die Kraft zu schicken.
      Apropos Glaube – ja ich habe heute den Eintrag gelesen, es war eine schöne Möglichkeit, die Wartezeit auf die Bahn zu überbrücken 😉 Ich werde dir dort auch noch einen Kommentar mit meinen Gedanken hinterlassen.
      Und nun nochmal zum Ende: Danke für deinen Zuspruch! ❤ Ich bin so froh darüber dich hier getroffen zu haben und freue mich immer wieder auf einen Kommentaraustausch mit dir.
      Viel Kraft und Licht sende ich dir in deine dunklen Tage ❤

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  2. Liebe Elli, toller Beitrag. Danke fürs teilen. Übrigens befinde ich mich auch inzwischen im siebten Semester und bald sogar im achten wenn ich dann weiter studieren darf. Alle die ich kenne, sind auch schon lange fertig und mit beiden Beinen im Leben. Aber weisst du was? Die haben noch lange nicht so viel Lebenserfahrung wie wir und einen tollen Blog haben sie sicher auch nicht. Die Zeit in der Klinik kann uns keiner nehmen. Lass dich nicht unterkriegen und blicke nach vorn, denn nur dort befindet sich der Weg, den du nun gehen wirst. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und ganz viel Erfolg! Übrigens lieben dank fürs folgen. Ich freue mich immer wahnsinnig über neue Leser 🙂 Herzliche Grüße. E.

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    1. Hallo liebe E.,
      heute komme ich auch mal zum beantworten.
      Danke für deine tollen Worte. Es hilft zu hören, dass man nicht alleine ist mit der Situation. Und du hast so recht, damit, dass die Klinik viele Erfahrungen gebracht hat, die mir helfen im Leben.
      Dir auch ganz Liebe Grüße von meiner Seite und alles Gute auf deinem weiteren Weg! Ich freue mich auf deinen Blog gestoßen zu sein, deine Beiträge lese ich gerne, kann darauf viel mitnehmen 🙂

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