Mein Jakobsweg – auf meine Art und Weise

Ich hatte vielleicht einen total unrealistischen Traum die letzte Nacht – das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Da bin ich den Jakobsweg gepilgert, alleine, in Spanien, über 1000 Kilometer, nur mit Rucksack. Aber irgendwie war der Traum auch so real gewesen, als hätte ich es wirklich erlebt und hätte mitgefühlt. So war ich heute früh etwas überfordert von der vollen Schublade an frischgewaschenen Schlüpfern, etwas überrascht von der umfangreichen Auswahl an Jogginghosen und Pullovern und fühle sogar den Muskelkater. Naja was für ein verrückter Traum, aber jetzt bin ich wieder wach und alles ist wie immer – der Blick aus dem Fenster, der Weg ins Bad, der Weg in die Küche – alles gleich… nur den Kaffee musste ich etwas suchen und da hat doch tatsächlich jemand die Wände in dem Treppenaufgang vor meinem Zimmer über Nacht gelb gestrichen… So kommt es mir vor, wenn ich zurück denke: total unrealistisch, aber auch echt, alles wie immer, aber trotzdem ungewohnt.wp-1489170093935.jpeg Da stand ich vor 2 Tagen noch mit dem Kopf an den Baum gelehnt in der Sonne und heute bekomme ich den Kopf kaum vom Kopfkissen hoch.

Ich startete mit 56,4 kg, einer Haarlänge von 26 mm (nachdem ich sie mir damals vor 8 Wochen abrasiert hatte), einem 8 kg schwerem Rucksack, Mut, Entschlossenheit, Durchhaltewillen, Aufregung, Abenteuerlust, Tatendrang, freudiger Erwartung und ganz vielen lieben Wünsche. Das Hauptziel war den Weg einfach laufen zu lassen und achtsam zu genießen.

Ich beendete mit 56 kg, einer Haarlänge von 49 mm, einem 8 kg schwerem Rucksack, Müdigkeit, neuem Hut, schmerzenden Körperteilen, vielen Erlebnissen, Eindrücken, Erfahrungen, Begeisterung für die Natur, tieferem Glauben, neuen Bekanntschaften, Sehnsucht nach Alltag, Stärke (außen und innen), Urkunden, kleinen Andenken und 5500 Bildern (nach dem ersten groben Aussortieren). 48 Tage war ich unterwegs. Knapp 7 Wochen Jakobsweg und Spanien liegen hinter mir. 37 Tage lief ich auf dem Weg, manchmal auch daneben, aber immer weiter. Habe ich den Weg „einfach laufen gelassen“? Mh, jetzt musste ich erstmal einen Moment in mich hören – ja ich denke schon, nicht immer aber zumindest zum Ende hin den größten Teil. Ich beschrieb es immer mit „einfach laufen“ – wie automatisch, ohne nachzudenken einen Fuß vor den anderen setzen, nicht das Ziel ungeduldig erwarten, Gedanken über ganz unterschiedliche Sachen nachhängen, im hier und jetzt den Weg wahrnehmen, die Natur beobachten, schauen was man gerade entdecken kann, ja einfach Achtsamkeit ausüben und dabei weiter laufen, so vergingen Kilometer um Kilometer. Meist spürte ich beim „in mich hinein Hören“ eine innere Freude und die Überzeugung „es ist richtig, was du hier tust“. Ja teilweise war es eine Zufriedenheit mit dem Weg und mit mir, ein Zusammenspiel und eine Freundschaft mit dem Weg und der Umgebung. Auch eine innere Stärke und Selbstsicherheit war manchmal da, „du kannst es schaffen!“ stand immer öfter in meinem Kopf fest. Was hat es dir gebracht? Was nimmst du mit von dem Weg? Was hast du gelernt? Was hat sich verändert? Wie fühlst du dich jetzt? So und so ähnlich prasseln die Fragen auf mich ein. Doch es erscheint alles noch so frisch und doch ungreifbar, so wie noch nicht wirklich abgeschlossen und noch mittendrin, aber doch schon ewig her und vor allem nicht zusammenfassbar in ein Satz oder Überblick, der alles umgreift. Meine Patentante sagte mir heute während unseres 1 1/2 sündigen Telefonats (ich habe echt viel zu erzählen :p): Das geht auch gar nicht. Es wird immer wieder andere Facetten der Reise geben, die mir in dem Moment wichtiger als andere erscheinen, je nach Begebenheit und Menschen wird es unterschiedlich sein und auch für mich beim zurückdenken wird es sich verändern, doch es wird mich für immer begleiten und ich werde Kraft und Erfahrungswerte daraus schöpfen können. Wahre Worte. Das Abenteuer, die Pilgerreise, einfach diese Herausforderung hat mir sehr viel abverlangt, physisch und psychisch, aber noch mehr gegeben, unter anderem Erfahrungen, Zuversicht, Glaube und auch Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten – ich meine Hallo? ich bin 1000 km einmal quer durch Spanien gelatscht, zu Fuß!, mit eigener Kraft!, mit um die 10 kg auf dem Rücken, habe mich nie wirklich verlaufen, bin immer irgendwo angekommen und habe einen Schlafplatz gefunden, habe frierend und ohne Toilettenpapier in Herbergen gelebt, bin sogar total durchnässt gelaufen oder im Stockdunkeln, habe mich die Berge hoch und runter gekämpft, habe mich mit allen Menschen irgendwie verständigen können, habe Schmerzen und Anstrengungen ausgehalten, war doch irgendwie immer positiv gestimmt und nie an das Ausführen von Aufgeben gedacht, ich bin einfach immer Tag für Tag weiter gelaufen – egal welches Wetter – und bin angekommen und das Alleine, nur auf mich gestellt – wem soll ich denn bitteschön jetzt vertrauen, wenn nicht mir nach dieser Leistung? Ich habe mich oft hinterfragt, oft an mir gezweifelt und mir oft Vorwürfe gemacht: z.B. Wie konnte ich nur nach 40 km laufen, am Abend komplett fertig sein? Da muss ich doch irgendetwas falsch gemacht haben. Verdammt, hätte ich fliegen sollen oder was? und selbst dann hätten mir wahrscheinlich die Arme weh getan 😛 Ich habe angefangen umzudenken, wie ich denke und fühle ist nicht falsch – ich bin meinen Weg gegangen – meinen Jakobsweg, so wie es mir möglich war. Dazu haben auch Rückfälle gehört – ja ich schäme mich und hasse mich dafür, ich habe gekotzt, ich hatte Fressanfälle und mache mir mega Selbstvorwürfe deswegen, manche Tage hat mich die Enttäuschung von mir selbst fast aufgefressen: „Ich bin den Weg „falsch“ gegangen, Ich habe es versaut, Ich bin gescheitert, Ich habe die Herausforderung nicht geschafft, auch wenn ich in Santiago ankomme, Wie konnte ich nur, Ich bin so ein Versager…“. Halt, Stopp! Ich habe begriffen (ganz verstehen muss ich es noch), dass es mein Weg war, ich bin so gepilgert, wie es mir möglich war, und wenn die Essstörung dabei eine Rolle gespielt hat, dann weil sie ja doch irgendwie zu mir gehört, der Kampf ist noch nicht vorbei. Ich habe mich enttäuscht, aber auch überrascht. Ich habe immer wieder den Absprung geschafft und aufgehört. Ich bin den Jakobsweg nicht falsch gegangen, das geht gar nicht, das schafft niemand, weil jeder seinen Weg geht, jeder pilgert auf seine Art und Weise. Beim Pilgern kommt es auf sich selbst drauf an, man geht den Weg nunmal mit sich selbst. Ich bin meinen Jakobsweg gegangen, auf meine Art und Weise gepilgert, richtig oder falsch gibt es da nicht, höchstens ein sinnvoll und nicht nützlich. Ich bin gegangen, habe die Herausforderung gemeistert, ich habe das Ziel erreicht, so wie ich es gemacht habe – so und nicht anders – es war mein Weg und da gab es kein „Du musst den Weg so und so gehen“. Gemusst habe ich gar nichts und habe mich auch nie zu irgendetwas gezwungen, nur das getan, was ich wollte (im Dunkeln loslaufen oder mit Menschen reden) und was sinnvoll war zu tun (wie schlafen oder bezahlen). Ich habe meinen Weg bewältigt, bin an meine Grenzen und über mich hinaus gelaufen, ich habe die Schönheit der Natur immer wieder neu entdeckt, meinen Glauben am Gott und mich immer wieder neu gefunden und gesehen wozu ich fähig bin, auch wenn ich mal versagt habe. Ich bin gepilgert zwischen Hoffnung und Vertrauen. Hoffnung vor allem auf eine Herberge mit Heizung und Vertrauen darauf, dass ich die Herberge erreiche. Mein Weg, mein Glaube und ich = meine Pilgerreise durch Spanien. …Tja das war es erstmal – heute verbrachte ich meinen Tag mit schlafen, mich mit den Bildern beschäftigen (das Sortieren wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen) und beantworten von Nachrichten und Telefonaten. Zudem wollen so viele Dinge jetzt geregelt werden, Rechnungen, Bafög, Uni, Umzug… Alles prasselt ziemlich viel, unkontrolliert und zahlreich auf mich ein… Willkommen zurück :p Aber nach 1000 km, weiß ich, dass ich auch das irgendwie schaffe zu regeln. Jetzt kommt erstmal das Wochenende 🙂 Es ist sogar Sonnenschein angesagt.

PS: Es war wundervoll wieder am Laptop den Blog zu schreiben – keine Handytastatur und nervige Autokorrektur, die manchmal einfach ungesehen Worte verändert hat und eine gute WLAN-Verbindung…

 

3 Gedanken zu “Mein Jakobsweg – auf meine Art und Weise

  1. Ich Gratuliere dir von Herzen. Du bist stark. Vertraue auf deine Stärke. Du darfst auch mal schwach sein. Die Krankheit gehört dazu, solange sie nicht wieder dein leben bestimmt. Ich wünsche dir viel kraft und viel Erfolg für dein Studium.
    Du wirst immer in meiner Erinnerung bleiben. Paß gut auf dich auf. Ganz liebe grüße von ute

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    1. Liebe Ute, Danke 🙂 und vielen Dank für deine aufbauenden Worte und Wünsche. Da hast du recht und ich habe auf dem Weg gesehen, dass es so viel mehr als die Krankheit gibt, so viel was einen das Leben genießen lässt. Ich habe auch immer mal an dich und alle anderen gedacht, die ich kennengelernt habe, aus jedem Gespräch und jeder Begegnung behält man doch etwas in Erinnerung 😉 Liebe Grüße und auch die alles Gute, Freude und Kraft auf deinem weiterem Weg

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