Vom widerstehen und danken

Heute fühle ich mich belagert und belastet. Nicht unbedingt von Doris und ihren nervigen, in die Essstörung treibenden, Gedanken, sondern von Gedanken, die die Veränderung und die Abnabelung von ihr so mit sich bringen. Die hinzugekommenen Kilos sind für mich seit gestern nur allzu sichtbar. Mich belagert ein mieses Körpergefühl. Wie klebender Wackelpudding hängt in einer Schicht aus Röllchen das Unwohlfühlen an meinem Bauch. Die letzte Woche habe ich mich gut gefühlt, wie man meinem letzten Eintrag entnehmen kann, ich war zufrieden mit meinem Körper, doch die Wahrnehmung ist über Nacht zum Samstag verschwunden – seit Samstag fühle ich mich erdrückt und gefangen vom und im Körper, in einem Gefäß aus zu viel Fett. Wenn ich überlege warum, finde ich nur Gründe die eigentlich ein Gegenteil bewirken sollten. Der Freitag war ein fröhlicher Tag. Ich bin frühs in die Heimat gefahren, habe den Nachmittag mit Kartenspielen und meinem Bruder kuschelnd auf der Couch verbracht und Abends ging es auf die Kirmes feiern. Es gab keine Erwähnenswerten Auseinandersetzungen in der Familie oder sonst irgendwelche Belange, die mich oder meinen Körper hätten betroffen. Am Abend spielte zwar nicht die beste Band, aber die Leute und das Miteinander hob das in jedem Fall auf (der Alkoholkonsum lag im guten Mittelbereich). Nach 4 Stunden Schlaf erschlug mich am Samstagmorgen um 8 Uhr dann mein mieses Körpergefühl. Urplötzlich war ich nicht mehr schlank im Spiegel, die Hosen saßen nicht mehr und ich vermied es mich im Spiegel anzuschauen, überall gab es Problemstellen am Körper. Nach den guten Tagen davor war es wie ein ungeahnter Schlag in den Magen, den ich nicht wahrhaben wollte, doch er war einfach zu spürbar. Ich fühlte mich in und mit mir so unwohl, das ich am liebsten meinen Körper ausgezogen hätte – das war doch nicht mehr ich, die da im Spiegel… wo war denn nur die frohe und gefestigte Elli? Diesen Tag bis zum Abend jedenfalls unter einer Maske, vor sich und den anderen versteckt. Unzählige Male stand ich gestern vorm Kühlschrank und überlegte ob ich dem Verlangen zu kotzen einfach mal nachgeben sollte. Ich wollte essen, aber auch nicht noch dicker werden. Ich hatte ein mega Verlangen zu essen und zog es nicht nur einmal auch in Erwägung mich danach über die Toilette zu beugen. Ja oder Nein – gestern stand ich in der Mitte der Entscheidung, war an einem Punkt wo ich mich neu entscheiden musste. Ein entschiedenes Ja, zum kotzen, abnehmen und der suchenden Bestätigung durch Doris…. Doch ich stieß mein inneres stures Nein nicht um. Wollte meinen Fortschritt nicht für sinnlos erklären, fast 130 kotzfreie Tage wollte ich nicht wieder auf 0 setzen – dann lieber beschissen fühlen (jetzt so aufgeschrieben eine echt unlogische Argumentation, aber ich bin darüber froh). Die Hoffnung und auch das Vertrauen, dass es eine Phase ist, die vorbei geht haben mich abgehalten. Ich habe gebetet und Unterstützung gesucht, ich wollte so sehr mal wieder mit Doris schwimmen… Heute sehe ich das Gott in meiner eigenen Stärke präsent war. Nach einem einstündigen Powernapping startete dann der 2. Kirmesabend – tolle Musik, tolle Stimmung, tolle Freunde und Bekannte, tolle Getränke und das Tanzen war auch toll. Ich verspürte eine willkommene Verbesserung meiner Wahrnehmung im Bezug auf meinen Körper, ich wieder mehr ich und ich hatte Spaß. Das was nicht so toll war, war das Wetter, besonders auf den 45 Minuten Heimweg, war der Regenguss einfach nur nervig und der Straßengraben dadurch auch nicht bequemer… die Begegnung lag nicht wie man jetzt vielleicht meinen möchte an dem Alkohol sondern an der Dunkelheit und ich machte auch nicht alleine die Erfahrung, doch wir nahmen es, wie alles, mit Humor. So gegen 5 Uhr heute morgen werde ich wohl zu Hause gewesen sein. Um 10 Uhr war ich mit einem wieder erwachten miesen Körpergefühl bereit für den Gottesdienst. Heute wurde bei uns Erntedankfest gefeiert. Gott danken für das was er und gibt, das was wir haben – sehen und schätzen. Mir ist aufgefallen, das ich eindeutig zu wenig gedankt habe in letzter Zeit. Ich habe nicht gedankt für das gute Körpergefühl, das ich letzte Woche hatte, aber war über das schlechte frustriert. Ich bin kaum dankbar für die Nahrung, die mir zur Verfügung steht, schätze es kaum, das ich was habe, ich beschwere mich lieber darüber, das das Essen mich nicht glücklich macht. Ich habe nicht gedankt dafür, dass ich hier frei auf der Straße ohne Angst rumlaufen kann, sondern meckere lieber über das Wetter. Ich danke nicht dafür, das ich die Luft atmen kann bzw. dafür das ich überhaupt atme, lieber rege ich mich darüber auf, das die Hose blöd sitzt…. Dabei könnte ich für noch so viel mehr dankbar sein: Für meine Familie, für Freunde, dafür, das ich hier einen Raum habe zu schreiben und oft ganz liebe Kommentare bekomme, dafür das Gott bei mir ist und mich so oft schon bewahrt hat… ja heute bin ich vor allem dankbar für meine Stärke, die in mir schlummert und die mich gestern vor einem Rückfall bewahrt hat. Und ich möchte einfach mal Danke sagen für die Dinge und Momente, die auch in einer stressigen und schweren Zeit da sind und die ich oft zu gerne übersehen oder nicht schätze. Zeiten dürfen schwer sein, solche gehören zum Leben dazu und man sollte auch nicht versuchen mit Gewalt fröhlich zu werden oder sie in eine wunderbare Zeit zu verwandeln, aber es gibt Dinge die etwas Freude und Leichtigkeit bringen können. Die Predigt des Gottesdienstes stellte heute das Gleichnis vom reichen Kornbauern dar. Frei nacherzählt: Ein Bauer hat eine reiche Ernte, doch es ist zu viel für die Scheunen. Er freut sich nicht an der Ernte sondern bläst Trübsal und wälzt Sorgen, wohin er mit der Ernte soll. Die Arbeiter freuen sich an der Ernte, sie genießen die leckeren Äpfel und bewundern die Schönheit der Pflanzen, während der Bauer verzweifelt in seiner Wohnung sitzt. Schließlich hat er die Idee eine neue Scheune zu bauen, eine Größere. Er plante und plante und sagte bei sich immer wieder: Nun hast du für Jahre ausgesorgt, wenn die Scheune fertig ist, kannst du dann dein Leben genießen und es dir gut gehen lassen. An sich kein schlechter Plan, doch war der Bauer glücklich? Die Arbeiter freuten sich, aber der Bauer wird beschrieben als alleine und es scheint als würde er sein Leben nicht genießen bzw. es erst später wollen. Er wollte sich erst Sicherheit schaffen durch den Reichtum. Das finde ich verständlich, trotzdem bleibt die Frage, was er davon hat, wenn er immer wieder neu plant und das Genießen immer weiter aufschiebt. Am Ende des Gleichnisses tritt sogar Gott in Aktion, er spricht zu dem Bauern:  ‚Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?‘  Was hat der Bauer jetzt noch von seiner Ernte? Vermutlich weiß er noch nicht einmal, wie einer seiner Äpfel schmeckt. Hätte er sich mit den Arbeitern gefreut, Glück und auch Ernte geteilt, wäre sein Leben trotzdem schön und in meinen Augen auch lebenswerter, egal wie lange es noch angedauert hätte. Dankbarkeit bedeutet für mich das Positive zu sehen was da ist und es zu schätzen. Auch wenn es oft schwer ist und es zu leicht untergeht in der Menge an Sorgen, Gedanken, Terminen und Handlungen, die den Alltag gestalten, ich denke es ist vielleicht sogar lernbar. Ich werde versuchen mein schlechtes Körpergefühl auszusitzen, die Lage in Spanien weiter verfolgen und bin dankbar, für die letzten beiden Abende und die Ruhe die ich gerade gefunden habe, um meinen Eintrag zu schreiben und einfach dafür das ich heute spüre, das Gott auf meiner Seite ist, egal wie ich mich fühle.

Dankbarkeit ist genießen im Augenblick.

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Ich wünsche euch einen schönen Restsonntag! Ganze liebe Grüße eure Elli 🙂

 

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4 Gedanken zu “Vom widerstehen und danken

  1. Liebe Elli,

    Du hast mir heute geschrieben, dass Du siehst mit welch bewundernswerter Stärke ich bemüht bin, schwere Zeiten zu meistern.

    Nichts anderes könnte, möchte und will ich jetzt über Dich schreiben. Du führst einen ganz außerordentlichen Kampf, wahrscheinlich kann ich das in seiner ganzen Tragweite gar nicht wirklich ermessen. Und ich bin ebenso fasziniert, wie doch auch immer noch ein wenig „ungläubig“, wie sehr Du Kraft und Willen aus Deinem Glauben zu schöpfen vermagst.

    Das ist für mich besonders, es berührt mich sehr, aber es ist für mich doch auch irgendwie nicht ganz greifbar.

    Ich habe kein anderes Wort dafür als dass es mich, ja, glücklich macht, wenn ich lese, wie Dir Dein Glaube Unterstützung ist, dass das offenbar etwas ganz Reales ist. – Ich will dann plötzlich selbst ganz fest daran glauben, dass Dir Dein Glaube weiterhin so hilft, dass Du es schaffen wirst. So sehr, dass ich immer öfter direkt genau in diesem Sinne bitte für Dich, während meines kleinen Abendrituals“.

    Schön ist es auch füpr mich immer wieder erkennen zu können, dass Du Deinem Wesen nach ein lebensfroher, ein optimistischer Mensch bist, dem eine Art Leichtigkeit innewohnt, die nicht an der Tiefe und und kritischen Art Deiner Seele zu rütteln vermag.

    Ich habe diese Leichtigkeit, glaube ich, nie gehabt. Um so größer ist meine Freude, sie bei Dir zu finden …

    Liebste Grüße an Dich Elli!

    Und nun stell‘ Dir bitte vor, dass hier soeben eine Strenschnuppe aus meinem Orbit dahinsaust, und, bitte, wünsch Dir ganz schnell etwas, etwas für Dich!

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    1. Hallo, lieber sternfluesterer leider konnte ich deine Sternschnuppe jetzt erst in Empfang nehmen 😉 Ein ganz großes Danke dafür und auch für deine, wie immer, sehr aufbauenden Worte! Ja das mit dem Glauben.. Ja er gibt mir Kraft, aber oft sehe ich das erst im Nachhinein. Oft denke ich bei mir ähnlich wie du es formuliert hast, das es etwas total unreales ist und suche den Halt, wenn ich welchen brauche, aber finde ihn nicht, physisch zumindest. Ich falle bildlich gesprochen trotzdem, aber wenn der Sturz dann vorbei ist, und ich begonnen habe, wird mir klar, das mich etwas aufgefangen hat und ich nicht mehr falle. Kann man das verstehen?
      Ich denke jeder sollte aber seinen eigenen Umgang mit diesem Unfassbaren (was es nun einmal ist) finden.
      Es macht dich zu einem ganz besonderen und in meinen Augen sehr kostbaren und achtenswerten Menschen, das du dich so für mich freust, das ich etwas besitze was dir fehlt!
      Ganz liebe Grüße zurück 🙂

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      1. Ja, liebe Elli, ich kann es ganz gut verstehen, glaube ich. Und meine Suche nach dem Unfassbaren, wie Du es nennst (finde ich sehr schön!), werde ich nie aufgeben. Du, dass ich Dich kennenlernen durfte, bestärkst (bestärken) mich darin.

        „Es macht dich zu einem ganz besonderen und in meinen Augen sehr kostbaren und achtenswerten Menschen, das du dich so für mich freust, das ich etwas besitze was dir fehlt!“

        Das hat mir so noch nie jemand gesagt oder geschrieben!

        Ich freue mich wirklich sehr – ich kenne tatsächlich keinen Neid, weißt Du, und schon gar nicht gegenüber Menschen, denen ich Gutes wünsche, weil ich sie kennen- und verstehenlernen durfte und darf.

        Nimm Deinen Sternschnuppenwunsch mit in diese Nacht. Ich bitte darum, dass er zu einem Traum wird, einem Traum, den Du leben können wirst.

        Aufrichtig liebe Grüße an Dich!

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      2. Behalte den Inhalt dieser Worte, er ist jetzt ganz deiner! Es sind Worte die wahr sind und leider nur selten gesagt werden können.
        Danke, das ist ein wundervoller Wunsch 🙂
        Ich wünsche dir, das du es auch schaffst zur Ruhe zu kommen – von Herzen eine gute Nacht!

        Gefällt 1 Person

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