Thermenwelt und Kuchenduft statt Krankenhausluft

Die letzten Tage waren viel los und auch heute steht ein Programm an. Ich bin gefühlt dauerwach, immer unterwegs oder beschäftigt und fiebere mit einer Seite auch Sonntag entgegen, weil da bisher nichts eingetragen ist als Schlaf und Ruhe. Ich freue mich jetzt gerade einfach mal ein Stündchen zu haben, um zu schreiben. Die Tage zu rekapitulieren und mir durch das schreiben etwas Klarheit und Struktur zu verschaffen bei den sich überschlagenden Ereignissen.

Was war die letzten Tage so los?

27.07.2017 – eine ganz schöne Zahl oder? Ja und auch der Tag war schön – in jedem Fall besser als der 27.07.2016. Während ich genau an diesem Tag vor einem Jahr mit ca. 13 kg weniger ein Krankenhausbett hütete, verbrachte ich ihn nun in der größten Therme der Welt, mit einer Schwester ihrem Freund, noch einem Freund und meinem Bruder. An welchem Tag ich mich besser gefühlt habe? Ganz klar an dem diesjährigen Donnerstag, auch wenn er eine mega Herausforderung für mich darstellte: Ein Tag in der Therme, Haut zeigen, essen… Nach 4 h Autofahrt (mit mir als Fahrerin) erreichten wir das Ziel gegen 11 Uhr. Gegen baden und schwimmen habe ich nichts – ganz im Gegenteil, das mag ich. Das Schlimme und Bedrückende war das rumlaufen im Bikini, den ganzen Tag konfrontiert werden mit der eigenen nackten Haut und zig Körperstellen, die mir missfallen und dann waren da noch andere Leute, die mich sahen, darunter viele die besser aussahen als ich, einen schönen Körper haben, darunter auch meine eine Schwester, die neben immer neben mir stand. Ich fragte mich ständig: Bin ich viel dicker als sie? Zu Beginn ging es – ich war eine unter vielen, unterschiedlichen und fühlte mich ganz gut. Konfrontationstherapie geglückt hätte ich gesagt, ich fühlte als hätte es Klick gemacht und ich akzeptierte meinen Körper, es gab so viele verschiedene Körperformen um mich her, ich fühlte mich nicht beobachtet oder ähnliches, ich war einfach ich und hatte eben meinen eigenen Körper. Doch das ließ mit der Zeit nach, gefördert von Vergleichen beim Anstehen für die Rutschen. Überall sah ich nur die Frauen und Mädchen die schlanker waren als ich oder die die mit ihrem Körper einfach zufrieden zu sein schienen. Wenn ich an mir herunterblickte sah ich vor allem das Fett, dass in meinen Augen zu viel ist und ich fragte mich die ganze Zeit: Sehe ich wirklich so aus wie in meinem Kopf? Ein Gang auf die Toilette mit meiner Schwester bei dem sich unsere Körper nebeneinander im Spiegel abbildeten, sagte mir: Nein. Ich bin vielleicht anders gebaut, nicht so groß wie sie und deswegen nicht so gestreckt, aber doppelt so breit und mit mega viel Fett ausgestattet bin ich nicht. Das Bild und das erkannt zu haben verstörte mich, denn ich sah das nicht so. Wenn ich sie anschaute, war sie viel dünner als ich, doch im Spiegel waren unsere Hüften ungefähr gleich breit und nur meine Oberschenkel etwas breiter. Ich versuchte es abzuschalten mich zu fragen, wie ich denn jetzt aussehe, die anderen mit mir zu vergleichen, denn es frustrierte mich ein wenig, das ich mich einfach nicht so sehen konnte, wie ich aussah. Meinem Bruder war es doch egal, wie breit meine Hüften sind, Hauptsache ich gehe mit ihm rutschen und wir tauchen uns gegenseitig im Wasser unter. Immer wieder schob ich die Gedanken weg, die mich entwerteten, die mir vorsagten, dass ich zu viel Fett habe. Wie ein Mantra sagte ich mir innerlich immer wieder: Du bist du und es ist dein Körper, auch mit Fett, der halt so ist wie er ist und auch sein darf. Das Leben kann man nicht auf den Körper reduzieren. Du hast so viel mehr Freude und generell vom leben, wenn du nicht einem vermeintlich perfekten Körperbild hinterher rennst, du bist so viel freier – an den Tropf angeschlossen werden, sich an die Toilette binden oder Kalorien zählen ist doch keine Freiheit…Und so schlimm sieht dein Körper im Spiegel hier nicht aus, eigentlich sogar ganz passabel und annehmbar. Tja was soll ich jetzt sagen irgendwie verschwand der beklemmende Fettanfall. Ich scheine einen starken Willen zu haben, der auch manchmal funktioniert und vermutlich verarbeitete Gott gerade meine hunderttausend Gebete, die ich schon Tage vorher verschickt hatte, einfach mit der Bitte, das ich es überstehe und es nicht so schlimm wird. Beides zusammen wurde ich sogar noch eine Stufe über überleben katapultiert. Ich fühlte mich jetzt nicht super und makellos, was ich auch gar nicht möchte, weil es einfach anstrengend ist, sondern wie ein durchschnittliches Normal. Mein Körper war ok, ich war ok und ich erlebte den Tag. Ich war nicht mehr darauf fixiert meinen Körper zu mustern und im gleichen Zug zu entwerten. Wir hatten Spaß, spritzten mit Wasser, rutschten mit Reifen die längste Röhrenrutsche Europas oder schwammen auf den Wellen. Nach 7h verließen wir die Badewelt mit verschrumpelter Haut und knurrenden Mägen. Wir hatten zwar in der Therme was gegessen, allerdings waren die Portionen den Preisen keineswegs angepasst gewesen. Es ging zu McD. Du hast zu viel gegessen! Klar habe ich heute mehr gegessen, als sonst, aber ich habe mich auch bewegt. Ein üppiges Müsli, weil ich ja Energie für den Tag brauche, ein Crepes und ein paar stibitzte Pommes zum Mittag, einen Wrap, Pommes, ein Eis und ein Smoothie zum Abendbrot – ist doch ok, haben alle anderen auch gegessen. Gegen halb 12 trudelten wir dann im Dunkeln wieder zu Hause ein. Ein Tag Körper- und Kopftherapie lag hinter mir. Mein Fazit: Konfrontation und Überwindung haben sich gelohnt, auch wenn ich zwischenzeitlich durch die Hölle gegangen bin, der Tag wird als positiv und weiterer Schritt der Lösung der Essstörung in meinem Kopf bleiben.

28.07.2017 – Ja ich habe geschlafen, zumindest etwas. Denn um 9 Uhr schloss ich mehr oder weniger fit den Laden auf – arbeiten bis 15:30 Uhr. Müdigkeit plagte mich eigentlich nicht, eher eine Trägheit und Konzentrationsschwäche, die die Minuten zäh verstreichen ließ. Ein Glück hab ich die Kasse, die mir immer schön alles ausrechnet. Nur lächelnd dahinter stehen, abkassieren und ab und zu durch den Laden laufen, mehr erwarte ich heute nicht von mir. Doch man soll ja seine Leistungen nicht unterschätzen und so lief ich zu Höchstform auf, als die Kasse ausfiel. – Aufgehangen, nichts tat sich mehr – Also rief ich die Chefin an – warten, war ihr Rat, kann man nichts anderes machen als manuell mit Quittungen abkassieren. Tja, jetzt kann ich Quittungen schreiben. Nach einer halben Stunde gab die Kasse dann den Widerstand auf und entschloss sich doch wieder auf meinen Finger auf dem Bildschirm zu reagieren – Halleluja! Denn es war ein gut besuchter Tag. Viele offene und gesprächige Leute suchten das Geschäft auf und es machte mir Freude mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Situation hatte mich aufgepuscht, Stress, Adrenalin, was auch immer – die Müdigkeit und Schlappheit erreichte mich erst gegen 4 Uhr im Zug in die Heimat, noch nie habe ich ein belegtes Brötchen so langsam gegessen. Gegen halb 6 legte ich mich erstmal ein Stündchen hin. Wirklich sinnvoll war es nicht, denn danach war ich vom Schlaf benommen und fühlte mich alles andere bereit für einen Kirmesabend, den ich als Fahrerin nüchtern verbrachte. Die Müdigkeit und alles andere verdrängte ich und tanzte und redete und lachte in einem Modus der irgendwo zwischen wirklich Spaß haben und durchhalten. Alles in allem sehe ich den Tag als aufregend, überstanden und gemeistert an. Keiner von vielen, aber einer unter vielen.

29.07.2017 – 5h Gesellschaft gönnte ich meinem Bett bevor ich in den Tag zum zweiten Mal startete. Der Tag heute ist zwar noch nicht vorbei, aber im Kopf schon verplant. Oma hat Geburtstag. 75 Jahre wird sie und plant den Geburtstag schon lange – schon vor ihrer Augen-Op hat sie alles in die Wege geleitet: eingeladen, eingekauft und im Restaurant reserviert. Der Tag fordert mich. Schon seit Tagen graut es mir davor, denn es wird viel gegessen und das nach den letzten Tagen, die auch schon üppig und eher ungesund ausgefallen sind. Eine gedeckte Kaffeetafel, dann zum Abendbrot ins Restaurant, abends noch Knabberzeug und die beobachtenden Verwandten – die Vorstellungen setzen mich unter Druck, das habe ich bemerkt. Ich versuche mich da nicht hineinzusteigern, es ist auch nur ein Tag, der vergehen wird und so freue ich mich darauf. Ich sehe Cousinen und Tanten wieder, wir werden Spaß haben, Karten spielen und lachen, die Sonne scheint und seit dem Tag in der Therme komme ich mit meinem Körpergefühl besser klar. Wie genau ich das beschreiben soll weiß ich nicht, ich fühle mich noch immer zu dick, aber weiß und verstehe das ansatzweise, dass es nicht so ist. Aber ich akzeptiere und verstehe auch, dass ich mich dick fühle, und das es sein darf und so ist. Ich verstehe, dass ich mich auch, wenn ich denke, dass ich zu viel wiege gut fühlen darf und kann. Es wird heute wieder ein Tag zwischen Maske und Elli werden, zwischen einfach überstehen und erleben, ein nie hundertprozentig bei der Sache sein, weil ich mit den Gedanken zweigleisig fahre. Wahrnehmen, prüfen, verarbeiten, untersuchen, eventuell umpolen der Gedanken, so ist es zur Zeit, aber es lohnt sich. Heute sage ich trotz Herausforderung: Es wird der 63. kotzfreie Tag, alles andere will ich heute nicht akzeptieren. Letztes Jahr besuchte Oma mich zu ihrem Geburtstag im Krankenhaus. Ein Ereignis das in Erinnerungsbilder auf der Nebenspur zum Tagesablauf vorbeizieht. Dieses Jahr wird es viel schöner – zu Hause mit ihr und allen Anderen am Kaffeetisch zu sitzen – in Gemeinsamkeit statt in Einsamkeit mit der Essstörung.

Ich wünsche euch einen schönen Tag – genießt die Sonne, wenn sie bei euch auch scheint! Liebe Grüße eure Elli 🙂

 

5 Gedanken zu “Thermenwelt und Kuchenduft statt Krankenhausluft

  1. Es freut mich,dass der Tag im Schwimmbad am Ende doch noch ein Erfolg war und dass du deine schlechten Gefühle ablegen konntest. Das ist eine tolle Leistung! Du scheinst momentan ziemlich viel um die Ohren zu haben und meisterst alles trotzdem gekonnt.. du kannst echt stolz auf dich sein. Geburtstage machen mir auch immer Angst wegen dem vielen Essen, vor allem wenn ich die Tage davor auch schon viel gegessen habe. Ich weiß aber, dass du den Tag gut überstehen wirst und vielleicht sogar genießen kannst 🙂 alles liebe

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar, der gibt mir nochmal extra Kraft. Ich finde das Schwere besteht immer darin aufzuhören zu essen, weil man ja eigentlich genug hat, aber es steht meist immer noch was da und man will zu greifen…
      Liebe Grüße und einen schönen Tag 😉

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  2. Liebe Elli, super wie du den Fettanfall gemeistert hast Und allgemein machst du das alles sehr sehr gut. Geburstage und feste find ich auch schlimm, aber meist ist die Angst ganz unbegründet. Ich kann aufhören und ich denke das kannst du auch – du stehst über Doris. Ich hoffe du findest morgen ruhige Stunden, denn dieses unter Strom stehen zermürbt. Ich wünsch dir alles Liebe ❤

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