Esperanza (1)

Leicht und sanft fallen Schneeflocken vom Himmel. Leise und unbemerkt schweben sie auf den Boden, dort bilden sie eine dichte Schneedecke. Die Sonne steht am vom Schneewolken bedeckten Himmel und mit ihrem Strahlen bringt sie die Schneeflocken zum Glitzern, die wild tanzend erst die Luft erfüllen und später auf Wiesen, Bäumen, Dächern, Straßen und vielen Flächen mehr zum Liegen kommen und die Welt mit einer reinen, weißen Schicht bedecken. Dieses fantastische Schauspiel dauert schon den ganzen Tag an. Der weiß-glitzernde blaue Himmel verfärbt sich langsam, das hellblau wird dunkler und die Nacht bricht schleichend herein, der Mond und die ersten Sterne stellen sich an ihren Platz am Himmelszelt. Die Schneeflocken werden weniger, haben nun schon eine ordentliche Schneedecke gebaut, die den Wald überzieht. Alles scheint trotz der Dunkelheit zu leuchten und zu glitzern, am Himmel die Sterne und auf der Erde der Schnee. Eine friedliche Ruhe liegt über dem Ort. In dieses Bild tritt ein Panther. Sein schwarzes, leicht lila-blau schimmerndes Fell hebt sich vom weißen Untergrund ab. Flink und wendig, fast tanzend, rennt er über die unberührte Schneedecke. Die zarten, aber deutlich zu erkennenden, Muskeln spielen bei jedem Schritt, lassen ihn elegant und geschmeidig über den Boden schweben. Das Tempo wird langsamer, bis der Panther stehen bleibt. Schön, faszinierend und geheimnisvoll steht er da. Aufmerksam schaut er sich um, nimmt seine Umgebung genau wahr.
Diese Szene betrachtet Esperanza nun schon eine Weile lang. Wo geht sein Weg weiter, wovor rennt er weg, was sucht er?
Esperanza ist ein kleiner Stern. Jede Nacht steht sie auf ihrem Platz am Himmelszelt zwischen den vielen anderen Sternen. Doch auch tagsüber wohnt sie ungesehen dem Geschehen auf der Erde bei. Sie leuchtet für die Hoffnung und versucht Menschen und Tieren immer wieder aufs Neue zu symbolisieren, dass es auch in schweren Zeiten immer Hoffnung geben sollte. Neben ihr steht ihr Bruder Fides. Fides strahlt für die Liebe zwischen den Menschen, genauer gesagt für das Vertrauen auf die Liebe. Tagtäglich beobachteten die beiden viel. So hatten sie auch immer wieder die elegante Pantherdame von oben begleitet.

Leichte Sonnenstrahlen dringen durch den dichten Nebel. Sie versprechen Hoffnung auf einen schönen freundlichen warmen Tag. Die Sonne lockt hervor aus der kalten ungemütlichen Höhle, die für eine Nacht den Unterschlupf gebildet hatte und scheint zu rufen: „Komm heraus, ich will dich wärmen. Sieh nur wie schön die Welt ist.“ Die Strahlen erreichen den Boden lassen die Tautropfen an den Gräsern bunt schimmern. Man könnte meinen überall Glitzersteine zu sehen. Immer hellere Strahlen verfangen sich in den Blättern der hohen Bäume, die den dichten Wald bilden. Vier Pfoten tapsen aus der Höhle. Es sind vier kleine, kalte Pfoten, die den kalten noch taunassen Boden berühren. Sie tragen einen kleinen zitternden Körper. Nun erreichen Sonnenstrahlen das schwarze kurze Fell und lassen es glänzen. Ein Ruck geht durch den zarten Körper, die Muskeln spannen sich und schneller immer schneller wechseln sich die Pfoten auf dem Boden ab. Während sie so dahinjagt, breitet sich eine wohlige Wärme im Körper aus. Die feinen, aber dennoch kräftigen Muskeln sieht man arbeiten, elegant und leicht sieht es aus. Die junge Pantherdame scheint förmlich über die verlassene Gegend zu fliegen.
Esther jagt dahin, Meter um Meter lässt sie hinter sich. Nein sie rennt nicht weg, sie rennt auf etwas zu. Worauf? Das weiß sie selber noch nicht. Wenn sie so im vollem Tempo über die Wiese fliegt, fühlt sie sich für einen Moment frei, von allen Sorgen befreit. Sie macht sich keine Sorgen darüber, wo sie heute schlafen kann oder ob sie etwas zu fressen findet. Sie genießt einfach den Wind, der sie umspielt. Sie spürt, wie ihre Muskeln unter dem Fell arbeiten und die Pfoten abwechselnd den Boden berühren. Weiter immer weiter zieht sie von einem Ort zum anderen. Ganz alleine – sie hat ihre Heimat, ihr zu Hause verlassen, konnte und wollte dort nicht mehr leben. Sie musste weg, weg von dem Ort an dem so viel Leid passiert war. Ein Waldbrand hatte alles vernichtet und ihr ihre Familie und Freunde genommen. Nur sie hatte überlebt, und insgeheim wusste sie, dass es ihre Schuld war. Esther wollte all das vergessen, sie wünschte sich Abenteuer zu erleben, die Welt zu sehen und eine Aufgabe zu finden. Doch je weiter sie lief, desto einsamer fühlte sie sich und sie verlor immer mehr die Lust, den Mut und auch Kraft, oft rannte sie bis sie erschöpft zusammenbrach. Wohin sollte sie nur gehen? Alles war so unbekannt und unsicher.

Einige Monate sind seitdem vergangen, der Winter ist hereingebrochen. Viele Wälder und andere Gegenden hatte Esther durchquert, war am Tag und mal bei Nacht gelaufen. Vor einigen Tagen kam der erste Schnee und seitdem täglich. Esther fiel es immer schwerer einen Unterschlupf für die Nacht zu finden, denn der Schnee bedeckte wie eine Decke alles. Auch für diese Nacht hatte sie noch nichts gefunden, wo sie sich mal ausruhen konnte. Esther bleibt auf der schneebedeckten Lichtung stehen, das Mondlicht scheint auf ihr Fell, strahlt sie mit vagen, weißem Licht an. Seit Tagen hatte sie nichts gegessen und sich nicht groß ausgeruht. Sie war nur gelaufen, über den kalten Schnee. Wärme hatte sie schon lange nicht mehr gespürt. Jetzt blieb sie stehen, kam zur Ruhe. Ihr Herz pocht in einem schnellen, wilden Takt, das Blut rauscht ihr in den Ohren, die Welt scheint sich weiter zu drehen, weiter zu bewegen. Spürte sie Schwindel? Sie bemerkt, dass ihre Beine von der Anstrengung zitterten und ihre Pfoten schmerzten. Ihr schneller Atem lässt Wolken in der kalten Luft entstehen. Ihre Augen schweifen ruhelos, aber aufmerksam umher. Dann, plötzlich, geht ein Ruck durch den Körper, blitzschnell rennt sie los. Leise und gefährlich war sie einen Augenblick später bei dem Eichhörnchen, welches eben vom nahe gelegenen Baum gesprungen war.

Unbändige Wut, was hatte sie nur getan? Verzweiflung – sie hat einfach die Kontrolle verloren, die Kontrolle über sich verloren. Sich einfach vom Hunger überrollen lassen. Sie hatte das Eichhörnchen getötet. Esther hasste sich dafür, dass es in Ihrer Natur lag zu töten. Sie wollte doch niemandem wehtun, wieso hatte sie nur dieses Verlangen? Hatte es nicht ihre ganze Familie in das Unglück gestürzt? Im Sommer und Herbst hatte sie versucht sich von Beeren zu ernähren, hatte das Verlangen unterdrückt, dagegen angekämpft. Wenn es zu stark wurde, fing sie ab und an einen Fisch an einem Fluss. Aber ein Eichhörnchen? Gewissensbisse nagten an ihr, waren stärker als das befriedigende Sättigungsgefühl. Beschämt kauerte sie sich unter einen Hagebuttenstrauch, der nur wenig Schutz bot und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Fides und Esperanza hatten das Schauspiel von oben betrachtet. Fides war im ersten Moment darüber schockiert gewesen, die junge Pantherdame so unbeherrscht zu sehen, aber er verstand auch, dass es einfach ihre Natur war. Obwohl es ihm gehörig gegen den Strich ging, denn mit Liebe hatte das nichts zu tun. Esperanza hatte so etwas noch nie gesehen. Doch sie sah nur die Verzweiflung in der Tat, den puren Kampf ums Überleben. Wie sie Esther so unter dem dornigen Strauch zusammengerollt im Schnee liegen sah, empfand sie Mitgefühl und Traurigkeit. Sie wollte ihr helfen und Hoffnung geben, ihr zeigen, dass sie einfach so war, dass diese Seite zu ihr dazugehörte. Esperanza schickte etwas von ihrem Sternenstaub, welchen sie jede Nacht, als Hoffnungsschimmer, spendete, extra auf den Hagebuttenstrauch. Der Sternenstaub lässt die Welt glitzern, wenn es kalt genug ist, ganz besonders sieht man ihn wenn es geschneit hatte, so wie an diesem Tag. So funkelte der Hagebuttenstrauch besonders schön und die Sterne waren mit ihrem Werk zufrieden. Doch Esther bemerkte von dem Zauber gar nichts.

Ein Traum, ein Alptraum, plagte sie. Er begann schön und erinnerte an alte wunderbare Zeiten. Esther spielte mit ihren Geschwistern auf der Lichtung vor der Höhle, die Sonne schien. Es war ein schöner, warmer Sommertag, Vögel zwitscherten und Blumen blühten. Sie hatten viel Spaß miteinander. Freunde kamen und spielten mit Fangen. So vergingen die Stunden in denen die Jaguarkinder fröhlich miteinander herumtollten. „Spielt nicht mehr so lange, es wird bald dunkel!“, rief die Mutter. Esther entfernte sich von den anderen, wie jeden Abend wollte sie noch etwas Beeren essen. Denn, obwohl es in ihrer Natur lag und sie das Verlangen nach Fleisch hatte, mochte sie es überhaupt nicht, andere Tiere zu essen oder gar zu töten. Die anderen konnten das zwar nicht verstehen, aber hatten akzeptiert, dass sie sich neben sehr wenig Fleisch von Beeren ernährte. So lief Esther los in den Wald, auf der Suche nach einem Beerenstrauch. Doch heute war es wie verhext, es wollte sich einfach keiner finden lassen. Sie rannte immer weiter in den Wald hinein, ganz verzweifelt und hungrig, denn sie hatte heute nur ein paar übriggebliebene Beeren vom Vortag gegessen. Dann stieg ihr ein Geruch in die Nase – Fleisch, aber nicht von einem Tier. Es roch komisch, nicht tot, aber auch nicht lebendig. Sie hörte Menschenstimmen und Hundegebell. Doch der Geruch war so verlockend, sie spürte wie sich vermehrt Speichel im Mund bildete. Sie schlich an den Zaun, der das zu Hause der Zweibeiner umrandete. Dann sah sie die Schale, gefüllt mit Fleischstücken, die aber nicht von einem Tier zu stammen schienen, zumindest hatte sie solches Tierfleisch noch nicht gesehen. Der Hund schien mit den Menschen im Haus zu sein. Angestachelt vom Hunger und dem Geruch sprang Esther über den nicht allzu hohen Zaun. Es schmeckte sonderbar, aber konnte ihre erwachte Gier nach Fleisch befriedigen. Es war schon etwas dunkel geworden, als sie wieder zu Hause ankam. In den nächsten Tagen führte sie ihr Weg immer wieder zu dem Menschenhaus. Esther hatte einen Weg gefunden, ihren Hunger und das Verlangen nach Fleisch zu stillen ohne töten zu müssen. Sie war glücklich über diese Lösung, denn Beeren sättigten sie einfach nicht zufriedenstellend. Eines Tages schienen die Menschen schon auf sie gewartet zu haben, denn als sie sich über das Futter hermachte, kamen diese auf einmal mit brennenden Stöcken aus dem Haus auf Esther zu gerannt, diese sprintete blitzschnell los. Doch durch den Schock war sie nicht ganz konzentriert, blieb mit ihrer Pfote am Zaun hängen und verletzte sich. Die Pfote schmerzte, doch sie musste weiter, denn die Menschen kamen hinterher, jagten sie in den Wald. Zu allem Unglück verfing sich Esther mit ihrer verletzten Pfote in einem Gestrüpp, sie stürzte, doch benommen rappelte sie sich wieder auf. Die Menschen waren schon ganz nah. Sie konnte ihre Pfote nicht mehr belasten, also drehte sie sich zu den Menschen, fauchte und brüllte, in der Hoffnung sie verjagen zu können. Doch diese warfen ihre brennenden Stöcke nach ihr. Um nicht getroffen zu werden humpelte sie ein ganzes Stück weiter, mit letzter Kraft kletterte sie auf einen Baum, wo sie erschöpft einschlief. Als sie wieder aufwachte ging es ihr schon besser, ihre Pfote pochte nicht mehr ganz so schlimm. Es war Tag geworden. Sie kletterte hinunter und schaute sich um. Wo war sie? Dann fing sie langsam an in die Richtung zu laufen, in der sie ihr zu Hause vermutete. Doch nach einiger Zeit veränderte sich der Wald, kein grün war mehr zu sehen – Es hatte gebrannt, die Bäume waren abgeknickt und der Boden schwarz und voller Asche. Genauso sah die Höhle aus – ihr zu Hause – schwarz und abgebrannt… Esther sah sich um, überall war Zerstörung zu sehen und es roch verbrannt, ein stechender benebelnder Geruch drang in ihre feine Nase. Am Horizont, sah sie Flammen und Rauschschwaden in den Himmel emporsteigen. Der Wind hatte scheinbar das Feuer der Fackeln von ihr weg in die Richtung ihres zu Hauses getrieben. Sie spürte Verzweiflung und Wut aufkommen, was hatte sie nur getan? Sie rief nach ihrer Familie, wie wild rannte sie herum, auf der Suche nach einem lebendigen Wesen, doch alles war still – totenstill. Nur ihr Atem war zu hören. Sie war dafür verantwortlich, wieso hatte sie auch immer wieder dorthin gemusst, wieso konnte sie denn dieses Verlangen nach Fleisch nicht abstellen? Panik und Angst machten sich in ihr breit. Sie fing an zu laufen, flüchtete vor dem Anblick, vor der Zerstörung. Sie rannte, rannte und rannte.
Schweißgebadet, trotz der kalten Umgebung, wachte Esther auf, ihr Brustkorb hob und senkte sich im schnellen Takt ihres Atems. Langsam kroch sie unter dem Hagebuttenstrauch hervor und lief los. Der Wind ließ sie frösteln, doch sie schenkte der Kälte keine Beachtung. Sie rannte weiter, immer weiter, versuchte vor den Gedanken wegzurennen, doch diese hatten sich festgebrannt, ließen nicht los. „Ich bin schuld, ich habe versagt, was habe ich nur getan, was soll ich jetzt machen? …“ Gewissensbisse, Vorwürfe und Ratlosigkeit nagten an ihr. Sie lief immer weiter, blieb nicht stehen bis sie nicht mehr konnte. Sie ging etwas langsamer, aber weiter immer weiter. Auf einmal hörte sie Stimmen, viele verschiedene Stimmen, sie pirschte auf sie zu. Bei einer großen Birken standen Tiere versammelt, es waren hauptsächlich Rehe und Hirsche. Sie bildeten einen Kreis um etwas das dort auf dem Boden zu liegen schien. Esther schlich sich näher ran, die Neugier hatte sie gepackt. Einen Moment war sie unaufmerksam und trat auf einen Stock, dieser brach mit einem lauten Knacken entzwei. Das plötzliche Geräusch in der herrschenden Stille jagte die Rehe auf. Verschreckt liefen die meisten weg, die Angst war deutlich zu riechen. Esther spannte die Muskeln…

Esperanza wohnte dem Ganzen aufmerksam bei. Die meisten Rehe waren in Panik davon gerannt, denn einen Panther hatten sie noch nie gesehen, aber seine Zähne und Erscheinung sahen gefährlich aus. Nun war der Blick auf ein kleines braunes Häufchen, das auf dem Boden lag, frei. Es war ein kleines Reh. Der Panther blieb angespannt, aber ruhig stehen und betrachtete es mit Abstand. Es schien gleich zu sterben, es hatte sich ein Bein gebrochen und war schon so ermattet, das ihm selbst das Atmen schwer fiel. Die verbliebenen 2 Rehe und 2 Hirsche drehten sich ängstlich, aber entschlossen zu der Pantherdame um. Doch die wollte anscheinend nichts Böses und als Zeichen, dass sie nicht angreifen würde, legte sie sich auf den Boden. Die Rehe verstanden und widmeten sich wieder dem Rehkind. Traurigkeit, aber auch eine unerklärliche Freude und Erleichterung lagen in der Luft als das junge Reh ein letztes Mal ausatmete.

Die Mutter stupste es zum Abschied ein letztes Mal mit der Schnauze an, betrübt, aber auch froh darüber, dass ihr Kind nun frei von Qualen war. Dann wendete sie den Kopf und sah zu Esther, die ihr direkt in die Augen sah. Es war ein vielsagender Blick, ein verstehender und anteilnehmender Blick. Esther konnte den Schmerz des Verlustes und Traurigkeit in den Augen sehen. Genau solche Gefühle trug sie auch in sich. Traurigkeit darüber, dass ihr etwas verloren gegangen war, Schmerz darüber, dass etwas, was sie liebte, nicht mehr da war, Verzweiflung darüber, dass sie nun eine leere Stelle im Herzen trug, Wut darüber nichts ändern zu können und Unsicherheit, denn etwas, das immer da gewesen war, war einfach weg, der Halt war weggebrochen. All diese Gefühle stürmten auf Esther in den Sekunden des Blickes ein, Gefühle, vor denen sie weggerannt war, die sie unterdrückt hatte. Wie ein schwerer Nebel legte sich die Traurigkeit über ihr Herz. Hilflosigkeit breitete sich in ihr aus, sie wollte wegrennen, doch sie konnte nicht, der Blick der Rehmutter fesselte sie, spiegelte ihre eigenen Gefühle wieder.

Esperanza und Fides verfolgten erstaunt und gespannt, wie die Rehmutter furchtlos zu der schwarzen Raubkatze ging und ihr über den Kopf leckte. Sie verstanden nicht ganz was vor sich ging. Die Jaguardame richtete sich auf und drückte sich sanft gegen das Reh. Beide schienen sich Trost zu spenden. Es war ein Bild, welches einfach berührte, ein kurioses Bild, aber doch nachvollziehbar. Eine ganze Weile standen die beiden nun schon so da. Die anderen Tiere beobachteten das Ganze mit ehrfürchtigem Abstand.

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Es fing an zu schneien. Den ganzen Tag hatte es nicht geschneit. Sanft und leicht schwebten die Schneeflocken auf die beiden Tiere und den Boden. Weiß und rein umrahmten die weißen Tupfen das Bild, wie ein Bilderrahmen. Es war kein wilder Schneesturm, es war ein anmutiger Tanz, eine Liebkosung des Himmels, die der Traurigkeit etwas den Schmerz zu nehmen schien. Die Sonne fing an unterzugehen. Der Himmel färbte sich in ein leuchtendes rot-orange und in all der wiederspiegelnden Wut schwang auch Wärme mit. Kopf an Kopf, Seite an Seite, dunkelbraunes an tiefschwarzes Fell, Reh und Panther standen da – ruhig – umspielt von tanzenden Schneeflocken, getaucht in die leuchtend warmen Gelb- und Rottöne der untergehenden Sonne. Beide gaben sich Halt, Schutz und beruhigenden Trost. Dann fing der Schnee an zu glitzern, wie Diamanten funkelnden die Schneeflocken in dem letzten Licht der Sonnenstrahlen. Die beiden Tiere lösten sich aus der Starre, schauten sich um und es schien als würden sie lächeln.

Mit ihrem Werk vollends zufrieden lehnte sich Esperanza zurück, gleich würde sie mit den anderen Sternen am dunklem Nachthimmel strahlen. Auch Fides war mehr als glücklich, die liebevolle Verbundenheit der beiden Tiere hatte scheinbar die Verzweiflung des Schmerzes abgeschwächt.

Esther bewegte sich wieder. Wie lange hatte sie so ruhig gestanden? Wann war sie das letzte Mal zu zur Ruhe gekommen und hatte sich in Sicherheit gefühlt? Die Nacht und mit ihr die Dunkelheit war hereingebrochen. Sie war wieder alleine, die Rehe waren gegangen, doch die Begegnung hatte etwas in ihr verändert. Noch immer sah sie vor ihrem inneren Auge, das traumhafte funkelnde Schauspiel, welches die Schneeflocken veranstaltet hatten. Überall hatte es geglitzert, einfach nur wunderschön, prachtvoll und fantastisch. Es hatte eine Unbeschwertheit und Fröhlichkeit in ihr nach der schweren Traurigkeit hervorgerufen. Ja sie hatte Hoffnung gespürt, Hoffnung, dass es irgendwann leichter wird, Hoffnung irgendwann wieder ein zu Hause zu haben, zur Ruhe zu kommen und Halt zu finden. Die letzten leuchtenden Sonnenstrahlen waren ihr wie ein Versprechen vorgekommen, ein Versprechen auch morgen wieder zu scheinen und sie zu begleiten. Esther vertraute auf einmal darauf, dass sie auch morgen einen Weg finden würde, egal wohin er führte, auch wenn er schwer werden würde, so würde er doch in Zukunft irgendwann mal einfacher werden. Zufrieden und hoffnungsvoll legte sie sich in einer erspähten Höhle schlafen.

Esperanza freute sich die aufkeimende Hoffnung bei der Pantherdame zu spüren. Doch sie wusste auch, dass diese nicht immer anhalten würde, sondern, dass diese immer wieder neu entdeckt werden muss. Fides und Esperanza unterhielten sich in dieser Nacht noch lange über das einzigartige Geschehen, welchem sie beigewohnt hatten. Sie waren gespannt wohin der Weg Esther morgen führen würde und philosophierten darüber, wie lange Esther wohl noch ihre Aufgabe, ihre Bestimmung, ihren Platz suchen würde. Fest stand für beide: Der Panther war auf dem Weg, aber der würde so schnell nicht enden und noch viele Abenteuer bereithalten.

… Fortsetzung folgt …

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