Tag 15 (04.02.) – Achterbahnfahrt der Motivation

Casar de Caceres – Grimaldo (41,5 km)

Vor um 8 herrscht noch Dunkelheit… Ich habe es gewusst, es war mir bewusst, doch ich dachte: Ach das geht schon. Und es ging auch, manchmal war es zwar schwer den richtigen Abzweig zu finden, denn die Pfeile waren nicht zu sehen. Doch der Weg führte zu Beginn über einen breiten auch im Dunkeln gut erkennbaren Feldweg. Nur die Pfützen tarnten sich gut und es schien als würden sie manchmal aus dem Nichts auftauchen. Um 6 Uhr bin ich sehr motiviert alleine losgezogen. Ich hatte mit Kathi ausgemacht die nächsten Tage erstmal getrennt zu laufen, denn irgendwie war es schön eine Begleitung zu haben, aber es reichte jetzt erstmal. Ich wollte die 40 km mein eigenes Tempo gehen, nicht warten müssen und Pausen machen, wenn ich es wollte, mich alleine durchkämpfen. So lief ich also los, im Dunkel mit Wind und kurze Zeit später einsetzendem Nieselregen. Doch er blieb leicht und so bemerkte ich ihn unter meinem Cape kaum, sodass er meine Motivation nicht bremsen konnte, ich war voller Elan mitten in der Dunkelheit. Der Weg führte auf dem breiten Feldweg an Weiden mit Kühen und Gehöften vorbei. Kurz nach Sonnenaufgang, der nicht zu sehen war hinter den dichten Wolken, gelangte ich in Dehesas und fand mich plötzlich in einer Schafherde wieder. Die ersten Stunden vergingen relativ schnell. Nach ca. 4 h gelangte ich an eine Schnellstraße, die neben dem Stausee „Embalse de Alcantara“ entlang führte. Laut Reiseführer sollte man dieser 6 km folgen. Doch ich fand nebenher über die Berge laufend einen Trampelpfad. Dieser führte zum Teil sehr steil hoch und wieder hinunter, hoch und hinunter, immer wieder verfluchte ich mich diesen anstrengenden Weg genommen zu haben, hätte ich doch so schön einfach Straße geradeaus laufen können. Meine Motivation sank immer wieder mit einem neuen steilen Anstieg, der in Sicht kam. Aber oben auf der ein oder anderen Spitze wurde ich mit einem wunderbaren Ausblick auf den Stausee (sogar mit Sonnenschein) belohnt. Ja es hatte aufgehört zu regnen und etwas Sonne war zum Vorschein gekommen. Ein um das andere Mal bemerkte ich, dass ich mich hetzte. Ich benötigte natürlich mehr Zeit zum hoch und runter Laufen als geradeaus auf der Landstraße, wobei nicht das hoch sondern das runter Laufen auf dem dünnen unwegsamen Trampelpfad mit 10 kg auf dem Rücken die Kunst darstellte. Wieso binde ich mich an die Zeitvorgaben im Reiseführer, wieso will ich nicht langsamer (am Besten natürlich schneller) am Ziel ankommen? Mich treibt dich eigentlich nichts, ich bin früh genug gestartet, um mal gemütlich eine lange Pause zu machen oder Umwege zu gehen. Doch es sind Vorgaben, denen ich entsprechen muss, aber ich will doch nicht müssen! Jeder Blick auf die fortgeschrittene Zeit ließ meine Motivation sinken. Immer wieder versuchte ich mir zu sagen es sei egal, aber trotzdem konnte ich mich nur zu kurzen Pausen, die mein schmerzender Rücken dringend nötig hatte, hinreißen lassen. Mein Nacken war auf dieser Etappe das nervigste. Er fing an sehr zu schmerzen, es war eine Art ziehenden Verspannung, die vor allem beim Bewegen des Kopfes ein starkes Stechen und Einschränkungen verursachte. Nach dem Stausee führte der Weg über eine Hochebene, auf der außer einzelnen Kühen und Ginsterbüschen nichts zu sehen war. Immer wieder regnete es ein paar Tropfen mit dem unstetigen Wind, doch die störten mich nicht. Gegen 3 Uhr war ich in der Nähe von Canaveral (1 1/2 h später als geplant), in dieser Stadt hätte ich die Etappe beenden können, doch ich hatte mir vorgenommen noch 8,5 km weiter bis zum nächsten Ort zu laufen (Zeit bis Sonnenuntergang hatte ich noch genügend). Kaum hatte ich die Weggabelung erreicht, fand mich meine Motivation wieder: Die paar Kilometer schaffst du jetzt auch noch, ist doch ein Klacks. Nach einer kurzen Pause gingen die Schmerzen im Nacken auch zu ertragen, an die Füße habe ich mich schon gewöhnt. Trotz anfänglicher Motivation sollten die letzten Kilometer eine Geduldsprobe werden. Es fing an zu regnen und im Eifer des Gefechts mit dem Regencape verpasste ich einen Abzweig – verlaufen – umdrehen und zurück – Motivation sinkt – richtigen Abzweig gefunden – es hört auf zu regnen – Motivation steigt. Wieder fängt es an zu regnen – schaue nicht in Anleitung in Reiseführer – interpretiere Pfeil falsch – halb auf den falschen Berg – sehe Sackgasse – Motivation sinkt -Regen hört auf – umdrehen – noch steilerer Berg vor mir – Zeit schreitet voran aber nicht wirklich – Motivation sinkt noch mehr. Habe ich am Anfang gedacht: Ach die 8 km… Es wurden die härtesten der Etappe. Verglichen mit der vor mir liegenden Steigung und meinen etwas erschöpften Kraftreserven, war das Hoch und Runter davor nur die Aufwärmung. Der Berg ist geschafft – nur noch 1 1/2 h durch den vor mir liegenden Wald – Motivation steigt – Kraftreserven werden mobilisiert – Schmerzen außer Acht gelassen. Nach etwa einer halbe Stunde: Regen und Sturm – ziemlich stark – treiben mich und die Motivation voran. Die Hose wird wasserdurchlässig, die Schuhe auch, das Regencape nervt oder besser gesagt der Wind, der Weg schlammig und es bilden sich große unumgängliche Wasseransammlungen auf dem Weg. Die Zeit vergeht nicht und der angekündigte Abzweig scheint ewig nicht zu kommen – Motivation sinkt – ich bin nass – ich bin geschafft – ich würde mich auf den Boden schmeißen, nicht mehr weiter gehen und heulen – aber ich laufe weiter schleppe mich gefühlt mit letzten Kräften einen schlammig, rutschigen, schmalen, steilen Trampelpfad zum Dorf und der Herberge hoch. Gegen 18 Uhr stehe ich in der Herberge, die ich für mich habe. Erleichterung und Freude – ich könnte mich aufs Bett schmeißen und vor Glück heulen. Ein Miniheizstrahler, der nicht richtig warm wird, gibt sein Bestes etwas Wärme zu verströmen, aber immerhin verströmt er ein orangegelbes Licht der Wärme und Geborgenheit. Nach einer halbwegs warmen Dusche krieche ich in meinen Schlafsack und unter 3 Decken und schlafe geschafft und warm ein. Mal sehen was der nächste Tag bringt, ich bin nach etwas Schlaf bereit für das nächste Abenteuer.

Die „Ermita de Santiago“ verabschiedet mich aus Casar de Caceres

Die Schafe begrüßen mich auf dem Weg 🙂

Der Stausee

Der Trampelpfad
Der Blick zurück auf den schon bewältigten Weg
Die Hochebene bedeckt von Ginsterbüschen
Der letzte Anstieg entlockte mir mehrmals ein geschafftes Stöhnen. PS: das ist der letzte Teil
Die letzten Kilometer führten unter Regen durch den Wald. Auch Hindernisse waren eingebaut :p

Ein Gedanke zu “Tag 15 (04.02.) – Achterbahnfahrt der Motivation

  1. Dieser Trampelpfad – ja, der hat es in sich 😉
    Aber toll, was Du für Strecken absolvierst. Dein Bedürfnis, allein zu gehen, kann ich gut verstehen. Hin und wieder habe ich es geschafft, eine Etappe mit jemandem zu gehen, aber schnell brauchte ich wieder mein Tempo. Also, da muss schon viel stimmen, damit ich das über längere Zeit aushalte. Aber Du spürst das sicher sehr gut, was und wie es Dir gut tut.
    Buen Camino

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