Tag 40 (01.03.) – geräuchert und bewässert 

Santiago de Compostela – Muxía

Die Nacht: ich hab sie mir erholsam gewünscht… naja zumindest war sie relativ lang. War es mit bisher fast immer vergönnt außer Astorga und Sevilla unten ohne Obermann zu schlafen, die letzte Nacht nicht. Sie wälzte sich umher, dass das Bett nur so wackelte, ging gefühlt alle halbe Stunde auf Toilette und regte sich laut über die Schnarchen im Nebenhaus auf. Es waren zwar nur 2-er und 4-er Zimmer doch auch nur durch einen Vorgang geschlossene Kabinen. Kalt, laut, eng, die Lampe ging nicht… und das bis jetzt in der bisher teuersten Herberge. Doch da ich bis halb 9 liegen blieb war doch etwas Erholung gegeben. Um 12 ging ich nochmal in die Messe. Heute war das Botafumeiro (Weihrauchfass) in Aktion zu sehen, dies hatte Juan für uns organisiert – total lieb von ihm. War es früher vor allem in Gebrauch, um den Geruch der Pilger in der Kirche erträglich zu machen, ist es heute ein Symbol der Tradition. Ach wen traf ich nicht alles in der Kirche wieder… Eden, Josef (den Österreicher), 2 Koreaner, die Koreaner von gestern, das spanische Ehepaar vom Monte do Gozo… Es war schön – ein freudiges, herzliches Wiedersehen, es wurde umarmt, Küsschen rechts, Küsschen links, gratuliert – die Stimmung „Wir haben es geschafft, Ziel erreicht“ und mehr als gestern realisierte und glaubte ich es. Ja ich bin da, ich stehe in der Kirche, habe die Stadt erreicht, auf die ich zugelaufen bin. Und zur Feier schwebte erhaben dann das Botafumeiro über unsere Köpfe hinweg, es war ein einfach einmaliges, unbeschreiblich anrührendes und mitreißendes Ereignis. 100 kg flogen versilbert und räuchernd über uns hinweg und hinterließen einen Weihrauchnebel. Wir hatten uns alle in die ersten Bankreihen gesetzt, um ganz vorne dabei zu sein bei dem Spektakel. Ein Gemeinschaftsgefühl machte sich breit, hatten wir uns doch den Weg zusammen wieder und wieder gesehen, Herbergen geteilt, geredet oder einfach nur ein Lächeln zugeworfen. Wir alle beobachteten es ehrfürchtig und fasziniert. „8 Männer in roten Samtkutten lösen das Seil von der Säule. Ein Mann befüllt das Fass, er hebt die Hand…  Sie ziehen an dem Seil und das Fass gelangt mit einem Ruck senkrecht in die Höhe. Nun fängt es an nach vorne und hinten zu schaukeln. Höher und immer höher schwebt das Fass hin und her, Nacht rechts und links vom Altarraum aus. Es rast regelrecht auf mich zu, über mich drüber und wieder weg. Ein Nebelhülle umgibt das silberne Gefäß. Der Blick folgt gefesselt dem schwebenden Körper. Das Kirchenschiff wird erfüllt von festlichem Geruch des Weihrauchs, dazu tönt das melidiöse Orgelspiel und die glockenklare Stimme der Nonne scheint das Botafumeiro zu tragen.“ Dieser Moment einfach nur da zu sitzen, alles um mich herum aufzunehmen und völlig mitgerissen und beflügelt zu werden von dem was passiert, dieses Erlebnis einfach zu genießen gerade jetzt da zu sitzen, nicht den Wunsch spüren woanders zu sein, nicht an gestern oder morgen denken – einfach nur froh, da zu sein und angekommen zu sein – in dem Moment spürte ich ihn: den Erfolg, den Triumph und das Erreichen des Ziels. Nach dem Gottesdienst setzten wir uns noch in ein Kaffee und tauschten uns über letzte Tage, Wege, geplante Wege und das fantastische Erlebnis in der Messe aus. Dann kam das Abschied nehmen und ja es fühlte sich für mich heute wie ein Ende an, das Ende eines gemeinsamen Weges und das Ende meines Weges, das Ende eines Abenteuers, eines Jahres- und Lebensabschnittes. Dreiviertel 5 stieg ich in den Bus nach Muxía, ließ Santiago hinter mir, nahm die eindrücklichen Erlebnisse mit, gespeichert im Kopf, auf Papier und hier, aber nie wieder so lebendig und berührend wie in dem jenem Moment in der Kathedrale. Aber sonst wäre es keine Erinnerung, denn diese bestehen nunmal aus vergangenen Ereignissen. Die ganze Zeit des Weges sagte ich „Ich will nach Santiago!“ Jetzt ist es ein mega komisches und ungewohntes Gefühl zu sagen: „Ich war in Santiago.“ Die Stadt verabschiedete mich, wie sie mich empfangen hatte: mit Regen. Den ganzen Tag schon die vorherrschende Wetterlage: Regen und Wind. Ein Glück genieße ich gerade den Luxus im geschlossenen warmen Bus zu sitzen, ein herrliches Gefühl. Nach mehr als 2 h kam ich an. Der Bus hatte mindestens eine halbe Stunde länger benötigt, da der nette und hilfsbereite Busfahrer jede Oma bei dem strömenden Regen an einem gewünschten Halt absetzte und dafür auch einige Umwege in Kauf nahm. In Muxía erwartete und begrüßte mich das stürmische, aber sehr majestätische Meer. Überwältigt und überrascht nach dem ich im Bus beinahe eingeschlafen bin fing ich erstmal vor Freude an zu lachen. Dann fing im strömenden Regen die Suche nach de Herberge an. Die städtische fand ich bald wurde dort aber eig geschickt, da ich mit dem Bus kam. Die 2. und 3. waren geschlossen, ich blieb in der 4. etwas teureren, sehr Komfortablen (ich vermisse einfach gar nichts), aber kann ich mir ja mal gönnen und wurde mal wieder die alleinige Herrscherin über meine eigene Herberge. Hier liege ich jetzt, glücklich, lasse die Tage Revue passieren und hoffe auf etwas besseres Wetter morgen. Hier bleibe ich erstmal 2 Nächte. 

Das Weihrauchfass:

Und Muxía:

4 Gedanken zu “Tag 40 (01.03.) – geräuchert und bewässert 

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