In der Mensa essen – Check! 

Es ist komisch, aber heute kann ich sagen: es fällt mir schon leichter Doris zu widerstehen. Doris mein Kugelfisch, meine giftige Begleiterin, meine Essstörung scheint etwas eingeschüchtert und kleinlauter geworden sein.

Da saß ich gestern Abend noch im Zug… Fuhr dem Verlangen davon, ordnete in der vorrüberziehenden Landschaft meine Gedanken. Gegen 19 Uhr machte sich ein Hungergefühl breit. Ja ich könnte eigentlich was essen, die Kekse (die erst ein mega Völlegefühl und schlechtes Gewissen verursacht hatten) schienen verdaut. Ich hatte an meiner Hausarbeit weiter geschrieben und war einfach nur stolz (ja wirklich!) den Fressanfall am Nachmittag nicht ausgeführt zu haben. Also wieso nicht noch Abendbrot essen? Ich wollte ja auf mein Bauchgefühl hören lernen. Da ich jedoch ca. 1 h Bahnfahrt von meiner Wohnung entfernt irgendwo auf einem Bahnhof auf meinen Zug zurück wartete, war mein Kühlschrank leider nicht erreichbar. Ich spazierte also in den nächsten Supermarkt in Bahnhofsnähe holte mir ein Brötchen und 2 kg Karotten – irgendwie lächelten die mich an. Schon vor der Supermarkttür merkte ich wie Doris anklopfte. Aus Angst vor einem Fressanfall legte ich das Brötchen zurück – es könnte ja den Schalter umlegen. Ich ging mit meinen Karotten zur Kasse, ließ mich nicht verleiten, ignorierte die Schokolade und machte mich möhreknabbernd zurück zum Bahnhof. Dort angekommen stand die Bahn schon da. Ich setzte mich hinein, immer weiter verschwand eine Karotte nach der anderen in meinem Magen. Es ging los oder eigentlich befand ich mich schon mittendrin – im Fressmodus – eine Möhre nach der Anderen. Doch ich beruhigte die aufkommende Panik die eine Begleiterscheinung war immer wieder – es sind doch nur Möhren… das darfst du. Vielleicht geht das Hungergefühl irgendwann weg – war es Hunger oder Doris? Eine Mischung vermutlich – ganz gefährlich… Doch ich konnte nicht aufhören, das Loch im Bauch wollte nicht kleiner werden. Dann stand auf einmal die Kontrolleurin da: „Ihren Fahrschein bitte“, ich kramte meinen Studentenausweis raus. Sie deutete auf die Packung Möhren, eine hielt ich in der Hand. „Da haben sie sich ja noch viel vorgenommen“ und lachte (es war ein nettes etwas schälmisches Lächeln) und zack bumm, mir wurde bewusst was gerade los war. Ich antwortete automatisch und nicht anmerkend „Das wird Karottensuppe!“. Ich hatte mich total im Fressmodus befunden, fast ein Kilo Möhren schon! Doch nun war mein Gehirn wieder eingeschaltet und Doris anscheinend vor Schreck geplatzt, sie war entlarvt wurden… Danke Kontrolleurin! Ich schickte ein Dankgebet nach oben. Manchmal sind Begegnungen und scheinen sie noch so unbedeutend einfach Gold wert. Nun galt es nur das plötzlich einsetzende Völlegefühl auszuhalten, was mir aber komischerweise leicht fiel und auch nicht von weiterem Verlangen begleitet wurde. Den ganzen Heimweg hatte ich ein vermutlich total bescheuertes Lächeln auf den Lippen, war es Schadenfreude? Ja, ich lachte Doris innerlich aus – mit Möhren wollte sie mich verführen… Zu Hause duschte ich dann lange, schob, die Gedanke ans fett sein auf das Kilo Möhren und ging schlafen. Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht, startete ich trotzdem motiviert in den Tag. Trotz einer langen Entscheidungsphase entschloss ich mich zu frühstücken. Immer wieder war ich vermutlich auch von einem Hungergefühl in der Nacht geplagt wurden. Auch die Gedanken an einen Fressanfall geisterten ab ein Uhr immer wieder in den Wachphasen in meinem Kopf herum – doch ich spürte kein Verlangen – wieso also aufstehen? In der Nacht habe ich noch nie gefressen. Zum Mittag hatte ich mich mit einer Freundin gestern schon für die Mensa verabredet. Und ich fühlte mich gestern und auch heute dafür gewachsen, auch wenn etwas Angst mitschwang… Die Portionen sind relativ groß und man weiß nie was da alles drinn ist – aber ich beruhigte mich: Andere essen es doch auch – es ist nur alltäglich und völlig in Ordnung in der Mensa zu essen und es gab echt tolle Sachen! Nachdem die Vorlesung um 10 Uhr zu Ende war, vertrieben wir uns zwei Stunden mit Büchern die Zeit in der Bibliothek. Meine Freundin mit dem Kommunalrecht und ich widmete mich Elisabeth von Thüringen. Tja meiner Ansicht nach hatte ich die bessere Wahl, bei mir waren sogar Bilder im Buch! Um 12 stiefelten wir dann in die Mensa unseren knurrenden Bäuchen folgend. 5 h nach meinem Frühstück, also völlig in Ordnung. Meine Wahl fiel auf den Nudel-Brokkoli-Tomate-Auflauf, die Portion war groß, aber für Mensaessen echt gut. Wieso soll ich denn einen Salat nehmen oder mich für die Gemüsepfanne entscheiden, nur weil ich Angst vor den Nudeln habe? Wenn ich doch darauf Lust habe. Wir unterhielten und gut  und erstaunliherweise waren mir die vielen essenden Menschen um uns herum egal, auch das andere Essen brachte mich nicht aus der Fassung. Eine vollkommen erfolgreiche Mahlzeit also und die Gedanken ans Kotzen danach schob ich einfach weg. Dann trennten sich unsere Wege. Statt mit der Bahn bis zum Bahnhof zu fahren, lief ich noch ein Stück. Da Völlegefühl ließ sich so leichter ertragen und auch die von Doris angestachelte Panik, das ich jetzt platze kochte nicht so hoch. In der Wohnung dann eine brenzlige Situation. Ohne Hungergefühl, ist es komisch, es ist eigentlich ein ständiger Begleiter, das Markenzeichen von Doris und der gefiel das nun gar nicht. Doch es war schon kurz nach 14 Uhr. Die Möhren die folgten, auch ohne Hungergefühl ok also. Doris versuchte es immer wieder: Du bist eh schon fett, da kannst du jetzt auch fressen worauf du Lust hast, Wie willst du ohne Hungergefühl nur weiter machen, da kannst du ja nie wieder was essen, Geh jetzt kotzen, vielleicht kommt ja noch etwas vom Mittag raus, Komm du hast doch Lust auf etwas Süßes… Doch ich blieb stur, das sind nicht meine Gedanken! Ich widmete mich einem Unitext für eine morgige Vorlesung. Heute abend um 6 findet auch noch eine Vorlesung statt. Doch so langsam habe ich glaube ich etwas Hunger und da schon einige Stunden seit dem Mittag vergangen sind, erlaube ich mir jetzt noch etwas Joghurt mit Apfelmus, bevor es wieder zur Uni geht. Es wird noch einmal schwer werden nach der Vorlesung. Abends um 8 auf dem Heimweg, war bis jetzt immer Doris ihre Stunde – aber heute werde ich nicht nachgeben. Heute war ich schon in der Mensa – unglaublich… Noch letzte Woche schien mir das unvorstellbar und total unmöglich – in der Mensa essen und danach nicht auf Toilette gehen… Bisher also ein sehr erfolgreicher Tag für mich und ein mega einschüchternder Tag für Doris – doch auch wenn ich sie am Anfang als kleinlaut beschrieben habe – laut schreien und hinterhältig ist sie immer noch… Sie ist immer noch da, doch ich weiß das. Nur eine Frage, die mich unsicher werden lässt quält mich schon den ganzen Tag: Gehe ich zu große Schritte? Mache ich zu schnell? Will ich zu viel in zu kurzer Zeit? – Ich meine so nen ganzen Teller Auflauf. .. Aber nein, das ist Doris! 

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17 Gedanken zu “In der Mensa essen – Check! 

  1. Suuuuuper! 🙂 Eine tolle Leistung. Ich traue mich noch nicht, irgendwo essen zu gehen, dafür bin ich wohl zu sehr Kontrollfreak 😉 Aber du tastest dich auch Schritt für Schritt an alltägliche Situationen heran. Find ich TOP! Und wenn Du heute auch durchhältst, schrumpft Doris wieder ein kleines Stück ❤

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      1. Danke, liebe Elli 🙂 Kotzfrei (bis jetzt). Aber ich sitze schon auf der Couch. Habe zwar ein Stück Schoko und ein paar Walnusskerne gegessen, aber alles gut. 😉 Du kannst wirklich stolz auf dich sein. 🙂 🙂

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  2. Waaaaahnsinn!! Ich freue mich für dich und deine Sturheit. Das ist ein riiiiesen Schritt und auch das du in die Mensa gehst und Nudeln isst – das ist der wahre Alltag und du hast dir selbst gezeigt, dass du es ohne Doris schaffst. Sei stolz auf dich:)

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  3. Super! Ich finde nicht dass du zu große Schritte gehst. Denn dann wäre es vll unkontrolliert und unvernünftig. Das ist ja aber in beiden Fällen nicht so und das genaue Gegenteil. Solange das so ist kannst du ruhig diese Schritte gehen. Und wie man sieht greift es. Hut ab vor deinem Mut.

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  4. Ich lese wirklich gerne hier von dir und Doris, auch wenn sie gemein und fies ist!
    Und dein Tag klingt nach einem erfolgreich ausgeführten Kampf; in der Mensa essen ist wirklich nicht einfach.
    Ich wünsche dir viele weitere solcher Tage!

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    1. Dankeschön, für die lieben zusprechenden Worte – so etwas gibt Mut es weiter durchzuziehen, weil es dadurch richtig erscheint.
      Ganz Liebe Grüße und einen lächelnden Tag wünsche ich dir 😉

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