Auf der Suche nach mir selbst…

Wer bin ich und was macht mich aus? Diese Frage ist nicht neu und ich stelle mir nicht zum ersten Mal. Nicht zum ersten Mal mache ich mich auf die Suche, eigentlich bin ich es schon immer. Seit letztem Jahr dem stationärem Aufenthalt intensiver und die Frage nach mir selbst war auch mit ein Grund für meinen Pilgerweg. Heute in der Therapiestunde wurde mir bewusst das ich mich zur Zeit auf einem Selbstfindungstrip befinde – Wer bin ich hinter der Essstörung? Ich analysieren und beobachte mich bewusst und unterbewusst. Was fühle ich, mache ich, wieso weshalb warum… dahin zu schauen ist ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen Doris, die mich oft nicht nur in Form der Bulimie auf den falschen Weg zieht. Ich und Doris sind uns meistens nicht einig, z.B. will sie kotzen und ich nicht. Doch neben dieser Essproblematik gibt es die Elli, die gerade so viel mehr von sich entdeckt, gerade erkundet wer sie hinter Doris ist. In der stationären Therapie und gerade auch auf dem Jakobsweg hab ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt, genauer in mich hineingeschaut. Etwas was ich selten gemacht habe, irgendwie habe ich mich nie wirklich mit mir beschäftigt, war nur ein Körper, der aber doch ich war – kompliziert halt, so wie ich eben bin. Oft verstehe ich mich selbst nicht, versuche zu erklären was ich denke und verstricke mich dabei in Erklärungen. Den Raum Ich zu sein habe ich nie gehabt/genutzt/wahrgenommen. Woher soll dann auch die Selbstanerkennung kommen? In der Klinik hatte ich Zeit für mich und ich erkannte erstmal, dass da jemand hinter der Essstörung ist. Eine, die irgendwie mit ihren Gefühlen nicht klar kommt, aber eine perfekte Maske besitzt. Auf dem Jakobsweg nahm ich mir Zeit für mich, bemerkte, dass ich mich oft selbst überfordere, zu viel von mir verlange und erwarte und bei mir immer einen Fehler suche, obwohl das bei Anderen selbstverständlich ist – kein Mensch ist perfekt und das ist gut so, nur ich muss es sein. Man merkt, dass dieser Gedanke falsch ist oder? Ich habe mir die Frage gestellt wann ich mich mit mir selbst beschäftige bzw. wo ich es könnte: In den Sitzungen habe ich Raum Ich zu sein, da habe ich die Berechtigung mich mit mir selbst zu beschäftigen. Auch hier beim schreiben kann ich ich sein, hier beschäftigte ich mich jeden Tag mehr oder weniger mit mir selbst und mit meinen Gedanken. Heute ist mir klar geworden, dass ich nach einer Berechtigung suche Ich zu sein,  die Essstörung gibt mir auf irgendeine Art und Weise den Raum dafür. das ich immer einen Grund brauche, eine Erklärung warum ich gerade so fühle – wieso fühlte ich mich heute gut? wieso fand ich mich im Spiegel heute ok? wieso habe ich einen Recht dazu heute zu sagen – ich bin ausgeglichen und schon seit dem aufstehen glücklich und im Reinen mit mir? Gedanken, Gedankenchaos, Gedankenreihen, Zerdenken … immer nebenher, immerzu, automatisch, unterbewusst… willkommen in meinem Kopf. Zu viele Gedanken verstopfen den Kopf – lassen Zweifel entstehen. Kann ich es schaffen, denke ich an alles, hab ich alles erledigt, habe ich es mir recht gemacht, darf ich überhaupt zufrieden sein? So bin ich, immer am Denken – aber ist das nicht normal? Ich denke Doris spielt in dem Ganzen auch eine Rolle, sie stiftet zwar Unruhe und Chaos, aber lässt das was da aufwühlt  (vor allem auch die Gefühle) für einen Moment verschwinden – in dem ich mich „nur“ mit essen beschäftige. Doch irgendwie entsteht ja durch die Essstörung neue Unruhe, wie die Angst vor Essen, davon angetriggert zu werden, Panik vor der Panik vor einem Fressanfall … wie gestern, dabei war ja gar nichts. Angst ist zur Zeit ein präsentes Gefühl, doch keine Angst im Sinne: Ich trau mich nicht, sondern eine Unsicherheit und Unbestimmtheit: Was wenn… ich mich wiege, ich das rieche, ich mir das verbiete, ich zu viel esse, ich zu fett werde…. Dennoch fühle ich mich zur Zeit gefestigt, sicher und stärker als Doris. Auch wenn ich hier und da aus emotionalen Gründen etwas auf ihre Anweisung esse. Es ist ok wenn ich erstmal mehr essen, erstens braucht der Körper das vielleicht und zweitens bin ich das ja so gewöhnt und schlechte Marotten oder gar automatisierte Prozesse kann man sich nicht von heute auf morgen abgewöhnen – so denke ich zumindest.  Aber egal was ist, ich schiebe halt vorher die Gedanken erst hin und her. Bei Fressanfällen kann ich das irgendwie größtenteils abstellen, dann esse und kaue ich – keine Gefühle oder Gedanken, die  werden dann danach im Klo runtergespült. Das bin ich? Darin finde ich mich? Ja irgendwie spüre ich mich da ohne Gefühle zu fühlen, irgendwie bekomme ich damit Zeit für mich, wenn ich esse habe ich eine Berechtigung ich zu sein, wenn ich schlank bin habe ich eine Berechtigung mich gut zu fühlen, wenn die Waage zu viel anzeigt, darf ich mich scheiße finden und das dürfen verschwand mit der Zeit. Zeigte die Waage mehr an war ich schlecht drauf, zeigte se weniger an fand ich mich gut, sah ich Knochen war ich erfolgreich, wenn ich dem Essen widerstand oder es auskotze war ich stark. Hass, Liebe Angst – die drei Hauptgefühle bearbeitet mit der Essstörung. Aber ich bin nicht die, die eine Essstörung hat, sondern die, die hinter der Essstörung steht. Ich finde mich beim Gitarre spielen, nur für mich, wo es mir egal ist wie schief ich dazu singe. Beim Inliner fahren, wenn es mir egal ist, das ich langsam dahinrolle, weil ich so von den Blumen am Rand fasziniert bin, dass ich kaum denke. In Momenten in denen ich einfach fühle was da ist, statt vorher zu denken, was ich fühlen müsste.

Wer war ich heute?

Die, die heute mit einem zufriedenen Gefühl aufgestanden ist.

Die, die heute mit einem (für sie unbegründeten) Lächeln auf dem Gesicht herumlief.

Die, die der Bettlerin vor dem Supermarkt die gekaufte Schokolade schenkte, weil sie merkt, dass Doris sie wollte.

Die, die heute in der Therapiestunde über sich redete.

Die, die beschlossen hat sich weiterhin nicht zu wiegen. 

Die, die es liebt Bahn zu fahren.

Die, die heute doch noch eine Kugel Eis mehr gegessen hat.

Die, die sich über die Sonne heute freute.

Die, die beim Inliner fahren spontan eine Pilgerin ansprach und sich mit ihr anderthalb Stunden über Gott, die Welt und Lebensgeschichten unterhielt – eine genutzte Begegnung, die mich bereichert hat. (Zufälle gibts!)

Die, die es liebt den Wind im Haar zu spüren, aber es nervig findet, wenn die Frisur zerstört ist.

Die, die heute ihre Mahlzeiten nach Plan eingenommen hat.

Die, die den 12. kotzfreien Tag geschafft hat und merkt, das kotzfrei zu sein erholsam ist.

Die, die das Konzert von Helene Fischer schaut.

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Die, die ein Faible dafür hat, Spruchkarten zu sammeln.

Ich bin die Elli und die, die euch jetzt einen schönen Abend wünscht 😉

 

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11 Gedanken zu “Auf der Suche nach mir selbst…

  1. Es ist wirklich schön zu lesen wie viel dir der Jakobsweg gegeben und gebracht hat! Und ich finde auch, dass du unglaublich stolz sein kannst! 🙂
    Ich verlieren mich auch oft in diesen ganzen Gedanken. Nachdem ich deinen Eintrag gelesen habe, ist mir aber wieder bewusst geworden, dass man sich dann echt vor Augen halten sollte was im Jetzt ist. Danke ❤

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  2. Du hast der Bettlerin die Schokolade geschenkt?
    Einfach grossartig über welche Kraft Du tatsächlich verfügst.
    Und dem gierigen und undisziplinierten Troll in mir einen Namen zu geben, um ihn zu personifizieren ist eine echt professionelle Vorgehensweise.
    Genau unterscheiden können zwischen der Persönlichkeit, die mir immer Böses will, und mir selbst.
    Hier muss ich vielen lieben Dank sagen, liebe Elli, denn damit kann auch ich mir selbst helfen, denke ich mal.
    Bin schon neugierig, welchen Namen ich meinem Troll verpassen werde 😆
    Hab weiterhin einen so guten Tag
    und viele liebe Grüsse aus Wien ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, es war ja Doris ihre Schokolade und die füttere ich nicht mehr… zumindest nicht wenn ich es verhindern kann.
      Es freut mich, das du für dich etwas mitnehmen kannst – ich bin gespannt 😉
      Danke, Liebe Grüße zurück ❤

      Gefällt 1 Person

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