Tag 35 (24.02.) – unter die hundert

Sarria – Portomarin (22,4 km)

6:36 Uhr bin ich wach – liegen bleiben bis der Wecker um 7 klingelt? Nö, aufstehen, sachen packen und los. Keine Zeiten, keine Termine, wenn ich fertig bin laufe ich los. Aber ruhig war ich heute morgen nicht, wieso keine Ahnung. Wie von der Tarantel gestochen setzte ich einen schnellen Schritt nach dem Anderen. Zügig immer zügiger wollte ich einen Kilometer nach dem anderen hinter mich bringen, einen erreichten Ort abhaken. Immer wieder der Blick auf die Uhr. Ankommen, ankommen tönte es im meinem Kopf, ich konnte nicht abschalten. Immer rascher wollte ich die Kilometer absolvieren. 3 km bis zum nächsten Ort? Eine halbe Stunde… Das bedeutet durchgehend 6 km/h und das bergauf, bergab. Denn auch wenn ich die hohen Berge hinter mir gelassen habe, ich bin immer noch in bergigen, alles andere als Flächen Gelände unterwegs. Es war einfach unmöglich manche Ziele und Zeiten einzuhalten. Aber versuchen kann man es ja. So total auf die Uhr und Kilometer fixiert übersah ich einen gleich Ende Sarria erstmal eine Abzweigung. Doch mein Schutzengel kam in Gestalt von einem Müllauto, besser gesagt des Fahrers. Dieser fuhr lichthupend hinter mir her, überholte mich, stieg aus und wies mich auf den falschen Weg hin – einfach nur hilfsbereit und freundlich. 5 min – 5 Minuten! bin ich den falschen Weg gelaufen. Es ging hoch durch einen Wald, runter durch einen Wald, auf eine Asphaltstraße, hoch, runter meine Umgebung nahm ich nicht so wirklich wahr. Ankommen, endlich ankommen, dabei war ich erst eine Stunde unterwegs. Nach 2 Stunden stoppte ich. Was mache ich hier? Es war als wache ich auf einer Trance auf. Weswegen hetze ich so? Habe ich nicht gestern nich geschrieben, dass ich das Laufen einfach genieße. Auch wenn die Sonne heute nicht die Wolken durchbrach war die Landschaft trotzdem bewundernswert. Was treibt mich an, weswegen kann ich nicht einfach laufen? Ich setzte mich auf bemooste Steine, lehnte mich gegen einen Baum und schrieb, besser gesagt ich ließ es bleiben, denn der Wind trocknet den Schweiß, mein Körper kühlte ab, mir wurde kalt. Ich muss weiter, warm werden, warm laufen, ankommen. Und so ging es weiter. Hier ein Foto da ein Foto, doch so richtig begeistert bewunderte ich die Natur heute nicht. Immer wieder blieb ich mit den Gedanken an meinem rechten Fuß hängen, er schmerzte und die Schmerzen wollten einfach nicht vergehen. Obendrauf, draunter, der Knöchel, die Zehen – ich könnte keinen Schmerzpunkt ausmachen. Nach 3 1/2 h dann endlich eine Besserung, zudem ging mir ein Lied durch den Kopf: „I see trees of green, red roses too… and I think to myself, what a wonderfull world“ Komm runter, mach langsam, gönne dir eine Pause, du hast Zeit dich hetzt nichts, wenn du keine 30 km heute machst ist das auch ok. Immer wieder redete ich gut auf mich ein, erinnerte mich an die letzten Tage, an einzelne atemberaubende Momente, versuchte in mir zu horchen, das Selbstvertrauen wieder zu finden und die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Und plötzlich sah ich bunte Blumen, hörte den Bach rauschen, die Vögel zwitschern und roch die Kuhställe, die den Weg und die Dörfer dominierten. Immer wieder begegneten mir seit Sarria auch andere Pilgerer, allein bin ich nicht mehr. Ich kam an einer offenen Bar vorbei. Eine Pause wollte ich dafür lief es gerade zu gut, aber ein Orangensaft für die nächsten Tage Meter, wäre fein. Ich bestellte: Zumo de Naranja para llevar por favor. Die Frau lächelte mich warmherzig an, holte die Flasche raus, öffnete sie auf mein Fragen, übergab sie mir und ich ging mit einem freundlichen Muchas Gracias und Adios zur Tür hinaus. – – Was fehlt bei r Geschichte? Das Bezahlen… Eine ganze Weile später, als ich darüber nachsann wie gut oder schlecht der Orangensaft gewesen war, stellte ich erschrocken fest – Ich hatte nicht bezahlt. Gewissensbisse und ein mega schlechtes Gewissen quälen mich, wie konnte mir das nur passieren. Doch zum Umdrehen war es zu weit. Oh man, die Frau war so sympathisch gewesen, aber bevor sie den Preis sagen konnte war ich wahrscheinlich schon gewesen. Ich ärgere mich immer noch, aber zum Glück war es nur 1,50 oder so gewesen. Was die Frau wohl gedacht hat? Aber hinterher kam sie auch nicht, ich war einfach selig mit dem Saft davongeschlendert. Um 1 erreichte ich Portomarin. Ich wählte den Weg durch die Schlucht, eine kleine Schlucht, aber schmal, steil und glatt. Die letzten Meter kam ich so noch in straucheln fing mich aber mit bis zum Hals klopfenden Herzen. Dann über eine Brücke und ich war da. Die Sonne war doch noch etwas rausgekommen und erleuchtete die Stadt. Hier bleibe ich und streiche die nächsten 8 km von meiner Liste für heute. 22 km nur für heute. Nur 22 km… Zu Beginn habe ich diese als viel angesehen. Wieso habe ich jetzt auf einmal das Gefühl mich für nur 22 km rechtfertigen zu müssen? Ich will nicht auf das Ziel zu rennen, die letzte Zeit ist so schon schnell vergangen… Gestern noch meine Ansicht. Muss ich mich denn 8 Kilometer weiter quälen? Müssen tu ich hier doch nichts. Wieso will ich mich denn rechtfertigen, es begründen, vor Anderen, vor mir… kann ich nicht einfach hier bleiben ohne nach dem Warum zu fragen. Ich checkte also in der Herberge ein, ging einkaufen und setzte mich in die Sonne und fing an das hier zu schreiben. Und wieder einmal führe ich mir durch das Aufschreiben und Teilen selbst vor Augen, das einzelne schwere Wege, schmerzhafte Kilometer, quälende Gedanken nur Momente waren, die jetzt kleinlich wirken – einfach gemeistert und vorbei. Und bei all dem bin ich heute unter 100 km bis Santiago gekommen, an Tag 35. Wow Tag 35 schon… Habe ich nicht eben erst mein Abenteuer geplant?Bin ich nicht gestern erst in den Flieger gestiegen? War ich nicht eben noch in Sevilla in der Kathedrale und habe meinen ersten Stempel geholt? Bin ich nicht vorhin erst motiviert im Dunkeln gestartet und habe mich verloren auf den endlosen weiten Wegen mit nichts auf der Via de la Plata gefühlt? Über einen Monat laufe ich nun schon, von Etappe zu Etappe, von Ort zu Ort, von Weg zu Weg, von Landschaftsbild zu Landschaftsbild – was habe ich nicht alles schon gesehen erlebt. Ein Monat, der wie nichts erscheint, aber doch so viele Erlebnisse und Erinnerungen birgt. Wo ist nur die Zeit, wo sind nur nur Kilometer hin? Der heutige Stempel in der Herberge füllte meinen ersten Pilgerausweis, nun sammel ich im 2.weiter. Und wie ich hier sitze, draußen vor der Herberge, die warmen Sonnenstrahlen genießen kommt mir das heutige Lied wieder in den Sinn. Es ist kurios ohne zu suchen, zu grübeln, schwirrt mir fast jeden Tag ein neues Lied im Kopf herum. 
„I see trees of green, red roses too
I see them blooms, for me and you
And I think to myself

What a wonderful world
I see skies of blue and clouds of white
The bright blessed day, the dark sacred night“ 

(Ich sehe grüne Bäume, rote Rosen – sie blühen für dich und mich. Und ich denke so bei mir: was für eine wunderbare Welt!

Ich sehe den blauen Himmel, weiße Wolken,
den vom Licht verwöhnten Tag und das ehrwürdige Dunkel der Nacht) 

In diesem Sinne wünsche ich euch, noch einen wonderfullen Resttag 😉 und noch ein schlauer Spruch von mir: Man sollte öfter mal innehalten, um zu sehen was da ist, statt immer weiter zu suchen was es noch nicht gibt oder es nie geben wird. 


Ein tolles Graffiti am Ortsausgang von Sarria

Der Blick zurück auf die unberechenbare Schlucht

Die Herberge

Mein Bett mit Schonbezug

2 Gedanken zu “Tag 35 (24.02.) – unter die hundert

  1. Schön, schön, schön. Du brauchst Dich wegen nix zu rechtfertigen. Selbst 10 km wären okay, auch 5. Und wenn Du einen Ruhetag bräuchtest, wäre auch das okay. Geht es nicht auf dem Weg auch darum, ein gutes Maß für sich zu finden? Und wer sich „beschwert“, soll erstmal nachmachen, was Du gemacht hast.
    Buen Camino

    Gefällt 1 Person

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