Tag 34 (23.02.) – nach Schnee kommt Sonnenbrand 

Alto do Poio – Sarria (30,9 km) 

Ja die Sonne hatte es mir die letzten Tage angetan, ich genoss sie und sog die Sonnenstrahlen förmlich auf. Nachdem ich den Schnee hinter mir gelassen habe, ist die Wärme eine Wohltat. Sonnenbrand auf der Nase und auf den Händen (wie auch immer der da hinkommt…) zeugen von meiner Verehrung. Ab heute früh liegen noch ca. 150 km bis Santiago vor mir. Die Stadt kommt immer näher oder besser gesagt ich ihr. Die letzte Herberge war zwar schön, neue Betten, warmes Wasser, Toilettenpapier… Aber relativ kalt, doch ich bin Schlimmeres gewohnt und berief mich auf meine erlernte Fähigkeit mich in den Schlafsack und 3 Decken warm einzuwickeln. Doch der arme Eden tat mir leid, schon am Abend, als die Sonne sich verabschiedete und uns nach drinnen verbannte, fror er und versuchte vergeblich mehr aus der kleinen Heizung rauszuholen. War er doch hauptsächlich warme Zimmer gewöhnt. Wir schliefen bis 8 Uhr – und ich schlief so gut und erholsam, wie schon lange nicht mehr trotz schlaftrunkenen Pinkelpausen. Das muss die gute Bergluft und Zufriedenheit gewesen sein. Das Frühstück gab es erst halb 9, doch es erwartete mich ein Mann der mich verstand. Der Hospitaliero brachte einen wirklichen Kaffee grande, eine schön volle Tasse nicht nur so ein kleines Espressochen. 

Dazu getoastetes Brot mit selbst hergestelltem Honig und der Tag startete mit einem fantastischem Sonnenaufgang über den Bergen. Die ersten 2 1/2 Stunden ging es über breite, gute Kies- und Erdwege mehr oder weniger steil nach unten nach Triacastela. Ich stelle fest, auch wenn Aufstiege schweißtreibender sind, anstrengend ist beides und da kletter ich lieber stöhnend nach oben, als das Gestauche nach unten zu haben. Irgendwann überkam mich der Gedanke runter zu rennen, es einfach laufen zu lassen. Das tat ich nicht nur einmal. Den Rucksack an den Schultergurten festhaltend, spürte ich die Vibration der Schritte bis in die Backen. Eine halbe Stunde vor Triacastela holte mich Eden ein. Wir gingen das letzte Stück gemeinsam bevor er den Weg über Samos wählte und ich direkt nach Sarria ging. Es war schön noch einmal mit ihm zusammen zu laufen. Ob wir redeten oder nicht es war ein angenehmes Miteinander, ein zusammen den Vögeln lauschen und den Weg genießen. Dann begannen wunderschöne, lauschige Wälder die Route zu dominieren, Esskastanien, Birken, Bäume mit Efeu bewachsen, grüne Wiesen… Der Weg führte auf und ab. Es war grün und grüner als bisher, hatte die bisherige Natur, auch die weiten Felder der Via de la Plata immer etwas lebendiges ausgestrahlt, dann war es nun wahrlich erquickend. Ja die Landschaft hat sich verändert grüner und auch blühend. Immer wieder begegneten mir Blüten, Knospen und Blumen. „Ein Wald – das erste Wort das mir in den Sinn kommt: lauschig. Es herrscht eine friedliche Stimmung. Nicht weit entfernt plätschert ein Bach, Vögel zwitschern, in der Ferne kräht ein Hahn, ein leichter Wind liebkost mein Gesicht, die Füße treten auf den weichen mit Blättern und Hüllen der Maronen bedeckten und gepolsterten Erdboden, auf den leicht die Sonne durch die leeren Äste der Bäume scheint – alles ist so grün.“ Und wie ich so durch den Wald schlenderte war es mir fast so als wolle ich nie ankommen, also schon an der nächsten Herberge, aber nie in Santiago, am Ende und vor allem nicht in so schnell und in den nächsten Tagen. Ich denke es ist ein Zeichen dafür, dass ich es gerade einfach nur genieße hier zu sein, auf dem Weg zu sein, zu pilgern, nicht ankommen zu müssen. Wollte ich bis jetzt immer sofort am Ziel sein, habe ich Gefallen daran gefunden auf dem Weg dahin zu sein. So oft habe ich mir ein Flugzeug gewünscht, das mich sofort nach Santiago bringt, mir den Weg erspart. Würde eins jetzt hier im Wald landen – ich würde nicht wirklich einsteigen wollen. Doch um zu sagen: bitte noch 500 km mehr bis Santiago – so weit geht meine Freundschaft mit dem Laufen dann doch nicht. Später etwas mehr als 2 Stunden vor Sarria wäre ich nur zu gerne in ein Flugzeug eingestiegen. Durch den Start erst nach 9 Uhr war es nach 20 km schon gegen 14 Uhr und es schien noch so viel vor mir zu liegen – wieso habe ich nur so viele Pausen gemacht, Esskastanien gesammelt, einfach da gesessen?… Ich überlegte eine frühere Herberge aufzusuchen, diese waren aber geschlossen oder ohne Essen in der Nähe. Ich befand mich noch immer in den Bergen mit einer nicht so toll ausgebauten Infrastruktur. Doch nicht die Zeit zog meine Laune so runter, sondern der bedeckte Himmel. Heute schaffte es die Sonne nicht immer die Wolken zu durchbrechen und dann fand ich mich plötzlich in den Wolken wieder. Düster und kalt, anders kann ich es heute nicht beschreiben. 1 1/2 versucht ich vergebens mit Pfeifen meine gute Laune zurück zu holen. Außer ein paar Kühen, Eidechsen und Vögeln kreuzte kein Wesen meinen Weg. Gegen 4 wählte ich eine Herberge aus dem breiten Angebot aus – ich sollte die einzige Pilgerin bleiben, die diese Wahl trifft. Wieder mal eine Herberge für mich. Eine große moderne Herberge jedoch nicht vorgeheizt. Nach 30 km endlich angekommen, sie erschienen mir am Ende wie eine Ewigkeit und doch liegen sie nun hinter mir. Als Belohnung tauchten ein paar Sonnenstrahlen zur Begrüßung den Ort in ein helles Licht. Ich freue mich darüber, dass es jetzt nur noch 115 km sind. Doch eine Bestrebung in 3 Tagen diese zu überwinden (ich würde es schaffen) spüre ich nicht. Wie viele Kilometer ich morgen gegen werde weiß ich noch nicht. Genug Herbergen liegen auf jeden Fall auf dem kommenden Weg.

5 Gedanken zu “Tag 34 (23.02.) – nach Schnee kommt Sonnenbrand 

    1. Ich werde nicht 3 Tage bis Santiago laufen, ich habe noch ein paar Tage mehr geplant 😉 und mein Blog endet danach garantiert nicht, mein Leben geht weiter, vll ist es dann nur nicht mehr so interessant :p

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