Es plätschert dahin 

Tja so richtig weiß ich nicht, wie ich meinen Gemütszustand beschreiben soll. Ich fühle mich ruhig, ungewöhnlich ruhig, aber doch aufgewühlt und unentschlossen. Gefühle wie Selbsthass und Scham versuche ich zu ignorieren, also schaue ich am Bestern gar nicht auf meine Gefühle. Mein Leben scheint mir gerade wie ein kleiner, flacher Fluss der durch den Wald dahinplätschert. Eigentlich ist die Umgebung schön und auch die Stimmung ist wunderbar idyllisch, doch der Fluss ist kalt, nicht erfrischend kühl, sondern schmerzhaft kalt und statt klares Wasser zu führen, wird er von dem schlammigen Grund verdreckt. Langsam fließt er, scheint fast einzuschlafen und doch fließt er immer weiter in eine Richtung. Die Oberfläche scheint außer ein paar leichten Wellen unbewegt. Doch in der Tiefe brodelt es immer mal wieder, irgendetwas bewegt im Schlamm. Die letzten Tage habe ich gelebt und war aktiv, doch irgendwie kommt es mir vor als wäre ich nicht dabei gewesen. Stunde um Stunde plätscherte die letzten Tage mein Leben dahin. Am Donnerstag lief es noch ganz gut, die Wanderung schuf durch die Bewegung eine Berechtigung halbwegs ohne schlechtes Gewissen zu essen und auch dem Magen etwas zum Verdauen zu lassen, wobei glaube ich der gedankenumhüllende Alkohol eine Rolle spielte. Gestern bildeten die Essstörung und ich eine automatisierte Einheit. Ich nutze jede Gelegenheit, die sich zum Essen bot. Essen und Kotzen – der Weg ins Bad war selbstverständlich und geschah, ohne mich vorher bewusst dafür zu entscheiden. Doris hatte die Führung übernommen, und ich? Ich tümpelte zwischen den Mahlzeiten so umher – wie ein schwerfälliger Bär hakte ich alles ab was so anstand. Gesellschaftsspiele spielen, sonnen, Referat fertig vorbereiten, Kirmesversammlung… So floss der Tag wie ein zäher Fluss, langsam aber kontinuierlich abwärts, dahin. Meine Ausbeute nach den letzten Tagen: wenig Schlaf, Sonnenbrand und eine schmerzende Einheit aus Rachen und Speiseröhre. Ich sollte aufhören zu kotzen! – nahm ich mir vor – gestern Abend. Einmal noch … zum Frühstück … noch bist du zu Hause, da schau mal ein Brötchen und da noch eins… Doris verlockte – ich folgte. Noch am Vormittag verließ ich heute meine Heimat, um in meine Wohnung zu fahren. Probearbeiten stand an. Ich nahm mir einen Cut vor – nicht mehr kotzen! Ein Salat mit halbem Brötchen zum Mittag bereitete überraschenderweise kaum Probleme, ich war satt und hatte keine Lust mehr zu essen oder gar kotzen zu gehen. Letzte Woche hatte ich ein Bewerbungsgespräch bei einem Schmuckladen, heute dann einen Probearbeitstag – es war anstrengend aber gut. Ware sortieren, aufhängen, Kunden bedienen etc. ich war beschäftigt und die Gedanken ans Essen waren für 5 Stunden aus meinem Kopf verbannt. Der Vertrag liegt nun da – allzu blöd habe ich mich anscheinend nicht angestellt. Obwohl ich mir noch etwas unsicher bin, ob mir der Job neben dem Studium nicht zu viel wird, weil nun Wochenenden und freie Nachmittage drauf gehen, und das auch in den kommenden Semesterferien. Zudem kommt viel Einarbeiten dazu, da ich noch keinerlei Erfahrung in diesem Bereich habe. Doch das Team ist auf den ersten Eindruck freundlich und offen: Außerdem mache ich neue Erfahrungen und verdiene Geld, was durch Doris auch immer ziemlich knapp ist. Schon länger überlege ich nebenher ein wenig zu arbeiten. Der Job im Schmuckladen wäre eine Chance, auch hinter die Kulissen zu schauen, weil es bei dem Job nicht nur ums pure verkaufen geht. Außerdem liebe ich Accessoires, auch wenn ich mich jetzt nicht über und über damit behänge. In jedem Fall bietet der Job mir, auch wenn er anstrengender ist, eine super Alternative zu den Bäckerläden. Ja diese hatte ich schon in Erwägung gezogen, jedoch hat mich das Verkaufsmaterial immer etwas abgeschreckt…. Mit Doris im Kopf die ganze Zeit hinter der Theke zu stehen hab ich keine Lust. Studium und Job, das dürfte doch Doris etwas in die Schranken weisen oder? Ruckzuck war es heute dann 18 Uhr und da es echt schweißtreibend ist bei 30 Grad zu arbeiten, gönnte ich mir ohne Doris ein Eis und auch den Salat zum Abendbrot genoss ich. Doch dann gegen halb 10 verabschiedete sich meine Motivation flussaufwärts und ich plätscherte den Wasserfall hinunter. Doris wollte einen Fressanfall, sie nannte es Resterverwertung… Du hast doch noch… Jetzt gibt es jedenfalls keine „verbotenen“ Lebensmittel mehr im Haus und morgen habe ich mir fest vorgenommen meiner Motivation flussaufwärts hinterher zu schwimmen. So kann das nicht weitergehen. Doch erstmal schlafe ich jetzt etwas – Gute Nacht 😉

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7 Gedanken zu “Es plätschert dahin 

    1. Danke für deine Worte. Es ist gerade schwer, ich versuche es, aber das glauben fällt schwer. Ich enttäusche und schaffe es nicht die Verbindung zu Gott aufzubauen, auch wenn ich es versuche ich spüre nichts.
      Liebe Grüße zurück

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  1. Er ist zu jeder Zeit an deiner Seite, auch wenn du ihn nicht spürst. Er weiß was du durchmachst und kennt dein Herz. Aber vor allem weiß er was du brauchst. Bitte ihn darum, er hört es. Versuch dich ihm anzuvertrauen, er sieht dass du nach ihm suchst auch wenn es dir schwer fällt. Alles hat seinen Zeitpunkt, der von ihm perfekt gewählt ist.

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  2. Gratuliere zum Job! Klingt sehr spannend. Die „Doppelbelastung“ Studium UND Job wirst Du hinbekommen. Und wer weiß? Vielleicht hast du dann so wenig Zeit für Doris, dass sie vielleicht sogar mal tageweise gar nicht auftaucht. Kopf hoch! 🙂

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    1. Danke 🙂 Ja ich werde es einfach mal machen, habe ja auch noch die Möglichkeit zu kündigen, wenn ich merke, dass es gar nicht geht. Ein Lichtblick ist es irgendwie… Mal sehen, ich hoffe das es sich bewahrheitet.

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