Die guten Seiten der Unsicherheit

Ich weiß nicht was ich essen soll, oder ob überhaupt. Hab ich jetzt Hunger? Will ich was essen, darf ich was essen. Hab ich jetzt die Erlaubnis dafür, habe ich mir das jetzt verdient. Das war jetzt zu viel oder?, oder war es zu wenig oder normal…. – Solche Gedanken fliegen durch meinen Kopf, vor, während und nach dem Essen, also eigentlich fast immer, rund um die Uhr. Doch das ist jetzt in der kotzfreien Phase weniger geworden, das „fast“ vor immer ist gewachsen! Die Gedanken ans Essen spielen keine Hauptrolle mehr. Bei den beiden Parallelen Leben und Essstörung steht das Leben gerade im Vordergrund. Noch nicht eindeutig, aber es gibt den Ton an. Eine Veränderung, die ich spüren kann, das Leben ist einfach befreiter und ich fühl mich lebendiger. Ich bin auf dem richtigen Weg, noch auf dem Weg, aber raus aus dem haltlosen, bestimmenden Ozean.

Ist es richtig oder falsch wie ich handele, wie soll ich überhaupt handeln…? Geht es uns nicht allen in bestimmten Situationen so? Wir sind unsicher. Unsicherheit – wie entscheide ich mich und was hat es für Konsequenzen. Unsicherheit macht uns unsicher. Logisch oder? 😛 Unsicherheit ist eine Unterstufe der Angst. Unsicherheit kann Sorgen bereiten, Unsicherheit kann einschränken, Unsicherheit kann Zweifel entstehen lassen und noch vieles mehr. Doch Unsicherheit hat auch ihre guten Seiten. Unsicherheit ist nicht immer die panische Angst vor etwas oder ein: dazu habe ich keinen Mut, das traue ich mich nicht, es wäre jetzt falsch, das zu tun weil es ungewiss ist. Ich habe Angst, ich bin unsicher. Ich habe Angst davor Andere zu verletzten, Angst davor nicht die richtigen Worte zu finden, Angst davor zu versagen, nicht gut genug zu sein, einfach eine falsche Entscheidung zu treffen… Ich bin unsicher, ob ich einfach in die Mensa gehen soll, ob ich es riskieren kann Schokolade zu Hause zu haben, ob es ok war Eis zu essen, ob ich Anforderungen genüge, ob ich etwas vergesse, alles erledigt habe, ob ich Andere nerve … Ich habe Panik davor Pommesduft zu riechen oder in der Werbung zu sehen, wie Burger gegessen werden, davor, dass die Waage zu viel anzeigt, davor kein Geld mehr zu haben, davor das ich Andere vor den Kopf stoße, das ich nicht genug bin… Es gibt so viel, aber all das gehört dazu – zum Leben, es gehört dazu damit umzugehen. Jeder hat sie, ich denke jeder zweifelt irgendwann einmal an sich, ob das richtig ist was er tut oder wie er ist. Doch ist das nicht alles Ausdruck von unserem Selbst? Das was uns ausmacht? Das klingt alles so philosophisch und einfach… und ist doch so schwer zu akzeptieren und umzusetzen – zu sagen: die Angst gehört zu mir. Zuzugeben das man unsicher ist – wer macht das schon, so im Umgang mit anderen. Ich will doch viel lieber meine selbstbewusste Maske aufbehalten und mich ja nicht verletzlich machen und sogar mir durch das Zugeben selber Selbstsicherheit rauben. Also wieso mir selbst eingestehen? Wieso auf die Angst schauen und die Unsicherheit in Panik umschlagen lassen, wenn ich doch essen und kotzen kann? Weil sie nun einmal da ist, diese Unsicherheit – Sorge und Zweifel. Unsicherheit bedeutet doch einfach: schließe nicht aus es zu tun, aber sei vorsichtig dabei. Unsicherheit ist kein klares Nein, kein ich trau mich nicht und auch kein klares Ja, ich beweise es jetzt. Unsicherheit heißt: Pass auf dich, deine Gedanken, deine Gefühle auf bzw. höre hin. Und genau das übe ich zur Zeit. Zu merken, das es völlig ok ist unsicher zu sein ohne mich dabei verrückt zu machen oder zu viele Gedanken. Ein wenig überlegen, bevor man sich das weiße Baguettebrötchen reinstopft, ist ok. Achtsam sein und darauf hören ob man Appetit hat, ohne ins Zerdenken und Zergrübeln abzurutschen. Es sind Linien, die kann man lernen zu ziehen, eine Waage der Gedanken – so weit bin ich in der theoretischen Überlegung gekommen. Eine Stunde zu überlegen, ob man sich die Nägel lackieren soll und wenn, welche Farbe. Das war dann heute keine Unsicherheit mehr, sondern ein Zerdenken und in dem Falle hab ich das Ganze einfach gelassen.

Heute morgen war ich mir nicht unsicher, nicht unentschlossen, aber auch nicht mutig. Wenn man es irgendwie definieren will, dann wollte ich den Sturz von gestern wieder „gut“ machen. Jedenfalls war alles selbstverständlich: Sportklamotten angezogen, Inliner geschnappt und raus auf die Straße. Alles wie immer – von wegen… Ich war unsicher. Plötzlich und auf einmal. „Es war ein kleiner Sturz gestern, alles gut, tut kaum weh.“ Aber ich stolperte so häufig, statt noch mehr Schwung zu geben ließ ich mich einfach rollen, ganz auf die Steinchen auf dem Boden fixiert. Angst hatte ich keine, aber es wirkte so real wieder fallen zu können. Das letzte Mal schlimm gestürzt bin ich vor Jahren, ich fahre sicher und gut (ja ohne Schützer – Asche auf mein Haupt). Davor war es so unreal hinfallen, der Gedanke kam noch nicht mal. Aber heute konnte ich es sogar in der Vorstellung spüren, wie hinfallen ist. Doch ich verfiel nicht in Panik, nahm die Unsicherheit wahr und auch an, dass sie einfach da war. Abbrechen tat ich nicht – so bin ich nicht. Es wurde eine gute halbe Stunde, auf einer Strecke für die ich sonst 20 min brauchte, aber ich hatte auch Gegenwind 😉 Die Unsicherheit hemmte mich unvorsichtig zu werden, zu schnell zu fahren, wieder zu viel zu wollen. Sie sagte nicht: es passiert wieder, sondern: wenn du nicht aufpasst passiert es wieder. Ok vielleicht interpretiere ich zu viel hinein, aber mir ist bewusst geworden, dass es mit meiner Unsicherheit in anderen Lebensbereichen ähnlich ist. Unsicherheit = es kann passieren (der nächste Sturz, die falsche Entscheidung, der nächste Fressanfall, das ich dick werde) = + Panik/ Furcht = es wird passieren (wenn du jetzt in die Mensa gehst kommt das Verlangen nach einem Fressanfall). War es eben nicht noch ein eventuell? Mir ist aufgefallen, nicht immer, aber manchmal, besonders im Bezug auf meine Essstörung denke ich so. Ich will zu viel obwohl ich unsicher bin. In vielen Fällen ist es gut einfach durchzuziehen (in die Mensa zu gehen), sich nicht einschüchtern zu lassen von der Unsicherheit, denn sie hat ja eigentlich nur eine Warnfunktion und verbietet nicht. Doch diese Warnfunktion will ich oft nicht sehen oder blende sie aus (Was ich bin unsicher? Klar gehe ich in die Mensa, wieso sollte ich mir den Gedanken machen? Bestelle ich einfach Spontan Nudeln mit Pommes und fett Käse drauf…) oder ich nehme sie nicht als Warnfunktion wahr, sondern kehre sie in Panik um bzw. geschieht das unbewusst (Waaaas Mensa? Hilfe! Da bekomm ich doch gleich den nächsten Fressanfall) Bestes Beispiel für Panik: Ich fahre zu meiner Familie: da ist alles unsicher, nicht genau planbar oder beeinflussbar, doch ich will nich unsicher sein, aus könnte wird ein es passiert, weil ich die andere Seite, das es wird nicht passieren gar nicht in Betracht zog. Zu Pfingsten war ich auch unsicher, aber das wusste ich, ich nahm es wahr und stempelte es nicht ab mit dem Gedanken: es wird nicht passieren, weil ich es nicht wollte und seitdem bin ich immer noch kotzfrei.

Unsicherheit bedeutet es kann – so oder so. Da kann ich kann mir vornehmen keine Schmerzen beim Inliner fahren zu haben (in diesem Punkt war ich mir heute morgen schon etwas unsicher) und dann feststellen – ok du hast Schmerzen, ne halbe Stunde ist mehr als genug heute. Unsicherheit ist unschön, macht vielleicht unzufrieden, aber hat auch gute Seiten – annehmen, akzeptieren, nicht bewerten – da wären wir wieder bei der Gefühlsduselei :p

So heute sturzfrei Tag 1 und kotzfrei Tag 16 🙂

Ich wünsche euch einen behüteten und sicheren Abend 😉

 

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4 Gedanken zu “Die guten Seiten der Unsicherheit

  1. Ich erinnere mich, als ich meine Psychotherapie begann, aber schon von 47 kg auf 60 kg zugenommen hatte, d.h. schon völlig hysterisch war deshalb, bekam ich den Rat einmal herauszufinden, wieviele Kalorien ich zu mir nehmen dürfte, um das Idealgewich zu halten.
    Mit 164 und damals 48 kg hatte ich schon die Erfahrung gemacht, dass ich dieses Gewicht mit etwa 1600 kcl halten kann.
    Also rechneten wir uns aus, dass ich das Idealgewicht von 54 kg dann mit etwa 1800 kcl pro Tag halten könnte.
    Damit war ich einverstanden, und ich machte mir diverse Tagespläne mit 1800 kcl. Und ebenso fixe Tageszeiten, wann ich was und wieviel essen werde.
    Und ich erinnere mich, dass das die schönste Zeit meines Lebens war.
    Ich nahm tatsächlich wieder gute 5 kg ab, und ich brauchte nie mehr darüber nachzudenken, ob und wann und wieviel ich essen darf.
    Ich hielt mich strikt an den jeweiligen Tagesplan und das lief gute 10 Jahre vorzüglich – bis ich – und ich hoffe, dass Du nie auf diese Idee kommst – bis ich zu trinken begann.
    Jetzt sitze ich da mit einem empfindlichen Alkoholproblem und bereue es zutiefst, mich jemals darauf eingelassen zu haben.
    Dieser letzte Satz sollte Dich aber in keinster Weise beeinflussen, sondern eher abschrecken.
    Was ich Dir mitteilen möchte ist, dass ein gut ausgeklügelter Essplan, meiner Meinung nach, die grösste Chance hat auf Dauer gut zu funktionieren.
    Allerdings Schokolade zu Hause zu haben, hatte nie funktioniert, weil hier wieder der ständige Gedanke störte: „Hmm, soll ich mir ein Stück gönnen? Kann ich nicht dieses oder jenes gegen eine halbe Tafel Schokolade tauschen?“
    Und das, was so frei, so unabhängig, so glücklich macht ist nunmal, dass solche Gedanken ausgeschaltet werden.
    Hab einen schönen Abend liebe Elli

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    1. Danke für deine Berichte! Meine Glanzleistung waren mal 5 kg in einer Woche – frag mich nicht wie das ging… Das Ding ist, ich will keinen Plan, keine Kalorien zählen, da hab ich schon mal drinnen gesteckt und immer hat es wieder damit geendet das die Kalorien geschrumpft sind, alles akribisch ausgerechnet etc. Ich strebe danach einfach zu essen weil ich Hunger habe und das worauf ich Appetit ohne Kalorien ohne Mengeneinschränkungen – vll ist es zu hoch gegriffen, aber ich will nicht wissen wie viele Kalorien ich am Tag gegessen habe, das macht mich verrückt, ich vermeide es jetzt schon zu überschlagen und die Gedanken werden weniger daran. Hauptsache ich bin satt.
      Dennoch danke für deinen Rat. Bei der Schokolade muss ich dir zustimmen. Die Gedanken kaufe ich mir eine sind leichter zu händeln als hole ich mir ein Stück. Ich lerne Schritt für Schritt 🙂
      Danke du auch, liebe Babsie ❤

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