Normal

Normal… Was ist das normal? Wie geht das, normal essen, normal leben? Raus aus der Klinik, rein in das normale Leben. Doch wie sieht das aus? Ist es normal mit der Essstörung zu leben oder ohne? Ist es normal kotzen zu gehen oder normal den Druck auszuhalten? Bedeutet normal nicht standardmäßig, geregelt? Leitet sich normal nicht von Norm ab? Normal ist üblich, gewöhnlich, durchschnittlich, unauffällig… alltäglich – das was jeden Tag geschieht. Ist normal das, was alle Anderen machen? War das jetzt eine normale Portion Nudeln oder viel zu groß? Ist es normal noch ein Stück Schokolade zu essen? Wenn etwas als normal deklariert ist, ist es erlaubt. Isst du ein Stück Kuchen, darf ich auch eins essen. Meine Schwester isst zwei Klöße? Dann darf ich das auch. Man vergleicht sich, sucht sich eine Erlaubnis zu essen und isst man mehr als andere, dann ist es falsch, dann war es zu viel… Für mich Alltag. Inzwischen habe ich schon etwas gelernt auf mein eigenes Gefühl zu vertrauen, doch am Anfang der Therapie, als das geregelte Essen anfing – die ständige Suche nach Bestätigung, nach Normalität, nach der normalen richtigen Größe. Auch heute Frage ich mich ständig, war es jetzt zu viel oder zu wenig? Normal oder unnormal? Bin ich normal? Bin ich jetzt so wie alle Anderen? Aber kann man „alle Anderen“, kann man alle Menschen über einen Kamm scheren? Nein! Jeder Mensch ist einzigartig und besonders, alles andere als normal. Trotzdem wird erwartet, dass er in ein „normales“ Schema passt. Normalgewicht, normale Blutwerte, normales Essverhalten… Normen die ein Mensch erfüllen muss. Dabei kommt es doch aber eigentlich nur auf einen selbst an. Es geht immer nur um eine Person, die das erfüllen muss, um das ICH. Was ist für mich der Standard, was ist für mich alltäglich? Zur Zeit nicht viel, außer das ständige Verlangen, das ständige ankämpfen gegen die Essstörung… Das Verlangen akzeptieren, die Gedanken wahrnehmen, aber nicht ausführen, war schon fast alltäglich geworden und doch hat es heute irgendwie neu begonnen. Vorgestern und gestern habe ich gekotzt, doch heute war ich stark genug, habe dem Verlangen widerstanden, ich habe es geschafft, wieder Tag 1 kotzfrei. Während es vorgestern noch normal war kotzen zu gehen, war es heute normal es nicht zu tun. Bin ich jetzt wieder normal? Fragen und Zweifel, wieso will ich immer eine Antwort? Weil es normal ist? Weil ich immer alles richtig machen will? Ist es nicht richtig nicht zu kotzen?

Krank, verrückt, gesund … Was bin ich und was will ich werden? Bin ich krank? Ich war doch in der Klinik. Mein Ziel ist es doch gesund zu werden, wieder normal zu essen und zu leben. Normal heißt dann also gesund? Gesund heißt keine Beschwerden und Probleme zu haben, dass alles super läuft. Gesund ist ein Idealzustand. Ein Idealzustand, der nie erreicht werden kann. Gesund ist unrealistisch, denn es gibt immer Probleme, ob jetzt körperlich oder nicht, und wenn die verschwunden sind kommen die Nächsten. So ist das Leben, das normale Leben besteht aus Auf und Abs, so gehören auch Rückfälle dazu, aber auch das danach Aufstehen und Weiterkämpfen. Wie ein wiedererwecktes Monster kommt die Essstörung mit jedem Rückfall fordernder zurück, das Kotzen wird normal und routiniert, die Fressanfälle laufen wie in Trance ab, dem Verlangen nachzugeben ist dann der Standard. Doch das soll nicht zu meinem Leben, ob jetzt normal oder nicht, dazugehören, die Essstörung soll nicht gewöhnlich sein. Ich denke das Streben nach der unrealistischen „Gesundheit“, nach einem richtigen Körperideal, nach einem problemlosen Leben macht krank. Die Gedanken daran es nicht zu erreichen lassen nicht los, machen verrückt. Immer alles bestmöglich und perfekt machen, immer alles recht machen, richtig handeln, richtige Entscheidungen treffen, den Verantwortungen nachkommen… alles in allem: Immer alles unter Kontrolle haben. Doch das ist unmöglich, unnormal und ungesund und doch wird es erwartet oder? Wieso versuche ich immer alles zu definieren? Wieso versuchen immer alle ihr ICH zu definieren – genau zu bestimmen was das ICH ausmacht? Mein ICH muss perfekt sein, gut gelaunt, immer hilfsbereit, immer da, ein perfektes Vorbild, immer alles unter Kontrolle, immer alle Erwartungen erfüllen, immer stark … Und wenn ich mal schlecht gelaunt bin oder diesem Vorbild nicht entspreche, fremden und eigenen Anforderungen nicht zufriedenstellend standhalte? Dann bricht eine Welt zusammen, die heile Fassade, die ich mir dachte aufgebaut zu haben fällt zusammen. Das Gleichgewicht ist zerstört, das ICH aus der Balance. Keine Kontrolle mehr. Man versucht die Kontrolle wieder aufzubauen und so weiterzumachen wie immer. Ich setze eine Maske auf, die das ICH nach außen hin perfekt wirken lässt, vormacht, dass ich die Kontrolle habe, ziehe die Fassade wieder hoch, meist mit Kraft der Essstörung. Doch die Maske wird immer schwerer – belastender und kraftraubender – mit der Zeit. Es ist ein Streben, ein Hinterherrennen nach einem unerreichbaren Ziel, unerfüllbare Anforderungen an mich. Ist das nicht eigentlich unnormal und unreal, das ständige Nachjagen hinter Erwartungen und Wünschen. Real ist doch ein Leben zwischen krank und gesund, guten und schlechten Tagen, Anstrengung und Ruhe. Normal und unnormal gehören zum Alltag dazu. Das ist das Leben, ein ständiges Auf und Ab. Wichtig ist nur zu verstehen, dass nach einem Ab auch wieder ein Auf kommt und genau darauf zu hoffen, auch wenn es nicht so aussieht. Wenn es mal anscheinend unnormal und unkontrolliert läuft, ist das nicht schlimm, denn es kommen auch Phasen des völligen Stinknormal-Seins. Ich habe Hoffnung auf ein Leben zwischen und mit den Problemen, auf das alltägliche, verrückte Lebenschaos halt und ob es für andere nun normal ist oder nicht, das darf jeder selbst entscheiden, für mich ist mein Leben normal und da gehört die Essstörung zur Zeit nunmal dazu. Doch ich hoffe, dass sie es irgendwann nicht mehr tut, zumindest will ich gesund werden, was ich für mich jetzt erstmal darüber definiere meine Gesundheit nicht mehr durch selbstherbeigeführtes Erbrechen zu schädigen.

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