Tag 6 (26.1) – geschmerzt, geschockt, geschafft

El Real de la Jara – Monesterio (20,2 km) 

Nichts wie los, war heute früh um 7 mein Gedanke. Ich war zwar der Boss der Herberge, aber ohne Heizung machte das nicht wirklich Spaß. Gestern Abend bin ich zitternd in meinen Schlafsack und unter 3 Decken gekrochen. Ja es ist kalt in Spanien vor allem frühs, abends und in den Herbergen. Die dicken Wände sind im Winter leider von Nachteil. Muss (nein: Kann) ich mich am Tage meiner Thermounterwäsche entledigen, ziehe ich frühs nur allzu gerne drunter und nehme das Umziehen am Wegesrand in Kauf. Trotz der Kälte erfror ich in der Nacht nicht, denn mein Schlafsack ist top. Er hält wirklich warm. Gegen 8 Uhr startete ich, nach einem warmen Tee und Orangen, die mir der nette Besitzer der Herberge geschenkt hatte. Ja wir haben uns super unterhalten als ich meine Wäsche aufhing… über das Wetter, besonders den Schnee in Deutschland über meinen bisherigen Weg und das in spanisch. Ich reihte mit vielen Gesten nur wenige Vokabeln aneinander. So erzählte ich auch von Oliver der sich wie ein Kind über das Eis auf den Pfützen oder den Frost auf der Wiese gefreut hatte, da in Gran Canaria laut seiner Auskunft immer Sommer ist, besonders viel Freude hatte er auch beim Atemwolken entstehen lassen. Der Mann schien mich entweder zu verstehen, meine Gesten zu bewundern oder einfach belustigt über mich gewesen zu sein, auf jeden Fall lachte er mit mir. 

Heute morgen: der Himmel grau, von Wolken vollkommen bedeckt, ein kühler Wind von der Seite, die Sonne nicht zu sehen, der Wetterbericht hatte Regen angesagt. Wie ich so lang lief und sich meine Fersensehnen, die es anscheinend gibt, bemerkbar machten (und das gleich zu Beginn des Tages… ) dachte ich: Wie soll ich heute nur 20 km schaffen? Aber auch: Klar schaff ich das! Ich hab doch gesagt es wird nicht leicht und anstrengend werden. Und da realisierte ich, was ich damit ausgedrückt habe und eigentlich schon wusste. Es ist anstrengend, heißt auch wenn es schwer ist weiter zu gehen. Ja ich spüre gerade nur zu deutlich, was es heißt, wenn etwas anstrengend ist (zumindest körperlich). War jemals in meinem Leben überhaupt etwas anstrengend? Bestimmt, auch wenn mir jetzt auf Anhieb nicht etwas Hervorstechendes einfällt. Anstrengung kann man fühlen und ist mit Geduld verbunden. Wieso erwarten wir, dass immer alles gleich auf Anhieb funktioniert? Zumindest ist mir bewusst geworden, dass ich davon ausgehe. Ich laufe los und nur, weil ich losgehe bin ich gleich top in Form. Ich stehe auf packe meinen Rucksack und erwarte, dass alles auf Anhieb reinpasst (aber ne ich muss noch 10 mal umpacken). Mein Papa hat es am Samstag total aus der Fassung gebracht, als das Navi nicht den Flughafen fand, na und, Elektronik funktioniert nicht immer. So war mein Handy gestern auch etwas überfordert plötzlich wieder mit dem Internet verbunden zu sein, verständlich bei zig eingehenden Nachrichten und dann wollte ich auch noch Bilder und Artikel hochladen…  Es hat wirklich alles gegeben und halt Zeit gebraucht, und ich? Ich hätte es am liebsten gegen die Wand schleudern können. Meine Mama hat mir heute morgen geschrieben: auch ein neues Auto braucht Zeit bis es eingefahren ist. Recht hat sie, ich bin zwar nicht mehr neu, aber das, was ich hier mache schon. 

Der Weg führte durch Dehesas und Feldwege, Trampelpfade und alte Straßen an der Autobahn und Landstraße entlang. Immer unter einem grauen Himmel und einem frischen Wind, doch ich wurde nicht nass. Die Landschaft war trotzdem schön anzusehen, auch wenn es mit der Zeit ziemlich monoton wurde. Habt ihr schonmal bei einem Busch eure Notdurft verrichtet und eine Kuh hat euch überrascht?  Ich auch nicht :p Bei mir war es ein Schwein… Aus dem nichts stand es auf einmal grunzend neben mir, kümmerte sich jedoch nicht um mich und ging ein paar Meter weiter und legte sich hin. Und ich? Ich hockte noch. Auf dem Weg später habe ich über den Schreck gelacht. Am Anfang der Etappe schienen die Schmerzen etwas zu verschwinden, kamen nach einiger Zeit jedoch schlimmer zurück, von Zeit zu Zeit fügte mir ein gefühltes Messer oberhalb der Ferse einen plötzlich stechenden Schmerz zu, sodass ich immer mal wieder nur humpelnd vorwärts kam. Ignorieren hatte keinen Zweck, sooft ich es auch versuchte. Also behandelte ich die Schmerzen genauso wie nervende Gedanken: bemerken, einfach da sein lassen und akzeptieren, ohne sie zu bewerten oder mich reinzusteigern. Es funktionierte etwas: spüren tat ich sie, aber ich sparte mir meine Energie und verfluchte sie und mich nicht mehr. „Gemütlich legen wir den Rest der Strecke auf der alten Straße zurück“ – so der Reiseführer…von wegen! Immer wieder stieg die Straße steil an, nachdem sie zuvor über einen unwegsamen Trampelpfad geführt hatte. An und für sich eine wirklich schöne Strecke nur nicht für meine Achillessehnen.“Wenn du denkst du kannst nicht mehr kommt ein Berglein daher. Wenn du dann oben stehst und zurück schaust, denkst du es ging doch, war doch gar nicht so hoch. Schaust du wieder nach vorne, denkst du doch erneut ich kann nicht mehr.“ Tja und dann versucht man zu dichten, um sich abzulenken, zählt auf spanisch oder lernt Vokabeln. Gegen halb 3 erreichte ich die Herberge. Für mich und ziemlich komfortabel, bisher die Beste. Auch wenn der Heizer noch etwas braucht um warm zu werden. Gegen 4 fing es dann an zu regnen (und tut es immer noch), deshalb machte ich es mir mit einem heißen Kaffee im Schlafsack gemütlich. Meine Achillessehne (das oberhalb der Ferse glaube ich heißt so) ist geschwollen, rot und schmerzt, ansonsten habe ich keinerlei Schmerzen mehr, außer meinem rechten kleinen Zeh (der ist ganz schön hartnäckig), der nun etwas blau ist. Und Blasen? Nö! Ich denke morgen werde ich einen Stop einlegen, mir die Stadt anschauen (vermutlich im Regen) und die Füße etwas hochlegen.

Du wurdest geboren um echt zu sein und nicht um perfekt zu sein. Und das echte Leben spürt man halt ab und zu durch Schmerzen. 

Ermita de San Isidro

Der Trampelpfad

Und hoch…
… und der Blick runter
Regnerischer Ausblick

3 Gedanken zu “Tag 6 (26.1) – geschmerzt, geschockt, geschafft

  1. Danke für Deinen schönen Bericht. In Monasterio soll es gute Churros geben. Leider hatte ich sie nicht gefunden. Bin gespannt, was Du uns über Deinen Stadtbummel berichten wirst. An den Trampelpfad erinnere ich mich auch. War echt unangenehm dort.

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