Zerreißprobe

Heute morgen, nach dem Aufstehen fühlte ich mich gut. Es war ein inneres, motiviertes Gut nahe an super. Mein Körpergefühl bestätigte mein Inneres und das trotz einem üppigerem und warmen Abendessen gestern. Ich wählte sogar ein anliegendes Top und eine kurze Hose. Die Kilos verstecken? Nö, heute muss ich das nicht. Ich beginne glaube gerade einfach dazu zu stehen, langsam meinen Körper und meine Kurven mit anderen Augen zu betrachten. Ja es gibt Hosen, die zu eng sind, aber ist das meine Schuld? Was kann denn mein Körper bitte dafür, wenn die Schaufensterpuppen immer dünner werden und die Klamotten ihnen angepasst werden? Doch das vertiefe ich ein anderes Mal. Teamerpatengespräch, Arbeiten, Vorlesung – ein Programm bei dem mir am Frühstückstisch nichts besorgniserregend erschien, ich freute mich eher darauf in den Tag zu starten. Dennoch wurde der Tag heute unerwartet gleich 2- Mal zu einer Zerreißprobe und war zwischenzeitlich vollgeladen mit Anspannung. Negativer, aufwühlender, stressiger Anspannung. Das Telefonat lief super und motiviert machte ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg zur Arbeit. Ich arbeitete alleine mit der Chefin, das wusste ich. Das was ich nicht wusste war: Die von „Oben“ kommen vorbei, um sich im Laden das Konzept anzuschauen und zu verbessern. Mein Chefin setzte das unter Druck… alles musste ja perfekt laufen und perfekt aussehen und ich musste perfekt arbeiten (naja das erwarte ich ja eh von mir selbst schon). Dabei bin ich doch erst nen Monat dabei und sollte nun die Vorzeigeverkäuferin sein? So schlimm fand ich das gar nicht… in der Vorbetrachtung. Meine Chefin ist eine Person, die sich 0 auf 100 in den Stressmodus bringt und dazwischen gibt es nichts. Dann wuselt sie umher, sieht da etwas und dort etwas Anderes was nicht am rechten Platz hängt, hat diese und jene Idee, was man verändern könnte, gibt immer wieder gut gemeinte Tipps und Erinnerungen und ist entweder plötzlich neben dir oder verschwunden und gerade heute „Elli, denk an das und an dies und mach das so und so….“. Ich verstand sie, die von „Oben“ waren da und da sollte alles glatt laufen, alles funktionieren. Ich nahm es mir nicht zu Herzen wenn sie mich kritisierte oder liebgemeinte, aber total nervige Erinnerungen aussprach. Beim Laden aufschließen und fertig machen erzählte sie mir noch völlig gelassen von ihrem gestrigen Date und dann war sie Stress und Aufregung in Person. Die Beiden von „Oben“ machten einen freundlichen und gar nicht schlimm kontrollierenden Eindruck. Sie wollten sich nur ein Bild machen und halfen sogar mit Ständer umzuräumen. Ich hatte gleichzeitig die Aufgabe eine Schmuckwand umzugestalten, Kunden zu beraten und zu kassieren, normal ist das immer so, aber mit einer Chefin im gestressten Arbeitsmodus, schwappt die Anspannung einfach über. Ich war angespannt und wollte alles schnell und richtig machen. Dabei habe ich noch nie eine Warenlieferung angenommen und ja es passiert mir halt, dass ich Kunden, die an der Kasse stehen, nicht gleich mitbekomme, wenn ich den richtigen Platz für die liegengebliebene Kette suche. Natürlich gab ich mir Mühe und mein Bestes, ich wollte ja zeigen was ich drauf habe und meine Chefin entlasten. Die die Aufgabe hatte mit das neue Aufbaukonzept zu planen und ihr derzeitiges Konzept zu verteidigen. Gegen 12 hatte ich es geschafft und obwohl es nur 2 Stunden waren, kam es mir vor als hätte ich schon den ganzen Tag durchgearbeitet. Den aufgestauten Druck merkte ich auf dem Weg zur Uni. „Du könntest dir jetzt einen Fressanfall gönnen“ Jetzt? Nein, in 15 Minuten möchte ich in der letzten Vorlesung für dieses Semester sitzen. Und was heißt gönnen? Es wäre Zeit- und Geldverschwendung. Ich verlagerte die Anspannung nach hinten, irgendwo ins Kleinhirn, vorne im Bewusstsein brauchte ich sie gerade nicht. Doch hätte ich gewusst was im Seminar auf mich zukommt, wäre ich vermutlich nicht hin. Professoren: „Wir haben uns gedacht wir machen das ganze heute mal gemütlicher und inoffizieller, wir haben hier etwas Brause und Kuchen und dabei werten wir das Seminar aus.“ 90 Minuten um einen Tisch stehen mit Kuchen, sagen was uns am Seminar besonders gut gefallen hat, was wir mit nehmen und einfach gemütlich plaudern…. Meine Gedanken: „Ist das echt euer Ernst? Was ist das denn bitteschön für ein Konzept… Ich habe Bulimie und gerade die Gedanken an einen Fressanfall besiegt und jetzt soll ich 90 Minuten lang auf einen Kuchen starren, der vor Zuckerguss nur so trieft?“ Und ich hatte Hunger, es war Mittagszeit. Ich hatte geplant zu Hause den Rest von gestern zu essen und noch einen schönen Salat dazu. Ich hatte keine Lust auf Kuchen und schon gar nicht auf so einen trockenen mit Zuckerguss. Also starrte ich 90 Minuten auf den Kuchen, versuchte nicht abzuschalten und mich auf ein Gespräch mit dem Professor zu konzentrieren. Es war das Pilgerseminar, was mir bisher wunderbar gefallen hat -leider wird mir der Abschluss nicht ganz so fröhlich in Erinnerung bleiben. Ja es war eine wahre Zerreißprobe. Doris bleib natürlich nicht in Verbannung un schrie: Iss den Kuchen, kauf dir dann noch was zum Nachschlag und geh kotzen. Ich tat es nicht, stattdessen lief ich 40 Minuten zum Bahnhof, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, fuhr nach Hause und aß mein Mittag und zum Nachtisch gab es etwas Eis mit Melone. Dann chillte ich etwas und widmete mich einem Buch für eine Hausarbeit. Das Völlegefühl verging, da es, wie schon vorrausgeahnt, etwas mehr von der Menge geworden war. Aber es war ok, ich ließ es zu. Essen aus Anspannung – bemerkt, so verbucht und abgehakt, kein Grund kotzen zu gehen. Jetzt gibt es Abendbrot und danach einen gemütlichen Fernsehabend. Gerade geht es mir wunderbar, ich bin froh den Tag gemeistert zu haben. Irgendwie habe ich es geschafft mit dem Druck umzugehen, denn den spüre ich gerade gar nicht mehr. Das was da ist, ist Vorfreude auf morgen. Etwas darauf nach über 2 Wochen meinem Therapeuten erzählen zu können, dass ich immer noch kotzfrei bin und vielmehr auf den geplanten IKEA-Trip mit 2 Freundinnen 🙂

Ich wünsche euch noch einen gemütlichen und ruhigen Abend und lasst euch gesagt sein: Stress regiert nicht die Welt, auch wenn es ihn gibt.

 

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3 Gedanken zu “Zerreißprobe

  1. Echt super wie du das gemeistert hast. Ich kann dich total verstehen, nach so extrem unbekannten und stressigen Situationen kommt bei mir auch manchmal dann der Gedanke: „Du könntest dich mit einem Fressanfall belohnen“ – vorallem das Belohnen..was ist das für eine dumme Belohnung? Beim Kuchen hätte ich nicht nein sagen können ..kuchen ist einfach viel zu toll 😂 aber auch da schaffe ich es ein Stück zu essen und danach nicht mehr alleine noch mehr zu essen. Es ist alles ein Balanceakt Und jede Situation die gemeistert wird, wird im Gehirn abgespeichert. quasi: Level up😂 ich hoffe du kommst etwas zur Ruhe ❤

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    1. Danke 🙂 ja es kommt immer auf die Balance an, aber die findet man anscheinend erst mit der Zeit.
      Ich freue mich das es dir auch wieder besser geht. Auch wenn der Weg steil ist, es geht halt nach oben 😉
      Einen schönen Abend wünsche ich dir ❤

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  2. Liebe Elli, ja ganz zweifellos hast Du in den ca 40 Tagen gelernt, mit Deiner Krankheit umzugehen, um nicht zu sagen, Du kannst sie optimalst kontrollieren.
    Ganz, ganz toll wie Du das machst ❤

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