Wie viel wiegt gemeinsame Zeit?

Wie viel wiegt Freude, Glück, Zeit mit Freunden, Lachen, Unternehmungen, Begegnungen, Zufälle, Ideen? Ja wie viel wiegt das Leben?

Gestern stand ich auf mit einem richtig gutem Körpergefühl, ich fühlte mich super Innen und auch Außen. Seit 18 Tagen stand ich nicht mehr auf der Waage – gestern dann nach langer Überlegungsentscheidung wieder. Ich habe mit mir ausgemacht alle ca. 3 Wochen auf die Waage zu steigen. Und da ich mich gestern gut fühlte, fühlte es sich passend an. Ich nahm mir vor mein gutes Körpergefühl einfach zu behalten, mich an dem fest zu halten. Es war kein „Ich muss auf die Waage“, sondern ein „Ich möchte auf die Waage, einfach weil es mich interessiert“. 54,5 kg blinkte auf – 2 kg mehr – fast das Panikgewicht 55 kg – erste Reaktion: ein kurzer Schock und Fassungslosigkeit ließen mich von der Waage springen. Ich stieg gleich nochmal drauf, dieses Mal wusste ich was kommt, wusste welche Gefühle kommen. Was so eine Zahl auf so ner blöden Glasplatte nicht alles auslösen kann und für Mechanismen im Kopf antreiben kann… Die Gedanken, die beim 2. drauf steigen da waren: „Das kann nicht wahr sein, ich will es nochmal überprüfen“, „Ok – einfach nur ok, es ist so. Du hast ein gutes Gefühl, die Zahl ist da doch egal. Ich versuche sie anzunehmen.“ Ich ließ mich auf die Zahl ein, blieb lange drauf stehen und betrachtete sie. „Ok, das ist eine Zahl, mein Körpergewicht, so viel wiegt mein Körper.“ Es war komisch, aber auf einmal war es nur noch eine Zahl. Schwarze Zahlen auf dem Display. Zahlen, die einfach da standen. Sie waren nicht mehr greifbar. Sonst waren sie so bildlich und fassbar, fast schon anfassbar schwebten sie dann um mich herum. Sie bildeten wie eine schwere, dunkle Nebelwolke die mich umhüllte und erdrückte. Doch dieses Mal verschwand der Nebel, die Zahlen war nicht zum Greifen nah, sie standen einfach da. Lösten noch Gefühle aus, aber diese erdrückten mich nicht, berührten mich aber waren nichts handfestes mehr. Zahlen die mir sagen wie viel mein Körper wiegt und nicht wie viel Ich wiege. Ich wollte eine Zustimmung nach den 18 kotzfreien Tagen zwischen dem Wiegen, eine Zustimmung alles richtig gemacht zu haben, richtig zu essen. Ich wollte den Erfolg von 40 kotzfreien Tagen auf der Waage sehen. Insgeheim erwartete und hoffte ich wieder 52 kg zu sehen. Sehen, das das Gewicht geblieben ist obwohl ich normal weiter gegessen habe. Erfolg = Gewicht gehalten oder noch besser abgenommen. Das versteh mal einer… Erfolg entsteht doch aus Veränderung oder? Sollte ich nicht einfach versuchen die Gewichtszunahme als Erfolg definieren? Ich habe entschlossen zu versuchen umzudenken, zu versuchen anzunehmen, das ich nicht falsch bin, aber die Zahl auch nicht. Es ist eine Zahl, die mein Körpergewicht angibt, aber nichts darüber sagt, ob ich richtig oder falsch bin, ob ich mich gut fühle oder nicht. Und das verstand ich gestern in Ansätzen. Den Erfolg von 40 kotzfreien Tagen spürte ich gestern einfach am Leben im erleben und Zeit verbringen mit Freundinnen. Freude und Zufriedenheit kann man nicht wiegen und eine tolle gemeinsam verbrachte Zeit nicht mit einer Zahl bestimmen. Kurz: Lebensqualität kann man nur spüren und nicht mit einer Zahl festlegen.

Um 10 Uhr hatte ich nachdem ich letzte Woche ausgesetzt habe wieder einen Therapietermin. Die Sitzung lief viel besser als gedacht. Auf der einen Seite war ich stolz berichten zu können, das ich immer noch kotzfrei bin, auf der anderen Seite bin ich das letzte Mal mit einem unverstandenen, und mit Vorwürfen (das ich keine Ziele habe und es sich für mich deswegen nicht lohnt die Essstörung aufzugeben) belastetem Gefühl aus der Sitzung. Irgendwie war schon eine kleine Barrikade da, doch wir haben darüber geredet und es stand ein ausgesprochenes, irgendwie auch gereinigtes Gefühl. Manchmal wertet man Aussagen negativer als sie eigentlich gemeint waren. Zum Thema wurde auch noch wie ich mich sehe und was ich denke wie andere mich sehen – kurz mein Selbstkonzept und die Waage. Indem ich im geschlossenen, „fachmännischem“ Rahmen nochmal über das Wiegen sprach bestätigte und festigte ich mich selber in der Ansicht, das es nun echt kein Weltuntergang ist. Nach einem Mensabesuch mit Freundin und einem gemütlichem Spaziergang stand am Nachmittag ein IKEA-Besuch mit 2 Freundinnen an. Darauf freute ich mich schon seit wir ihn geplant hatten. Auf dem Suchplan stand unter anderem: Etwas, das wir als Hasenstall umfunktionieren können. Wir fanden ein Regal, die Bauaktion startet nächsten Freitag – bin gespannt welches Ergebnis entsteht. Es war ein schöner Nachmittag und Abend – Freude, Spaß, Ungezwungenheit – einfach ein Erleben. Immer wieder merke ich das es auch toll und besonders ist in Gesellschaft zu essen. So aßen wir im beladenen Auto Gummibärchen – Gummibärchen sind bei mir so ein Lebensmittel, das als verboten und mit Vorsicht zu genießen eingestuft wird, aber komischerweise war es völlig ok und ich fühlte mich gut dabei, am Lenkrad zu sitzen, neben mir ein Brett schweben zu haben und immer wieder Gummibärchen angereicht zu bekommen. Eine Freundin wurde nach Hause gebracht und bei der Anderen aß ich noch Abendbrot, was wir zuvor im Kaufland zusammengesammelt hatten unter dem Motto: Gehen zwei Essgestörte einkaufen… bleibt keine Kalorienangabe ungelesen und keine Käse- und Wurstpackung unverglichen :p. Es war irgendwie beruhigend zu sehen, das man gemeinsam über die Macken lächeln kann und sie so einfach annehmen kann. Es war eine tolle Zeit miteinander, die ich genossen habe. Und ich die Zahl auf der Waage war in meinem Kopf  zu 0% präsent. Zusammen Lachen und Zeit verbringen ist halt viel (ge)wichtiger als eine Gewichtszahl. Gegen halb 10 stieg ich dann zu meinem neuem Läufer ins Auto und fuhr Richtung Wohnung. Auf der Autobahn, gerade so schön in Fahrt entschied ich mich dann aber noch nen halbes Stündchen dran zu hängen und statt am nächsten Morgen gleich in die Heimat zu fahren – wenn das nicht mal spontan ist! Heute steht in der Heimat noch Kirmesversammlung an und auch ein Date mit der Bekanntschaft von der letzten Kirmes. Aufgeregt, gespannt, aber trotzdem gelassen sehe ich dem Ganzen entgegen, ich schaue einfach was kommt. Im Vorraus planen bringt mich da nicht weiter. Heute hat mein Zimmer beim Einkaufen mit Oma und einer Schwester (meine restliche Familie ist im Urlaub) auch ganz spontan noch einen wahren Hingucker bekommen. Ein flammendes Kätchen 🙂 Ich nenne sie liebevoll Käte, da ich den Tipp bekam, dass sie durch die spürbare Zuwendung mit einem Namen eventuell länger am Leben bleibt. Ich bin gespannt, ob ich meinen grünen Daumen dadurch herauslocken kann.

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Die Liebe Käte 🙂

Ich wünsche euch noch einen sonnigen Resttag 😉

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Mein Kalenderblatt des Monats 

Und meine Antwort auf die Frage „Wie viel wiegt gemeinsame Zeit?“ ist, das sie einfach nicht zu wiegen ist. Genauso wie Freude, Glück, Begegnungen… ja das ganze Leben. Man kann es nicht bestimmbar auf eine Zahl reduzieren oder die eigene Lebensqualität gar von einer Gewichtszahl. Mit 52 kg ist mein Leben perfekter als mit 54,5 kg? Im Endeffekt geht es doch nicht um die Zahl, sondern darum wie man diese erreicht und was man durch sie erreicht und spürt. 52 kg jetzt gerade zu erreichen würde für mich bedeuten der Essstörung nachzugeben und so Freiheit, Freude und so viel mehr im Leben aufzugeben. Und mit 54,5 kg habe ich gestern, eben mal so, einen wundervollen Tag verbracht. Wenn ich 2 kg Lebensqualität zugenommen habe, die meinem Leben mehr Wert geben, dann versuche ich gerne mich mit ihnen anzufreunden. Denn ICH bestehe aus so viel mehr, als aus einer Zahl, mein Leben besteht aus so viel drumherum und erfüllenden Sachen und kann nicht auf eine Zahl reduziert werden, die bestimmt ob ich mich gut oder schlecht fühle. Gemeinsame Zeit kann man nicht wiegen, aber mit ihr kann man schlechte Zeiten aufwiegen, man kann sie wertschätzen. Ich meine dabei die gemeinsame Zeit mit anderen Menschen, aber auch die gemeinsame Zeit mit sich selbst. Und diese Wertschätzung des Selbst ist so viel (ge)wichtiger als eine Zahl auf der Waage! So langsam beginne ich das zu spüren.

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9 Gedanken zu “Wie viel wiegt gemeinsame Zeit?

    1. Ich glaube das kommt auch ganz auf die Tagesform bei mir an, gestern war es einfach so 🙂
      Ich drücke dir die Daumen, das du das auch mal spüren kannst. Danke, du dir auch ❤

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  1. Ein ganz wichtiger Schritt, die Zahl als das anzuerkennen, was sie eigentlich ist: nämlich eine Zahl! Ich glaub, Du bist schon viel weiter, als Du selbst annimmst. Denn wenn Du es schaffst, dich davon zu lösen, hast du einen wichtigen, inneren Kampf gewonnen. Ich gratuliere Dir 🙂 Und ich freu mich auch, dass Deine Therapie gut lief. Ich weiß von mir, dass man Aussagen oft negativ bewertet, obwohl sie nie so gemeint waren 😉 Ist irgendwie blöd, aber man hat mal gute und mal weniger gute Tage.
    Sei stolz auf Dich! ❤

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