Wo ich stehe

„Wie geht es Ihnen?“ – „gut, es läuft, alles prima“ … Und mein Therapeut schaut mich musternd an, womit er wohl gerechnet hat? Sieht er die Kilos mehr nicht, nicht das braungebrannte Gesicht und das echte Lächeln, weil die Antwort dieses Mal zu mindestens 70% auf meinen Gefühlszustand zutrifft? Keine Ahnung ob er es zu Beginn gesehen hat, auf jeden Fall hat er gegen Ende gesagt „Ich sehe es hat sich viel getan und das haben sie geschafft“ – meine hundertprozentig ehrliche Antwort: „Ja ich sehe es auch ansatzweise und bin stolz auf mich“ … Seit Wochen hatte ich mal wieder eine Sitzung. Brauchst du das überhaupt? Fragte ich mich davor. Nötig vielleicht nicht unbedingt im Bezug auf die Essstörung, aber es gibt so viel was dahinter stand worauf ich jetzt einen Blick werfen kann. Trotzdem frage ich mich: Darf ich da noch hin? Nur um zu reden und aufzuräumen? Müsste ich das jetzt nicht alleine hinbekommen, immerhin bin ich doch zur zeit der Meinung das mein Leben super läuft und ich es im Griff habe, was ich auch spüre, also wieso dann Psychotherapie? Ein Thema was ich das nächste Mal vielleicht ansprechen werde. Ich möchte noch hin, um auf Gefühle zu schauen, zu schauen, wieso ich mich unfähig erkläre eine Beziehung zu führen etc…. Aber brauche ich das und darf ich das? Nur deswegen? So ganz ohne Essstörung… Aber genug davon – ja ich bin wieder im Alltag (wenn man das so nennen kann) angekommen. Noch sind 3 Wochen Semesterferien, die ich mit Arbeit und Kirmesvorbereitungen im Verein und einigen Terminen mehr fülle. Mein Abenteuer-Urlaub ist vorbei und das schon ziemlich genau eine Woche heute. Die Zeit in Pisa und Florenz nur mit meinem Rucksack hat mir gut getan. Es war als Auszeit gedacht und hat als Auszeit funktioniert. Es war kein weg laufen, sondern ein entschleunigen und bewusst werden, worum sich mein Leben so dreht – und die vollkommen verblüffende Antwort auf die ich gestoßen bin: Mein Leben dreht sich um mich! :p

Wo stehe ich? Wo bin ich? … in meinem Leben, im Umgang mit mir, außerhalb der Tätigkeiten die meinen Tag gestalten – Das sind Fragen, die mich umtreiben, an mir kleben bleiben. Ja es scheint als würde die Essstörung irgendwo hinter mir liegen und ich weiß, dass ich weiter bin als vor einem Jahr, wo ich noch nicht kämpfte, wo einfach alles geschah, immer tiefer und tiefer in den Teufelskreis hinein. Genau vor einem Jahr hatte ich gerade eine Woche stationär in der Klinik hinter mir und der Widerstand gegen Doris begann sich langsam zu bilden. Mir wurden die Augen geöffnet – ich kann auch ohne übermäßig essen und kotzen oder hungern leben, ich kann Doris loswerden. Ich hatte die Wahl zwischen einem Leben in dem ich mich in Abhängigkeit an den giftigen Kugelfisch namens Doris klammere oder ob ich ihn loslasse und ein Leben in Freiheit ohne Gift einer Essstörung genieße. Nach der Klinik fing ich an den Blog hier zu schreiben. In meinem ersten Beitrag (Der Stand der Dinge) schrieb ich: Es war nur ein Anfang, es liegt noch ein langer Weg, ein anstrengender Kampf vor mir, das habe ich verstanden. Ich bin weit davon entfernt „geheilt“ zu sein, nur weil ich eine Zeit lang mal nicht gekotzt habe. Die Essstörung ist wie ein zweiter Teil von mir, in meinen Gedanken, und sie ruft immer wieder. Durch den Klinikaufenthalt fand ich den Willen gegen die Essstörung zu kämpfen und auch die Gewissheit, dass ich die Stärke und Kraft habe ohne sie zu leben, irgendwann. Ich habe verstanden, dass ich eine Essstörung habe, sie mich kontrolliert, dem Tod nahe gebracht hat und immer noch präsent ist, aber auch, dass ich ohne sie leben will und kann. Wie sieht es jetzt aus, 9 Monate später? Zur Zeit würde ich mich so „geheilt“ wie noch nie von der Essstörung bezeichnen. 9 Monate in denen ich viele und auch schlimme und anhaltende Rückfälle hatte, in denen ich immer wieder Doris gewählt habe bzw. in denen sie zu stark war und meine Kräfte aufgebraucht – Fakt ist: Ich habe nicht aufgehört zu kämpfen, auch wenn ich sehr häufig „Alles ist sinnlos und bringt nichts“-Phasen hatte und keinen Ausweg gesehen. Eine Essstörung wird mit der Zeit eigenständig und man wird durch sie gelebt. Und jetzt? Ich handle und agiere, ich entscheide und plane und ja das spüre ich zur Zeit – dass ich mein Leben im Griff habe und ich entscheide wie ich lebe. Keine Essstörung oder Zweifel übernehmen mehr die Führung in meinem Leben, keine Angst zu versagen oder etwas falsch zu machen, nicht die Gedanken, was von mir wohl erwartet wird oder was ich von mir erwarte, wie ich gerne sein möchte – ja all das scheint gerade so weit weg – denn ich mache das was ich mache und wie ich denke, dass es mir und meinem Gegenüber gerecht wird. Ich bin zufrieden mit mir auch wenn ich Fehler mache. Eine falsche Handlung werte ich nicht mehr als „hätte nicht sein dürfen“, sondern stufe sie ein als „anders wäre besser gewesen, aber war jetzt halt so…, das nächste Mal in der Situation kannst du es ja anders machen“. Generell werte ich nicht mehr, so wie vor einigen Monaten. Ich bewerte meinen Körper nicht mehr mit richtig oder falsch, sondern einem neutralen ist halt so. Ich versuche ihn nicht mehr zu entwerten, wenn ich hier und da etwas auszusetzen habe und mich manchmal ohnmächtig und gefangen im eigenen „unbequemen“ Körper fühle. Von ich hasse ihn nicht bis ich schaffe es zufrieden mit ihm zu sein ist alles dabei. Ich habe das „Er ist wie er ist und ich bin wie ich bin“ verstanden und fühle es. Davor habe ich mich unzählige Male gehasst und geschämt, ich zu sein und über Jahre hin meinen Körper unter einer Essstörung gequält. Ob ich eine Ebene erreicht habe, die beständig ist und ob es so bleiben wird, weiß ich nicht, doch ich werde nicht vergessen, dass es möglich ist!

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Ich stand im strömenden Regen und wurde nass. Hinter den unaufhörlich niederkommenden Regenfäden verschwamm die Welt vor meinen Augen. Die Nässe fühlte ich kaum. Nasse Haare und Regentropfen, die übers Gesicht laufen, es gab nichts anderes. Die Schwärze der Nacht drohte mich zu verschlingen, die Dunkelheit ließ den Weg unüberwindbar erscheinen und die Blitze des Gewitters verzerrten mein sich in den Pfützen spiegelndes Körperbild. Gefangen und überschattet wurde ich von den dunklen Wolken. Nebel umgab mich und legte sich bedrückend auf die Lungen. – Doch eines war immer da: Mein Atem, der, so schwach er auch war, mich am Leben hielt und mich mit leise gehauchten Worten den Kampf verkünden ließ – Nun kann ich den Schirm aufspannen. Habe die Sonne im Blick und vertraue auf ihre Wärme auch wenn sie hinter einer Gewitterfront verschwindet. Nun fühle ich die Nässe des Regens und nehme bewusst die Tropfen wahr die auf die Haut treffen und sie erfrischen. Ich stelle mich gerne in den Regen und liebe das reinigende Gefühl. Ich schaue durch die Regenfäden und der Weg bleibt klar, wenn auch mit Nebel bedeckt. Doch der Nebel hüllt nur den Weg ein und umgibt mich nicht mehr, ich kann frei atmen.

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6 Gedanken zu “Wo ich stehe

  1. Wenn ich Dich einmal virtuell umarmen dürfte, liebe Elli, dann würde ich es jetzt gern tun. Und zwar ganz fest! –

    Egal was kommt, die Erfahrung(en), die Du gerade machst, sind großartig, sie werden Dich prägen.

    Heute Abend (Du weißt schon …) ist mein Blick in den Himmel für Dich noch mal ein besonderer.

    Allen Segen für Dich! Und aufrichtig liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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