Nach dem Jakobsweg kommt der Lebensweg

Tja wie lebt es sich wieder zu Hause, im gewohnten Umfeld nach den Tagen auf Wanderschaft. Es waren Tage der Entbehrung, Tage der Herausforderung, Tage des „ins kalte Wasser springens“, Tage des Verzichts auf Luxus, Tage des Laufens, Tage des unterwegs Seins … müsste da nicht alles fremd und toll zu Hause sein? Müsste ich nicht jedes Mal vor Freude über das Warme Wasser unter der Dusche singen? Müsste ich mich nicht jedes Mal vor der grandiosen Leistung des Wasserkochers verbeugen oder bei der Heizung bedanken? Nein nichts von alledem tue – alles scheint normal, so selbstverständlich. Es scheint als hätte ich nie ohne auskommen müssen, das Handy ist ständig mit dem Internet verbunden (wie soll ich denn auch sonst auf dem neuesten Stand bleiben), bei einem Fleck auf dem T-Shirt wird schnell ein anderes angezogen. Wie schnell man doch in seinem „alten“ Leben wieder angekommen ist. Jeden Tag eine heiße Dusche –  alltäglich. Heute bin ich zum ersten Mal wieder Auto gefahren – ja es war toll und ich habe mich gefreut, aber es war nicht wirklich ungewohnt. Trotz allem merke ich wie mir das in der Natur sein und das unterwegs sein fehlt – das Weitergehen und auf dem Weg sein. Vorgestern zog es mich nach draußen, ich spazierte knapp 2 h durch den Wald, doch es war nicht das selbe. Die Natur und Umgebung – altbekannt. Doch ich denke das ist es noch nicht mal vordergründig. Ich habe keine Aufgabe mehr dabei. Das Pilgern war eine Art Aufgabe für mich, eine Einstellung: Ich laufe, ich bin auf dem Jakobsweg, ich tue es aus einem Grund, ich habe ein Ziel. Und nun? Willkommen im Alltag mit Dach überm Kopf, sicherem Bett, Bettdecke, Heizung, warmen Wasser, Kleiderschrank, Wasserkocher… und dann geh ich halt mal spazieren… Doch ich werde dran bleiben, ich werde versuchen auch hier die Natur wahrzunehmen, auch hier auf dem Weg zu sein, mit mir unterwegs zu sein, achtsam und aufmerksam durch mein Leben zu gehen, die kleinen Dinge zu achten, wie eine lächelnde Antwort auf ein Guten Morgen zu bekommen, ich möchte Gott und mich weiterhin suchen – im Alltag, in der Selbstverständlichkeit sind die doch bestimmt irgendwo versteckt. Das hat mir der Jakobsweg gelehrt, auch wenn man es nicht erwartet Gott ist da und auch wenn ich es nicht glaube, ich kann mir vertrauen. Der Jakobsweg mag zu Ende sein, doch mein Weg, mein Lebensweg geht weiter, meine Aufgabe mein Leben zu leben besteht lebenslänglich. Heute bestand meine Aufgabe darin mit meinem Bruder Einladungen für seinen Kindergeburtstag per Fahrrad auszutragen. Es machte Spaß mit ihm zusammen durch die Dörfer zu fahren und ihm immer wieder Motivation vor dem nächsten Berg zuzusprechen (darin habe ich ja jetzt Erfahrung) und zu sehen wie er die Hügel doch schaffte und froh war oben zu sein. Ach ja, hinter einem liegende Anstiege sind doch die Schönsten. Besonders wenn man dann Räder zum hinunterrollen hat 😉 Ist so etwas nicht eine toller Inhalt des Lebens gewesen für einige Momente? Ich denke jeder Tag besteht neben dem Alltag aus vielen größere oder kleineren Momenten, die wir bewusst wahrnehmen sollten – das Kaffee oder Bierchen trinken mit Freunden oder Familie, ein Zulächeln, das zwitschern der Vögel, einfach mal auf der Couch zu sitzen, eine liebe Nachricht zu bekommen…. und solche Momente für die man dankbar sein kann gibt es jeden Tag aufs Neue und wenn man es für die Klopapierrolle ist, die griffbereit neben der Toilette steht. Ja auch wenn mir alles alltäglich und selbstverständlich erscheint, mein „altes“ Leben routiniert weiter läuft, durch das Pilgern halte ich immer mal inne und denke nach, suche das Schöne und Besondere im Kleinen. Heute war es der dankbare Blick meines Bruders als ich ihm die Wasserflasche hinhielt. Der Jakobsweg war ein Stück Lebensweg, auf dem ich für eine Weile weiter gegangen bin, als nächstes folgt dann wieder der „Uniweg“.

„Schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues tun! Es hat schon begonnen, habt ihr es noch nicht bemerkt? Durch die Wüste will ich eine Straße bauen, Flüsse sollen in der öden Gegend fließen.“ (Jesaja 43, 19)

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6 Gedanken zu “Nach dem Jakobsweg kommt der Lebensweg

  1. Meine liebe Pilgerkollegin von der Via de la Plata,
    habe mir ein paar Deiner Beiträge angesehen und bin wirklich sehr beeindruckt. Zum einen davon wieviel ähnliches ich erlebt habe, zum anderen, was Du da geschafft hast. Respekt! Das klingt nicht nach Zuckerschlecken… 😉 (das Wetter war 1 Monat später schon viiiel besser). Deine Gedanken finde ich toll beschrieben, sehr greifbar.
    Ich wünsche Dir für Deine ’neue Zeit‘ alles Gute und bin mir sehr sicher, dass Dich so leicht nichts mehr umhauen kann! Das liegt schon alles hinter Dir…
    Good luck and all the best for you!
    Yo soy Jens, auf spanisch Juan :-))

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Elli,
    manchmal gibt Zufälle im Leben, da denke ich mir, ist das wirklich nur Zufall oder gibt mir irgendwer oder irgendwas da einen Wink, der mich in irgend eine Richtung lenken soll. Nun hast Du heute meinen Blog besucht und da ich auch immer schaue, wer sich für meine Worte interessiert, habe ich, wie du siehst, auch deinem Blog einen Besuch abgestattet.
    Natürlich habe ich jetzt nicht alle Deiner Beiträge gelesen, diesen hier aber, mit besonderem Interesse.
    Zwar kann ich deine Gedanken im Zusammenhang mit Gott nicht unbedingt teilen, aber ich respektiere sie uneingeschränkt. Vielleicht wohnt jedem eine gewisse Spiritualität inne und dabei sollte es keine Rolle spielen, woran derjenige glaubt, oder worauf er, abgesehen von sich selbst, vertraut.
    Um aber nochmal zum Anfang meines Kommentars zu kommen. Als ich nach meinem Vorgespräch für meinen Klinikaufenthalt am Fluss entlang nachhause gegangen bin, ist mir zum ersten mal (ich bin die Strecke öfters mit dem Rad entlanggefahren) aufgefallen, das sie Teil des Jakobswegs ist. Man erkennt das ja an der Jakobsmuschel, und es kam mir in den Sinn, diesen Weg auch mal zu gehen. Leider meldete sich mein Knie nach ca 2 Stunden und kurz bevor ich Zuhause ankam schmerzhaft bei mir und nahm mir die Illusion, ich könnte in diesem Leben noch mal den Jakobsweg zurücklegen.
    Aber ich werde mir deine Jakobsweg Erfahrungen mit Sicherheit komplett und chronologisch durchlesen.
    Jetzt hoffe ich nur, dass ich hier nicht einen, für deinen Geschmack, zu langen Kommentar hinterlassen habe.
    Viele Grüße
    artdiscard

    Gefällt 2 Personen

    1. Manchmal kommt halt alles wie es kommen muss, egal ob gut oder schlecht, aber ich denke auch in letzter Zeit oft – das alles dann Halt so seinen Sinn hat 😉 ich freue mich über dein Interesse an meinem Blog und ich habe mir auch vorgenommen bei dir noch etwas zu stöbern. Das hoffen hat sich gelohnt, dein Kommentar finde ich nicht zu lang, sondern sehr toll 🙂 darf ich fragen wo du in der Klinik bist?
      Liebe Grüße
      Elli

      Gefällt 2 Personen

      1. Sicher darfst Du mich das fragen. Im Prinzip darf mich jeder, alles, fragen. Vielleicht werde ich nicht auf alles antworten, was man mich fragt, aber zu Deiner Frage, gibt es eine. Es ist eine Klinik in Frankfurt am Main.
        Jetzt muss ich noch ungefragt etwas loswerden. Ich habe eine Rubrik bei mir angelegt, die nennt sich Saturday night quotation, da ich hierfür die Planen Funktion des Blogs nutze, weil ich nicht weiß ob ich immer samstags Nacht noch in der Lage bin, zu bloggen, schreibe ich das Zitat, das ich immer aus eine Laune heraus, auswähle schon früher. So auch heute. Ich schrieb es bevor ich deinen Blog das erste mal besucht habe und ich habe danach überlegt, ob ich es publiziere oder nicht und ich habe entschieden, dass ich den Dingen ihren Lauf lasse und es somit heute kurz vor Mitternacht online sein wird.
        Warum schreibe ich Dir das? Nur damit Du weißt, das es nichts mit einem Teil der Thematik deines Blogs zu tun hat und es auch nicht als Provokation gedacht ist. Was im übrigen für alle meine blogposts gilt.

        Und trotzdem sehe ich es als einen weiteren Zufall, der mich irgendwie beschäftigt. Falls Du also besagtes Zitat lesen solltest. Denk Dir nicht allzu viel dabei.
        Liebe Grüße
        artdiscard

        Gefällt 2 Personen

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