Der Blick nach vorne

Am Freitagabend hatte ich einen Vortrag über meinen Jakobsweg in meiner Kirchgemeinde. Es war toll von meinen Erfahrungen sprechen zu können, andere teilhaben zu lassen an dem Abenteuer mit unterschiedlichsten Erlebnissen und Gemütszuständen, ja einfach meinen Weg teilen. Ich bekam sehr interessierte Fragen und etliche positive Rückmeldungen. Dafür, dass es mein erstes Mal, das ich außerhalb familiärer Kreise davon berichtet habe, bin ich wirklich zufrieden mit mir und habe geplant es auch noch einmal zu machen. Meine Essstörung war kein Thema und mir hat der Vortrag gezeigt, dass der Jakobsweg auch ohne Essstörung existiert bzw.das die Essstörung ihn nicht gelaufen ist, sondern ich. Erschien es vor noch gar nicht so langer Zeit unmöglich jemals ein Leben ohne gelebter Essstörung zu führen, erscheint es jetzt möglich und machbar. Zur Zeit lebe ich im hier und jetzt, ganz im Alltag des Lebens zwischen Terminen, Verpflichtungen, aber auch Freizeitaktivitäten mit Freunden und Familie. Mir ist aufgefallen, dass ich in letzter Zeit oft daran denke, was vor einem Jahr war und auch immer wieder Resümee ziehe, was sich verändert hat. Ich blicke oft zurück, was auf der einen guten Seite gut ist (sagt mein Therapeut), weil ich so sehe, dass es gerade gut und besser ist, auch wenn es mir mal mies geht. Auf der anderen Seite frage ich mich, wieso schaue ich denn ständig nur zurück? Wieso brauche ich diese Gewissheit, das jetzt alles besser ist, wieso muss ich mir das ständig vor Augen führen? Weil ich Angst habe. Davor immer weiter zuzunehmen, weil es nicht stagniert. Ich denke zwar die ganze Zeit es ist gut so wie es gerade läuft und ich esse routiniert und echt nicht zu wenig und habe auch den Ansporn mein Pensum an Nahrungszufuhr wie bisher bei ca. 2000 kcal zu halten, aber bisher ging das Gewicht immer weiter nach oben. Genau Kalorien zähle ich nicht, aber ab und an überschlage ich – ich denke es ist gut so und kann so bleiben, aber es beunruhigt, dass die Zahl auf der Waage immer weiter angesteigt. Was wenn es irgendwann zu viel ist? In den letzten Tagen hatte ich oft Furcht davor wieder rückfällig zu werden, die Gedanken an das auslassen und reduzieren waren sehr stark, das Magenknurren angenehm. Einsparen heißt auf der anderen Seite aber auch, das das Verlangen zum Überessen wieder kommt. Ich will, dass es gerade gut so ist, wie es ist, das es so bleibt und das es stagniert nicht nur die Zahl und mein Essverhalten (ich will essen und keine Angst davor haben), sondern auch meine Gefühle und meine gute Laune, wieso muss sich alles immer verändern? In letzter Zeit kommt immer mal urplötzlich eine Wolke voll Traurigkeit über mich oder eine Art Hilflosigkeit – ich hasse es, mich jedes mal da wieder rauszukämpfen und mir zu sagen, dass es vorbei geht. In den letzten Tagen hatte ich oft ein starkes Verlangen mich zu überessen, alle Gefühle, die so auf mich eingeprasselt sind runterzuschlingen. ich habe dieses Gedanken bekämpfen so satt. Mein Körpergefühl ist zwar besser geworden, aber die Eigenkritik und die eigenen Erwartungen an mich sind wieder gestiegen. Ich habe so viele Aufgaben, die ich alle perfekt meistern möchte. Der Blick zurück beruhigt, er sagt mir, dass es mal schlimmer war und ich es aus dem Teufelskreis geschafft habe und ich es auch jetzt schaffe die Phase (hoffentlich ist es eine) zu überstehen ohne nach Doris zu rufen. Ich will nicht wieder in den Teufelskreis, einmal kotzen einmal hungern und ich habe Angst es geht los – ich stemme mich derzeit dagegen. Werde ich denn diesen Gedankenkampf nie los? Es frustriert. Noch mehr frustriert mich meine Zukunft. Der Blick nach vorne zwar nicht direkt, aber das drumherum um meinen Lebensweg. Ich habe keine Angst und freue mich auch aufs neue Semester, ich freue mich darauf mein Studium in 2 Semestern abzuschießen und mir in einem Jahr eine Arbeit zu suchen – meinen Weg weiter zu gehen. Das was mich frustriert ist nicht mein Weg, den ich mir suchen werde, sondern vor allem das Bafög und der Stress des Abschlusses, der auf mich wartet. Ab November bekomme ich kein Bafög mehr, weil meine Förderungshöchstdauer erreicht ist, das wurde mir letzte Woche mitgeteilt – Entschuldigung, das ich mich lieber um meine Gesundheit gekümmert habe und nicht mein Studium auf biegen und brechen in 6 Semestern durchgezogen habe, Entschuldigung, das ich erst den falschen Studiengang gewählt habe, weil ich meinen Weg und meine Begabung erst entdecken musste, Entschuldigung, dafür das ich Hilfe brauche… Meine Wohnung habe ich jetzt gekündigt, bis Dezember habe ich sie noch, aber dann werde ich mir entweder was günstigeres suchen oder wieder zu Hause einziehen. Was jetzt nicht so schlimm wäre, weil ich mich derzeit echt stabil fühle und es zu Hause gut läuft, dennoch geht mir ein wenig meine Selbstständigkeit flöten – die ich mir im Kampf mit der Essstörung in dem letzten ganzen Jahr erkämpft habe. Ich weiß, dass es einen Weg gibt, dennoch irgendetwas zieht mich daran runter und erzeugt einen Druck. Ich habe keine genauen Vorstellungen, wie mein Weg nach dem Studium weitergeht. „Richtung Sonderpädagogik“ sage ich immer, aber wohin genau? Das Studium geht dem Ende zu und ich sitze hier und habe derzeit kaum Elan an meiner Hausarbeit zu schreiben, aber ich brauche doch einen guten Abschluss…. In letzter Zeit bin ich oft müde und will einfach nur liegen und nichts machen, doch dazu komme ich nicht und wenn, dann erdrücken mich Gefühle und die Gedanken, daran was ich noch zu tun habe und ans Essen. „Ob und wann, was und wie viel, ob ich darf oder nicht, ob es krankhaft ist oder nicht….“ Es nervt, ich komme nicht zur Ruhe. Meditationsübungen, die mir manchmal geholfen haben funktionieren nicht mehr, zum Sport habe ich keine Energie. Ich fühle mich wie immer auf dem Sprung, renne immer zum nächsten  Punkt weiter. Wieso gelingt es mir nicht abzuschalten, wieso hat das Freiheitsgefühl nach Pisa so kurz nur angehalten, wieso überschlagen sich die Ereignisse? Die Essstörung war da zum Abschalten, die Essstörung, die eine Art abschirmende Seifenblase bildet – ja der Drang ist groß… Aber nein! Eine Essstörung würde mich noch weniger abschalten lassen und noch mehr fertig machen…. So jetzt hab ich irgendwie den Faden verloren… Fakt ist: 1. Ich will nicht wieder in den Teufelskreis. 2. Ich habe gelernt, dass es ohne Essstörung geht. 3. Ich freue mich auf das was kommt, weil ich mein Leben in meinen eigenen Händen halte. 4. Es ist ok Gedanken zu haben und es ist ok, das sie mich beschäftigen. 5. Ich atme weiter.

„Bewahre mich vor der Angst, ich könnte mein Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.“ Antoine de Saint-Exupéry

Die Zeit scheint so schnell zu verfliegen und mich manchmal gänzlich zu überrollen. Das Leben scheint wie ein schneller Orkan über mich hinwegzufegen und mir die Luft zu nehmen, aber der Orkan zieht mich mit und um auf den Beinen zu bleiben renne ich mit ihm und passe mich an seine Geschwindigkeit an. Es gibt kein langes Stehen bleiben und Luft holen, nur die Hoffnung, dass er sich irgendwann auflöst und langsamer wird, damit ich mich setzen kann und schauen, wo ich gelandet bin. Eine Zuversicht die Kraft gibt, weiter auf meinen eigenen Beinen zu laufen und Vertrauen, das ich dennoch den richtigen Weg begehe…

 

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6 Gedanken zu “Der Blick nach vorne

  1. Dieses spezielle Bafögproblem kenne ich, es ist wirklich ätzend und macht einem viele Sorgen 😓 Mit ärztlichem Attest, das die Ursache der Studiumsverzögerung erklärt, hat man aber ggf. die Möglichkeit, für einen bestimmten Zeitraum weiter Bafög zu erhalten über die Regelstudienzeit hinaus. Wäre das vllt eine Option für dich?
    Alles Liebe

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    1. Danke für deine Anteilnahme! Es gäbe die Möglichkeit mich rückwirkend krank schreiben zu lassen, allerdings müsste ich dann das Bafög was ich in dem Semester bekommen habe zurückzahlen.. und somit kommt es aufs gleiche raus und ich kann mir den Schriftkram sparen.
      Liebe Grüße 🙂

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  2. Liebe Elli, ich könnte dein Geschriebenes unterschreiben. Überessen, Müdigkeit, Eile, zunahme und all das, es ist präsent. Du weißt, dass es besser wird, weißt wo du noch vor einem Jahr warst. Trotzdem es nervt – das ewige kämpfen und Gedankenkreisen. Du machst das so gut, aber Doris will gerade mehr Aufmerksamkeit.. es wird besser. Ein auf und ab ..aber du kriegst das hin. Ich glaube an dich ❤

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  3. Es ist unglaublich viel, was Dich umtreibt, was auf Dich einströmt und was Dir Fragen stellt, liebe Elli. Zeiten während denen das so ist, verlangen vor allem sensiblen Menschen sehr viel ab und bisweilen gehen sie auch über das, was man an Kraft aufzubringen imstande ist.

    Ich kann das so sehr gut nachvollziehen, auch, wenn die Krankheit, die im Hintergrund weiterhin „auf Dich lauert“ eine etwas andere ist als die meine. Aber, dass da etwas ist, was man loswerden möchte, weil es einen schon so oft und so lange eingeschränkt hat, das unterscheidet sich, glaube ich, nicht. Bei Dir hockt da DForis herum, bei mir sind es meine Dämonen im gestreiften Anzug aus Ängsten und Depression.

    Du hast mir mit Deinem Kommentar auf meinen letzten Eintrag nicht nur Verständnis, sondern VERSTEHEN signalisiert. Das ist was Seltenes, was sehr Besonderes. Und Du hast es getan, ohne zu verurteilen ohne gleich zu bewerten. – Das hat mir sehr gefallen und sehr gut getan, weißt Du? Mich habe Deine Worte sogar heute während meiner Arbeit manchmal wieder angesprochen. Sie sind mir im Kopf, im Herzen, in der Seele geblieben.

    Ich möchte Dir in diesem Sinne sehr gern so viel als mir möglich ist zurück- oder besser ebenso geben. Ob ich es vermag, weiß ich nicht. Aber ich möchte es immer wieder versuchen. Du sollst bitte wissen, dass ich wirklich an Deiner Seite bin, vor allem, wenn es zu kämpfen gilt, wenn die Zweifel kommen, wenn das Hinterfragen bohrend wird, wenn der Körper die Seele „korrumpieren“ will. Wenn Du bemerkst, dass es zuviel wird, dann teile es, damit es weniger wird. Wenn es also mal (wieder) so sein sollte, und Du meinst, es könnte Dir helfen, dann ist da dieser Button oben in meinem Blog, mittels dem Du mich auch „hier ungesehen“ erreichen kannst. (Natürlich ist er auch in Zeiten außerhalb der besonders schweren für Dich da – Du entscheidest, wann Du „buzzern“ möchtest)

    Ich werde auch nicht aufhören für Dich zu beten. Du bist so weit und so sehr gut voran gekommen – ich will so sehr für Dich, dass sich das verstetigt, dass Du es schaffst, dass Dir nicht immer wieder Lebensqualität genommen wird, die eine so legitime, weil doch so gar nicht unbescheidene ist.

    Ich möchte Dir auch dieses „Pass auf Dich auf“ sagen, wissend, wie sehr Du das selbst im Blick hast, und dass ich sehr wahrscheinlich insoweit wie manches andere betreffend durchaus eine ganze Menge von Dir lernen kann.

    Nicht zuletzt möchte ich Dir von Herzen „Danke“ sagen. Einfach dafür, dass ich Dich finden durfte und dass Du nun DA bist, so dass ich Dich sehen (lesen) kann und begleiten darf.

    Ich wünsche Dir Gottes Segen und lasse Dir ganz und gar aufrichtige, freundschaftliche und von Herzen liebe Grüße hier!

    (Zu der Sache mit dem BaföG habe ich nun nichts geschrieben – aber ich finde es ebenso traurig, wie ungerecht. Leider nutzt Dir das nichts …)

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    1. Wow, danke danke danke für deine Worte, die gehen mir direkt ans Herz. Mir fehlen Worte dafür wie sehr es mir gerade hilft zu lesen, das da jemand ist. Ich möchte dir sagen, das ich dich in den letzten Tagen mit durch meinen Alltag und besonders die Gebete genommen haben – es tut gut verstanden zu werden und auch zu verstehen, denn alleine darin fühlen wir uns auch nicht allein und zusammen kämpft es sich besser gegen die Dämonen (egal welcher Art). Ich habe durch die kraftlosen Momenten gelernt, wenn sie überstanden waren, das ich doch Kraft hatte, auch wenn ich sie nicht gespürt hat. Es ist der “Grundwille“ der uns immer weiter antreibt, der direkt aus dem Inneren guten Fleck kommt, den jeder Mensch in sich trägt, leider ist der jedoch manchmal so klein, das er untergeht. Aber ich bin mir sicher das er immer da ist, um uns zu helfen.

      Ganz liebe dankbare und auch dir kraftgebende Grüße!

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