Jeder Tag ist eine leere Schale …

Belohnen sie sich! … Hat er gesagt – mein Therapeut, letzte Woche in der Sitzung als ich ihm von meinen 2 kotzfreien Tagen berichtete. Ich und mich belohnen… Womit? Schon vor einigen Sitzungen sagte er, ich solle mir mal was überlegen. Neue Ohrringe, ein Thermobecher? Doch jedes mal wenn ich vor dem Regal stehe bin ich wieder gegangen. Spar das Geld, du hast zur Zeit eh so wenig, da das Bafög noch auf sich warten lässt. Und statt mir neue Ohrringe zu kaufen gehe ich dann lieber in den Supermarkt und belohne mich dort mit wunderbaren Lebensmitteln, die ich dann im Klo runterspüle. Ist das nicht zum lachen und heulen? Jedes Mal verfluche ich mich danach dafür. Wieso? Wieso? Wieso? Doris ist so stark, hat mich fest im Griff sie flüstert mir ein – belohne dich doch mit einer Tafel Schokolade, da hast du doch viel mehr davon als von Ohrringen. Ja vor allem weil ich sie eh nicht im Körper behalte! Willkommen im Leben mit der Bulimie. Für eine Belohnung bin ich zu geizig und habe ich kein Geld, aber einen Fressanfall kann immer finanziert werden. Also überlege ich weiter, womit kann ich belohnen was nicht materiell ist? Spazieren gehen, Sport machen, einfach mal nur gemütlich auf dem Sofa sitzen? Warum muss das eine Belohnung sein? Kann ich das nicht einfach so mal machen? Anscheinend nicht und wenn, dann mache ich es zur Zeit um mich von einem Fressanfall abzulenken. Doch die Gedanken ans Essen wollen einfach nicht verschwinden. Da dachte ich am Freitag bis 20 Uhr Uni und am Samstag die Exkursion schon ab um 7, da bleibt keine Zeit für einen Fressanfall, da schaffe ich es ohne auszukommen, da mache ich es nicht, da fahre ich nach Hause und gehe gleich schlafen… Ich war mir so sicher, dass es nicht geschehen wird, ich das Verlangen einfach abschalten kann, dass ich vom Überfall der Gedanken völlig überrumpelt wurde. Du hast doch noch… im Kühlschrank, noch das und das im Schub… – flüsterte Doris und noch bevor ich Nein schreien konnte, stand ich fressend in der Küche und Doris hatte die Führung übernommen. Man sollte meinen ein großer Fressanfall in dem ich mindestens 4 mal überm Klo hing sollte reichen bis zur Exkursion, aber nein… frühs um 6 kam der Nächste. Belohnen sie sich.. Immer wieder tönt der Satz in meinem Kopf. Wofür? Für den zigsten Rückfall? Ich habe es nicht verdient mich dafür zu belohnen. Wenn ich eine Woche schaffen würde vielleicht, aber nachdem ich einen Rückfall hatte? Ich versage doch immer wieder, jedes Mal nehme ich mir vor aufzuhören (Das war das letzte Mal, das willst du nicht nochmal, merke dir wie dein Herz klopft und die Speiseröhre brennt, du nach Luft schnappst…), es zu schaffen und trotzdem mach ich es wieder und wieder. Ja ich weiß ja noch nicht mal warum. Wieso, weshalb, warum nur? … Gefühle? – Nichts, ich habe keine Ahnung und es lag nicht daran das es stressig war oder zu viel – einfach nichts, ich kann noch nicht mal eine groß bemerkte Leere beschreiben. Auch mein Vortrag, den ich auf der Exkursion super hinter mich brachte stellte für mich kein Problem dar. Die Exkursion ging bis 16 Uhr. Danach erfolgte der Gang in den Supermarkt… Doch es blieb gestern Nachmittag bei einem Fressanfall. Vor dem zweiten fuhr ich in der Bahn weg. Einsteigen, Hausarbeit und Tagebuch schreiben, einfach runter und auf andere Gedanken kommen – manchmal klappt es manchmal nicht. Gestern wurde mir dann klar, dass ich Angst vorm Essen habe, es könnte ja der nächste Fressanfall kommen und der macht mich jedes Mal psychisch und physisch total fertig – also total nicht zu empfehlen! Ich verbiete mir zu essen, ich verbiete mir Lebensmittel, ich stufe es als schlecht ein zu essen, sodass ich schon vor dem Essen weiß, dass es schlecht ist ohne es wirklich zu spüren – total verrückt oder? Aber so ist es nunmal, aber ich habe es erkannt und werde dagegen vorgehen. Deswegen habe ich heute morgen etwas total Verrücktes und Wagemutiges gemacht. Ich habe ein Toastbrot mit Butter und Marmelade und Zuckerrübensirup gegessen und dazu noch ein Müsli! Und bis jetzt verweilt es noch in meinem Körper. Butter und Zuckerrübensirup!!! Nur einen Teelöffel aber trotzdem! Aber wieso soll ich denn Angst davor haben? Doris schreit gerade auf Hochtouren: Du wirst fett, du bist hässlich, du bist so schwach, noch nicht mal der Butter kannst du widerstehen. Doch verdammt soll sie doch schreien, ich werde meinen Tag so gestalten wie ich es möchte und wenn ich Butter essen möchte, dann esse ich Butter. Ich habe beschlossen, mir nicht vor dem Essen schon einzureden, dass es schlecht und schädlich ist. Ich werde mich trauen, ich fühle mich gerade stark und motiviert. Ich habe doch die Stärke es zu schaffen, aber wo ist denn bitteschön immer diese Überzeugung, wenn ich sie brauche?

Jeder Tag ist eine leere Schale, die uns Gott in die Hände gibt, damit sie von uns gefüllt werde. (Johannes Rosche)

Gefüllt mit Erinnerungen, Unternehmungen, Momenten, Essen und ganz vielen verrückt spielenden Gefühlen und Gedanken. Doch so ist das Leben, einfach wäre ja langweilig. Mein Motte für heute lautet Augen zu und durch, stur geradeaus und nicht auf Doris hören. Das wird mein Tag! Den ich so gestalte, wie ich es möchte. Heute Nachmittag treffe ich mich noch mit einem Freund, vielleicht gehen wir ja sogar eine Kugel Eis essen. Schon beim Gedanken daran, schreit Doris: Waaaas??? Eis und du willst nicht kotzen gehen? Essen und du willst nicht kotzen gehen? Dann iss doch wenigstens viel zu viel, dann geht das Kotzen ganz automatisch. Ein Eis und etwas zum Abendbrot? Bist du dir da sicher? Ich werde sehen was kommt, auf jeden Fall bin ich mir gerade sicher, dass mich eine Kugel Eis nicht erschlagen wird oder platzen lässt.

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Ich will die nächste Woche kämpfen, ich will mich lösen von Doris, sie ist eine total egoistische Freundin, die immer nur an sich denkt. Sie ist eine beschissene Essstörung die mich von meinem Leben abhält, doch ich kann jeden Tag aufs Neue füllen – mit mir. Mit meinen Momenten, meinen Gedanken, meinen Gefühlen. Manchmal sind es Schlechte, Unbeliebte – na und? Dafür kommen auch wieder Gute, das weiß ich. Schau nach vorne, auch wenn nach einem Berg der nächste kommt, auch den wirst du schaffen – Schritt für Schritt, auch wenn der Weg endlos erscheint! Das habe ich auf dem Jakobsweg gesehen, man muss nur loslaufen! Sonst erscheinen die Berge immer höher. – und jetzt vertraue ich mal darauf das die Motivation bestehen bleibt und hoffe, dass ich die kleinen Schritte schätzen lerne, die ich vorwärts gehe. Mein Plan: kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt und auch das integrieren, worauf ich gerade Lust habe, mir keine Panik vor Lebensmitteln Einreden lassen. Verbote haben bis jetzt zu nichts geführt (- wieder was gelernt, auch wenn ich es theoretisch schon wusste). Mut gehört zu meinen Charaktereigenschaften, ich werde diesen jetzt zum Essen benutzen!

 

 

11 Gedanken zu “Jeder Tag ist eine leere Schale …

  1. Liebe Elli – heute hatten wir anscheinend denselben Gedanken / Plan, was das Essen angeht. Du hast mir ja vor kurzem geschrieben, ich solle es mal mit kleinen Mahlzeiten, so alle 2-3 Stunden versuchen. Heute Morgen hab ich an Dich gedacht und wirklich was gegessen. Es waren zwar „nur“ zwei Scheiben Vollkornknäckebrot mit magerem Schinken, aber es blieb drin! Mittags gab es gegrillte Würstchen mit Gemüse. Blieb drin! Gegen 16 Uhr drohte ich in einen FA zu schlittern. Das Monster von Bulimie hat mir laut zugerufen: „Du bist alleine zu Hause. Dein Kühlschrank ist voller leckerer Sachen. Lass uns doch gemeinsam den Nachmittag verbringen.“ Aber nein. Ich habe eine Rippe Schokolade gegessen. Die Packung verschwinden lassen. Danach erneut zwei Scheiben Vollkornknäckebrot mit Frischkäse. Dann gab es sogar zwei Kaffee mit Milch nachmittags. Mann, Mann, Mann…die Bulimie stand in den Startlöchern. Aber nein. Dank DEINES Rates sitze ich jetzt hier, lutsche ein süßes Bonbon und hoffe, dass ich nun Dir irgendwie Mut machen kann. ❤ Und wenn Dein Körper was Fettiges, wie Butter braucht, dann gib es ihm. Du isst ja keine ganze Packung. Das Gefühl, Essen drin zu behalten, ist schwierig. Aber es ist 100 Mal besser, als das kurze Glücksgefühl nach dem Erbrechen, wo man meint, gut zu sein, weil man seinen Körper besiegt hat. Ich drück Dir die Daumen ganz fest. Neue Woche, neues Glück. Vergiss Doris – und wenn es nur für einen Tag ist. Alles Liebe!!

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    1. Hey und wie du mir gerade Mut machst! Danke für deine Worte, ich sitze gerade in der Bahn und Doris sitzt in den Startlöchern, aber ich kämpfe, bin eben auch lieber erst nochmal weiter gefahren und nun wieder zurück und nicht ausgestiegen, aus Angst zu Hause könnte es gleich los gehen. Habe nach dem Toast am Morgen nach 3 Stunden ein paar Möhren und Gurken geknabbert, dazwischen habe ich es geschafft einem Fressanfall zu widerstehen, indem ich einfach in den Kinderriegel hineingebissen habe und ihn dann weggelegt habe weil ich bemerkt habe, dass ich darauf gerade überhaupt keine Lust habe und dann nach 2 Stunden war ich mit nem Freund einen Eisbecher essen- blieb alles drinne bis jetzt. Wir waren dann noch spazieren, da ging es, aber jetzt kommen die Gedanken von Doris, es war zu viel, dann kannst du dir jetzt einen FA „gönnen“ – aber nein nein nein!
      Auf jeden Fall hilft es mir gerade total zu lesen, dass du es heute geschafft hast, Respekt und weiter so, da kannst du echt stolz auf dich sein! – danke und bitte 😉 ich werde weiter kämpfen und nicht aus Angst vor einem Fressanfall einen Fressanfall bekommen – wäre ja Quatsch…

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      1. Fühle dich gedrückt. ❤ Halte durch und versuche, den Abend entspannt auf der Couch zu genießen (und nicht auf der Toilette). Alles Liebe 🙂

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      2. Danke, für deine lieben Worte! Wenn du das so schreibst klingt es echt nach einem guten Plan. Einen Film zu schauen und ihn gemütlich zurück gelehnt zu genießen, ich werde das machen.
        Dir auch 😘

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  2. Hey Elli, lass dich bitte nicht entmutigen. Egal wie sehr dich grade Doris versucht einzunehmen. Mir war es, als ich deinen Beitrag gelesen habe, dass du wie in einem Boot auf hoher See und ohne Ruder in tosenden Wellen daher treibst. So und jetzt kommt der Punkt wo eben Doris aufhört Kontrolle zu haben und Jesus ins Spiel kommt. Zu mehr wie dich hin und herschaukeln zu lassen in diesem Boot, also es dir in diesen Umständen schlecht gehen zu lassen, dir Sorgen und Kummer zu bereiten, ist Doris nicht fähig und mächtig. Das ist der Trugschluss wo sie dir Zweifel gibt, Hoffnungen und Zuversicht nimmt. Und die Wahrheit ist, dass Jesus auch da ist, dein Fokus aber vll nicht auf ihm liegt weil du auf die Wellen um dich herum schaust. Er ist aber da. Und das wichtigste, er hat es in Kontrolle! Er passt auf dass du nicht aus dem Boot geworfen wirst! Halte dir das vor Augen. Lies mal 2.Korinther 12:9. Ich bete für dich.

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    1. Lieber Manu, vielen Dank für deine wirklich aufbauenden und kraftgebenden Worte, die bedeuten mir sehr viel! Und ich habe mich total wieder gesehen in dem Boot zwischen den Wellen

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