Ich habe einen Feind

Ich habe einen Feind oder eher eigentlich Feindin. Sie heißt Doris und verkörpert meine Essstörung. Die Benennung und damit Verkörperung hilft dabei, die als Feind anzusehen gegen den ich kämpfen kann. Ja die Essstörung ist ein Teil von mir – das habe ich die letzten beiden Wochen vor allem mal wieder gespürt. Ich bin von der Klippe gesprungen und in die Tiefe gefallen – gestürzt, getrudelt. Bei 50,1 kg stand die Waage – noch im Bereich Untergewicht – keine Magersucht laut BMI – aber was sagt das schon aus? Ich war etwas schockiert als ich es sah… Diese bedepperte Waage sie scheint mich anzuheizen, das Display scheint sich in ein Gefühlsbarometer umzuwandeln. Doch es ist nicht so schlimm wie es schon mal war – die Abhängigkeit ist seit dem Jakobsweg nicht mehr so groß, so auch der Drang unbedingt drauf steigen zu müssen. Also habe ich mit vorgenommen nicht mehr drauf zu gehen. Vermutlich hält mich auch die Angst davor ab drauf zusteigen, die Furcht eine höhere Zahl zu sehen. Am Montag (vor 10 Tagen) stand ich das letzte Mal auf der Waage – eine Woche mindestens will ich schaffen. Vielleicht ist der Schock danach um so größer? Die Zahl hat nach oben einen zu großen Sprung gemacht? Ich werde es sehen – habe nichts zu verlieren. Zur Zeit gebe ich allen Möglichkeiten eine Chance, ich probiere aus. Heute früh geht es mir gut – nicht perfekt, nur gut einfach. Ich schaue auf 2 kotzfreie Tage der letzten Woche zurück – wie ich das geschafft habe, kann ich gar nicht so wirklich begreifen. Davor war das 2 Wochen lange scheinbar undenkbar, in 2 Wochen vielleicht 2 Minimahlzeiten, die drinne blieben – alles andere wurde gnadenlos im Klo runtergespült. Die Fressanfälle häuften sich und mein Körper schmerzte immer mehr, äußerlich und innerlich. Das Gewicht spiegelte das nur am Rand wieder – es beschreibt keineswegs wie es mir ging, das müsste es mindestens 3 Kilo niedriger sein.  Ich fiel so schnell, dass ich durch den Flugwind kaum atmen konnte. Dann kam Ostern. Ostern hat mich etwas aufgefangen – es lief esstechnisch nicht super, aber wenigsten hatte ich kaum Fressanfälle – ich bin nicht weiter gestürzt und habe etwas atmen können. Doch Kraft zu tanken hat es mich Kraft gekostest mich zu halten und nicht weiter abzurutschen. Das Schamgefühl war an seinem Höhepunkt, ich fühlte mich durchgehend beobachtet und eingeengt. Die Kraft es zu verstecken war begrenzt, normale Mengen essen – scheinbar unmöglich… die Krankheit zu groß, zu mitreißend. Immer öfter der Gedanke – mir ist alles egal … essen und kotzen – alles musste wieder raus. Nach Ostern schrieb mir meine Schwester, dann eine klare Nachricht: Wir wissen es. – Ich wusste es, es war mir klar, habe es bemerkt. Doch neben Schock, Scham, Selbstvorwürfen spürte ich auch etwas Verständnis und Unterstützung. Doch ich fiel tiefer und fand mich im tobenden Meer wieder. Verzweiflung war das bestimmende Gefühl neben Traurigkeit und Wut. Ein Fressanfall nach dem anderen oder Hungern bestimmten die Tagesordnung. Was ich alles versuchte, um mich über Wasser zu halten um mich nicht von Doris, dem giftigen Kugelfisch, in die Tiefe ziehen zu lassen – Türen verschlossen, Zettel geschrieben, die Wäschespinne in den Kücheneingang gestellt, einen geregelten Essensplan aufgestellt, planlos Bahn gefahren – es half nichts das Verlangen überkam mich wieder und wieder. Trotz allem leidet die Uni nicht darunter, ich bin stark ich schaffe es in jeder Vorlesung zu sitzen, die Texte davor durch zuarbeiten und auch mein Referat habe ich mit einer 1,3 hinter mich gebracht. Die Vorlesungen machen noch Spaß, sind interessant und oft bin ich ganz bei der Sache dabei und nicht bei meiner Essproblematik. Ich treffe mich auch mit Freunden, doch da klappt das Abschalten nicht ganz so toll – oft ist mir die Anwesenheit auch zu viel und ich will am liebsten ganz allein im Wald rum laufen. Wie ein verzweifeltes, hoffnungsloses Irgendwas (zumindest innerlich) saß ich die vorletzte Sitzung bei meinem Therapeuten. Das er mich oder irgendjemand aus dem stürmenden Meer trägt und an den sonnigen Strand setzt erwarte ich nicht mehr – ich muss selber schwimmen. Doch durch die Therapie kann ich vielleicht den Grund sehen auf dem ich laufen kann. Seit letzter Woche kann ich aber ganz langsam eine Aufwärtskurve beschreiben. Die Fressanfälle sind seltener, mit aller Willenskraft sträube ich mich dagegen und versuche mich mit der Uni abzulenken, da kommen mir die Exkursionen am Wochenende ganz recht. Weiterhin habe ich es die letzten Tage geschafft Mahlzeiten, vor allem das Frühstück, erfolgreich hinter mich zu bringen. Mein Plan den ich versuche durchzuziehen ist viele kleine Mahlzeiten einzunehmen und immer mindestens zwei Stunden Pause dazwischen zu lassen, das gibt ein Gefühl von Sicherheit mich da langhangeln zu können. 5 Mahlzeiten versuchen habe ich letzte Woche Donnerstag mit meinem Therapeuten vereinbart… Bis Freitag klappte es ganz gut. Aber ich bin heute motiviert es weiterhin durchzuziehen und auch wenn die Waage heute (es musste sein) 51,2 anzeigte – mir doch egal. 

Soll die blöde Doris doch im Wasser bleiben, ich genieße lieber die Sonne, wenn sie denn mal scheint…

„Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können.“ Joh 1,5 – Ja ich kämpfe weiter! Denn das, was ich kann, ist wieder aufstehen und weiter machen… Zumindest denke ich das gerade und spüre auch etwas Zuversicht. 

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9 Gedanken zu “Ich habe einen Feind

  1. Denk ans Pilgern Elli, kleine Schritte, nicht zu viel mit einmal wollen. Die kleinen Schritte bringen dich auch an das Ziel. Wenn du den Weg vor dir siehst, ist er unendlich lang und steil. Erst wenn du dich umschaust, siehst du wie weit du schon gekommen bist.
    Ich laufe immer noch, bin inzwischen kurz vor Würzburg. Der Osten ist nicht mehr so weit. Liebe Grüße an dich von Ralph
    (Du hast sicher einen Feind, der beim Namen genannt werden muss, aber noch viel mehr Freunde)

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    1. Lieber Ralph, vielen Dank für die Erinnerung und Aufmunterung. Und mir wird gerade klar, das du recht hast. Ich sollte vor allem auch stolz auf das sein was ich schon geschafft habe und nicht allzu viel Angst davor haben, was kommt.
      Ui, Hut ab! Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft 😉

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      1. Oh ja gerne 🙂 du dürftest auch direkt an meiner Wohnung eventuell vorbei laufen, da geht nämlich der Jakobsweg lang, da bekommst du nen Kaffee 😉
        Ich schreibe dir mal noch ne Mail

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  2. Hallo Elli. Vielen Dank dass du das teilst. Was man in solchen Zeiten von Gottes Wesen lernen kann ist, dass er gerade in Umständen bei uns ist. Dass wir dies nie vergessen, egal was wir gerade durchleben. Ich glaube er geht mit jedem seinen persönlichen Weg. Und manchmal sind da Wüstenzeiten, Täler. Ich glaube dass all dies auch ein Teil des Läuterns ist. Und wenn wir in diesen Momenten auf ihn schauen erkennen wir, er trägt uns. Gott kann nichts für diese schräge Welt, aber er geht mit uns gemeinsam da durch und hält uns in seinen Händen. Mir fällt Psalm 23:5 ein. Ich wünsche dir einen gesegneten Tag. Werde für dich beten.

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    1. Danke für den Zuspruch, da wird mir gleich warm ums Herz. Der Psalm ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen in dem Zusammenhang, aber er passt wirklich gut. Egal wie schwer es ist, der der immer da ist ist Gott – darauf kann man vertrauen. Danke für die Erinnerung 🙂

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