Was Leben heißt

Ich wachte auf – heute am Montagmorgen, nach einem ereignisreichen Wochenende. Von Freitag bis Sonntag habe ich mir, zusammen mit einer Freundin, Erfahrungen und Fähigkeiten im Umbau eines IKEA-Regals zu einem Hasenstall angeeignet. Das werde ich in jedem Fall bei meinem nächsten Bewerbungsgespräch mit einbauen – Wer kann sowas schon angeben? Es zeugt von handwerklichem Geschick, einem guten Planungs- und Vorstellungsvermögen und Durchsetzungskraft gegenüber Nägeln, Schrauben und Brettern. Meist entstand der Plan erst beim Bauen, was aber super klappte, denn nun steht ein Gebilde in ihrer Wohnung, welches man ganz klar als Hasenstall definieren kann.

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Tadaa!
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Als künftige, fürsorgende Hasenpatentante testete ich natürlich die Bequemlichkeit 😀

Neben der neugewonnenen Freundschaft zu Hammer, Akkuschrauber, Säge und co. wurde auch unsere Freundschaft in meinen Augen gefestigt. Treffen sich 2 in der Klinik, teilen sich dort ein Zimmer und beschließen dann 10 Monate später zusammen einen Hasenstall zu bauen…. Es ist eine Freundschaft für die ich zur Zeit sehr dankbar bin. Ich schätze es sehr, dass sie so entstanden ist. Sie bildet nicht nur eine gegenseitige Unterstützung und einfach ein Verstehen beim Kampf gegen die Essstörungen. Wir verbrachten ein ganzes Wochenende zusammen, lachten und schnauften gemeinsam und verstehen uns immer noch super – obwohl ich das auch nicht anderes erwartet hatte.

Am Freitag und Samstag entstand bei mir in der Heimat der Grundbau (es hat Vorteile einen Vater mit Werkzeugfaible zu haben), am Samstagnachmittag verlagerten wir dann unseren Bauplatz zu ihr, wo am Sonntag der Feinschliff stattfand. Nach einer Geburtstagsparty am Samstagabend, die viel zu viel Auswahl an Essen einschloss, gestern Abend noch einer Energieaufladung bestehend aus einer halben Tafel Schokolade und Eis war mein Gewicht heute morgen in der kopflichen Vorstellung bei mindestens 60 kg. Die Blähungen, die mich den Tag über quälten machten es nicht angenehmer. Aber die gute Seite ist: das ich am Samstagabend bemerkt habe, das mich zu viel Essen vor mir aufgetürmt nicht mehr in Panik versetzt. Es war sogar ok, hier was von dem Nudelsalat und da was von dem Süßen zu nehmen. So schlimm ist normalgewichtig gar nicht, dachte ich des Öfteren mit gutem Körpergefühl am Wochenende. Und heute? Ja heute traf mich Doris mal wieder volle Breitseite. Zum Ersten hatte ich wie schon erwähnt ein mieses Körpergefühl. Zum Zweiten war erstmal nichts heute auf der to-do Liste außer Hausarbeit schreiben, was einen radikalen Unterschied zu den letzten Tagen bildete. Zum Dritten nervte meine Oma heute mega. Sie war etwas eingeschnappt das ich Auflauf und Kuchen bei ihr ablehnte, redete die ganze Zeit über ihre Augen-OP am Donnerstag und über ihre Angst und Befürchtungen. Verstehe ich ja, aber mehr als ihr zu sagen, das ich bei ihr bin, sie begleite, das es ein Routineeingriff ist und zuhören kann ich ja nun auch nicht. Leider kann ich ihr nicht meinen Schlaf schenken, denn der wird heute auch nicht sonderlich gut werden. Zum Vierten kam eine Freundin vorbei, die morgen für ein Au-Pair Jahr nach Los Angeles geht. Es war schön sie nochmal zu sehen und zu quatschen. Bei ihr flossen die Tränen und in meinem Kopf ratterte die Suche nach den erwarteten richtigen Worten. Das alles führte dann zum Fünften, dem Fressanfall. Nutella, Schokolade, Toast… Und das nach Frühstück, Mittag und dem Eisbecher am Nachmittag, der auch schon ein Völlegefühl und schlechtes Gewissen verursacht hatte. Ja ich versuche mich gerade durch eine Analyse emotional abzuschotten. Der Bauch schmerzt einfach, ist unnatürlich nach vorne gewölbt und das Völlegefühl ist schon über unangenehm drüber. Aber ich habe mich entschlossen die heutigen 51 Tage nicht weg zuwerfen und mit im Klo runter zu spülen. Ich habe am Wochenende Standfestigkeit erworben und auch mit Blick auf die Behindertenfreizeit – das Kotzen hat keinen Platz in meinem Leben. Mit gefühlten 20 kg zu viel, einem schlechtem Gewissen, welches morgen früh nochmal doppelt so stark sein wird und der Panik über die Kalorien auch nur nachzudenken, finde ich gerade einfach keine angenehme Position zum Einschlafen. Ich verdränge Gefühle und Gedanken und konzentriere mich auf die Empfindung des gleich Platzens. Ich will gar nicht meckern oder groß Gründe suchen und mich aus der Affäre ziehen. Ich bin unzufrieden mit mir, aber ich hasse mich nicht, ich habe es bewusst gemacht und vielleicht emotional gebraucht. Ich weiß ich bin stark und will doch einfach nur schwach sein. Doch eins kann ich sagen: Ich bin mir sicher, dass es richtig ist auszuhalten und das es falsch ist, wenn Doris sagt: Das eine Mal wäre doch in Ordnung. Es ist gerade durch die Essstörung eine Entscheidung gegen sie – so versuche ich es anzunehmen. Einen großen Schritt von ihr weg tue ich gerade in dem ich merke: Ich verzeihe mir. Ich verzeihe mir diese Situationen. Zum Abschluss kann ich sagen, dass ich ein superschönes, einzigartiges Wochenende hatte, an welchem ich gelebt habe und welches mir gezeigt hat, was Leben heißt und wofür es sich lohnt die Essstörung hinter mir zu lassen.

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8 Gedanken zu “Was Leben heißt

  1. Erst einmal, liebe Elli: Respekt für den Aufbau des Hasenstalls! Sieht großartig aus (einschließlich Hasenpatentante! 😉 ), und die Begeisterung, mit der Du über den Aufbau schreibst, ist für mich als absolutem Handwerkslegastheniker (wäre ich eine Krake hätte ich acht linke Hände) geradezu unglaublich.

    Respekt aber auch für alles andere, was Du geschrieben hast. Ich kann mir das ganz sicher nur ansatzweise vorstellen, aber zwischen Deiunen zeilen ist soviel Willen, soviel Zuversicht, dass ich nur Freude empfinde beim Lesen und ich Dir für alle weiteren Tage über den 51. hinaus ganz doll die Daumen drücke.

    Viele ganz liebe Grüße an Dich!

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    1. Ja ich denke wir sind über unsere Fähigkeiten hinausgewachsen, hätte solch einen Anblick zu Beginn nie erwartet.
      Danke für deine lieben Worte (und das Kompliment ;)) Das hilfreichste ist, sich die Fortschritte und Verbesserungen vor Augen zu halten.

      Liebe Grüße zurück und einen sonnigen Tag!

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  2. Liebe Elli, du siehst super aus – wirklich !! Ich finde es klasse wie du kämpfst. Ein kleiner Trost, diese Fressanfälle mit üblen Bauchschmerzen werden weniger, ich habe gerade überlegt wann mein letzter war und der ist fast 3 wochen her – zumindest das wird leichter. Tapfer, das du durchhälst – und es ist wirklich ekelhaft und schmerzhaft wenn der Bauch quasi gefühlt am platzen ist . Es ist schön, dass du jemanden gefunden hast mit dem du dich so gut verstehst und dich mit deiner Doris viel besser verstehst. Kämpfe weiter liebe Elli – das Leben ist so viel mehr wert ❤

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    1. Dankeschön, jetzt bin ich echt geschmeichelt ❤
      Und das dümmste ist, das man am nächsten Tag unerklärlicherweise Hunger hat, bei dem Überschuss…
      Ja das Leben ist zwar schwer, aber in jedem Fall besser und das Leben geht noch so ewig und der Bauch hört irgendwann auf zu platzen 😀 ich versuche es immer mit Humor zu nehmen, man kommt sich einfach wie ein torkelnder Pinguin vor

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      1. Das stimmt, Pinguin trifft es sehr gut und eigentlich denk ich mir dann immer „DU bist Sooo doof..du wusstest doch was passiert“. Ja vorallem ich wache auf und meist noch magenknurren vor Hunger – da läuft echt was verkehrt 😂

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      2. Es tut gerade einfach gut mit dir zu schreiben und zu wissen, dass du genau weißt wie das ist.
        Manchmal denke ich mir esse ich irgendwie schon bewusst weiter, weil ich weiß ich werde aushalten und die Generalgenehmigung: du brauchst das jetzt

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      3. Ja die generalgenehmigung kenne ich nur zu gut. Trotzdem ist es so, dass jeder der in der Erholung ist, diesen Konflikt hat. Ich suche mir immer wieder antworten in Foren. Es sind immer die gleichen Ängste und Probleme. Und immer steht dabei „es wird besser“ und ich denke mir „jetzt! Sofort!!“ Und manchmal braucht man einfach Schokolade, manchmal sind es nur zwei Rippen. Manchmal sind es zwei Kugel Eis – und mal ist es mehr. Aber wieso auch nicht? Der Körper wird uns irgendwann zeigen, was er braucht. Vielleicht nicht jetzt ..aber irgendwann. Ich glaube daran 😊

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