Gutes Leben

Was ist wichtig im Leben? Ein BMW, Mercedes, eine Villa oder eine top Figur? Was ist ein gutes Leben oder vielleicht anders gefragt, was gehört zu einem guten Leben dazu? Heute im Gottesdienst stand nicht wie sonst die erfahrene und gewöhnte Pfarrerin vorne und predigte, sondern der Praktikant. Der Raum war hauptsächlich gefüllt mit der älteren Generation. Etwas aufgeregt und doch selbstbewusst steht er am Pult und wirft die Frage auf: Was ist gutes Leben? Deutlich und langsam hält er seine runde, gut vorbereitete Predigt. Fast schon bedächtig spricht er, doch ich finde den langsamen Stil nicht schlecht, so komme ich ins nachdenken… Er spricht von Wohlstand, den wir zum Ausdruck bringen mit unseren Klamotten, Autos, Schmuck… Er fragt indirekt danach was für jeden das Leben gut macht, was wichtig ist – Ein Haus, gutes Essen, er sammelt Schallplatten… Doch wichtiger als Reichtum und auch beständiger ist der Glaube. Eine These, der ich meine volle Zustimmung gebe. Auch jetzt denke ich noch über das Thema nach. Ja was ist für mich wichtig? Was macht mein Leben gut, wodurch mache ich mein Leben angenehm? Schallplatten sammel ich nicht, und mit dem Essen… naja es fällt schwer zu sagen: Ich genieße es zu essen. Entweder stufe ich es als notwendig ein oder es ist das schier unbändige Verlangen danach, dem ich  nachgehe, aber mit genießen und angenehm hat mein derzeitges Verhalten zum essen nichts zu tun. Ich habe Klamotten, Pullover, Hosen, Schuhe, Jacken, Schals… einen ganzen Kleiderschrank voll… wie viel es wirklich ist habe ich festgestellt, als ich wieder vom Jakobsweg kam. Doch schon nach wenigen Tagen war es wieder Gewohnheit statt 2 Wanderhosen, eine Schublade Jeanshosen und eine Schublade Jogginghosen in unterschiedlichen Farben und Schnittmustern zur Auswahl zu haben. So stand ich heute früh wieder mal ratlos davor – unschlüssig was ich anziehen soll. Es war irgendwie einfacher ohne Auswahl, die etwas weniger schmutzige Hose zu nehmen. Jede Hose schien falsch… in keiner sah ich gut aus, in jeder zu dick, die eine war zu eng, die andere ließ mich zu fett aussehen, die noch andere passte nicht zum Oberteil, worauf hin ich das dann noch umzog… Frauenprobleme halt, gepaart mit einer Essstörung – hach ich bekomme gefühlt gerade gar nichts auf die Reihe… Dabei besitze ich seit letztem Donnerstag meinen neuen Wohnungsschlüssel und freue mich schon darauf ab nächster Woche langsam einzuziehen. Ich komme gut voran mit meiner Bilderpräsentation, die ich erstelle und ich habe die Vorlesung übers Pilgern zugeteilt bekommen, da bin ich schon gespannt drauf und auch auf die anderen Vorlesungen … nur noch 2 Wochen dann geht die Uni endlich wieder los. Dann nehme ich mein Studentenleben wieder auf, mache zwar nur weiter und doch ist es ein Neubeginn. Ich bin motiviert wieder loszulegen. Ja man sieht meine Zukunft ist geplant, ich habe einen Plan und stolpere alles andere als unkontrolliert durch mein Leben. Doch wieso fühle ich das nicht? Die Sicherheit, die ich mir eigentlich selber geben kann? Wieso greift Doris (ES -> s. mein Kugelfisch) nach mir, wieso scheint mir die beengende Freundschaft zu ihr so viel wert? Macht diese schädliche Beziehung mein Leben etwa angenehm? Ist das Zittern des hungernden Körpers angenehm, ist mit dem Kopf überm Klo zu hängen Genuss, ist das Knurren des leeren Magens bezaubernde Musik? Auch wenn Doris jetzt mit JA antwortet, ich sage NEIN. Die Therapie letztes Jahr und der Jakobsweg haben mir gezeigt: Es gibt so viel mehr im Leben. So viele Möglichkeiten es zu genießen ohne sich zu schaden. Es ist doch eh eine vergebliche Jagd, der falsche Weg mit sich zufrieden zu werden. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: Zufriedenheit und Glücklich sein – ich habe es erlebt auf dem Jakobsweg. In manchen Momenten, als ich einfach nur froh war zu sein wo ich war. Ich denke genau das ist der Schlüssel: ICH war froh ICH zu sein. Gutes Leben richtet sich nicht nach Maßstäben, jeder definiert es anders für sich, doch es bedeutet einfach nur, nichts anderes zu wollen, zufrieden zu sein mit seinem Leben. Gut, kann man genausowenig verallgemeinern, wie normal. Jeder Mensch definiert sein „gut“ selbst und das kann von Augenblick zu Augenblick unterschiedlich sein. „Gut“ kann sein im Gottesdienst zu sitzen und vom nächsten BMW zu träumen oder „gut“ kann sein einfach nur dazusitzen und der Geigen- und Klaviermusik zu lauschen. Und während ich das schreibe wird mir gerade bewusst: Ich hatte heute ein Stück gutes Leben! Die Musik war heute wunderbar, sogar eine Geigenspielerin war dabei gewesen. Feierlich, berührend, mitreißend, hat mich eintauchen lassen, ein Lächeln im Gesicht… ja ich habe es einfach nur genossen dem Nachspiel zu lauschen – mein Kopf war frei von schweren Gedanken, mein Herz leicht und ich war ganz im Moment und spürte die Freude, die durch den Raum schwang und Vielen ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Wieso nehme ich solche Momente nicht bewusster wahr, wieso zählen Reichtum und Schönheit, mehr als Freude und Zufriedenheit? Mir kommt, wie schon während der Predigt, das Buch Kohelet in den Sinn:

„Ich vollbrachte große Dinge: Ich baute mir Häuser und pflanzte Weinberge. Ich legte Obstgärten an und pflanzte darin alle Arten von Fruchtbäumen. Ich legte Teiche an, um die vielen aufwachsenden Bäume zu bewässern. Ich kaufte mir zahlreiche Sklaven und Sklavinnen zu denen hinzu, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Ich besaß mehr Rinder, Schafe und Ziegen als irgendjemand vor mir in Jerusalem. Ich füllte meine Vorratskammern mit Silber und Gold aus den Schätzen der unterworfenen Könige und Länder. Ich hielt mir Sänger und Sängerinnen und nahm mir so viele Frauen, wie ein Mann sich nur wünschen kann. So wurde ich mächtiger und reicher als alle, die vor mir in Jerusalem regiert hatten. Weil ich ein so großes Wissen besaß, konnte ich mir alles verschaffen, was meinen Augen gefiel, und ich versagte mir keine Freude. Mit all meiner Mühe hatte ich es so weit gebracht, dass ich tatsächlich glücklich war. Doch dann dachte ich über alles nach, was ich getan und erreicht hatte, und kam zu dem Ergebnis: Alles ist vergeblich und Jagd nach Wind. Es kommt nichts heraus bei aller Mühe, die sich der Mensch macht unter der Sonne.“(Kohelet 2, 4-11)

Wohlstand schafft keine Freude auf ewig und doch scheint Geld so wichtig. Geldsorgen und -probleme zerstören Leben, reißen Menschen in tiefe Löcher, rauben die Hoffnung und Freude am Leben… ohne Geld kann man nicht Leben oder? Zumindest nicht so wie die meisten Menschen, wie ich es gewohnt bin. Wieso reicht mir denn nicht eine Hose im Kleiderschrank? Da wäre das Leben doch umso einfacher… Ich merke es bei mir – mein Bafög wurde erstmal eingestellt, weil ich in der Klinik war, jetzt längere Zeit weg, keine Wohnung hatte, etc.  Jetzt mussten Unterlagen eingereicht werden, Anrufe getätigt… die liebe Bürokratie, doch die Miete usw. will gezahlt werden … schon mit dem Jakobsweg lag ich meinen Eltern auf der Tasche, will es zurückzahlen, will unabhängig und frei sein, aber an einen Job komme ich so schnell auch nicht ran, zumal ich erstmal wieder im Studium ankommen will. Wenn ich wieder Bafög bekomme wird alles einfacher, dann regelt sich alles – Gedanken, die mir die ganze Zeit im Kopf herumgehen. Erst Geld, dann Glück und Zufriedenheit – ist es nicht so? Geld gibt Sicherheit und Wohlstand. Also wäre gutes Leben von Geld anhängig. Doch dem widerspreche ich vehement, auf dem Jakobsweg, brauchte ich Geld für Essen und ein Bett – es war nicht viel, kaum als Wohlstand zu bezeichnen. Es war das Grundlegendste und ich war glücklicher als jetzt, hier zu Hause, mit vollem Kleiderschrank und Kühlschrank, warmer Heizung und Auto. Der Unterschied: beim Pilgern habe ich einfach gelebt und jetzt versuche ich mein Leben zu regeln, zu ordnen ohne bewusst am Leben teilzunehmen, ohne mich hinzusetzen und zu sagen – du lebst, auch wenn du nichts tust.

„Was hat ein Mensch von seiner Mühe und Arbeit? Ich habe die fruchtlose Beschäftigung gesehen, die Gott den Menschen auferlegt hat. Gott hat für alles eine Zeit vorherbestimmt, zu der er es tut; und alles, was er tut, ist vollkommen. Dem Menschen hat er eine Ahnung von dem riesigen Ausmaß der Zeiträume gegeben, aber von dem, was Gott in dieser unvorstellbar langen Zeit tut, kann der einzelne Mensch nur einen winzigen Ausschnitt wahrnehmen. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Das Beste, was der Mensch tun kann, ist, sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat.“ (Kohelet 3, 9-12)

Es ist unvermeidlich sein Leben zu ordnen und zu organisieren, man braucht einen Plan, doch man braucht auch bewusste Momente in denen man einfach am Leben teilnimmt. Für die Einen ist es ein tolles Essen mit Freunden, für mich ist es eher Musik zu hören oder die Natur zu bewundern. Andere brauchen den Anblick ihrer Villa oder die Fahrt im Cabrio, aber manchmal reicht auch schon ein Lächeln oder ein Gespräch mit Mitmenschen. Es sind Momente, die einen sagen lassen: „Das Jet fliegt nach Santiago? und will mich kostenlos mitnehmen? ich muss dann nicht mehr laufen? – Da steige ich nicht ein, ich will hier bleiben, ich fühle mit gerade gut hier.“ Ich denke es gibt nicht „das gute Leben“, sondern gute Momente, die Einen das Leben genießen lassen. Momente, die man wahrnehmen sollte, aber die auch wieder vorbei gehen, damit andere kommen können.

„Du bemühst dich, alles, was geschieht, in Worte zu fassen, aber es gelingt dir nicht. Denn mit dem Hören und Sehen kommst du nie an ein Ende.“ (Kohelet 1, 8)  Manche Momente, wie der spürbare Glaube, das Glücksgefühl auf einer Bergspitze, die faszinierende Aussicht, die mitreisende Melodie, das aufmunternde Zulächeln oder das kraftgebende Gespräch lassen sich nicht wirklich beschreiben, man kann nicht sagen, was sie genau in einem machen. Doch sie beflügeln und definieren Zufriedenheit und gutes Leben in dem Augenblick. Man sollte sie wahrnehmen und die Freude im Herzen einspeichern.

 

7 Gedanken zu “Gutes Leben

  1. Hallo Elli, mal wieder ein Kommentar von mir. 🙂 Sehr schöner Artikel, der zum Nachdenken animiert. Meinst du nicht auch, dass fast alle dem Glück und der vermeintlichen Dankbarkeit täglich hechelnd hinterherjagen. Es wird schlicht von der Gesellschaft verlangt, das Glück zu suchen und irgendwann zu finden. Unmengen von Ratgebern gibt es zu dieser Thematik. Du hast es treffend formuliert: Du warst dankbar, du zu sein. Meines Erachtens muss keiner dem Glück und er Zufriedenheit nachrennen, denn beides ist bereits in uns. Schön, dass du wieder da bist. 🙂
    Viele Grüße
    Michaela

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    1. Hallo, die Antwort kommt spät, aber ich wollte trotzdem noch antworten. Ja da stimme ich dir zu es ist mit der Jagd nach dem Glück, das vergebene Streben nach der ständigen und ultimativen Zufriedenheit, ich denke es ist so, dass man selbst denkt, dass die Gesellschaft immer mehr erwartet, man kann ja nicht einfach stehen bleiben und sagen – so jetzt bin ich zufrieden… Oder? Dabei wäre es so einfach, denn wie du schon sagst, iwo hat es jeder schon 😉
      Danke und LG zurück 🙂

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      1. Hallo Elli, was spricht gegen einfach? Ohne überheblich klingen zu wollen, ich habe genau das gemacht. Ich bin stehen geblieben. Ja, ich kann felsenfest behaupten, dass ich aktuell glücklich und zufrieden bin. Logisch, besser geht immer. Kleine Mängel finde ich auch überall, aber diese stehen mir nicht im Wege.
        Alte Menschen werden für ihre Gelassenheit bewundert. Warum übernehmen wir diese Art zu leben nicht schon in jüngeren Jahren? Ist es nicht gesellschaftsfähig? Hmmm…
        LG 🙂

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      2. Eigentlich nichts… Aber einfach heißt bei mir speziell auch: nicht das schwere wagen, sich drücken, versagen… Nur ist die Gefahr zu scheitern bei einem schweren Weg höher, aber es geht um das beweisen. Geht es nicht in der Gesellschaft darum immer was vorzuweisen zu haben, immer mehr und bessere Qualifikationen zu haben?
        Ich denke man muss lernen, wie du schon schreibst zufrieden zu sein trotz Mängel – diese einfach in das glücklich sein einbauen. Doch es scheint ein Lernprozess dahin zu sein. Den man vll erst im Alter erreicht. Ich bewundere dich dafür, dass du sagen kannst du bist zufrieden. Ich versuche es aber es gelingt nicht, ich will immer die nächste Hürde auch noch nehmen, den nächsten Gipfel erklimmen, ich kann nicht auf einem stehen bleiben

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      3. Wenn das Wörtchen „eigentlich“ nicht wäre. 😉 Zufriedenheit sagt nichts über Stillstand aus. Ich für mich durfte feststellen, dass ich meine Ziele qualitativ hochwertiger erreiche, wenn ich mit mir glücklich bin. Scheitern gehört zum Leben, denn nicht immer kann alles gelingen. Aber genau an dem Punkt des Scheiterns zeigt sich, wie es weitergeht. Ohne Niederlagen keine Siege… Ohne Fehler keine Erfolge. PRObleme und SchWIErigkeiten sind im Grunde richtungsweisend. Ich habe mich für das Glücklichsein entscheiden und still stehe ich deswegen trotzdem nicht. Du musst keinem etwas beweisen. Du darfst dein Leben leben. Du hast Ziele und Träume… Wunderbar… Mach dich auf den Weg, aber wenns irgendwie geht, mit einem – aus dem Innersten kommenden – Strahlen in den Augen.

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