Wenn die Welt sich dreht

Es ist Montagmorgens, das Wochenende liegt hinter mir. Ich habe es überstanden und die Welt hat sich weiter gedreht. Zeit vergeht.

Samstag: Nach dem Frühstück ging es gegen 10 Uhr zur Bahn – dank Schienenersatzverkehr standen statt einer halben Stunde Zug, 2h Bus an… Aber wozu ist man Studentin und hat somit immer was zu lesen oder zu lernen. In Erfurt war Krämerbrückenfest – volle Straßen, viele Leute, viel Musik und Stände mit allem Möglichen an den Straßen.  Ich traf mich mit einer Freundin und nachdem wir uns einmal durch die Menge gewühlt hatten, genossen wir bei dem tollem Wetter die entfernte Musik auf einer Wiese liegend. Es war schön, einfach Ruhe, mal liegen, reden und nichts tun. Ruck zuck war die Zeit vorbei und es ging in den Trubel der Arbeit. Bis 20 Uhr stand ich 4 h hinter der Kasse und trainierte meine Kassiererkünste. Es dauert wohl noch etwas bis sich die Routine einschleicht. Manchmal war es kompliziert und fordernd alles gleichzeitig, richtig und möglichst schnell machen zu müssen. Kunde berüßen, Ware scannen, in die Kasse tippen, Geld kassieren, wechseln (genau rausgeben), dabei iwie die Ware in die Tüte packen und sich bei allem noch eventuell mit dem Kunden unterhalten und den Kassenzettel nicht vergessen. Man stellt es sich oft einfacher vor als es ist. Schon alleine das Geld rein und raus aus der Kasse ist echt fordernd, da es ja sortiert werden muss und dann besteht immer noch die Möglichkeit sich auch an der Kasse zu vertippen… mich in Geduld mit mir üben steht an – ist ja wohl verständlich, das ich noch nicht jedes Schmuckstück kenne und keine Professionalität besitze. Ich bin hauptberuflich noch Studentin – in einem Raum auf Holzklappstühlen sitzen und den Kuli in den Fingern drehen und möglichst interessiert auf Powerpointfolien starren, das ist meine Spezialität ;p. Wenn Rationalität und Empfinden eins wäre, würde ich das auch so fühlen, aber es wurmte mich im Nachhinein, dass ich so oft etwas überfordert damit war gleichzeitig zu reden, Geld einzusortieren und die Ware in die Tüte zu packen. Doch da sich keiner  beschwerte war es vermutlich nur mein eigenes Empfinden. Nach dem Aufräumen und Umsatz berechnen, war es halb 9. Auf zum Zug, der 21 Uhr Richtung nach Hause zur Kirmes in einem Ort in der Nähe fuhr. (Kirmes für die, die es nicht kennen, ist eine Art Oktoberfest. Es wird Musik gespielt, getanzt und natürlich gehört auch Alkohol dazu.)  Ich stand am Gleis wartete und da fiel mir auf, das ich heute noch gar nichts seit dem Frühstück gegessen hatte. Verdrängt. Ich aß etwas Gurke, die ich dabei hatte. Auf der einen Seite dachte ich: Das geht doch nicht!, auf der Anderen: Yay! Den ganzen Tag nichts gegessen, super für die Figur und was bist du doch stark. Noch was essen? Nö… das Hungergefühl war verschwunden, zu lange ausgehalten, ich hatte keinen Appetit. Außerdem würde der geplante Alkohol schon genug Kalorien haben. Es war schön mit den Leuten zu tanzen, zu reden, zu lachen – Spaß haben. Und ich liebe es zu tanzen – Standard oder auch einfach frei. Von Schlager bis aktuelle Radiolieder war alles dabei. Müde, schlapp, geschafft? Ich doch nicht. Ich bin doch die, die die Anderen mit animiert. Bier, Schnaps, Wein… gegen 2 Uhr war die Musik aus und es ging heim. Dia Autofahrt war hart. Mir war schlecht, zum Sitzen gekommen, fing die Welt an sich zu drehen und war nicht anzuhalten. Es war zu viel Alkohol auf zu wenig Nahrung gewesen, normalerweise bin ich viel gewöhnt, aber heute kam alles zusammen, stressiger Tag und kaum gegessen. Ich kämpfte, versuchte den Drang zu unterdrücken… was war mir übel – kann mal bitte jemand die Welt anhalten? Das was anhielt war das Auto, ich hatte mich bemerkbar gemacht. Ich erbrach irgendwo am Straßenrand. War es ein Rückfall? Es war kein bewusstes erbreche, ich sehe es nicht als kotzen an, da es ungewollt geschah. Die Welt drehte sich auch danach immer weiter und wollte nicht still stehen. Wie soll ich das Erbrechen nur verbuchen? Wenn die Gefühle und Gedanken von: Ja genau die Kalorien vom Alkohol wieder raus und schön das ich heute nichts gegessen habe…, nicht irgendwie im Alkoholnebel präsent gewesen wären, hätte ich gesagt, es ist einfach zu viel Alkohol gewesen. Ich wollte nicht erbrechen, ich fand es eklig und hasste es, es nicht kontrollieren zu können. Irgendwie gelangte ich dann in meine Bett, nachdem mich die Truppe zu hause abgesetzt hatte und ich versichert hatte, das ich klar komme. Ich mag zwar betrunken sein, aber trotzdem bin ich nie ganz unfähig, schalte nie ab oder habe einen Blackout. Die Welt drehte mich in den Schlaf.

Sonntag: Ich erwachte halb 10. Das erste Gefühl was ich wahrnahm: Übelkeit. Eine Mischung von den Alkoholauswirkungen und großem Hunger. Doch erst duschen, mich irgendwie äußerlich wieder herstellen. Mein Körpergefühl war mies. Trotzdem stand der Gedanke: Gestern kaum was gegessen und sogar den Alkohol erbrochen, wäre das nicht eine super Gelegenheit zum Wiegen?, im Vordergrund. Ich stieg auf die Waage. 52,4 kg. 2,7 kg mehr in 3 Wochen die ich gegessen habe. Nach einem ersten Schock konnte ich es als einigermaßen in Ordnung abstempeln. Die Gedanken ans kotzen gehen, waren zwar tagsüber so präsent wie schon länger nicht mehr, aber ich hatte ja wieder einen gut ausgefüllten Tag vor mir, also wurden die Gedanken einfach weg geschoben. Frühstück muss sein, auch kurz nach 10 noch! Hunger und die Verarbeitung des Wiegens führten zu einem etwas üppigerem Frühstück. Das Übel-Gefühl des Alkohols machte das Aushalten des Völlegefühls nicht besser, wie gerne wollte ich mich mich einfach kontrolliert erleichtern… Aber nein! Das haste selbst verbockt. also hälst du jetzt auch – aufgeben zählt nicht! Das viele Trinken von Wasser machte es leider auch nicht besser, die Welt drehte sich immer noch leicht weiter. Ich fühlte mich wie ein Wal, der die ganze Zeit im Kreis schwimmt. Am liebsten hätte ich mich im Schlamm eingebuddelt und gar nicht mehr aufgetaucht. Ich döste halb schlafend irgendwie aushaltend neben meinem Bruder auf der Couch. Gegen 13 Uhr gab es etwas Salat zum Mittag, danach ging es zum Gemeindefest. Erst Gottesdienst und dann betreute ich die Spielestationen für die Kinder. Im laufe des Nachmittags verbesserte sich mein doch etwas mitgenommener Zustand. Ich hatte zu tun, rannte mit umher, feuerte hier an und erklärte dort die Spielregeln, war die ganze Zeit umgeben von wuselnden Kinder, die einfach Spaß mit mir hatten. Es gab 2 Rittersporttäfelchen zur Tasse Kaffee, nach Kuchen war mir nicht und ich hatte auch keine große Zeit dafür in Versuchung zu kommen. Zum Abendbrot gab es ein Fischbrötchen und dann stand ich halb 8 auch schon wieder am Zug, um in meine Wohnung zu fahren. Die Gedanken ans fressen und kotzen ließ ich von der Müdigkeit vertreiben, der ich auf die Couch folgte und noch gemütlich einen Film schaute.

Heute morgen erwachte ich unerwarteterweise motivierter als gedacht. Mein Körpergefühl verarscht mich zwar etwas, aber ist ja nichts ungewohntes… Es gab Frühstück und die gestrige Zahl auf der Waage ist irgendwie hingenommen. Ich habe bestimmt auch einige Muskeln aufgebaut und 52 kg ist laut BMI-Rechner leichtes Untergewicht. Trotzdem bereue ich es etwas auf die Waage gestiegen zu sein, letzte Woche fühlte ich mich gut, war oft zufrieden einfach weil es so war und jetzt sagt mir die Waage, ich darf mich nicht gut fühlen, weil alles über 52 kg für meinen essgestörten Kopf zu viel ist… Aber es ist ein Fortschritt, die Zahl einfach akzeptieren zu können. Ich fühle mich etwas distanziert und nicht mehr wie sonst von ihr beeinflusst. Ich denke ich fange an zu spüren, das sie mir nicht sagt, dass ich schön bin, sondern, dass Zufriedenheit von meinem Inneren kommt und ich mich auch mit 55 kg noch gut fühlen darf. Heute steht außer Lernen „nur“ ambulante Therapiesitzung an. Auch wenn ich mich etwas therapiemüde fühle, scheint es mir eine gute Gelegenheit nochmal den „Rückfal???“ zu thematisieren.

Ich wünsche euch einen schönen Tag 🙂

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6 Gedanken zu “Wenn die Welt sich dreht

  1. Liebe Elli,

    Ich erinnere mich, dass ich das optimalste Körperempfinden, die beste Kondition und Konzentration, und die meiste Freude am Leben hatte mit dem sogenannten „Idealgewicht“ also Körpergrösse minus 15%.
    Es heisst ja nicht umsonst IDEALGEWICHT.

    Allerdings kenne ich sehr gut die Auswirkungen von zuviel Alkohol und zu wenig Essen, und hatte dieser Kombination einen schweren Kreislaufkollaps zu verdanken, der mich beinahe das Leben gekostet hätte.
    Lag zwei Tage bewusstlos im Spital und hing durchwegs nur an Konserven.
    Die weiteren Folgen waren, dass ich gute zwei Monate gebraucht hatte, um mich wieder voll konzentrieren zu können.
    Ich konnte keinen Sport machen, denn alleine beim etwas schnelleren Aufstehen wurde mir schon schwarz vor Augen.

    Ich weiss, da redet die Richtige, wenn ich sage, bitte pass auf, das ist sehr gefährlich !

    Hab einen schönen Wochenstart und ganz liebe Grüsse aus Wien
    Babsie ❤

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  2. Du starke und tapfere Elli, ich bin wirklich stolz und nein das war kein Rückfall. Absolut unwillkürlich und Essen war ja auch nicht dabei 😉 wegen dem kassieren kann ich dich gut verstehen, wir haben einen kleinen Kiosk in der Arbeit (den zum Glück jetzt die Verwaltung macht) ..ich hab absolut keine Geduld . .und dann hab ich mich immer vertippt..man war das ätzend. Aber, ich war heute mit meiner Mama unterwegs und sie fand ein Schild und meinte, das passt zu mir (Und definitiv zu dir): „Geduld ist der Schlüssel zum Glück.“ In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Kraft Und Geduld ❤

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  3. Ach Süße, ist doch menschlich. Fällt unter die Kategorie „Kann ja mal passieren“. 😉 Ich kann Deine Gefühle bzgl. „Rückfall???“ sehr gut verstehen. Mag sein, dass sich bei Dir der Gedanke aufgetan hat, dass jetzt die Kalorien vom Alkohol weg sind und das gut ist, aber das ist doch ok. Mir geht es auch immer so wie dir, wenn ich dann mal zu viel erwische. Und ich persönlich bin dann auch froh, wenn’s raus ist (ohne Nachhilfe). Das ist menschlich und völlig in Ordnung. Dein Körper kann schon unterscheiden. Sorry, ich muss voll lächeln bei Deinen Zeilen, denn ich finde mich mit deinen „Beschwerden“ zu 100% wieder. Mir ist es auch zu meinem Geburtstag so ergangen. Ich brauche nur leider schon 2 Tage, um wieder fit zu werden 😉
    Also von der Essstörung her gesehen bist du immer noch ohne Rückfall! 😉
    Freut mich, dass Du mal so richtig gefeiert hast *g* Alles liebe 🙂

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