Wer bin ich?

Ja wer bin ich? Eine Frage die bestimmt nicht nur ich mir sehr häufig stelle und schon ziemlich häufig zerdacht habe. Heute möchte ich mich einmal theorienbasiert dem Thema nähern. Dieses Semester besuchte ich einen Vorlesung zur Entwicklungspsychologie im Jugend- und Erwachsenenalters. Das Folgende beruht auf meinem Verständnis und meinen subjektiven Erklärungen.

Die Antwort auf  die Frage: Wer bin ich? lässt sich spalten. Einmal beruht das „Ich“ auf der Selbstdefinition und der Selbstbeschreibung.

Die Selbstdefinition, auch Identität genannt, wird  aus einem System von Zielen, Werten und Überzeugungen gebildet. Dieses baut jeder Mensch im Laufe seiner Entwicklung aus, es ist für ihn richtungsweisend und ihm fühlt er sich verpflichtet. Die Identität bildet eine Orientierung bei Entscheidungsfragen im Leben und beinhaltet als Konstruktion wer man selbst ist, welche Werte für einen wichtig sind und welche Richtung (beruflich, familiär) man im Leben einschlagen will. Die sexuelle Orientierung, der Beruf, die politische und religiöse Wertvorstellung, etc. das alles gründet auf der Identität, die ein Mensch hat. Diese entwickelt sich bis ins Erwachsenenalter immer weiter. Jugendliche testen verschiedene Rollen und Werte bevor sie Verpflichtungen eingehen und so Verantwortung als Teil der Gesellschaft übernehmen. Gelingt es einem Jugendlichem jedoch nicht widersprüchliche Werte und Rollen als Teil seiner Persönlichkeit zu einem Ganzen in der Identität zu integrieren findet eine Rollendiffusion statt. Das bedeutet, dass sich keine eigenständige Identität entwickelt, sondern sich diese je nach Situation unterscheidet in der sich der Mensch gerade befindet. Meine Gedanken dazu: Macht das nicht jeder? sich anpassen, je nach Situation? Zu Hause Bauch raus und in der Außenwelt versuchen perfekt aufzutreten? Neben der beruflichen Orientierung steht im Jugendalter vor allem die Integration der körperlichen Veränderungen durch die Pubertät im Vordergrund. Mh das macht mich nachdenklich… aber ich sehe es bei mir nicht als Knackpunkt. Kritik und Überforderung, Unwohlsein, Unzufriedenheit mit den pubertären Veränderungen sind normal, es ist einfach neu und gewöhnungsbedürftig. Jetzt zum anderen Aspekt des Ich´s:

Die Selbstbeschreibung beruht auf dem Selbstkonzept. Dieses besteht aus selbstbezogenem Wissen, Überzeugungen und Bewertungen und hat Auswirkungen auf soziale Beziehungen, das persönliche Leistungsverhalten und langfristig auf die gesamte Entwicklung. Das Selbstkonzept beinhaltet eine kognitive und eine affektive Komponente. Welche Eigenschaften und Fähigkeiten machen mich aus? – diese Frage beantwortet mit der Selbstwahrnehmung die kognitive Seite, während die affektive (auf Gefühlen beruhende) durch den Selbstwert gestaltet wird. Dieser ist für mich am interessantesten. Habe ich doch immer gesagt, ich habe zwar Selbstbewusstsein aber beim inneren Selbstwert fehlt was. Also wodurch kommt er zum Ausdruck? Er bildet die Einstellung (positiv oder negativ) zu sich selbst. Bin ich mit mir und meinem Leben zufrieden? Wie schätze ich mich selbst ein? Welches Körperselbstkonzept habe ich? All das wirkt sich auf das Selbstkonzept aus. Spezifische Verhaltensweisen sollten wie persönliche Stärken und Schwächen im Selbst in Einklang gebracht werden. Somit kann ein Selbst mehrere Selbst umfassen, diese Widersprüche müssen jedoch in das Selbstkonzept integriert werden. Widersprüche habe ich viele in mir… keine Ahnung ob die integriert sind oder nicht. Was passiert wenn dies nicht so ist haben wir nicht behandelt. Ein absinkender Selbstwert während der Pubertät ist übrigens normal, er stabilisiert sich jedoch wieder mit steigendem Alter und zunehmender Erfahrung, da er immer weniger in Frage gestellt wird. Bei einem positiven Selbstkonzept geht mit einer geringen Leistungsängstlichkeit eine gewisse Anstrengungsbereitschaft einher. Ganz besonders speist sich ein positives Selbstkonzept aus einer selbstwertdienlichen Ursachenzuschreibung. Was sich vielleicht kompliziert anhört ist eigentlich simpel: Erfolg beruht auf internalen Ursachen (Begabung, Anstrengung…also ich), Misserfolg auf externalen Ursachen (Pech, hohe Schwierigkeiten…also die Umwelt). Ok, das ist der spannendste Punkt für mich. Das läuft bei mir nämlich ganz und gar nicht so. Schreibe ich eine gute Note war die Arbeit leicht, schreibe ich eine schlechte Note, habe ich zu wenig gelernt. Schaffe ich irgendetwas nicht habe ich einfach zu wenig gegeben, mich zu wenig angestrengt. Bin ich in etwas gut oder schaffe ich etwas, dann war es einfach nicht schwer. Was ja heißen würde, dass ich nie gut sein kann. Denn schaffe ich etwas und es war schwer, war es ja nicht schwer und wenn etwas zu schwer war, hab ich es ja gar nicht schaffen könne, weil ich einfach zu wenig leiste… Ist dieses Denken nicht verrückt? Beispiel: Eine Hose im Laden, ich probiere sie an – zu eng… Ich bin also zu dick! Wieso ist die Hose denn richtig? Wieso ist nicht die Hose zu eng genäht? Wieso hab ich eine falsche Figur, weil das Oberteil nicht so sitzt wie an der Schaufensterpuppe? Diese blöden Puppen werden immer dünner und die Klamotten ihnen anscheinend angepasst. Wenn ich mit 52 kg also in eine 38 passe, aber mal mit 54 kg in eine 36 gepasst habe – bin ich dann dran schuld? Ist es dann richtig die 50 kg erreichen zu wollen, weil dann die 36 wieder passt? Weil 52 kg sind ja auf einmal falsch, weil die Hosen nicht mehr passen… Tja solch ein kompliziertes und, jetzt aufgeschrieben betrachtet, völlig unsinniges Denken begleitet mich. Und was bringt es mir jetzt das alles zu wissen? Im Grunde nichts… es ist halt so wie es ist und ich bin wer ich bin. Wenn mir eins durch diese Schilderung klar geworden ist, dann das es mir nichts bringt mich in irgendein Schema oder Theorie einzuordnen. Und eigentlich will ich das auch gar nicht – irgendwo hineinpassen… Ich bin einzigartig genauso wie jedes Individuum da draußen. Ja ich habe ein Problem, irgendwas ist womöglich nicht so rund gelaufen, nicht so ausgeprägt wurden wie die Theorien (und da gibt es unzählige mehr) beschreiben, aber das mach mich nunmal aus. Und wenn ich jetzt genau wüsste: Da und da dran liegt es, das und das ist schief gelaufen, dies und das fehlt mir… was würde es jetzt daran ändern das ich auf der Couch sitze und das hier tippe? Es geht doch nicht ums Wissen, es geht ums Verstehen und ums Anwenden, auch wenn Wissen dafür die Grundlage bildet. Ich habe nun beschlossen einfach zu versuchen nun zu mir und zu meinen Leistungen zu stehen und Vertrauen und meine Entscheidungen zu haben. Versage ich, weil ich es nicht schaffe einen Streit zwischen meinen Eltern zu schlichten? Weil ich es nicht schaffe gleich alle Handgriffe auf der neuen Arbeit zu routiniert zu beherrschen? Wieso sehe ich den Misserfolg immer als meine Schuld an? Und wenn es mal so wäre, wäre es nicht auch mal ok? Wieso versuche ich das “fehlerhafte“ unter meinem Selbstbewusstsein zu verstecken? Ich passe mich mit dem Selbstbewusstsein an, ich ersetzte das was beim Selbstwert fehlt mit einer aufgesetzten Maske. Nicht das ganze Selbstbewusstsein ist eine Maske, aber manchmal gibt es Halt und versteckt Unsicherheit durch eigene Versagensvorwürfe. Aber wieso wertschätze ich das nicht was ich leiste, wieso gestehe ich mir meinen Erfolg nicht ein. Darf ich nicht erfolgreich sein? Ist es unmöglich mich als erfolgreich zu beschreiben, weil ich nicht perfekt bin? Doch wer legt das denn bitte fest? Wer legt denn den Maßstab an und sagt: Jetzt warst du aber erfolglos! Selbst zu wissen, das eine Bemühung erfolglos war, ist ein Erfolg. 

Ich habe in den letzten Tagen eine Gitarrensaite gewechselt, ohne das mir das jemals jemand erklärt hat: Ich habe es geschafft -> es war ja auch einfach und die Anleitung leicht zu verstehen. Hätte ich es nicht geschafft, wäre ich zu blöd gewesen. Aber wäre dann nicht vielleicht die Anleitung zu unplausibel gewesen? Also finde ich es jetzt einfach mal außergewöhnlich so etwas geschafft zu haben, ich denke nicht jeder kann von sich behaupten schonmal eine Gitarrensaite gewechselt zu haben.

Ich habe Erdbeermarmelade gekocht, zum ersten Mal in meinem Leben, ohne Anleitung. Ich habe es geschafft, sogar die Konsistenz und der Geschmack sind in meinen Augen gut -> war ja auch einfach: nur Erdbeeren kochen und umrühren. Wäre es mir gelungen, hätte ich vermutlich aus Frust monatelang keine Marmelade mehr gegessen, weil ich ja zu unfähig gewesen bin welche zu kochen (die  Logik versteh ich selber nicht). Aber nein ich hatte Erfolg – also bin ich auch dafür verantwortlich. Super Elli, du hast einfach mal eben so Marmelade gekocht und es hat dir sogar Spaß gemacht!

Ich habe vielleicht mal zu wenig für die Uni gelernt. Ich habe nicht auf alles eine Antwort gewusst in der Klausur. -> ich war zu faul, ich bin zu dumm, ich bin eine Versagerin, ich habe einfach versagt. Externale Zuschreibungen: Zu viel zu lernen oder die Fragen waren zu schwer. Und selbst wenn ich zu wenig gelernt habe oder das falsche, dann ist es so. Jede Person leistet immer das, was sie gerade im Moment kann, wie es ihr sinnvoll erscheint und wie es ihr möglich ist. Deswegen ist es völlig legitim mit dem zufrieden zu sein, was man gemacht hat, auch wenn es an Maßstäben oder in Vergleichen gering erscheint, ist es doch die persönliche Leistung und daraus besteht das Selbstkonzept. Daraus wie ich diese Leistung bewerte entsteht der Selbstwert. Mein Selbstwert besteht zur Zeit aus Gitarrensaiten und Erdbeermarmelade und zu engen Hosen (weil die ja über Nacht im Kleiderschrank schrumpfen – das weiß doch jeder) 😉

Also auf die Frage: Wer bin ich? Gebe ich mir die Antwort: Ich bin wer! Ich bin kein Niemand, ich bin eine Person, aus individuellen Ansichten, Überzeugungen, Fähigkeiten, Bewertungen, Motivationen… Und ich werde beeinflusst von mir selbst und von außen, doch ich habe einen Willen, mit dem ich entscheiden kann ob und wie ich mich beeinflussen lasse, wie und ob ich bewerte. Danke Gott, dass du mir den freien Willen und Optionen zur Wahl geschenkt hast. Ich kann wählen welche PicsArt_07-05-10.59.14Maßstäbe ich ansetzte bei mir und bei Anderen. Schaufensterpuppenmaßstäbe oder einen Maßstab der die Unterschiede und Einzigartigkeiten berücksichtigt. Mein Leben ist nicht perfekt, aber ich habe die Möglichkeit es zu genießen und ich bin auch nicht perfekt, aber echt.

03e82ebe514a01073eb9118371b2c991

ca663d59ad130e673566acb40a98fb51

Advertisements

13 Gedanken zu “Wer bin ich?

  1. In Gottes Augen bist du perfekt gemacht genau so wie du bist. Weil er dich so gemacht hat und das hat er noch vor deiner Geburt geplant. Nicht die Welt und derren Personen können dich bewerten und dir sagen wer du bist. Das kann nur der der der Grund ist weshalb du bist. Und der steht über jeden menschlichen Gedanken, Errungenschaften der Psychologie, Phylosophie. Die ja nur von menschlich sind. Vllt magst du mal danach forschen was Gott über dich denkt und du wirst feststellen wie großartig das ist und welcher von Menschen oder Leistungen gegebene Stellenwert schnell eben diesen verliert. Bei Gott kommt es niemals auf Leistungen an, das würde Jesu Tod null und nichtig machen. Vergiss das nicht. Be blessed liebe Elli. Ich finde das klasse dass du aufrichtig auf die Suche gehst. Du bist ein kostbarer Mensch!

    Gefällt 2 Personen

    1. Wunderbare Worte 🙂 ja ich denke ich befinde mich gerade mittendrin in der Suche und immer wieder begegnet er mir.
      Danke, ich wünsche dir weiterhin alles Gute! Sei gesegnet.

      Gefällt mir

  2. Zum Einstieg. Wer bist du in Gottes Augen.

    Du hast mich verzaubert, mein Mädchen, meine Braut! Mit einem einzigen Blick hast du mein Herz gestohlen. Schon eine Kette deines Halsschmucks zog mich in deinen Bann!
    Hoheslied 4:9 HFA

    Gefällt 1 Person

  3. Sehr schöner Beitrag! In deinen Worten steckt so viel Wahrheit! Es kommt immer auf die Perspektive an! Mir geht es oft genauso, wie Dir. Das heißt ich habe fast die selben Gedanken 😉. Wenn man sein Denken aber wirklich mal genauer untersucht merkt man, dass es total unrealistisch ist und oft einfach keinen Sinn macht. Wenn ich etwas „falsch“ mache liegt es an mir, wenn ich etwas „gut“ mache liegt es nicht an mir und umgekehrt. Da fehlt wirklich jede Logik 😃. Aber das Aufdecken der unrealistischen Gedanken ist der erste schritt und vier schafft schon große Erleichterung. LG Christina P.S In welcher Welt leben wir eigentlich, wenn Menschen mit 52 Kilo mittlerweile Größe 38 tragen?! Da brauch ich mich mit mindestens zehn Kilo mehr auf den Rippen wohl nicht mehr über 40 oder 42 wundern 😉. Verkehrte Welt!! Auf Kleidergrößen ist wirklich nichts mehr zu geben!!

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen tollen Kommentar! Ja ich werde anfangen bewusst die Gedanken nicht nur wahrzunehmen, sondern vielleicht schaffe ich es auch die etwas umzupolen 🙂
      Ja und das schlimme sind ja die Unterschiede von Geschäft zu Geschäft in dem einen passt eine 34 und im nächsten zwickt sogar die 38 – ??? Eine Kleidergröße sagt echt nichts über das richtige Körpergewicht oder Wohlfühlgewicht aus, das sollte man in jedem Laden lesen können! Vor allem wird gewarnt – Mikrowellenstrahlen und WLAN können uns umbringen, aber vor falschen Schlüssen durch Größen wird nicht gewarnt… dabei gilt doch die Vorstellung, wenn ich das richtige Gewicht habe trage ich 36 oder…

      Gefällt 2 Personen

  4. Du bist so hübsch, so ausdrucksstark – und echt willensstark. Ich bewundere Dich und Deine Erfahrungen / Erkenntnisse, die Du nach der Zeit schon machen konntest. Ich wünsch Dir weiterhin alles, alles Gute ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Danke ❤
      Die Zeit bisher war alles andere als einfach und wird es auch sicher nicht nur werden. Doch ich sehe, dass es sich lohnt 🙂
      Ich wünsche dir weiterhin noch viel Kraft und das du die Erkenntnisse auch nacheinander spüren kannst!

      Gefällt 1 Person

  5. Gott hat Dich zweifellos mit einem sehr starken Willen und einem klaren Verstand gesegnet, liebe Elli. Und zu „allem Überfluss“ (kleiner Scherz) auch noch mit einem äusserst attraktiven Aussehen.
    Vergiss nie, IHM täglich dafür zu danken, denn damit bleibst Du in IHM und ER in Dir.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s