Du fehlst!

In einem Teil von mir hoffe ich, dass das hier niemand ließt, das hier niemand mit mir in Verbindung bringt. Mich niemand durch Augen anschaut, die das hier gelesen haben. Man mich nicht anders wahrnimmt als bisher, weil ich damit klar komme und stark genug bin damit umzugehen. Doch ich möchte auch mal schwach und „gezeichnet“ damit sein. Ich habe den Wunsch es einfach mal loszuwerden, nur loswerden, nicht mehr nur in mir tragen, es etwas rauslassen, das was in mir vorgeht.

Wo sind sie?
Wo sind sie, die Tränen?
Die Tränen, die nasse Spuren auf den Wangen hinterlassen.

Ich stehe, halte mich am Waschbecken fest – spüre die Kühle des Materials in den Handflächen.
Ich stehe, schaue in mein Gegenüber, das mir gespiegelt entgegensteht.
Ich stehe, sehe ein Gesicht – mein Gesicht – vielleicht.
Ich stehe, blicke in Augen, die der Spiegel auf seiner gläsernen Oberfläche abbildet.
Augen, die mich anvisieren, mich anschauen, mich wahrnehmen
– Augen, die mir mein Inneres zeigen.
Es scheint als spiegeln sie genau die Schwere des Herzens wider, die ich gerade in mir spüre.
Es sind Augen, die aus mir herausblicken und mir gleichzeitig die Möglichkeit geben in mich zu sehen.
Doch ich kann ihren Ausdruck nur wahrnehmen, ihr Rufen nur hören, ich vermag es nicht zu verstehen und zu deuten.

Ein Blick gefüllt mit Traurigkeit, innerer Einsamkeit, schreiender Verzweiflung – ich bin allein,
allein in mir, in meinem Körper, allein mit dem was Innen ist.
Eine Schwere belegt meine Brust, ich spüre sie, nehme sie wahr,
ich sehe den Schmerz in den Farben der Augen, aber fühle ihn nicht.
Ich will sie rauslassen die bedrückende Schwere – wünsche es mir,
will sie nicht mehr in mir tragen.
Sie stiehlt die Freude und Leichtigkeit, lässt alles um mich und mich, wie eine Last wirken,
füllt und beengt die Gegend des Herzens.
Ich wünsche mir Tränen zu sehen,
Tränen, die die Augen füllen…

Wieso kommt sie nicht, die Flüssigkeit?
Wieso kommt sie nicht und füllt die Leere in den Augen.
Wieso sammelt sie sich nicht bis sie den Rand des Lides erreicht und langsam die Wimpern benetzt,
sie nässt und an ihnen entlang zu ihren Spitzen fließt, den Mascara aufweicht,
ihn mitnimmt auf den Weg unterhalb der Augen.
Wieso entstehen keine Tränen, die schwarze Feuchtigkeit unter den Augen entstehen lässt?
Wieso bilden sich keine feuchten Bahnen zu der Kante des Kinns?
Ich spüre sie doch jetzt in mir, diese Traurigkeit,
dieses Gefühl was vom Brustkorb aufsteigt wie schwerer Rauch.
Rauch, der von unten gegen die Luftröhre drückt, meine Lungen füllt und mich beschwert atmen lässt
– ich ersticke innerlich.
Wieso bricht die innere Barrikade nicht, die das Rauskommen verhindert?
Wieso drückt der innere Widerstand die Traurigkeit immer wieder nach unten,
in den nicht mehr spürbaren Bereich?

Fürs erste ist sie wieder verschwunden, doch sie wird wieder aufsteigen.
Der Druck im Inneren des Brustkorbs lässt nach,
ich kann wieder Freude empfinden und leichter atmen.
Doch Jubelschreie werden von der noch vorhandenen Benommenheit erstickt,
eine sehnsüchtige Niedergeschlagenheit hängt noch in meinem Körper.

Ich blicke in verstehende Augen,
Augen die mitfühlen.
Der Spiegel der Traurigkeit ist verschwunden.
Ein aufmunterndes Lächeln bahnt sich den Weg in die Augen:
„Ich weiß wie es dir geht…“, doch wirklich trösten können sie nicht. Die verwirrende Verzweiflung bleibt.

Wieso will mein Inneres diese Traurigkeit nicht zulassen?
Wieso kommen keine Tränen, die das Vermissen wegspülen?
Wieso kommt keine salzige Flüssigkeit, die die Leere füllt?
Wieso entsteht keine kühle Nässe auf den Wangen, die den Schmerz erträglicher werden lässt?
Wieso kann ich das reinigende Ritual der Trauer nicht vollziehen?
Die Augen scheinen so wissend – wieso verstehe ich sie nicht.
Sie scheinen einen Tunnel zu bilden in mein Inneres,
sie scheinen zu wissen warum und zu verstehen, dass es gerade nicht geht.
Sie kennen den Verlust und spiegeln den Schmerz wider, aber zeigen keinen Weg ihn zu fassen.
Das Fehlen verursacht eine Niedergeschlagenheit und lässt mein Herz innen weinen,
es weint und zieht, dass der ganze Brustkorb schmerzt.

Ich löse mich von dem Blick in die Augen des Spiegels – dort sind keine Tränen zu sehen.

Innen weint das Herz rote Tränen, diese könnte ich sehen,
aber ich widerstehe dem Drang sie für mich sichtbar zu machen, sie so zu fühlen.
Es wäre nicht richtig, denn es sind schöne Erinnerungen, die der Traurigkeit zugrunde liegen.
Wieso wird aus wundervoll schmerzhaft?
Aus verstehendem Gemeinsam wurde vermissendes Einsam.

Ja wo sind die Tränen?
Die Tränen, die Linderung verschaffen sollen?
Die Tränen, die den Schmerz wegspülen sollen?
Die Tränen von denen man sagt, dass sie das Herz reinigen.
– Sie fehlen, genau wie du!

9 Gedanken zu “Du fehlst!

  1. Schäme Dich nicht für Deine Zeilen, liebe Elli. Schau, was und wie ich oft schreibe, schreiben muss. Ich kann mich sehr, sehr gut in Dich hinein versetzen. Ungeachtet dieser Zeilen, ungeachtet dessen, dass Du auch „schwach“ bist, bist Du stark, richtig stark. – Das ist nicht dahin gesagt.

    Ich schätze und ich achte Dich, wie Du bist!

    Ganz liebe Grüße und eine Extrawolke mit ganz viel Sternenstaub für Dich!

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  2. Wir bestehen doch alle aus starken und schwachen Anteilen. Wie könnten wir wissen, was die starken Anteile sind, wenn alle ununterscheidbar stark sind? Machen uns nicht die schwachen Anteile und die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen, zu ganz individuellen Menschen? Natürlich ist es in unserer Gesellschaft gerade nicht angesagt, Schwäche zu zeigen. Aber das halte ich für eine Schwäche der Gesellschaft, der man sich nicht unbedingt beugen muss/sollte.

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  3. Niemand sieht dich mit anderen Augen ❤ Glaub mir, ich finde es sogar sehr stark, zu seinen Gefühlen zu stehen. Die Schattenseiten des täglichen Kampfes sind unschön, aber leider ein fester Bestandteil der Essstörung. Sei stolz auf dich und den Weg, den du eingeschlagen hast. Auf deine Fortschritte, vor allem auf das Genießen und auf die Freiheit, die du dir erkämpft oder eher "zurückerobert" hast. Diese dunklen Gedanken sind Steine auf deinem Weg. Ich wünsche dir, dass du auch diese überwinden kannst und vielleicht sogar in Gedanken ein Haus mit jedem einzelnen dieser Steine baust 🙂

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  4. Ich denke nicht, dass das Schwäche ist. Das ist ein Teil des Ganzen – und der ist nötig, damit auch der andere spürbar wird. Der, der sich stark anfühlt und gross und voller Energie. Das bedeutet doch leben: ganz sein. Mit allem, was dazu gehört. Sogar unser Herz funktioniert nur durch ‚auf und ab‘ – ohne Diastole keine Systole. Nein, das ist keine Schwäche. Das sind lebensnotwendige Energiepausen.
    Und: ganz toll geschrieben. Ich komme gerne wieder:-).
    Alles Liebe
    Elín

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