Was wäre wenn…

Was wäre wenn ich heute einen Fressanfall hätte? Dieser Gedanke schoss mir heute morgen beim Frühstück durch den Kopf. Doch ich hatte weder ein Verlangen danach noch irgendeinen Druck. Der Gedanke kam, weil ich heute so gar nichts vorhatte außer Hausarbeit schreiben. Also nur zu Hause rum sitzen und das nach den gefüllten letzten Tagen… Was für ein Programm hat eine Bulimikerin da? Mit einem wunderbaren Fressanfall die Zeit der Ruhe sinnvoll nutzen. Vermutlich hätte es sich den ganzen Tag hingezogen und abends hätte ich dann mit einem von der Säure brennenden Hals, Spuren von Fingernägeln im Bauch, schwach und fertig im Bett gelegen und mich neben dem Leeregefühl selbst abgrundtief gehasst. Ich würde dann mal wieder mitten im Zwiespalt der Gefühle stecken – Doris würde mir sagen, dass ich genau das richtige getan habe, wie toll und stark ich bin und das würde ich auch fühle, aber auf der anderen Seite würde meine Rationalität wissen, dass es komplett falsch war, mein schlechtes Gewissen würde mir einflüstern, dass ich nichts hinbekomme, das ich versagt habe, das ich hässlich bin, ich würde mich schäme dafür es getan zu haben und auch all das würde ich fühlen. Da man sowas nun gar nicht gerne spürt, diesen Selbsthass, diese Selbstvorwürfe, Zweifel, Selbsterniedrigung… tja ich würde wieder kotzen gehen, um mich gut zu fühlen und mich weiter selbst hassen, kotzen gehen usw… es wäre ein Teufelskreis, aus dem ich gerade ausgebrochen bin. Der Gedanke ist da, aber auch nicht mehr. Ich schenke ihm keinen Glauben. Die Vorstellung an einen Fressanfall fühlt sich so unwirklich an, so total surreal. Als derzeit nicht mehr praktizierende Bulimikerin widmete ich mich heute meinen Hausarbeiten und der bequemen Couch. Ich bin recht produktiv gewesen, aber auch eine Meditation war Bestandteil des Nachmittags. Ich habe zwar kein mega Körpergefühl, ganz im Gegenteil, aber ich komme damit klar. Mein Bauch ist nicht superflach und meine Oberschenkel zu fett, aber ich mag es meine Hände beim schreiben zu betrachten und meine Augen finde ich schön. Ich habe mir mal andere Ohrringe reingemacht und festgestellt, dass ich meine Ohren auch mag. Ja klar verändert sich mein Körper und ja klar finde ich das nicht toll – noch letztes Jahr um die Zeit hatte ich über 10 kg weniger und hatte die 40 kg fest im Visier. Ich wollte mich dünn sehen, will es ja immer noch. Und jetzt esse ich und nehme zu und da soll ich es auf einmal gut und schön finden, wenn mein Po wächst? Nein das geht nicht und das weiß ich, mein essgestörter Gehirnteil muss sich erst umpolen und das dauert. Ich versuche zur Zeit ein neues Körperbild von mir anzunehmen. Ich verstehe, dass es unmöglich ist in den Spiegel zu schauen und zu sagen: Du bist perfekt! Deswegen ist ok, ich akzeptiere es. Ich halte mich zur Zeit an dem Vertrauen fest, dass alles irgendwie schon wird, das nicht so tolle Gefühle vergehen und Gute auch mal wieder kommen, wenn sie vergehen. Woran soll ich mich auch sonst halten? In letzter Zeit verändert sich so viel. Erst Klausurenphase, jetzt Semesterferien mit einem schon vollem Terminkalender, meine Wohnung bezeichne ich immer noch mit neu, ich habe meinen neuen Nebenjob, baue intensiv die ein oder andere Freundschaft auf, auf irgendeine Art und Weise verändert sich auch der Umgang mit meiner Familie, ich führe ein kotzfreies Leben, vieles bildet esstechnisch trotzdem noch eine Herausforderung und ich nehme zu…. Das einzig wirklich negative daran ist für mich das zunehmen, aber es eine unter so vielen positiven Veränderungen – ja ich glaube ich kann sagen, auch wenn ich mich im Ganzen noch nicht mit ein paar Kilos mehr mag, mein Leben genieße ich mit denen mehr, als mit 10 kg weniger, wo eigentlich nur die Zahl auf der Waage am nächsten Tag zählt. Und beim Zurückblicken auf die Zeit im Teufelskreis, denke ich gerade, dass ich selbst wenn mal die „richtigen“ Zahl auf der Waage stand, nie so zufrieden und eins mit mir war wie jetzt in vielen Augenblicken. Statt jeden Tropfen Wasser einzusparen, weil er ja was wiegen könnte, esse ich jetzt auch mal was auch wenn ich keinen Hunger habe, einfach aus Appetit. Was wäre gewesen wenn ich letztes Jahr die 40 Kilo erreicht hätte, statt im Krankenhaus zu landen? Vielleicht würde ich jetzt mit 30 kg hier sitzen, vielleicht hätten die Herzrhythmusstörungen mich umgebracht, wie die Ärzte gesagt haben…. Fakt ist ich würde heute nicht mit genau 40 kg hier sitzen und zufrieden sein, denn durch eine Essstörung kann man nicht zufrieden werden. Fakt ist ich hätte heute nicht mit Genuss meinen Eisbecher gegessen und würde mich aufs morgige Frühstück freuen. Fakt ist ich hätte nicht gestern zum ersten Mal erfolgreich den Laden abgeschlossen mit gemeisterter Kassenabrechnung und allem drumherum. Ich habe mich fürs Leben entschieden und dazu gehören die Kilos. Vielleicht sollte ich versuchen die Kilos als Lebensretter anzusehen und kann man davon zu viele haben?

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Ich wünsche euch noch einen schönen, gemütlichen Abend ❤

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9 Gedanken zu “Was wäre wenn…

  1. Nun bin ich also hier, das erste Mal auf Deiner Seite. Du selbst bist es gewesen, die mich hergeführt hat, liebe Elli. – Als ich heute Morgen sah, dass Du von nun ab meinem Blog folgen möchtest, da wollte ich natürlich mal schauen, wer sich hinter dem Menschen verbirgt, der sich für mein Geschreibsel interessiert.

    Nun habe ich Deinen Eintrag hier gelesen, ja, und der hat mich einigermaßen ergriffen. Ich habe darin eine kämpfende, eine sich wehrende, eine wollende junge Frau gefunden, eine, die ein Ziel verfolgt, die dahin schon viele kleine gute und wichtige Schritte getan hat und die sich doch nach wie vor nicht ganz sicher ist.

    Und ich habe Dein „Über mich“ gelesen, dabei vor allem gefunden, dass Du für mich ungemein spannende und interessante Sachen studierst, dass Dich das Feld zwischen Hoffnung und Vertrauen sehr beschäftigt und, dass Du eine Suchende bist.

    Was die zuletzt genannten Dinge betrifft, die haben wir gemeinsam.

    Ich werde wieder hierher kommen, liebe Elli, manches lesen und schauen, wie ich damit zurechtkomme. – Ich bitte Dich um Verständnis dafür, weil ich (wie Du vielleicht, wenn Du schon ein bisschen mehr bei mir gelesen hast, weißt) auch so meine Probleme und Kämpfe habe. – Wenn es ganz gut geht, werde ich Deinem Blog meinerseits auch gern folgen.

    Vorerst danke ich Dir erst einmal für Dein Interesse verbunden mit dem aufrichtigen Wunsch, dass Du es vermagst, den Weg, den ich aus Deinem Eintrag oben herausgelesen habe, weiter zu gehen. Ich ahne etwas von der Schwere aber auch der Faszination dieses Weges, denn während eines eigenen Klinikaufenthalts (allerdings wegen anderer psychischer Probleme) habe ich seinerzeit eine Frau mit einer Essstörung etwas näher kennenlernen können und so einiges, sehr authentisch über derartige Krankheiten erfahren. – So habe ich erheblichen Respekt davor, wie weit Du inzwischen vorangekommen bist und freue mich gleichzeitig sehr mit Dir und für Dich darüber.

    Soweit für heute – mein erster Kommentar hier auf Deiner Seite.

    Ich wünsche Dir eine nicht so schwere neue Woche. Mit freundlichen und lieben Grüßen sowie dem Wunsch für eine gute und erholsame Nacht verbleibe ich bis sicher ganz bald!

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    1. Lieber Sternfluesterer,
      ich freue mich gerade deinen Kommentar zu lesen. Ich habe mich auch schon etwas auf deiner Seite umgeschaut und werde das garantiert auch beibehalten. Ich finde dein Interesse super und verstehe es vollkommen wenn du nicht kannst. Ich finde es toll wie vielfältig deine Beiträge sind, ich werde bei Gelegenheit bestimmt welche lesen 😉 Besonders deine Gedanken über Gott, die du bei deinem Über mich angesprochen hast interessieren mich. Ich lese aus deiner Selbstbeschreibung heraus, dass du ein ganz bemerkenswerter Mann bist deren Einstellung zu Gewalt etc. ich teile. Ich denke du bist ein einfühlsamer Mensch, der nicht nur Personen als irgendwelche Zahlen, sondern die wahren Menschen dahinter versucht zu sehen und diese respektiert. Ich freue mich schon jetzt dir den ein oder anderen Kommentar dazulassen oder einen von deinen zu lesen und Gedanken auszutauschen!

      Danke, ich wünsche dir auch eine gute Nacht und eine Woche, in der du lachen und Zeit genießen kannst.

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      1. Danke für Deine so freundlichen und verständnisvollen Zeilen, die mich auch ein bisschen verlegen machen, weil da doch auch eine Menge Wertschätzung drin steckt.

        Ich möchte Dich nun nicht gleich überfallen, liebe Elli, aber da Du schriebst, dass Dich meine Gedanken zu Gott ein wenig mehr interessieren, gebe ich Dir mal „ein bisschen ganz schön viel“ Lesefutter. Ich habe einfach mal die Worte „Gott, Glaube, Weltgewissen“ in die Suchmaske meines Blogs eingegebn. Eine Zusammenstellung von von mir zu diesen Themaen, freilich zu unterschiedlichen Zeiten (ich blogge schon über 5 1/2 Jahre) verfassten Einträgen findest Du hinter diesem Link:

        https://gedankenorbit.wordpress.com/?s=Gott+Glauben+Weltgewissen

        Lies es langsam, lies es in Ruhe. Die älteren Einträge stehen ganz unten der neueste ganz oben.

        Vor Mitte 2015 von mir verfasste Beiträge habe ich noch auf dem Portal blog.de verfasst. Sie enthalten manchmal kleine Schreib- oder bertragungsfehler, die wohl beim Exportieren hierher entstanden sind. Und: Damals hatte ich noch einen anderen Nicknamen – ich hieß seinerzeit „schweitzer“ (ein bisschen mit Bezug auf Albert Schweitzer, den ich sehr schätze)

        Ich freue mich über unsere Begegnung und manchen interessanten Austausch mit Dir.

        Noch einmal viele liebe Grüße an Dich!

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      2. Das ist voll lieb von dir 🙂 Ich freue mich jetzt schon die Beiträge zu lesen, da sich das ein oder andere garantiert super zum Nachdenken eignet und mich dazu anregt.
        Danke, dann lass ich dir auch nochmal liebe Grüße da 😉

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  2. Liebe Elli, das hast du wahnsinnig schön geschrieben. Deine selbstreflexion ist wirklich sehr gut. Diese Gedanken kommen immer mal wieder. Ich hatte dies mal in einem Eintrag geschrieben, und du meintest, dass das großen Respekt verdient..was ist nun? Du stehst selbst gefestigt dort und kannst rational die eigenen bulimischen Gedanken reflektieren und zur Seite schieben. Du kannst mächtig stolz auf dich sein ❤

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    1. Danke 🙂 auch wenn ich manchmal dazu neige es zu zerdenken, finde ich meine Selbstreflexion auch hilfreich.
      Das stimmt, jetzt wo du es schreibst erinnere ich mich daran, danke dafür!
      Ich wünsche dir eine gute, erholsame Nacht ❤

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  3. Das hast Du ganz richtig erkannt, liebe Elli.
    Diese 10 kg waren und sind für Dich Deine Lebensretter.
    Ich hole mir gerade soviele Informationen, wie ich kriegen kann, was das Verhindern von Rückfällen betrifft, und da ist diese eine Devise für mich sehr hilfreich.
    Diese lautet: 24 Stunden
    Also nicht: „ich trinke nie mehr etwas“ sondern ich trinke die kommenden 24 Stunden nichts.
    Und ich denke, dass das jede Sucht betrifft.
    Und vielleicht auch Dir eine gewisse Stütze sein kann, wenn Du morgens sagst: „die nächsten 24 Stunden werde ich keinen Fressanfall mit Erbrechen haben. Was übermorgen ist, weiss ich nicht, jedoch die nächsten 24 Stunden ganz sicher nicht“.

    Hab einen schönen Wochenstart und ganz liebe Grüsse aus Wien ❤

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