Eine unvergessliche Freundschaft

Der Text ist schon einige Jahre alt… Ich schrieb ihn einige Monate nach meinem 18. Geburtstag. Der Schreibstil ist schon etwas älter, in meinen Augen ziemlich kindlich, aber ich finde den Text richtig so wie ich ihn damals geschrieben habe. Ich möchte ihn hier teilen, weil heute der 08.10. ist. Ich möchte in teilen, um teilhaben zu lassen.

Es war der 8. Oktober 2005 der mein Leben verändern sollte. Ich war fast 11 Jahre alt. Meine Mutter und ich fuhren in unseren Garten nach Hörselgau. Wir stiegen aus dem Auto aus. Es fing an zu regnen. In dem Garten stand ein Schuppen. Nun war es so, dass ich für meine Mutter etwas aus dem Schuppen holen sollte. In dem Schuppen erwartete mich eine Überraschung, welche ich nie für möglich gehalten hatte. Auf dem Heu, das wir für unsere Hasen in dem Schuppen lagerten, lag ein kleines, schwarzweißes Kätzchen, genau genommen war es ein Katerchen. Ich war natürlich vollkommen hin und weg und zeigte ihn aufgeregt meiner Mama. Er konnte höchstens einen Tag alt sein. Was macht ein einen Tag altes Katzenbaby ohne Geschwister und vor allem ohne Mutter allein in unserem Schuppen? Die Mutter wollte es nicht? Da standen wir also und sahen das arme Katerchen an, es zitterte und miaute erbärmlich. Konnten wir das arme Katzenbaby so ganz allein liegen lassen? Natürlich nicht! Also nahmen wir ihn mit. Der Kater war noch nicht mal so groß wie meine Hand und seine Augen waren sogar noch zu. Er war weiß und hatte schwarze Flecken. Von der Augenmitte zur Nase verlief ein schwarzer Strich. Dieser war jedoch nicht mittig sondern etwas weiter rechts. Seine Beine und sein Bauch waren weiß. Auf dem Rücken hatte er verschiedengroße Flecken, sein Schwanz war vollständig schwarz. Auch seine anderen Flecken waren asymmetrisch, doch genau das fand ich so toll, er war etwas ganz Besonderes. Ob mir sein Name nun wegen der Fellfarbe eingefallen ist oder auch nicht. Ich wusste sofort er soll Mischko heißen. Auf dem Heimweg hielten wir an und kauften Säuglingsnahrung für Mischko.


Es vergingen 2 Tage. Mischko ist in der Zeit in mein Kinderzimmer eingezogen. Wir haben auch eine Variante gefunden ihn zu füttern. Wir spritzten ihm mittels Einwegspritze die angerührte Milch in den Mund. Er lebte auf einer Wachstuchdecke, die teilweise mit Schaffell bedeckt ist. Die meiste Zeit lag er unter der aufgestellten Rotlichtlampe und schlief. Am 10. 10. hatte meine Mutter Geburtstag, deswegen kam Besuch. Alle wollten Mischko sehen. Ich bemerkte jedoch, dass niemand daran glaubte, dass Mischko durchkommen würde. Sie sagten es zwar nicht direkt, aber so etwas spürt man. Ich für meinen Teil glaubte jedoch fest daran.
Weitere Tagen und Wochen vergingen. Die Meisten hatten ihn schon aufgegeben doch ich opferte jede freie Minute. So konnte Mischko jetzt schon durch mein ganzes Zimmer laufen. Und er hatte Hunger – immerzu. Wir fütterten ihn sogar nachts, entweder ich oder meine Mutter standen auf um ihn zu versorgen. Man muss hinzufügen, dass sie schwanger mit meinem kleinen Bruder war. Mischko wurde stärker, er sah nicht mehr so verletzlich aus. Dennoch schwoll sein Bauch immer weiter an und er hatte Schmerzen. Da machte ich mir das erste Mal Sorgen um ihn. Es folgte sein erster Tierarztbesuch. Der Tierarzt erklärte uns, dass wir ihn zu viel gefüttert hatten, zudem erklärte er unsere Nachtschichten für unnötig. Alles wurde wieder gut.

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Die nächsten zwei Monate vergingen. Papa hatte Geburtstag, ich hatte Geburtstag, Schnee kam. Mischko aß jetzt Trockenfutter und ging auf das Katzenklo. Zu Weihnachten bekam er eine Katzenleine geschenkt – in Pink- ich bin ja schließlich ein Mädchen! Das neue Jahr kam. Ich zog Mischko einen gelben Pullover gegen die Kälte an und dann ging es raus in den Wald. Es machte ihm Spaß durch den Schnee zu springen und auf Bäume zu klettern. Er war eben ein energiegeladener sehr junger Kater. Weitere Wochen vergingen, Mischko war inzwischen mein bester Freund geworden. Zu Hause war er immer da wo ich auch war.
Es kam der fünfte März. Mein Bruder Jakob wurde geboren. Wir waren nun also 4 Kinder und Mischko musste einiges ertragen, wie im Puppenwagen umher gefahren zu werden. Alles überstand er mit Bravour. Und er ließ es sich nicht nehmen die Brote für die Schule vorzukosten oder auch mal mit Barbie zu spielen, wobei er das Spiel nicht ganz verstand und seine Krallen in die Kleider hakte. Er brachte die Familie oft zum Lachen, aber auch mal zum verzweifeln.
Ein Jahr verging und Mischko wuchs zu einem großen stattlichen Kater heran. Alle die ihn noch nicht kannten sagten: „Das ist aber ein großer Kater“. Ja und er war für mich der schönste Kater noch dazu. Er wurde kastriert. Meine Mama ist mit ihm während ich in der Schule war zum Tierarzt gegangen. Als ich nach Hause kam, bekam ich einen Schock, denn immer wenn er laufen wollte schwankte er nur. Der Tierarzt hatte aber gesagt, das wäre normal und tatsächlich war am nächsten Tag alles wieder O.K.. Mischko gewöhnte sich daran jeden Abend draußen herum zu Streunern. Doch jeden Tag pünktlich um 6 stand er vor der Terrassentür auf der Terrasse und ich habe ihn auf dem Weg von meinem Zimmer in die Küche dann immer rein mitgenommen. Nach der Schule habe ich in meinem Zimmer immer Hausaufgaben gemacht. Er kam natürlich mit und legte sich frech auf meinen Hefter auf dem Schreibtisch. Wie oft er mich damit geärgert hat, weil er die ganze Tinte verschmierte, weiß ich nicht mehr. Trotzdem habe ich mit ihm über alles geredet und wenn ich ihm in die Augen gesehen habe sah ich, dass er mich verstand. Ich merkte ihm auch an, wenn er sauer war, wenn ich Jakob mal mehr Aufmerksamkeit schenkte. Zudem gewöhnte er sich an, immer nur aus dem Waschbecken zu trinken. Bei vier Kindern ist eine aufgestellte Schale mit Wasser von vorneherein dazu verurteilt umgestoßen zu werden. Ja er war ein sehr schlauer Kater. Keine Treppe war ihm zu hoch und keine Butter war unerreichbar für ihn. Desweiteren wurden eine Katzenklappe und ein Katzenbaum angeschafft.

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Es vergingen 7 Jahre, die bis jetzt schönsten überhaupt in meinem Leben – aus jetziger Sicht. Wir hatten viel Spaß und erlebten viele unvergessliche Ereignisse. Er war mein Kind und Gefährte geworden. Wenn ich längere Zeit mal nicht da war, saß er wartend vor meiner Zimmertür erzählte Mama immer. Der Frühling 2012 kam und ging, dann kam der Sommer. Ich bemerkte, dass er nicht mehr so voller Energie wie vor 5 Jahren war, er war eben schon älter geworden. In Menschenjahren gerechnet war er 48. Trotzdem hatten wir noch viel Spaß. Er war immer für mich da. Er tröstete mich, als ich bei der Polizeiprüfung durchfiel. Ich orientierte mich beruflich neu. Es kam der Herbst und Mischko wurde 7 Jahre alt. Später fiel der erste Schnee, es wurde Winter und der Dezember kam. Am 8.12.2012 erreichte ich die lang ersehnten 18 Jahre. Ich bekam mein Halbjahreszeugnis der 12. Klasse. Das war der 21. Dezember. Als ich nach Hause kam, bekam ich den ersten großen Schock meines Lebens. Mischko war krank. Seine Beine waren dick angeschwollen, er konnte kaum noch laufen. Mir war in den letzten Tagen zwar schon aufgefallen, dass er wenig Luft bekam, aber ich dachte er hätte Husten oder so etwas. Aber nun röchelte er nur noch. Ich beschloss zum Tierarzt zu fahren. Da ich schon einen Führerschein hatte also kein Problem. Eine meiner Schwestern wollte mit und aufgrund der Wetterbedingungen erklärte sich Papa bereit auch mit zu kommen. Wir zeigten dem Tierarzt was Mischko für Symptome hatte. Er sagte sein Herz würde nicht mehr richtig funktionieren und deshalb hat sich Wasser in der Lunge gesammelt. Er hörte Mischko ab, dieser war ziemlich sauer darüber. Er konnte Tierarztpraxen einfach nicht leiden. Ich streichelte ihn und hielt ihn fest, da beruhigte er sich wieder. Doch dann kamen die Spritzen erst eine gegen die Schwellung dann eine gegen das Wasser in der Lunge. Bei der zweiten biss Mischko mich in den Daumen und mir wurde schwarz vor Augen. Die Wunde war ziemlich tief und brannte, aber trotz allem war ich nicht sauer auf Mischko. Ich sah ihm an, dass es ihm leid tat und ich verstand, dass er nicht anders konnte. Wer bekommt schon gerne eine Spritze? Zudem hatte er bestimmt schon genug Schmerzen. Wir fuhren nach Hause und ich war so froh, dass Papa dabei war und heimfahren konnte, denn das hätte ich nicht geschafft. Zuhause angekommen war die Schwellung an Mischkos Beinen fast verschwunden. Dafür war mein Daumen angeschwollen. Das folgende Wochenende waren Krippenspielproben angesagt. Ich schleppte mich zu allen hin, obwohl es mir echt beschissen ging. Mama wollte mich ins Krankenhaus fahren und Oma sagte ich hätte eine Blutvergiftung. Jedoch ließ ich mich nicht unterkriegen meisterte das Krippenspiel – eine Ersatzbesetzung für die Hauptrolle ist echt schlecht zu finden. In der restlichen Zeit kümmerte ich mich nur um Mischko. Und wenn ich unterwegs war dachte ich an ihn und betete. Den Heiligen Abend mit 2 Aufführungen überstanden, fingen wir erst richtig an Weihnachten zu feiern. Obwohl ich mich nicht so richtig freuen konnte. Denn Mischko sah noch schlimmer aus, als vor dem Tierarztbesuch aus.
Es wurde Nacht. Der 25.12. sollte der schlimmste Tag meines Lebens werden. Halb 11 ging es in die Kirche. Dreiviertel 12 war ich wieder zu Hause. Ich ging natürlich gleich zu Mischko. Er lag nicht auf seiner Decke, sondern auf den Fliesen. Er war ganz kalt. Ich nahm ihn und legte ihn auf die Couch. Sein Bauch war aufgebläht, er miaute vor Schmerzen. Ich streichelte ihn und redete ihm beruhigend zu. Er hörte auf mit dem schrecklichen Miauen. Dennoch wusste ich er würde jetzt sterben. Die ganze Familie versammelte sich um ihn, er hatte auf jeden Einzelnen gewartet. Ich spürte wie seine Schwellungen weggingen und er aufhörte zu atmen. Ich werde seinen letzten Blick nie vergessen. Ich streichelte ihn die ganze Zeit und sein Fell war nass von meinen Tränen. Um 11 Uhr 58 ging er von uns.
Am 27.12. vergruben wir ihn in unserem Garten.
Bis heute sehe ich ihn im Geiste, wie er neben mir liegt und schnurrt. Jeden früh werfe ich einen Blick zur Terrassentür, nur um nichts zu sehen. Noch immer frage ich mich wieso sein Herz krank sein musste. Er war immer so stark. Wieso musste er gehen?
Mischko wird immer in meinem Herzen bleiben. Er war der beste Freund, den es je gab. Er war eben einmalig und unsere Freundschaft ein Geschenk. Obwohl keiner den ich kannte ihm am Anfang eine Chance gab, habe ich die Hoffnung nie aufgegeben und er gab mir so viel zurück. Erst jetzt wo er nicht mehr hier ist, merke ich wie sehr ich ihn brauche. Danke für die schönen Jahre Mischko! Du bist unersetzbar und unauslöschbar.

Das Geschehen des 25.12 habe ich noch bildlich vor Augen, wenn ich die Erinnerungen an mich heran lasse. In eine Fleecedecke gehüllt legte ich ihn behutsam in eine Kiste und stellte diese in den Anbau. Als ich zurückkam saßen alle am Tisch – es gab Mittag, Klöße und unsere Hasen, die ich sowieso nie aß – an diesem Tag aß ich nichts. Mit dem was ich hier schreibe will ich keinem einen Vorwurf oder ein schlechtes Gewissen machen, jeder hat so gehandelt, wie er es für richtig gehalten hat in dem Moment. Mich störte dieses „einfach routiniert weitermachen, als wäre nichts gewesen“. Die kommenden Tage aß ich sehr wenig, es war auch schwer etwas runter zu bekommen, ob es jemand wirklich bemerkt hat weiß ich nicht. Wenn dann kam ein „Iss doch was!“ Doch mit der Antwort kein Hunger oder das ess ich nicht, war die Sache abgehakt. Nach dem Warum hat keiner gefragt und ich mich auch nicht. Bewusst wollte ich nie darauf angesprochen werden, bin bei Fragen immer ausgewichen…. das kann ich gut – abtun und sagen das nichts ist, das alles gut ist und mir selber auch einreden es ist so. Traurigkeit – darf so etwas sein? Vermissen und nicht wie immer weiter machen, wegen einer Katze? Aber er war nicht einfach irgendein Kater… Ob ich wirklich getrauert habe, weiß ich nicht – geweint hab ich danach kaum bis gar nicht mehr. Das Leben ging halt weiter, Silvester kam und alles war wieder in Ordnung. Und im nächsten Jahr ging es dann mit großen Schritten auf die Abiturprüfung zu unter dem Motto: ein Hindernis kommt selten alleine… doch diese Zeit ist ein anderes Kapitel…

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3 Gedanken zu “Eine unvergessliche Freundschaft

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