Tag 25 (14.02.) – vom Hinterherrennen unerfüllbarer Wünschen 

Riego del Camino – Granja de Moreruela – Barcial del Barco – Benavente – Villabrazaro (39,1 km) 

Ich glaube ich bin einfach übermüdet und mega fertig, auch wenn ich die letzten Tage nicht so viele Kilometer zurück gelegt habe (Sightseeing scheint keine Erholung zu sein). Schlief ich die ersten Nächte auf meiner Pilgerschaft ganz unabhängig von Komfort der Herberge selig und erholsam, ist damit in vielen Nächten seit ca. zwei Wochen schon Schluss. Ich schlafe eher unruhig und wache ständig wieder auf, eine übermannende Müdigkeit, die mich in den Tiefschlaf versetzt, vermisse ich. Es ist dabei egal, ob ich ab 18 Uhr oder 22 Uhr, bis 5 oder 8 Uhr schlafe. In der Nacht spüre ich die Anstrengungen in allen Muskeln, Sehnen und Knochen viel mehr als beim Laufen, alles schmerzt, pocht und zieht und lässt mich immer wieder wach liegen und hin- und herwälzen, keine Lage scheint bequem. Ständig wache ich wieder auf, spüre meinen schmerzenden Körper, die Schmerzen scheinen erst in der Ruhe richtig aufzuwachen. Seit 18 Uhr liege ich schon im Schlafsack – mit ist kalt. Erst nach min. 4 Stunden endlich Wärme im Schlafsack, sodass auch die Füße auftauen – doch von wohlig ist mein Gefühl weit entfernt. Die Fußsohlen pochen, in den Beinen ist von oben bis unten ein dumpfes Ziehen zu spüren, es rumort in den Muskeln, das durchströmende Blut wühlt unterbewusst auf und hinterlässt schmerzende Strecken in Ober- und Unterschenkeln, im Schulter-Nackenbereich fühle ich bei und nach jeder Bewegung ein ziehendes Stechen. Eine lähmende Schwere hat meinen Körper befallen, die Beine und der Kopf scheinen Tonnen zu wiegen. Ungleichmäßig und geräuschvoll aber tief atmet David ein paar Betten weiter, immer wieder sind Schnarcher zu hören, doch egal ob Stille oder nicht, ich schlafe nicht. Ich wälze mich hin und her, eine angenehme Position lässt sich nicht finden und wenn ist sie nach 5 min schon wieder unangenehm. Also bleibe ich regungslos liegen und warte darauf bis die Müdigkeit mich für wenige Stunden in einen unruhigen Schlaf versetzt. Die Anstrengungen holen mich ein, ich zahle so Kilometer um Kilometer und jedes Kilo auf dem Rücken. Dem Regen trotzen, die Kälte aushalten und immer einen Fuß vor den anderen setzen, auch morgen wieder. Meine Augenlider sind schwer, ich bin müde und kann doch nicht schlafen – ein unerfüllbarer Wunsch, der wütend macht und mich unfähig und ohnmächtig erscheinen lässt. Es ist eine Art Erlösung schon halb 6 endlich aufzustehen und mich nicht länger zwingen liegen zu bleiben. Die belebenden Gedanken der Nacht verschwinden, werden von der Kälte erfroren, es kehrt etwas frisches Leben in mich. Starten, loslaufen, warm werden, auf die Sonne warten, hoffen, dass der Regen aufhört – doch die Müdigkeit kommt wieder, wird vertrieben mit Bewegung. Weiter immer weiter laufe ich und innerlich komme ich immer wieder an einen Punkt, wo ich nicht mehr kann und will, jeder Kilometer scheint sich endlos zu ziehen, das Ziel zu fliehen, dabei will ich es einfach nur erreichen und das am Liebsten schon gleich nach dem Loslaufen. Der Trotz in meinem Kopf wird manchmal so groß, dass ich mich in Gedanken auf den Boden schmeißen, heule und bockig liegen bleibe, ich schreie in mir: Ich kann und ich will nicht mehr, alles ist blöd und sinnlos, wandern – was für eine schwachsinnige, total bescheuerte Idee. Die matschige regennasse Straße, die meine Füße immer wieder entgleiten lässt und mein Gleichgewicht herausfordert, ist mir dabei ziemlich egal. Das Problem wäre nur: mich würde keiner finden, aufheben und weiter tragen. So laufe ich also weiter und weiter, stur ans Ziel, wo ich doch nicht zur Ruhe komme. Mir wurde bewusst: Solche körperliche Anstrengung, solche verschiedenen mal mehr mal weniger präsente Schmerzen habe ich noch nie zuvor in solchem Ausmaß in meinem Leben durchlebt. Gerade jetzt stecke ich in einer Phase in der ich am Liebsten aufgeben und mich nach Hause an die warme Heizung wünsche, in warmes Bad mit heißem eingelassenem Wasser in der Badewanne, unter die Kuscheldecke auf dem bequemen Sofa mit einem mit Wasserkocher zubereitetem Tee und der Aussicht aus dem Fenster auf den Regen. Heimweh? Ja etwas, hatte ich vor ein paar Tagen noch Höhenflüge, fühlte mich total selbstsicher und allem gewachsen liege ich jetzt gerade hier und fühle mich klein, einsam und verloren. Doch es ist gar nicht die körperliche Einsamkeit, sondern vor allem eine Innere. Doch Genaueres kann ich darüber (vll. noch) nicht sagen. Denn auch wenn ich ehrlich zugeben muss, Familie, Freunde, Bekannte und vor allem den unbegrenzten Kontakt über WLAN zu vermissen, alleine bin ich nicht und wenn, dann genieße ich die Ruhe und Herrschaft über die Herberge. Damit wird bald auf dem Camino Frances vermutlich Schluss sein.

Heute stand ich in Granja de Moreruela vor der Entscheidung, welchen Weg ich weiter verfolge. Und damit zur heutigen Route: 6 Uhr startete ich, im Regen, im Dunkeln, in der Kälte. Mein Plan: ca. 6 h (25 km) laufen und dann in der als „etwas besser“ (WLAN, Waschmaschine) um 12 ankommen und somit genug Zeit zum Waschen und auch etwas schlafen haben. Man sollte keine großen Pläne oder gar heimliche Wünsche machen… Wir schon geschrieben: der Weg verlief neben einer Schnellstraße durch ein Wäldchen und war matschig, immer wieder musste ich mein Gleichgewicht suchen und um Pfützen herumtanzen, am Anfang im Dunkeln kann man beinahe schon eine Meisterschaft (mit Rucksack versteht sich) daraus machen. Einen oben beschriebenen bockigen Tiefpunkt hatte ich bis zum Sonnenaufgang, den ich bei der Wetterlage eigentlich nicht erwartet hätte. So fand ich in Gedanken gerade alles sinnlos, schwachsinnig und mich mega verrückt so etwas überhaupt zu machen, verfluchte mich für so eine hirnlose Idee und fragte mich einfach nur wieso – wieso ich das mache. Und gegen 8 Uhr als ich mit Matschplateauabsätzen den Weg entlang glitt färbte sich der Himmel glutrot. Es war kein rosarot, orangener Sonnenaufgang mit weißen Wolken, sondern ein glutroter, dunkelorangener Sonnenaufgang hinter den Regenwolken. Aber auch total faszinierend und da waren die Gedanken für einige Zeit ausgelöscht. 

Genau wegen solchen Momenten mache ich das, um so etwas zu sehen und solche Situationen zu erleben, um zu sehen, dass auch wenn es schwachsinnig ist, es weiter geht. Motiviert und etwas aus meinem Trott herausgeholt brachte ich die nächsten 4 Stunden bis Barcial del Barco hinter mich. Doch zuvor teilte sich die Via de la Plata in den Camino Sanabres und Camino Frances, ich schlug den Weg Richtung Camino Frances ein, dem ich ab Astorga folgen werde. Wie geplant stand ich regennass (das war natürlich nicht geplant :p) um 12 Uhr in der Bar von Barcial del Barco und wollte den Schlüssel abholen. Cerrado – Herberge geschlossen… Ein Bus? Ja aber erst gegen 5, halb 6… Also machte ich mich wieder auf meine Pilgerfüße zum nächsten Ort Benavente (2 h), zum Glück regnete es immer wieder nur leicht. Laut Reiseführer hat die Herberge dort erst ab März auf und so war es auch. Das Touristenbüro machte natürlich pünktlich 14 Uhr Siesta – somit keine weiteren Infos. Hier würde der Bus in ie nächste größere Stadt auf dem Weg erst gegen 18 Uhr fahren. Ich hatte die Wahl: 4 h, nass irgendwo warten oder 2 h in den nächsten Ort laufen und dort auf eine offene Herberge hoffen. Dabei wünschte ich mir gerade nur eine heiße Dusche und ein Bett. Nach einem kurzem etwas wärmenden Aufenthalt in einer Bar schulterte ich meinen Rucksack und lief los. Gegen halb 6 kam ich im Ort an. Mein einziger Wunsch: eine offene Herberge – er wurde erfüllt. Wie dankbar ich einfach nur war, die Abweisungen von vorher waren vergessen, ich dankte Gott einfach nur und ging fröhlich mit dem Schlüssel in der Hand zur Herberge. Heizung: Fehlanzeige, heißes Wasser: ja, etwa 3 Minuten (also fror ich nach der Dusche noch mehr als vorher), Küche: Fehlanzeige, Decke: ja, alt und schwer, nicht gemütlich, aber besser als gar nichts, Toilettenpapier: Checkpot – ich bin im schon halb im Himmel! :p (WLAN brauche ich nicht zu erwähnen oder?…) Ich legte mich in den Schlafsack, doch schlafen ging nicht, so liege ich jetzt hier, schreibe den Bericht und lasse den Tag Review passieren. Schon ein heißer Tee scheint gerade ein total unerfüllbarer Wunsch und eine heißes Bad gar absurd. Ich denke nach dem heutigen kann ich die Situation von Maria und Josef etwas nachvollziehen, die sich vermutlich noch nicht mal eine Heizung gewünscht haben. Und dann muss man sich mal bewusst machen, dass Maria auch noch eine Geburt hinter sich gebracht und damit ein Wunder vollbracht hat. Ich kann mich gerade noch nicht mal mehr zum Zähne putzen aufraffen. 

Der Weg teilte sich
Ein Wegweiser


3 Gedanken zu “Tag 25 (14.02.) – vom Hinterherrennen unerfüllbarer Wünschen 

  1. Hallo Elisabeth,Kopf hoch,heute hattest du sicher einen eher „schwierigen Tag“,aber so ist das Leben, heut hast Du ein größeres Tief,
    erlebt,na klar schlecht geschlafen, kalt, nass, kalte Dusche, kein WLAN😒da wäre ich auch zermürbt.
    Mir hat mal jemand gesagt: Wenn du von einem Berg auf den nächsten willst,es soll ja dann auch der höhere sein musst Du immer durch die Niederungen eines Tals.
    Das ist vielleicht ein einfaches Bild, aber irgendwie richtig, oder?
    Ich höre gerne mehr von Dir.

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    1. Hey, danke für deinen Kommentar. Ich finde das Bild sehr toll und passend. Ja es war ein blöder Tag, aber auch der ist vorbeigegangen 🙂 und es hat mir geholfen einfach mal Luft zu machen.

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  2. Hin und wieder kommt ein Tal, aber es wird auch ein Ende haben. Vielleicht hilft es, einen Gang zurückzuschalten? Aber Regen und schlechtes Wetter können schon ganz schöne zermürben. Lass Dich nicht unterkriegen. Es ist nicht mehr sooo weit bis Santiago.

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