Geduld

Ich drille mich, meinen Kopf und meinen Körper, ich fordere, fordere und fordere. Das ist mir heute bewusst geworden. Ich fordere zwar nicht rund um die Uhr, aber die Erholung kommt zu kurz. Ich renne von einem Treffen zum anderen oder lege mir einen to-do Plan zurecht, Hausarbeit schreiben, für das Gemeindefest Spiele vorbereiten, Telefonate führen, Referat vorbereiten, putzen, kochen, Sport… . Ich schlafe kaum mehr als 6 Stunden, bin die letzten Tage immer schon halb 6 aufgestanden, einfach weil ich wach war und nicht länger liegen bleiben konnte/wollte. Die Müdigkeit verschwindet und kommt leicht immer mal wieder im Laufe des Tages, wird meist aber einfach abgeschoben, mit Kaffee bekämpft… Ich esse geregelt, kämpfe gegen die Gedanken der Essstörung, erkunde meine Gefühle, beschäftige mich intensiv mit mir und renne doch gleichzeitig von mir weg. Ich bin stark zur Zeit, ich habe viel Kraft im Kampf gegen Doris, die letzten Tage waren Gedanken ans Kotzen zwar da und auch an einen Fressanfall, aber nicht in Verbindung mit der Absicht des Ausführens — also harmlos. Heute rief Doris und auch Gedanken an das Ausführen waren da. Ich war mal wieder spontan in der Mensa, fühlte mich gefestigt und entschied mich für einen Teller Nudeln mit Tomatensoße und Käse. Spontan hat ja schon geklappt also klappt es jetzt auch und wieso dann nicht gleich eine stufe höher und die bösen Kohlenhydrate essen? Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass ich etwas zu hoch gepokert hatte – nen ganzen Teller Nudeln, wie lange mein Magen so etwas schon nicht mehr verdaut hat… Tja heute hat er es. Doch es war ein Kampf, ein ernster Kampf. Das schlechte Gewissen schlug plötzlich über mich hinein, hatte ich doch auch ein paar Pommes von meinen Begleitern gegessen (ist ja normal…). Ich war voll, vollgestopft und die Verdauungsprobleme und das leichte aufgebläht sein das mich die letzten Tage begleiten, machten es nicht besser. Aber ist ja auch kein Wunder, wenn ich mich hauptsächlich von Grünzeug ernähre und meine Verdauung sich auch erst wieder daran gewöhnen muss tagtäglich zu verdauen. „Fressanfall und kotzen“, Doris schrie und Elli fand es gar nicht so abwegig. Doch Nein! Ich überlegte was los war, was ist da? Ich musste nicht lange in meiner Gefühlskiste kramen, das Gähnen war das Zeichen – war ich etwa einfach nur müde? Wollte ich aus Müdigkeit und Stress essen, weil ich einfach nicht zur Ruhe komme? Etwas anderes fühlte ich nicht. Schon den ganzen Vormittag hatte ich mich innerlich, mit Telefonaten, Terminplanungen fürs Wochenende, Referat vorbereiten und putzen gestresst, und das alles bevor ich mich um 11 Uhr mit 2 Freunden traf, um gemeinsam für die Uni produktiv zu werden. Den ganzen Vormittag hatte ich nach meinem Müsli an Radieschen und Kohlrabi geknabbert, einfach um diese innere Anspannung zu kompensieren, das hatte ich mir aber erlaubt. Emotionales Gemüseessen ist ok, erst bei Schokolade wird es kritisch. Das treffen war auch erfolgreich, mit rauchenden Köpfen haben wir viel ausarbeitet und daneben aber auch viel Spaß gehabt – alles in allem eine lockere Atmosphäre in der ich wohl gefühlt hatte. Das Gedankenkarusell „Doris“ ging erst beim Essen los. Nudeln gegessen = kotzen gehen -> Doris Logik. Und mein Körper war vermutlich überfordert – Bauchschmerzen plagten mich kurze Zeit später. Ich fuhr strikt nach Hause – nicht in Versuchung kommen… Ich kotze doch nicht weil ich übermüdet bin, weil ich vielleicht meinen Körper zu viel gefordert habe, immerhin war ich gestern auch 2 Stunden Inliner fahren, mache noch ein paar Liegestütze etc. jeden Abend und mein Kopf schaltet auch nicht ab. Die ganze Zeit bin ich bei dem was schon ansteht…. Leerer Kopf geht nicht oder? Gerade wie ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich vermutlich die ganze Zeit unter Spannung stehe, durch die ausgelebte Essstörung wurde es unterdrückt das zu fühlen. Wieder in der Wohnung überlegte ich: Was tun? Weiter im Kreis drehen und stressen, ich hatte ja noch so viel zu tun…? Seit letzter Woche höre ich mir vor dem einschlafen gehen ab und zu geführte Traumreisen an und wenn ich dabei auch meist einschlafe, ich entspanne glaube ich ein wenig. Also wieso jetzt nicht? Weil ich mich weiter stressen wollte? Damit Doris heute gewinnt? Nein! „Ich komme jetzt runter, ich bin müde und vermutlich komplett k.o.“ So legte ich mich aufs Bett und machte eine Reise zum Land meiner Träume an. „Lege dich bequem hin. Atme ein und aus, horche in deinen Körper hinein…“, sagte die leitende Stimme. Ich spürte sie die innere Anspannung, die Sorgen, dass ich etwas vergesse zu erledigen, zu wenig tue, das schlechte Gewissen wegen den Nudeln und den Pommes. „Eigentlich sollte ich jetzt Inliner fahren, dann wäre das Essen nicht mehr so schlimm. Eigentlich sollte ich meinen Vortrag weiter ausarbeiten, die Powerpoint… Wollte ich nicht noch wischen?“ „Folge meiner Stimme, atme tief in deinen Körper und wieder aus, lass los, du darfst jetzt du sein, so wie du jetzt gerade bist…“, ach was war das für eine tröstende Stimme. Ich konzentrierte mich nur auf meinen atmen, wanderte durch meinen Körper, spürte den Druck auf der Brust der mir die Atmung erschwerte, fühlte wie mein Magen arbeitete, aber sich freute verdauen zu dürfen. Ich spürte in mich, versuchte eine Verbindung zu mir aufzubauen, versuchte den Druck wegzuatmen, hatte das Gefühl von ihm erdrückt zu werden, ich klammerte mich an meine Atmung als ich das Gefühl hatte mich zu verlieren. Ein und aus, tief in den Bauch hinein… Ich wurde tatsächlich ruhiger und schließlich ruhig und dann war ich weg – eingeschlafen. Keine Ahnung wohin die Reise ging, auf jeden Fall trat die nur mein Unterbewusstsein und nicht mein Bewusstsein an. Mein Wecker, den ich vorher zu Absicherung gestellt hatte, weckte mich. Etwas träge aber ausgeglichener erwachte ich, erhob mich und machte mir erst mal meinen Nachmittagsjogurt (mit gaaanz viel Früchten, Nüssen und etwas Eis :)) und Kaffee, wieso auch nicht? Hunger hatte ich – komisch oder? Nach den Nudeln… aber ok. Doris war nicht präsent nur der Gedanke: Es ist vielleicht zu viel.. und du hast es dir nicht verdient – noch nicht mal Inliner fahren warst du, wie du wolltest. Diesen Gedanken stufte ich jedoch als nicht wahr ein. Ich wischte meine Wohnung und führte noch ein Teamerpatengespräch. Jetzt setzte ich mich etwas vor den Fernseher, irgendwie fühle ich mich ruhiger und ungestresster als heute morgen. Auch wenn das schlechte Gewissen drückt, werde ich ohne Berechtigung noch Abendbrot essen. Ein kleiner Salat für Elli und nicht Doris, die schwimmt in ihrem Traumland bei den WC-Enten. Ich denke ich brauche einfach Geduld, was in Bezug auf andere Menschen kein Problem darstellt, da bin ich das Verständnis in Person, aber bei mir selbst? Ich werde es wohl lernen müssen, Geduld mit mir und meinem Körper zu haben. Damit, dass sich mein Körper erst daran gewöhnt, auch wieder Nudeln verdauen zu dürfen und mein Gehirn sich umprogrammiert und nicht bei jeder Nudel die Ansicht vertritt das sie ungesund ist und verdient werden muss, mein schlechtes Gewissen ist glaube ich so verinnerlicht, wie mein vermutlich verzerrtes Körpergefühl. Es braucht Zeit sich zu normalisieren, da hilft nur Geduld und auf die Zähne beißen und aushalten…. Akzeptieren und einfach da sein lassen.

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Ich wünsche euch noch einen entspannten Abend und Geduld mit eurer Kämpfernatur 😉

Mein Fazit für heute: das mit der Entspannungsübung werde ich weiter praktizieren und wenn auch nur für mein Unterbewusstsein 😛

Morgen steht ein voller Tag an: Erst Exkursion bis 16 Uhr und dann noch Shoppingbesuch von meiner halben Familie mit vermutlichem Abendbrot essen auswärts. Ich versuche mich nicht schon bei dem Gedanken daran verrückt zu machen – bei dem was ich die letzten Tage überstanden habe, werde ich das auch irgendwie meistern (zumindest bin ich jetzt gerade der Ansicht), immerhin kann ich mich schon etwas darauf einstellen. Ich bete um Kraft und eine leise Doris…

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12 Gedanken zu “Geduld

  1. Ganz toll! Ich freu mich sehr für Dich und Deine Willensstärke! 🙂
    Aber man muss sich auch mal Pausen gönnen – was, wenn Du Dir Pausen wirklich einplanst? 20 Minuten, 2-3x am Tag? Ich kann Dich aber auch verstehen, dass Du das vermeidest, da diese „ruhigen“ Momente meistens die sind, wo die Essstörung laut wird. Aber probier es mal aus – du scheinst schon so gefestigt, ich glaube, du würdest das hinkriegen 😉
    Vielleicht schaffe ich das ja auch mal, fast 2 Wochen ohne Lena zu leben.
    Und wegen der Sache mit den Kohlenhydraten: versuch es doch mal mit Kartoffeln als Einstieg 🙂 Nudeln vertrage ich auch nicht wirklich, taste mich aber in guten Momentan über Kartoffeln und Naturreis an Kohlenhydrate heran. Letztens hab ich mir nur 2 EL Reis gekocht. Mein Mann hat nur gelacht, weil er meinte, das sei ja Wasserverschwendung 😉 Aber da fühle ich mich sicher, wenn ich die Kontrolle habe. Ich drück Dir die Daumen, dass Du das bald essen kannst. Und das schlechte Gewissen…tja. Das wird uns wohl immer begleiten. Du machst das 🙂

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    1. Danke für deine lieben Worte ❤ Kartoffeln esse ich, die haben ja nicht so viele Kalorien, das ist leider das was bei Nudeln im Hinterkopf noch mitschwingt … Naja ich werde mich einfach weiter in kleinen Schritten herantasten.
      Ich glaube fest daran, das du es auch mal schaffen wirst das Lena 2 Wochen mal nicht zum Zug kommt. Da ist die Essstörung immer noch aber halt nicht ausgeführt – ich weiß nicht ob und wann ein Leben ohne Essstörung kommt …
      Dir auch viel Kraft beim Aushalten des Gewissens 😉

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  2. Ach ja… die Nudelaffäre, schön wenn es anderen auch so geht. 🙈 Wie oben Miss geschrieben hat, hab auch ich mit wildreis und Kartoffeln kaum Probleme, aaaaaaber in der Mensa kann man sich das 1. Schlecht aussuchen und wenn ich 2. Nudeln will – dann will ich sie auch, keine Alternative. Und so kämpfe ich dann auch mit dem Gedanken. Es wird bestimmt irgendwann leichter, hab ich jedenfalls gehört 😉 Im übrigen kam ich anfangs auch nicht zur Ruhe und ich habe es mit Traumreisen und geführter Medidation gemacht. Hat gut funktioniert. Jetzt schaffe ich es auch mal nichts zu machen, mich einfach in den Garten zu setzen ohne die nervigen Gedanken „Du musst noch dies und das..und das“ ich habe nämlich festgestellt, dass ich jetzt sowieso mehr Zeit habe, was früher auf der Toilette und davor mit essen verbracht wurde. Find ich super wie du das durchziehst – ich bin stolz auf dich ❤

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    1. Ja, wenn es Nudeln sein sollen, dann sollen es die sein – zur Befriedigung 😉 Aber muss ja nicht jeden Tag – sag ich mir so, ab und zu, die werden einen schon nicht umbringen…
      Ach das hört sich gut an, danke für deinen Erfahrungsbericht! – da hab ich doch tatsächlich Hoffnung 🙂 irgendwie versuche ich die Zeit die mir jetzt “geschenkt“ wird möglichst voll zu stopfen damit Doris keinen Platz mehr hat… werde einfach schauen wie es weiter geht.
      Danke 🙂 ❤

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    1. Danke,lieb von dir ❤ Ja kenne ich und versuche ich auch immer wieder auszubauen und zu integrieren in meinen Alltag, einfach mal bewusst die Natur zu betrachten, das ist so meins, die Farben aufzunehmen oder den Vögeln zuhören. Das woran ich etwas scheitere ist wenn eine Übung in Kontakt mit meinem Körper geht, z.B. den Boden unter den Füßen spüren… Du fragst, hast du vielleicht einen Tipp den ich ausprobieren könnte?

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      1. Ich finde die See- und die Bergmeditation sehr hilfreich für mich, um einen Halt in mir selbst zu finden; habe die mal in einer Klinik kennengelernt, aber da geht es auch wie bei einer Atemmeditation schon darum den Körper auch wahrzunehmen. Musste da dran denken und an ein Buch, das mir das Prinzip der Achtsamkeit (z.B. auch wahrnehmen ohne zu bewerten oder Mitgefühl mit sich selbst entwickeln) für mich verständlich nah gebracht hat, das heißt „Mit Achtsamkeit durch die Depression“ (glaube ich); weiß nicht, ob du sowas gerne liest..

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      2. Ab und an finde ich die Begeisterung dafür solche Bücher zu lesen, auch wenn mir immer etwas die Ruhe dafür fehlt… Jedenfalls danke für den Tipp, da werde ich mal schauen 🙂

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  3. Hallo Elli, zunächst mal Danke, dass Du meine Artikel über den Jakobsweg so likest 😉👍So schaue ich immer wieder mal nach Dir auf Deiner Seite. Und stelle überrascht fest, daß Du trotz Deiner „Jugend“ schon so viele Anhänger mit Deinen Texten begeistert. Respekt! Du nimmst viele andere auf Deinem Weg mit. Great! Auch wenn mir Dein Thema Bulimie fremd ist, so sind doch viele Lebensaspekte dabei, die auch bei mir auftreten. Und Deine Art, darüber zu schreiben ist interessant zu lesen! Und Deine Entwicklung zu verfolgen ist doch recht spannend, auch wenn das Wort kotzen sehr häufig auftritt 😏 Ich denke nach wie vor, daß Du auf Deinem Weg bist und wünsche Dir weiterhin das Beste dazu! PS: Heute fiel mir beim Lesen ein, wenn Du Dich der Lichtnahrung widmen würdest, fallen vielleicht viele Probleme mit Deiner Doris einfach weg…
    Good luck for you 👋🏼😇

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    1. Lieber Don Juan, danke für deinen tollen Kommentar! 🙂 Deine Berichte lese ich gerne, zusammen mit den Bildern kommen viele Erinnerungen an meinen Weg wieder. In Granja hab ich in der selben Herberge geschlafen;) Freue mich schon darauf, weiter deinen Weg zu verfolgen.
      Ja ich denke ob man jetzt eine Essstörung, etwas anderes oder “gar nichts“ hat, irgendwie fällt es den Menschen schwer mit ihren Gefühlen umzugehen… Ich bin eine Gegnerin davon das Wort kotzen zu verschönern, so ist es nun mal, erbrechen ist für mich nicht absichtlich und der Fachbegriffe selbstinduziertes Erbrechen einfach zu kompliziert :p Deine Worte beflügeln mich grade – Danke 🙂 Ich wünsche dir auch alles Gute,viel Kraft und weitere tolle Begegnungen auf deinem Weg. Buen Camino 😉

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  4. Hallo Elli, ich finde deinen Kampf echt stark und ich persönlich kann dir in vielen Punkten nachfühlen. Auf meine Weise versteht sich… Auch ich kompensierte meinen selbstauferlegten Stress und Müdigkeit (noch vor ein paar Jahren) mit Fressen und Kotzen. Bis ich an den Punkt kam, es aushalten zu wollen. So wie du… Ich wollte nicht mehr ausreisen vor mir selbst. Oft war ich überfordert mit meinen Gedanken und schlechtem Gewissen, bis ich es akzeptierte.
    Der Weg aus dem Kreislauf ist steinig, aber aufgeben ist keine Option. Echt toll, wie du deiner Doris den Stingefinger zeigst. 💪
    Pass auf dich auf!🐞
    Viele Grüße 🌻
    Michaela

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    1. Liebe Michaela, danke für deinen Kommentar! Der gibt Kraft und Zuversicht weiter zu kämpfen, obwohl es manchmal so sinnlos erscheint… schön zu hören, das es doch ein Ende gibt.
      Liebe Grüße und einen schönen Tag ❤ 🙂

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